Resilienzmodelle im Vergleich

Resilienz ist umfangreiches Thema. Und so ist es auch kein Wunder, dass es verschiedene Modelle und Theorien zu der inneren Widerstandskraft gibt. Ein Resilienzmodell soll generell verdeutlichen, welche Faktoren zu einer starken Abwehrkraft gegen Stress und zu psychischer Gesundheit in Krisen beitragen. Doch es gibt kein einheitliches Modell. Aus diesem Grund sind hier für Sie die wichtigsten Resilienzmodelle im Vergleich aufgeführt.

Warum gibt es nicht DAS Resilienzmodell?

Wie kommt es, dass es nicht nur ein einziges, allgemein gültiges Resilienzmodell gibt? Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Zum einen liegt es daran, dass Resilienz kein vollkommen abgegrenztes Feld ist. Es gibt viele verwandte Themen, die auch bei der Bildung und Weiterentwicklung einer persönlichen Resilienz eine Rolle spielen. Das heißt, je nach dem welche Aspekte der inneren Widerstandskraft man in den Fokus rückt, sind es auch unterschiedliche Faktoren, auf denen die Resilienz aufbaut.

Zum anderen ist es gerade diese Subjektivität, die bei den Resilienzmodellen zum Tragen kommt. Die Resilienzforschung hat sich weiterentwickelt – Faktoren sind hinzugekommen oder weggefallen. Noch dazu stellt jeder Entwickler eines Resilienzmodells durch seine eigenen Erfahrungen andere Faktoren in den Mittelpunkt. Es gibt jedoch auch viele Überschneidungen und teilweise einfach nur andere Bezeichnungen. Keines der Resilienzmodelle fällt komplett aus der Reihe. Einen wichtigen Punkt darf man bei der Betrachtung der verschiedenen Modelle jedoch nicht außer Acht lassen:

„Resilienz ist eher ein Prozess als ein Endergebnis“ – Emmy Werner, US-amerikanische Psychologin, 1929-2017

Die Resilienzmodelle

Obwohl sich die einzelnen Resilienzmodelle im Vergleich unterscheiden, lassen sich alle Modelle in drei grundlegende Kategorien einteilen. Die einzelnen Faktoren sind unterscheidbar in interaktionale Fähigkeiten, kognitive Fähigkeiten und Aspekte emotionaler Stabilität.

Die sieben Säulen der Resilienz

Dr. Franziska Wiebel stellt in ihrem Resilienzmodell sieben Säulen der Resilienz vor. Mehr über dieses Modell lesen Sie in unserem ABC der Resilienz: Sieben Säulen der Resilienz. Die Säulen sind:

  • Bindung
  • Ziel-/ Lösungsorientierung
  • Akzeptanz
  • Gesunder Optimismus
  • Selbstwahrnehmung
  • Selbstreflexion
  • Selbstwirksamkeit

Die sieben Schlüssel der Resilienz

Prof. Dr. Jutta Heller bedient sich in ihrem Modell der Schlüsselmetaphorik, für besseren Umgang mit Stress und Krisen. Sie stellt das Modell in ihrem Buch „Resilienz: 7 Schlüssel für mehr innere Stärke“ aus dem Jahr 2013 vor. Ihre Schlüssel für individuelle Resilienz sind:

  • Akzeptanz
  • Optimismus
  • Selbstwirksamkeit
  • Eigenverantwortung
  • Netzwerkorientierung
  • Lösungsorientierung
  • Zukunftsorientierung

Der Resilienz Zirkel

Ella Gabriele Amann strukturiert ihr Resilienzmodell als Zirkel, in dem die „Kompetenzfelder“ miteinander wirken. Sie orientiert sich in dem Modell nach dem Bambus-Prinzip®. Zudem fasst sie jeweils zwei Aspekte innerhalb des Zirkels zu einem Faktor zusammen. Die Faktoren sind hier:

  • Optimismus und Selbsteinschätzung
  • Akzeptanz und Realitätsbezug
  • Lösungsorientierung und Kreativität
  • Selbstregulation und Selbstfürsorge
  • Selbstverantwortung und Selbstwirksamkeit
  • Beziehungen und Netzwerke
  • Zukunftsgestaltung und Visionsentwicklung
  • Improvisationsvermögen und Lernbereitschaft

Resilienzfaktoren bei Kindern

Emmy Werner gilt als Urgestein der Resilienz, denn mit ihrer Studie zu Resilienz bei Kindern (1977) startet die Geschichte der Resilienzforschung. Sie hat fünf grundlegende Faktoren aufgestellt, sodass ihr Modell die wenigsten Faktoren im Vergleich zu allen aufführt. Kinder seien ihrer Theorie nach durch diese Faktoren resilient:

