Posttraumatisches Wachstum – Wie Krisen stärken

Posttraumatisches Wachstum ist das Ergebnis, wenn Menschen nicht an ihren traumatischen Erfahrungen zerbrechen, sondern Kraft aus ihnen schöpfen und das Leben dennoch positiv wahrnehmen.

Leider müssen Menschen manchmal extreme emotionale Belastung erfahren. Sei es durch Umweltkatastrophen, extreme Gewalteinwirkung, Krieg, den Verlust einer geliebten Person oder der eigenen Gesundheit. Jedem Menschen kann so ein Schicksalsschlag ereilen – doch nicht jeder verharrt in einer Opfer-Haltung. Wir sind fähig, aus Krisen nicht nur zu lernen, sondern stärker aus ihnen hervor zu gehen.

Vorweg: Die schädigenden Einflüsse tiefgreifender, traumatischer Erlebnisse für Opfer und deren Familien sollen hier keinesfalls kleingeredet werden. Denn posttraumatisches Wachstum ist keine Selbstverständlichkeit. Sie ist der Lichtblick für alle Betroffenen, die aus schrecklichen Erfahrungen dennoch Positives für ihr weiteres Leben schöpfen können.

Was ist ein Trauma?

Das Wort „Trauma“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet im Allgemeinen eine Verletzung, ohne genau zu bestimmen, wodurch diese kommt. Übertragen auf die Psychologie bedeutet ein Trauma eine starke psychische Störung oder Erschütterung, hervorgerufen durch belastende Ereignisse. Das kann ein bestimmter Moment sein, wie beispielsweise eine Vergewaltigung, aber auch eine Reihe von belastenden Erlebnissen, wie das Leben in einem Kriegsgebiet.

Ein Trauma muss nicht zwangsläufig mit Gewalt oder Tod verbunden sein. Kennzeichnend für ein Trauma sind starke emotionale und psychische Auswirkungen, die auch nachhaltig auf die Psyche einwirken. So kann ein Erlebnis, das die eigene Weltansicht erschüttert oder eine Sinnkrise auslöst, ebenso traumatisierend sein, wie ein schwerer Unfall beispielsweise.

Was ist posttraumatisches Wachstum?

Wie der Begriff bereits verrät, handelt es sich bei dem posttraumatischen Wachstum um einen Prozess, dem das Durchleben eines Traumas zugrunde liegt. Bereits 1964 wies der KZ-Überlebende und Begründer der Logotherapie, Viktor Frankl, auf die positiven Effekte von traumatischen Erlebnissen hin. In der Psychologie dagegen erfuhren die positiven Traumafolgen jedoch erst richtige Aufmerksamkeit ab den 90ern. Den Begriff des posttraumatischen Wachstums (engl. posttraumatic growth) haben die Forscher Richard Tedeschi und Lawrence Calhoun geprägt.

Posttraumatisches Wachstum und Resilienz

Inwiefern unterscheidet sich die Resilienz vom posttraumatischen Wachstum? Beide Konzepte beschäftigen sich schließlich mit der Fähigkeit des Menschen, aus Krisen gestärkt hervor zu gehen und in schweren Zeiten alte Ressourcen zu aktivieren oder neue zu gewinnen.

Die Resilienz wird oft auch aus Phönix- oder Stehauf-Kompetenz beschreiben. Denn mit einer starken Resilienz schaffen Menschen es auch nach einer Krise psychisch gesund zu bleiben. Der große Unterschied hierbei ist, dass Resilienz jederzeit erlernt und trainiert werden kann, beispielsweise in einem Resilienztraining. Sie dient als nützliche Fähigkeit im Alltag Stress zu reduzieren und so Probleme gar nicht erst zu Krisen werden zu lassen. Noch weiter vorbeugend wirkt die Prosilienz, bei der aus imaginierten statt wirklich erlebten Krisen gelernt wird.

Im Gegensatz dazu kommt posttraumatisches Wachstum nur zustande, wenn ein Trauma besteht und vorangeht. In dem Sinne ist Resilienz ein alltagstaugliches, für jeden zugängliches Wachstum der eigenen Persönlichkeit, während nur extreme und akute psychische Belastung zu einem Wachstum nach einem Trauma führen kann.

