Die Geschichte der Resilienz

Resilienz ist die Fähigkeit flexibel mit Stress umzugehen und somit Probleme und Krisen unbeschadet zu überstehen. Dabei ist sie wohl so alt, wie die Menschheit selbst. Schließlich gab es auf der Welt schon immer Bedrohungen, auf die wir mit Stress reagiert haben (sogenannte Stressoren). Und schon immer gab es Menschen, die mit Stressoren besser umgehen konnten als andere.

Die wissenschaftliche Erforschung des Phänomens Resilienz ist dagegen noch recht jung. Allerdings erfährt das Konzept der Resilienz vor allem in der heutigen VUCA-Welt einen rasanten Aufschwung. Burn-out und weitere stressbedingte psychologische Erkrankungen nehmen immer weiter zu. Statt durch Angreifer sehen Menschen sich jetzt durch wachsenden Leistungsdruck, ständige Erreichbarkeit und Multitasking bedroht.   

Im Zentrum der Resilienzforschung steht die Frage: Wie kommt es, dass manche Menschen trotz widriger Umstände ein erfolgreiches und glückliches Leben führen? Wie kommt es, dass resiliente Menschen stark aus Krisen hervorgehen und nicht an ihnen zerbrechen? Um der Antwort auf diese Fragen näher zu kommen, hat die Resilienzforschungen einen weiten Weg zurückgelegt. Folgen Sie uns in diesem Artikel, auf eine kleine Zeitreise durch die Resilienzforschung.

Resilienz in den Kinderschuhen

Die Phrase „in den Kinderschuhen“ ist hier nicht nur zeitlich zu verstehen, sondern auch wörtlich. Denn die Resilienzforschung begann mit der Erforschung von Kindern, die es geschafft haben trotz schwieriger Bedingungen zu sozial kompetenten und gesunden Erwachsenen heranzuwachsen.

Die Gründerväter der Resilienz?

Der Begriff Resilienz wurde in den 1950ern von dem Psychologie-Professor Jacob „Jack“ Block eingeführt. Er fokussierte sich besonders auf Persönlichkeitsentwicklung, und stellte in seiner Langzeitstudie zum ersten Mal die Fähigkeit zur Resilienz bei Kleinkindern fest.

1961 folgte die „Kompetenz-Studie“ des Psychologen Norman Garmenzy, der insbesondere für seine Arbeit über Entwicklungsstörungen bekannt ist. Er gründete das „Institute of Child Development“ und befasste sich dabei mit den Auswirkungen von Stress auf die Entwicklung von Kindern. Hierbei stellte er die Bedeutung der Resilienz heraus.

Ein Jahr später stellte der Soziologe und Psychologe Glen Elder seinen Ansatz zu Erziehungsstilen vor und führte die Resilienz damit auch in die Pädagogik ein. In seinem wichtigsten Werk aus dem Jahr 1974 „Children of the Great Depression“ führt er aus, dass resiliente Kinder sich nicht als passiv begriffen, sondern als kompetente Akteure ihres eigenen Lebens. Das warf eine wichtige neue Perspektive auf Resilienz bei Kindern.

Emmy Werner und der Durchbruch der Resilienz

Resilienz bei Kindern war in der Psychologie also nicht fremd. Doch der richtige Durchbruch des Begriffs erfolgte erst 1971, als Emmy Werner und ihre Kollegin Ruth Smith ihre Langzeitstudie über die Kinder der Insel Kauai vorlegten. Obwohl es nicht die erste Studie zum Thema Widerstandskraft bei Kindern war, gilt sie bis heute als Pionierarbeit der Resilienzforschung. Die Forscherinnen begleiteten 40 Jahre lang über 600 Kinder und stellten dabei die Faktoren heraus, die den Kindern dazu verhalfen, ein erfolgreiches Leben trotz Armut, drogensüchtiger Eltern oder geringer Bildung aufzubauen. Zudem zog Werner den Schluss, dass Resilienz erlernbar und nicht angeboren ist.

1977 erschien das Buch „The Children of Kauai“ und verhalf der Resilienz zu einem regelrechten Aufschwung in der Forschung.

Deutsche Forschungsansätze

Auch in Deutschland war die Resilienzforschung lange Zeit eine Forschung über Kinder und Jugendliche. So wurde 1986 die Mannheimer Risiko-Kinderstudie und in den 90ern die Bielefelder Invulnerabilitätsstudie bzw. die Bielefeld-Erlangen-Studie zu Resilienz veröffentlicht. Hierbei wurden vor allem jugendliche Risikogruppen erforscht.

Zudem gründete der Entwicklungspsychologe Klaus Fröhlich-Gildhoff im Jahr 2004 das Zentrum für Kinder- und Jugendforschung an der Evangelischen Hochschule Freiburg. Der Schwerpunkt bei den Forschungsansätzen hier liegt insbesondere bei der Entwicklung und Durchführung von Resilienzförderprogrammen.

Resilienz im Alltag

Wie Emmy Werner in ihrer Studie herausstellte, lässt sich Resilienz erlernen, und das nicht nur im Kindesalter. Die innere Widerstandskraft gegen Stress und Krisen lässt sich ein Leben lang stärken und trainieren. Die Forschungsansätze entwickelten sich also weg von der Kindesforschung, hin zu Konzepten der Resilienz auch im Erwachsenenalter.