  • Kommunikationsstärke
  • Verlässliches Umfeld
  • Problemlösefähigkeit
  • Planungsfähigkeit
  • Selbstvertrauen

Die sieben Resilienzfaktoren (bei Erwachsenen)

Die Forscher Karen Reivich, Andre Shatté („The Resilience Factor“, 2003) und auch Denis Mourlane („Resilienz. Die unentdeckte Fähigkeit der wirklich Erfolgreichen“, 2017) stellen dagegen die Resilienzfaktoren für Erwachsene auf. Resilienz wird bei Erwachsenen gestärkt durch:

  • Empathie
  • Zielorientierung
  • Kausalanalyse
  • Realistischer Optimismus
  • Emotionssteuerung
  • Selbstwirksamkeitsüberzeugung
  • Impulskontrolle

Schutzfaktoren der Resilienz

Das Resilienzmodell von Jürgen Bengel und Lisa Lyssenko („Resilienz und psychologische Schutzfaktoren im Erwachsenenalter“, 2012), im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, stellt die Schutzfaktoren für psychische Gesundheit vor. Das Modell hat im Vergleich mit die meisten Faktoren. Sie sind:

Die acht Zauberstäbe der Resilienz

Gabriela Koslowski mystifiziert mit ihrer Metapher der acht Zauberstäbe der Resilienz die innere Stärke. Sie stellt das Modell in ihrem Buch „Resilienz in der Pflege. Sie sind stärker als Sie glauben“ aus dem Jahr 2019 vor. Auch sie fasst verschiedene Faktoren zu einem „Zauberstab“ zusammen. Die Zauberstäbe sind:

  • Netzwerke
  • Zukunftsgestaltung
  • Lösungsorientierung und Kreativität
  • Improvisationsvermögen und Lernbereitschaft
  • Akzeptanz und Achtsamkeit
  • Optimismus
  • Selbstfürsorge
  • Selbstwert und Selbstwirksamkeit

Die Bambus-Strategie

Katharina Maehrlein setzt auf die Metapher einer Bambuspflanze und ordnet die einzelnen Faktoren den Teilen der Pflanze zu – Tiefe Wurzeln, biegsamer Stamm und immergrüne Blätter. In Ihrem Buch „Die Bambusstrategie. Den täglichen Druck mit Resilienz meistern“ von 2012 erläutert sie ihren Ansatz. Zusammen mit den Schutzfaktoren hat dieses Modell die meisten Einzelpunkte.

  • Akzeptanz
  • Verbundenheit
  • Positive innere Einstellung
  • Selbstbewusstsein
  • Einem Leitstern folgen
  • Selbstliebe
  • Selbstsicherheit
  • Spielräume und Lösungen
  • Vitalität
  • Souverän Durchsetzen
  • Arbeitsumfeld gestalten

Das FiRE-Modell

Das Executive FiRE-Modell der individuellen Resilienz ist die Kurzform für „Factors improving Resilience Effectiveness®“. Das Modell, als einziges speziell ausgerichtet auf Führungskräfte, stammt von dem Kollektiv Leadership Choices, das Karsten Drath in seinem Buch „Die resiliente Organisation“ (2018) näher ausführt. Resilienz wird hier durch acht verschiedene Faktoren beeinflusst, die aufeinander aufbauen, wie die inneren Sphären einer Flamme. Die Faktoren sind:

  • Persönlichkeit
  • Biografie
  • innere Haltung
  • Mentale Agilität
  • Energie Management
  • Geist-Körper-Achse
  • Authentische Beziehungen
  • Sinn

Das BRIAN Modell

Dieses Resilienzmodell von Uwe Rühl bezieht sich auf die organisationale Resilienz und zeigt auf, wodurch Unternehmen und Systeme sicher, stabil und gleichzeitig flexibel in Krisenzeiten werden. Aus diesem Grund ist fügt es sich mit einer Sonderrolle in diesen Vergleich ein. Das Akronym erinnert dabei an das Monthy Python Motto: Always look on the bright side of life aus „Das Leben des Brian“. Durch diese Analogie lässt sich das Modell ebenso gut einprägen wie durch bildliche Metaphern. Die BRIAN-Punkte sind:

  • Brutale Fakten
  • Ressourcen
  • Improvisation
  • Adaption
  • Normalisierung

Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Resilienzmodelle

Obwohl sich die Resilienzmodelle im Vergleich besonders durch die Anzahl der Faktoren und das Sinnbild dafür voneinander unterscheiden, gibt es auch grundlegend übereinstimmende Faktoren.

