Prosilienz® – Das Lernen aus zukünftigen Krisen

Prosilienz® beschreibt proaktive Resilienz. Mit anderen Worten ist es die Fähigkeit, nicht erst während und nach Krisen psychisch gesund zu bleiben, sondern auch schon vor der Krise die innere Abwehrkraft im Umgang mit Stress, Problemen und Krisen zu stärken. Lesen Sie hier, was Prosilienz® von Resilienz unterscheidet und wie Menschen und Organisationen ihre Prosilienz® spielerisch steigern können.

Warum ist Prosilienz® für Individuen und Organisationen wichtig?

Wir leben in einer sehr fordernden Welt. Die Berufswelt wandelt sich durch Digitalisierung und Globalisierung in rasantem Tempo, Arbeitsabläufe werden komplexer und gleichzeitig steigt der Wunsch nach selbstbestimmtem Arbeiten und Ausgeglichenheit zwischen Arbeits- und Privatleben. Stress gehört dabei quasi schon als fester Bestandteil zum Alltagsgeschäft.
Bei all den Anforderungen kommt die Regeneration oftmals zu kurz. Das heißt Stress staut sich über einen langen Zeitraum auf – und das führt letztendlich zur Krankheit. Burn-out ist nur eine der Folgen, die Stress auf das menschliche System haben kann, wenn er nicht reguliert wird.

Krisen können Individuen wie auch ganze Organisationen völlig unvorbereitet treffen. Und durch das vorhandene Grundlevel an Stress wirkt die Krise gleich noch bedrohlicher. Überraschende Krisen stürzen Menschen und Unternehmen in die Handlungsunfähigkeit, sodass die Krise nur sehr langsam bewältigt wird. Prosilienz® als Form der proaktiven Resilienz hilft auf der einen Seite schneller durch die Krise zu kommen und nach der Krise in einen verbesserten Status Quo zu gelangen. Aber auf der anderen Seite ist Prosilienz® auch die Kraft, sich nicht erst von der Krise überwältigen zu lassen, Überraschung abzumildern und so direkt handlungsfähig zu sein.

Individuen und Organisationen brauchen diese innere Kompetenz, weil die Herausforderungen des Alltags damit nicht nur leichter zu überwinden sind, sondern auch antizipiert werden. Seien das Phänomene wie schwarze Schwäne oder auch der Umgang mit schwarzen Elefanten – heute die Ressourcen für morgen aufbauen, das bedeutet Prosilienz®.

Was ist Prosilienz®?

Prosilienz® ist ein neues und von Sebastian Mauritz entwickeltes Konzept proaktiver Resilienz. Anstatt reaktiv auf Stress und Krisen zu reagieren, können Menschen und Organisationen mit einer hohen Prosilienz® schon vor der Krise agieren und Stress, bzw. Emotionen effektiv regulieren. Es ist die mentale Fähigkeit aus der Zukunft zu lernen, um in der Gegenwart kreativ, lösungsorientiert und selbstwirksam mit Problemen umzugehen.

Prosilienz® Definition und Unterscheidung zur Resilienz

„Prosilienz beschreibt die proaktive Resilienz, die Menschen schon vor einer Krise in die Lage versetzt, kraftvoll und flexibel auf diese zu reagieren“ – Immun gegen Probleme, Stress und Krisen, Sebastian Mauritz (2019)

Prosilienz® umfasst das Lernen aus der Zukunft – genauer gesagt, aus zukünftigen Krisen. Menschen lernen in Krisenzeiten, wie sie Hindernisse überwinden und innere Stärke nutzen können. Voraussetzung für diese Selbstwirksamkeitserfahrung ist allerdings das Durchleben einer Krise. Resilienz, bzw. das Wachsen aus Krisen, kann sich also besonders dann entfalten, wenn wir in einer schwierigen Situation waren und daraus Bewältigungsstrategien (Coping) gelernt haben.