Salutogenese und die Entstehung von Gesundheit

In den 80er Jahren entwickelte der israelische Soziologe Aaaron Antonovsky einen Ansatz, der großen Einfluss auf das Verständnis von Resilienz nahm. Er ging der Frage nach, wie Gesundheit entstehe. Er begründete die „Salutogenese“, als Gegenbild zur Pathogenese. Dabei stellte er bei seinen Forschungen in den Vordergrund, was Menschen gesund macht – statt der gängigen Sichtweise nach den Ursachen für Krankheit zu fragen.

Er nannte als wichtigsten Faktor für die Entstehung von Gesundheit das Kohärenzgefühl („Sense of Coherence“). Es ist das Gleichgewicht zwischen den Voraussetzungen der Verstehbarkeit, der Sinnhaftigkeit und der Machbarkeit. Empfinden Menschen diese drei Faktoren bei ihren Tätigkeiten, entstehen Wohlbefinden, Zufriedenheit und eine größere Gesundheit.

Das Verständnis, Gesundheit aktiv herzustellen, ist ein zugrundeliegendes Konzept der Resilienz. Zudem stellte Antonovsky 1987 in seinem Werk „Unraveling the mystery of health. How people manage stress and stay well“ zehn Schlüsselfaktoren für innere Widerstandskraft auf. Heute sind sie in der Forschung als Schutzfaktoren gegen psychische Belastungen bekannt.

Interdisziplinäre Forschung

Reisen wir schließlich ein Stück näher Richtung Gegenwart, ins Jahr 2014. In diesem Jahr wurde das Deutsche Resilienz Zentrum (DRZ) der Johannes Gutenberg-Universität Mainz gegründet. In diesem wissenschaftlichen Forschungsinstitut vereinen sich neurowissenschaftliche, medizinische, psychologische und sozialwissenschaftliche Ansätze zur Erforschung der Resilienz. Sie ist also nicht länger ein Phänomen der Psychologie, sondern eine Fähigkeit, die aus unterschiedlichen Forschungsperspektiven betrachtet werden kann und sollte.

Der Fokus hierbei liegt auf dem Verstehen der Resilienzmechanismen, um Lebens- und Arbeitsumfelder resilient zu gestalten. Es zeigt sich, dass die innere Widerstandskraft nicht nur im Kindesalter gefördert wird, sondern in allen Bereichen des Alltags eine Rolle spielt.

Organisationale Resilienz

Eine weitere Form der Resilienz ist jene, die statt für einzelne Individuen für ganze Organisationen gilt. Gerade in der heutigen, schnelllebigen Gesellschaft nimmt Gesundheit einen immer größer werdenden Raum in der Unternehmenskultur ein. Denn nur gesunde Mitarbeitende sorgen für Effizienz und ein stabiles Unternehmen.

Organisationale Resilienz und psychische Belastungen am Arbeitsplatz sind hingegen von der Psychologie noch wenig erforscht. Allerdings legte 2017 die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin mit dem Abschlussbericht des Projekts „Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt – Wissenschaftliche Standortbestimmung“ ein Werk vor, das die Forschung zum Thema Resilienz im Arbeitskontext und organisationale Resilienz genauer erläutert. Fest steht jedoch, dass in dem Bereich noch Forschungsdefizite bestehen.

Resilienz – eine Zeitreise

Fassen wir also noch einmal zusammen: Die Resilienz begann ihre „Erfolgsgeschichte“ in gewisser Hinsicht mit der Erforschung von Faktoren, die Kinder trotz widriger Lebensumstände zu erfolgreichen Erwachsenen machen. Emmy Werner gilt als Pionieren, obwohl sie nicht die Erste war, die sich diesem Thema in Langzeitstudien widmete.

Resilienz ist allerdings keine Fähigkeit, die sich nur im Kindes- oder Jugendalter entwickelt. Sie lässt sich in jedem Alter weiter ausbauen und trainieren. Wichtiger Wegweiser dieser Erkenntnis war Aaron Antonovsky mit der Gründung der Salutogenese. Die Resilienz und die Salutogenese beschäftigen sich beide mit der Frage, wie erhalten Menschen aktiv ihre psychische Gesundheit aufrecht. Auch nach heutigem Forschungsstand gelten die Risiko- und Schutzfaktoren als wesentlicher Bestandteil für die innere Widerstandskraft gegen Stress und Krisen.

Heute findet die Resilienz Anwendung in vielen Bereichen, so auch in der Arbeitswelt. Sie ist Teil des Betrieblichen Gesundheitsmanagement geworden und krempelt als Konzept der organisationalen Resilienz ganze Unternehmens-Strukturen um. Allerdings ist die Forschung hier noch nicht am Ende angelangt.

Resilienz ist kein ungelöstes Rätsel der Psyche mehr. Doch die Forschung wird weiterhin nach Wegen suchen, Resilienz in die Lebenswelt der Menschen zu integrieren, um sowohl das Privatleben als auch das Berufsleben resilienter, stressfreier und gesünder zu gestalten.

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