Die ProblemWerkstatt – Wie wir Probleme bauen und lösen

„Da liegt das Problem“, „Ich habe ein Problem“ oder „Es ist problematisch“: Solche Sätze sind in unserem Sprachgebrauch völlig selbstverständlich. Wir benutzen das Wort „Problem“ sehr häufig, meist sogar ohne dass wir es tatsächlich als Problem sehen. Die ProblemWerkstatt zeigt Ihnen, was wirklich ein Problem ist und wie Sie sich Ihre Probleme selbst bauen – oder eben auch lösen können. Mehr zum Thema Probleme und wie Sie Ihre Resilienz für den Umgang mit Stress stärken können erfahren Sie im Buch „Immun gegen Probleme, Stress und Krisen“.

Warum wir keine Probleme haben, sondern sie erzeugen

Noch einmal zurück zur Sprache. Normalerweise sprechen wir davon, ein Problem zu haben. Es hängt uns wie ein Klotz am Bein, wird größer, je länger wir es ignorieren und bedrückt uns. Das Haben eines Problems ist ein mächtiges Bild, schließlich drängt es uns damit in eine passive Rolle. Worte wirken sehr stark auf unsere inneren Bilder. Das „Haben“ eines Problems schwächt unsere Selbstwirksamkeit im Umgang damit. Es wird uns von außen aufgedrängt und somit erwarten wir oft auch, dass man es von außen von uns nimmt.

Stellen Sie sich jetzt vor, Sie erzeugen selbst Ihre Probleme. Das soll nicht bedeuten, Sie sind schuld an Problemen. Es heißt vielmehr, wir bauen uns alle selbst unsere Probleme zusammen. Und wer etwas selbst zusammenbaut, ist auch selbst in der Lage es zu demontieren, sprich zu lösen.

Die ProblemWerkstatt ist ein konstruktivistischer Ansatz, der die Selbstwirksamkeit im Umgang mit Stress, Problemen und Krisen steigert.

Was ist ein Problem?

Damit Sie sich in der ProblemWerkstatt Ihr eigenes Problem bauen können, ist es wichtig zu wissen, was ein Problem überhaupt ist. Was unterscheidet es von einer Aufgabe, einer Herausforderung oder einer Krise?

Bauanleitung für ein Problem in der ProblemWerkstatt

Damit wir ein Problem erzeugen, brauchen wir drei Bestandteile:

  1. Einen Ist-Zustand
  2. Einen Soll-Zustand
  3. Einen Unterschied zwischen Ist und Soll.

Auch eine Aufgabe besteht aus diesen drei Teilen, jedoch gibt es zum Problem einen gravierenden Unterschied: Der Unterschied zwischen Ist und Soll ist mit einem Hindernis verknüpft. Bei Aufgaben ist uns der Lösungsweg bekannt und es besteht keine Barriere, die es zu überwinden gilt. Aufgaben können wir lösen im Gegensatz zu Problemen. Das heißt konkret:

Ein Problem ist der Unterschied zwischen einem Ist-Zustand und einem Soll-Zustand, bei dem uns der Lösungsweg (noch) nicht bekannt ist.

Hierzu ein Beispiel:

Sie möchten sich einen Kaffee kaufen. Sie haben einen Euro dabei und der Kaffee kostet 1,20€. Der Ist-Zustand ist Sie haben keinen Kaffee, der Soll-Zustand ist Sie haben einen Kaffee. Der Unterschied ist also schon mal da. Das Hindernis hierbei ist, dass Sie zu wenig Geld dabeihaben. Die Frage stellt sich nun: Ist das ein Problem?

Und hier kommt eine weitere wichtige Komponente eines Problems ins Spiel: Ein Problem braucht erfolglose Versuche.

Das bedeutet, wenn Sie akzeptieren, dass Sie sich den Kaffee nicht leisten können, bringen Sie Ist und Soll in Einklang (Sie haben keinen Kaffee und Sie brauchen keinen Kaffee: Ist = Soll), dann ist das für Sie auch kein Problem. Eine weitere Möglichkeit ist, dass Sie am Verkaufsstand um den Kaffee feilschen oder eine andere Leistung im Gegenzug für den Kaffee anbieten. Wenn eine dieser Strategien klappt, lösen Sie ebenso den Unterschied auf und erzeugen damit kein Problem.