Prosilienz® nimmt die Krise vorweg, sodass Menschen und Organisationen sich keiner realen, sondern einer imaginierten Bedrohung stellen. Das Lernen aus der Zukunft, um Prosilienz® zu stärken, gefährdet niemanden und produziert dabei ähnliche Lerneffekte. So sind Organisationen und Individuen gestärkt durch eine gespielte Krise und können in realen Situationen resilienter handeln.

Der grundlegende Unterschied zur Resilienz ist also, dass Prosilienz® proaktiv gestärkt werden kann und keine reale Bedrohung, Krise oder sonstige kritische Ereignisse zur Entfaltung braucht. Das Wachstum, was man sonst nur als posttraumatisches Wachstum kennt, kann so begünstigt werden.

Elemente der Prosilienz®

Zum Lernen aus zukünftigen Krisen gehören drei grundlegende Elemente, die Prosilienz® ausmachen:

  • Zukunft
  • Krise
  • Innere Haltungen

1. Element: Zukunft

Wenn wir uns eine Zukunft konstruieren, was wichtig ist für eine imaginierte Krisensituation, tun wir so „als-ob“. Die Zukunft ist ebenso konstruiert, wie die Vergangenheit. Tatsächlich kennt das Gehirn nur das Hier und jetzt – und die Vergangenheit konstruieren wir aus dem momentanen Zustand heraus. Bei einer Zukunftsvorstellung handelt es sich um Hochrechnungen aus der Vergangenheit, sie basiert auf Erfahrungswissen. Gerade deswegen ist ein guter Zustand für das Konstruieren einer Zukunft elementar (siehe unten).

Um eine zukünftige Krise zu erzeugen, sind zwei Grundannahmen wichtig.

Erstens brauchen Sie als Einzelperson oder Sie im Unternehmen die Annahme, dass es eine Krise geben wird. Wer glaubt krisensicher zu sein, wird sich schwer tun sich zukünftige Krisen vorzustellen. Umso größer ist dabei dann auch die Überraschung und die mit dieser Emotion verstärkten Emotionen, wenn es doch zur Krise kommt. Überraschung ist eine Übergangsemotion und verstärkt die folgenden Emotionen (Angst, Ärger oder Freude) um das Drei- bis Fünffache.

Zweitens brauchen Sie die Annahme, dass Krisen durch- und auch überlebt werden können. Eine Krise zu „spielen“ bringt keine Erkenntnisse, wenn die Vorannahme fehlt, dass Sie daraus etwas lernen. Der Schutzfaktor Hoffnung nimmt hierbei eine zentrale Rolle ein.

2. Element: Krise

Es geht hierbei darum, hypothetische Probleme zu erzeugen und mit diesen dann Krisen zu „bauen“. Das Wichtigste für ein effektives Lernen aus zukünftigen Krisen ist das Erzeugen einer unerwarteten und überraschenden Situation – ähnlich schwarzen Schwänen oder auch schwarzen Elefanten. Wenn wir uns ein Szenario erdenken, das bereits bekannt ist, nutzen wir automatisch unser Erfahrungswissen und lernen nichts Neues. Reale Krisen halten sich in den seltensten Fällen an das, was uns bereits bekannt ist, weshalb es wichtig ist, dass wir unerwartete und auch unwahrscheinliche Szenarien durchspielen.

Der Zukunftsforscher Pero Micic schlägt folgende Fragen vor, um das Gehirn zum Denken über Unerwartetes zu zwingen:

– Was nehmen wir in Bezug auf das eigene Überleben oder das Überleben der Organisation als sicher und unveränderbar wahr? Was wäre, wenn das Gegenteil davon Wirklichkeit werden würde?
– Was müsste passieren, damit die Strategie für die Zukunft grundlegend erschüttert werden würde?
– Was müsste passieren, damit von heute auf morgen ein normales Funktionieren nicht mehr möglich wäre?
– Was wäre das Unwahrscheinlichste, das passieren kann?