Wie wirkt sich posttraumatisches Wachstum aus?

Der Psychologie Richard Tedeschi stellte zusammen mit seinem Forschungsteam fünf Bereiche auf, in denen sich das Wachstum der Persönlichkeit zeigt.

  1. Stärkere Wertschätzung für das Leben: Es kommt zu einem Wandel der Prioritäten, wobei alltägliche, kleine Dinge und persönliche Beziehungen wertvoller werden als materielle Dinge.
  2. Verstärkung von Bindung: Auch wenn das traumatische Erlebnis zu dem Verlust einiger Bindungen geführt hat, profitieren andere Beziehungen von dem Wachstum. Meist nimmt zudem die Fähigkeit zur Empathie zu.
  3. Stärkeres Bewusstsein der eigenen Stärken: Das Gefühl der inneren Stärke erwächst aus dem Eingestehen der eigenen Verletzlichkeit. Der Glaube an die eigene Selbstwirksamkeit nimmt zu.
  4. Mehr Bewusstsein für neue Möglichkeiten: Durch das Trauma verlieren alte Ziele und Wünsche an Wert, während neue Ziele gesucht werden. Es besteht mehr Empfängnis für neue Lebensperspektiven.
  5. Mehr Lebensfreude und Spiritualität: Es finden mehr Reflexionen über den Lebenssinn und/oder höhere Existenzen satt. Gleichzeitig kommt es so zu einer größeren inneren Zufriedenheit.

Die Forscher stellten fest, dass die positiven Auswirkungen traumatischer Erfahrungen durchaus keine Seltenheit sind. Den Studien zufolge empfinden 60-90% der Menschen, die eine schwerwiegende Krise durchlebt haben, durch mindestens einen der Bereiche eine größere Zufriedenheit und innere Stärke.

Wie funktioniert posttraumatisches Wachstum?

Grundsätzlich lässt sich posttraumatisches Wachstum in drei Phasen einteilen. Dafür braucht es jedoch verschiedene Voraussetzungen, die den Zugewinn an innerer Stärke ermöglichen. Eine interessante Beobachtung bei der Erforschung des Phänomens ist zudem, dass in unterschiedlichen Kulturen auch ein unterschiedliches Maß an Wachstum nach einem Trauma nachgewiesen wurde. In Kulturen westlicher Regionen, mit eher modernen Werten, findet sich das Phänomen häufiger als in jenen mit eher traditionellen Werten.

Die Phasen des posttraumatischen Wachstums

Die Forscher Tedeschi und Calhoun stellen ein Modell auf, welches das posttraumatische Wachstum in drei Phasen unterteilt. Sie betrachten es dabei als Ergebnis des Bewältigungsprozesses.

  1. Erleben des Traumas: Auslöser ist eine Reihe an verstörenden Ereignissen oder eine konkrete Situation. Das Trauma ist mit massivem emotionalem und psychischem Leid verbunden. Die eigenen Bewältigungsmöglichkeiten werden hierbei überschritten.
  2. Kognitive Bewältigung: Das Trauma setzt einen kognitiven Bewältigungsmechanismus in Gang. Der ist durch verschiedene Stationen gekennzeichnet, die auch in Wechselwirkung aufeinander erfolgen:
  • Häufiges kognitives Nacharbeiten des Traumas (automatisiert und unbewusst)
  • Verringerung von emotionalem Stress
  • Verabschiedung von unerreichbaren Zielen
  • Reflektiertes kognitives Nacharbeiten des Traumas
  • Veränderung der Grundannahmen
  1. Posttraumatisches Wachstum: Nach gelingendem Verarbeitungsprozess kommt es zu einer Reifung der Persönlichkeit und einem Zugewinn an Widerstandskraft.