Wenn Sie allerdings unbedingt den Kaffee wollen, keine kreativen Lösungsstrategien anwenden an einen zu gelangen, und sich dann noch ärgern, weil Sie ein Zielhindernis spüren, bauen Sie sich ein perfektes Problem.

Perfekte Probleme brauchen Emotionen

Nun wissen Sie, wie eine Aufgabe zum Problem wird.

Problem = Unterschied zwischen Ist- Zustand und Soll-Zustand + Zielhindernis (erfolglose Lösungsversuche)

Damit Sie sich in der ProblemWerkstatt perfekte Probleme bauen können, fehlt noch ein letztes Bauteil: Emotionen. Insbesondere die Emotionen Angst, Ärger, Trauer und Scham verstärken den Problemfokus und lassen das Hindernis auf dem Weg zum Ziel deutlich größer erscheinen.

Für den Ist-Zustand bedeutet das, Sie brauchen für ein perfektes Problem eine möglichst negative Beschreibung und Bewertung der Situation. Wohingegen der Soll-Zustand am besten möglichst positiv beschrieben und bewertet werden sollte. Die Emotionen Angst, Ärger, Trauer und Scham mit der dazugehörigen negativen Bewertung geben dem Problem das sprichwörtliche Sahnehäubchen. Übrigens sind für gute Probleme der Vergleich mit anderen, eine Opfer-Haltung oder inneres „sich-klein-fühlen“ ebenfalls sehr hilfreich.

Damit gestalten Sie den Unterschied zwischen Ist- und Soll-Zustand unüberwindbar und haben ein perfektes Problem gebaut.

Wozu wir Probleme brauchen

Das Konstruktionsmodell der ProblemWerkstatt beruht auf den Ideen von Gunther Schmidt. Seiner Ansicht nach handelt es sich bei dem, was wir schnell ein „Problem“ nennen um den Ausdruck eines anerkennenswerten Bedürfnisses. Das heißt, wir sollten Probleme als Hinweisgeber auf wichtige Bedürfnisse wertschätzen, statt zu verteufeln.

Ein weiterer Grund, warum wir Probleme brauchen, zeigt die Glücksforschung. Menschen, die gar keine Probleme erleben sind weniger glücklich als jene, die Probleme im Verhältnis eins zu mindestens drei bis fünf positiven Erlebnissen empfinden. Dosierte Probleme in unserem Leben tragen zum Glück bei.

Es ist das Problem der gelösten Probleme. Je besser etwas läuft, desto mehr fallen uns auch die kleinen Makel auf und stören uns umso mehr. Das bedeutet, unser Gehirn sucht sich dann seine Probleme auch in kleinen Situationen, wenn wir jedes Problem vermeiden. Es ist die gute Balance zwischen positiv und negativ, die uns letztendlich resilient im Umgang mit Stress macht.

Vom Problem zur Lösung in der ProblemWerkstatt

Nichtsdestotrotz wollen wir Probleme möglichst lösen. Ungelöste Probleme markieren den Startpunkt einer Krise. Hierzu erfahren Sie mehr im KrisenLabor. Damit es jedoch gar nicht erst zur Krise kommt, hilft es sich Probleme in der ProblemWerkstatt anzuschauen und zu demontieren.

Zwei Erkenntnisse zu Lösungen

Die Lösung ist quasi das Gegenmittel zum Problem. Es ist daher wichtig sich in der ProblemWerkstatt auch mit Lösungen und nicht nur mit der Konstruktion des Problems zu befassen. Lösung ist allerdings nicht gleich Lösung und zwei grundlegende Erkenntnisse helfen dabei, Lösungen besser zu verstehen und im Alltag zu akzeptieren.

1. Keine Entscheidung ohne Auswirkungen

Jede Lösung ist letztendlich eine Entscheidung. Keine Entscheidung zu fällen ist dabei ebenfalls eine Entscheidung, wenn nicht sogar die schwerste. Egal ob es sich um eine schwierige Situation, ein Thema, eine Aufgabe oder schon ein Problem handelt: Jede Entscheidung hat eine Auswirkung.

Entscheidungen sind oft begleitet von inneren Zwickmühlen, Emotionen und unserer Horror-Szenario-Kompetenz. Denn meist können wir die Konsequenzen einer Entscheidung nur erahnen. Allerdings hilft allein das Wissen, dass es keine Entscheidungen ohne Auswirkungen gibt dabei, mögliche Konsequenzen zumindest zu berücksichtigen. Und schließlich ist eine Entscheidung die Chance, positive Auswirkungen auf das Problem zu erleben.