Eine weitere Möglichkeit ist es, die Krise von jemand anderem entwerfen zu lassen, sprich von einer anderen Person oder einem anderen Team. Das Entwerfen einer solchen Krise hat den Zweck, Sie in einer Krisensituation mit Ihren Reaktionen und Ihrem Denken in Verbindung zu bringen. Während einer echten Krise haben wir kaum die Kapazität dafür, uns selbst zu reflektieren. Das Spielen einer Krise gibt dagegen die Chance dazu und erhöht so den Lerneffekt.

3. Element: Innere Haltungen

Es gibt bestimmte innere Haltungen und Einstellungen gegenüber der imaginierten Krise, die das Lernen daraus vereinfachen und Prosilienz® stärken. Dazu gehören:

Vertrauen: Einerseits in die eigenen Fähigkeiten zur Bewältigung der Situation und andererseits in das eigene soziale Netzwerk und das Team.

Gelassenheit: ein gelassener Umgang mit dem Krisenszenario enthält auch das Aushalten von Widersprüchen und Ambivalenzen.

Neugierde und Forscherdrang: Das schafft Offenheit für Lösungsansätze und verschiedene Perspektiven und erhöht die Motivation sich dem Problem zu stellen.

Reflexion: Die eigenen Emotionen zu reflektieren hilft genau so, wie die Wertschätzung aller Beiträge zum Krisenerleben, damit aus der Krise gelernt werden kann.

Humor: Krisen sind ein ernstes Thema, umso wichtiger ist eine Portion Humor, um den Schutzfaktor positive Emotionen zu stärken und das Krisenerleben verarbeitbar zu machen.

Prosilienz® stärken – Krisen spielen

Wie stärkt man nun seine eigene Prosilienz® oder die einer ganzen Organisation? Die Antwort: Spielend. Denn Krisen sind weder angenehm, noch möchte man so viele wie möglich erleben. Aus diesem Grund ist ein spielerischer Zugang optimal für die Stärkung der eigenen Prosilienz®. So kann mit verschiedenen Aspekten der Bewältigung experimentiert werden.

Die spielerische Haltung bringt allerdings nicht nur den Vorteil der Leichtigkeit und der positiven Emotionen in schwierigen Situationen. Spiel erhöht auch die Neugier und die vielfältigen Möglichkeiten. Es geht bei dem Spielen einer Krise nicht um „richtig“ oder „falsch“. Es geht darum, seine eigenen Reaktionen kennen zu lernen, zu reflektieren und für die Zukunft Strategien zu entwickeln mit Stress umzugehen. Das macht auch die Bewältigung realer Krisen im echten Leben einfacher.

Ein letzter Vorteil vom Krisen spielen ist das Durchleben einer kritischen Situation in geschütztem Raum. Da keine reale Bedrohung vorhanden ist, können neue Lösungswege erdacht werden ohne die Furcht vor Konsequenzen. Das soll nicht heißen, die simulierte Krise sei nicht ernst zu nehmen. Das so tun „als-ob“ beim Spielen setzt schon einen ernsthaften Umgang mit der Situation voraus, der jedoch nicht den spielerischen Aspekt überwiegen soll.

Wie Sie eine Krise durchspielen können lesen Sie hier: Das KrisenLabor – Krisen spielen

Wofür ist Prosilienz® im Alltag nützlich?

Zweck der Prosilienz® ist es, sich die unbewussten Muster im Denken, Fühlen und Handeln bewusst zu machen, also die Verstehbarkeit der eigenen Reaktionen bei Stress zu stärken. Das hat zur Folge, dass die Handhabbarkeit und die Selbstwirksamkeit im Umgang mit stressreichen Situationen gestärkt werden kann, um zukünftigen Krisen kraftvoll und ressourcenreich zu begegnen.

Das Durchspielen einer Krise ermöglicht eine achtsame Reflexion des Erlebten, mit Phasen der Regeneration und Emotionsregulation in einem geschützten Rahmen. Stress wird hier also nur insofern produziert, als dass wir kontrolliert die Reaktion auf den Stress bewusst wahrnehmen und reflektieren können.