Innerhalb der zweiten Phase ist besonders das Ausmaß der kognitiven Auseinandersetzung mit dem eigenen Trauma zentral. Persönlichkeitseigenschaften wie Extraversion, Offenheit und Optimismus unterstützen den Prozess, den Forschern zufolge. Eine weitere Hilfe ist der Resilienzfaktor der sozialen Unterstützung im Umfeld.

Voraussetzungen für posttraumatisches Wachstum

Stephen Josef, ein britischer Psychologe, bezeichnet drei Elemente als besonders ausschlaggebend, um überhaupt zu einem Wachstum durch ein Trauma zu gelangen. Die erste Voraussetzung ist das Bewusstsein über die Unsicherheit des Lebens. Der zentrale Punkt dabei ist, sich nicht von dieser Unsicherheit und der eigenen Verletzbarkeit einschüchtern zu lassen.

Zweitens nennt er das Vermögen, gut mit den eigenen Emotionen umgehen zu können. Das bedeutet: Sie wahrzunehmen, zu verstehen und auch akzeptieren zu können ist elementar für emotionale Selbsteinsicht und Reflexion.

Und drittens zählt für Joseph die Verantwortungsübernahme als zentrales Element zur Stärkung durch Schicksalsschläge. Es geht darum, sich nicht als Opfer zu begreifen, und stattdessen Autonomie und Selbstwirksamkeit zu bewahren.

Der Psychologe Martin Seligman, ein Vertreter der positiven Psychologie, fügte als vierte Voraussetzung hinzu, dass Menschen die grundlegende Fähigkeit brauchen, neue Chancen und Möglichkeiten wahrzunehmen.

Zum Superhelden werden – Aus Leid gestärkt hervorgehen

Wenn Sie an einen Superhelden denken, fallen Ihnen sicher schnell Superman, Batman oder Spiderman ein. All diese Helden haben eines gemeinsam: Posttraumatisches Wachstum. Sie ziehen innere Stärke und ihre Motivation für ihre Handlungen aus dem Erlebnis eines traumatischen Verlustes. Batman und Spiderman verloren geliebte Bezugspersonen und Superman gar seinen ganzen Heimatplaneten.

Dabei brauchen wir gar keine besonderen Kräfte, um durch ein furchtbares Erlebnis Stärke zu gewinnen. Es ist möglich eine Krise zu durchleben und als eine neue verbesserte Version daraus hervor zu gehen. Damit ist nicht gesagt, dass Menschen nur durch einen Schicksalsschlag weise und stark werden. Doch es ist erwiesen, dass gerade das Überstehen eines Traumas oder einer tiefgreifenden Krise dazu beiträgt, das Leben mehr wert zu schätzen, neue Lebensfreude zu erfahren und vielleicht sogar anderen Menschen mehr zu helfen.

Posttraumatisches Wachstum gelingt durch Akzeptanz, Verantwortungsübernahme, Selbstreflexion und Bindung. All das sind zentrale Säulen der Resilienz. Wenn Sie diese trainieren, kann auch ein Trauma Sie nicht brechen, sondern nur stärker machen – Sie zu Ihrem eigenen Superhelden machen!


Sebastian Mauritz, M.A. Systemische Beratung, ist einer der führenden Resilienzexperten Deutschlands. Er ist 5-facher Fachbuchautor, Keynote-Speaker, Resilienz-Lehrtrainer, Systemischer Coach, Vorstand in vielen Coach- und Trainer-Verbänden und Unternehmer. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich individuelle Resilienz und Prosilienz®, resilienter Führung und Teamresilienz. Im Jahr 2020 hat er den ersten Resilienz-Online-Kongress initiiert und hat sich in diesem Rahmen mit über 50 anderen Resilienz-Expert*innen ausgetauscht (www.resilienz-kongress.de).

1 Kommentar zu „Posttraumatisches Wachstum – Wie Krisen stärken“

  1. Marion Talmeier

    Lieber Maui,
    toller Artikel, den ich aus eigener traumatischer Erfahrung bestätigen kann. Es ist nicht leicht aber möglich, aus einer schweren Krise zu wachsen.
    Herzliche Grüße und weiterhin viel Erfolg!
    Marion

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