Jedes Modell führt als interaktionale Fähigkeiten menschliche Nähe und Zusammenhalt auf, auch wenn die Bezeichnungen dafür variieren. Als kognitive Fähigkeiten gehört für jeden resilienten Menschen eine Form der Zukunftsorientierung dazu, in vielen Modellen mit dem Fokus auf Lösungen. Und als Aspekte emotionaler Stabilität gehören für alle Modelle, außer bei Resilienz bei Kindern, ein gesunder Optimismus dazu. Darüber hinaus ist in jedem Modell Selbstwirksamkeit oder Selbstbewusstsein als maßgeblicher Aspekt integriert. Diese vier Stützpfeiler haben im Grunde genommen alle Resilienzmodelle miteinander gemein.

Die Metaphern für die Resilienzmodelle unterscheiden sich, da jedes Modell eine andere Qualität der Punkte hervorhebt. Das Sinnbild der „Säulen“ verdeutlicht so zum Beispiel, dass Resilienz die genannten Faktoren als grundlegendes Fundament braucht, die sie dauerhaft stützen. Das Bild der „Schlüssel“ verdeutlicht dagegen eher, dass die Faktoren den Zugang zur Resilienz ermöglichen und je mehr Schlüssel man besitzt, desto näher kommt man der Resilienz. Ein „Bambus“ soll die Flexibilität als Resilienz-Fähigkeit verdeutlichen. Und der „Zauberstab“ als Faktor gibt der inneren Stärke eine magische Note. So heben die Namen der Modelle auf unterschiedliche Weise die Eigenschaft der Faktoren hervor.

Die Resilienzmodelle im Überblick:

Die Säulen der Resilienz Schlüssel der
Resilienz
Resilienz Zirkel Faktoren bei
Kindern
Resilienz-Faktoren Erwachsene Schutzfaktoren
der Resilienz
Zauberstäbe
der Resilienz
Bambus strategie FiRE Modell 
Bindung Netzwerk-
orientierung
Beziehungen/

Netzwerke

Kommunikations-
stärke
Empathie Soziale
Unterstützung
Netzwerke Verbundenheit Authentische Beziehungen
Verlässliches
Umfeld
Sinn
Ziel-/ Lösungs-orientierung Zukunfts-
orientierung
Lösungsorientierung/ Kreativität Problemlöse-fähigkeit

 

Zielorientierung Kontroll-
überzeugungen
Zukunfts-
gestaltung
Spielräume
und Lösungen
Mentale Agilität
Lösungs-
orientierung
Improvisations-vermögen/ Lernbereitschaft Planungsfähigkeit Kausalanalyse Hardiness Lösungsorien-
tierung/ Kreativität
Arbeitsumfeld
gestalten
 
Eigenverantwortung Zukunftsgestaltung/ Visionsentwicklung Improvisations-
vermögen/
Lernbereitschaft
Akzeptanz Akzeptanz Akzeptanz/ Realitätsbezug Akzeptanz/
Achtsamkeit
Akzeptanz  
Gesunder Optimismus Optimismus Optimismus/ Selbsteinschätzung Realistischer Optimismus Optimismus Optimismus Positive innere
Einstellung
Innere Haltung
Selbstwahr-nehmung Selbstwirksamkeit Selbstregulation/ Selbstfürsorge Selbstvertrauen Emotions-steuerung Selbstwirksam-keitserwartung Selbstfürsorge Selbstliebe Biografie
Selbstreflektion Selbstverantwortung/ Selbstwirksamkeit Selbstwirksam-keitsüberzeugung Positive
Emotionen
Selbstwert/
Selbstwirksamkeit
Selbstbewusstsein Persönlichkeit
Selbstwirksam-keit Impulskontrolle Hoffnung Selbstsicherheit Energie Management
Selbstwertgefühl einem Leitstern folgen  
Kohärenzgefühl

 

Vitalität Geist-Körper-Achse
Coping souverän
Durchsetzen
 
Religiosität/ Spiritualität

Viele Modelle und alle haben eins gemeinsam – den Fokus auf Schutzfaktoren, um Menschen stärker zu machen und Krisen besser zu überstehen.


Sebastian Mauritz, M.A. Systemische Beratung, ist einer der führenden Resilienzexperten Deutschlands. Er ist 5-facher Fachbuchautor, Keynote-Speaker, Resilienz-Lehrtrainer, Systemischer Coach, Vorstand in vielen Coach- und Trainer-Verbänden und Unternehmer. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich individuelle Resilienz und Prosilienz®, resilienter Führung und Teamresilienz. Im Jahr 2020 hat er den ersten Resilienz-Online-Kongress initiiert und hat sich in diesem Rahmen mit über 50 anderen Resilienz-Expert*innen ausgetauscht (www.resilienz-kongress.de).

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