Außerdem bietet das Krisen-Spiel verschiedene Lernchancen für Individuen wie auch für Teams:

Multiperspektivität: Spielerische Haltung und Neugier ermöglichen neue Perspektiven auf mögliche Probleme und die Akzeptanz anderer Meinungen und Strategien.

Defokussierung: Der kreative Umgang mit einer Situation, die eigentlich den Blick verengt und uns normalerweise in eine regelrechte Problemtrance zieht, sorgt für den gegenteiligen Effekt – nämlich die Defokussierung. So werden Lösungsmöglichkeiten sichtbar und erleichtern die Bewältigung der Krise.

Emotionsregulation: Die Meta-Position bei der Beobachtung der Krisensituation, als Teil der Reflexion, trainiert die Emotionsregulation. Wir bemerken die Affekte in der Situation und können nachvollziehen, woher die Emotion stammt, bzw. was wir eher empfinden möchten. Die Emotion wahrzunehmen und zu benennen nimmt ihr schon einen großen Teil der Wirkungsmacht (ähnlich wie beim Rumpelstilzchen).

Selbstwirksamkeit und Teamgeist: Auf der einen Seite steigt die Selbstwirksamkeit, wenn die simulierte Krise erfolgreich durchlebt wird. Wir empfinden dann Freude und Stolz, zwei wichtige Emotionen, die neben der eigenen Handlungsmacht auch den Selbstwert steigern. Wenn Krisen im Team gespielt werden, stärkt das gleichzeitig den Zusammenhalt und die Bindung im Team.

Dosierte Krisen tun gut

Ein letzter zentraler Punkt für die Prosilienz® ist das dosierte Durchleben von Krisen aus einem guten Zustand heraus. Das Prinzip der Hormesis ist ja schon aus dem Bereich Stress bekannt.

„Dosiert“ bedeutet in dem Fall, dass es sinnvoll ist, Krisen zu üben. Es widerstrebt uns, uns freiwillig in unangenehme Situationen zu begeben. Niemand befindet sich gerne in einer Krise. Allerdings tun Krisen unserer Gesundheit gut. Es zeigte sich in der Forschung, dass drei bis vier Krisen die Chance erhöhen, gesund zu altern. Wer von der einen in die nächste Krise springt tut seiner Gesundheit nichts Gutes, wer jedoch jede Krise vermeidet, ebenso.

Krisen zu üben ist also gesundheitsfördernd. Allerdings ist hierbei zentral, aus welchem Zustand heraus wir eine Krise spielen. Das Motto lautet:

„Was immer du tust, tue es aus einem guten Zustand heraus.“ (Sebastian Mauritz)

Wenn Sie sich gerade in einer Krise befinden, sei es privat, beruflich oder als gesamtes Unternehmen, ist es wenig ratsam auch noch imaginierte Krisen zu spielen. Das Leben bietet in dem Fall genug Training für die eigene Resilienz. Eine spielerische Haltung ist bei realen Krisen zwar nützlich für Kreativität und Lösungsorientierung, allerdings sollten Sie dabei auf die realen Auswirkungen der Lösungen achten.

Also abschließend das Plädoyer für eine starke Prosilienz®: Lernen Sie aus zukünftigen Krisen, um sich schon heute für noch kommende Krisen zu stärken und die eigene Gesundheit zu fördern.


Sebastian Mauritz, M.A. Systemische Beratung, ist einer der führenden Resilienzexperten Deutschlands. Er ist 5-facher Fachbuchautor, Keynote-Speaker, Resilienz-Lehrtrainer, Systemischer Coach, Vorstand in vielen Coach- und Trainer-Verbänden und Unternehmer. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich individuelle Resilienz und Prosilienz®, resilienter Führung und Teamresilienz. Im Jahr 2020 hat er den ersten Resilienz-Online-Kongress initiiert und hat sich in diesem Rahmen mit über 50 anderen Resilienz-Expert*innen ausgetauscht (www.resilienz-kongress.de).

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