2. Kein Ziel ohne Preis

Wie bereits erklärt braucht ein Problem einen Soll-Zustand, sprich ein Ziel. Und jedes Ziel hat einen Preis. Das heißt auch, jede Lösung hat bestimmte Folgekosten. Wann und wie sich diese zeigen ist unterschiedlich. Jedoch ist wichtig, dass auch die optimale Lösung einen Preis hat. Wenn wir das bei unserem Weg zum Ziel mit einkalkulieren, fällt es uns später leichter die Folgen der Entscheidung zu akzeptieren. Auch zweitbeste Lösungen infolge von Restriktionen werden damit akzeptabler, um Probleme zu lösen.

Lösungen in der ProblemWerkstatt finden

Probleme sind konstruiert. Sie bestehen aus Einzelteilen und das heißt wir können Sie auch wieder in Einzelteile zerlegen. Um mögliche Lösungen zu finden bietet sich in der ProblemWerkstatt also eine Problemanalyse an. Stellen Sie sich dazu folgende Fragen:

  • Wie beschreiben Sie die einzelnen Problem-Bestandteile?
  • Wie erklären Sie sich das Problem?
  • Wie bewerten Sie es?
  • Welche Emotionen verbinden Sie damit?
  • Wie bewerten Sie die Emotionen?
  • Vergleichen Sie sich mit anderen?

Das Ziel ist es, Ist- und Soll-Zustand in Einklang zu bringen und das Zielhindernis aufzulösen. Die Problemanalyse ist dabei der erste Schritt. Denn so erfahren Sie, welche Beziehung Sie gerade zu Ihrem Problem haben. Im nächsten Schritt geht es darum, die Beziehung zum Problem zu ändern.

Ein Weg führt über die Emotionsregulation. Wenn wir die Bewertung der Emotionen ändern oder die Empfindung der Emotion abschwächen, schaffen wir einen besseren Zugang zu den einzelnen Bestandteilen. Mit anderen Worten verkleinern Sie dadurch das Hindernis in Ihrer Wahrnehmung.

Wenn Sie Ihre Resilienz fördern, lernen Sie weitere Wege kennen, die Beziehung zu Ihrem Problem zu verändern. Resilienztechniken wie Defokussierung, Akzeptanz und Dankbarkeit lassen Sie andere Perspektiven einnehmen. So finden Sie letztendlich kreative Lösungsansätze, um das Hindernis zu überwinden oder minimieren den Unterschied zwischen Ist und Soll.

Fragen zur Beziehungsgestaltung mit Ihren Problemen

Wenn Sie Ihr Problem in der ProblemWerkstatt analysiert haben, ist ein weiterer Schritt für ein stärkeres Immunsystem gegen Stress sich Ihre persönliche ProblemWerkstatt genauer anzusehen. Dazu können folgende Fragen helfen:

  • Haben Sie Problemklassiker?
  • Wie aktiv ist Ihre ProblemWerkstatt? Wann werden mehr und wann weniger Probleme gebaut?
  • Stellt Ihre ProblemWerkstatt alle Arten von Problemen her oder sind Sie spezialisiert auf bestimmte Probleme?
  • Welche inneren Seiten sind an dem Bau der Probleme beteiligt? Sind diese jünger oder schwächer?
  • Welche Emotionen begleiten Ihre Probleme immer wieder?
  • Wie und worauf fokussieren Sie Ihre Aufmerksamkeit?
  • Bauen Sie selbst Ihre Probleme, oder gibt es mögliche Hypnotiseure in Ihrem Umfeld, die Ihnen Probleme einreden?
  • Sind Themen gleich Probleme, oder manchmal auch nur Schwierigkeiten, Aufgaben, Lernchancen und Resilienztraining?

Sebastian Mauritz, M.A. Systemische Beratung, ist einer der führenden Resilienzexperten Deutschlands. Er ist 5-facher Fachbuchautor, Keynote-Speaker, Resilienz-Lehrtrainer, Systemischer Coach, Vorstand in vielen Coach- und Trainer-Verbänden und Unternehmer. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich individuelle Resilienz und Prosilienz®, resilienter Führung und Teamresilienz. Im Jahr 2020 hat er den ersten Resilienz-Online-Kongress initiiert und hat sich in diesem Rahmen mit über 50 anderen Resilienz-Expert*innen ausgetauscht (www.resilienz-kongress.de).

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