Positive (Re)Appraisal

Die Appraisal Theory besagt, dass ein Reiz nicht unweigerlich zu einer der Stressreaktionen führen muss, sondern dass die Bewertung eines Reizes den maßgeblichen Ausschlag gibt, wie stark wir Stress spüren. Für die Resilienz bedeutet das, eine tendenziell positive Bewertung der Situation und eine hohe Einschätzung der Bewältigbarkeit lässt uns Krisensituationen besser überstehen und Stress herunter regulieren.

Was ist die Appraisal Theory?

Appraisal ist das englische Wort für Bewertung. Im Deutschen ist dieser theoretische Ansatz eher als kognitive Emotionstheorie oder Einschätzungstheorie bekannt.

Hintergrund der Theorie

Im Behaviorismus wurde davon ausgegangen, dass auf eine bestimmte Situation direkt eine Reaktion folgt. Dieses Reiz-Reaktions-Schema wurde allerdings 1960 von der Psychologin Magda Arnold durchbrochen, die als Mitbegründerin des Kognitivismus die interne Verarbeitung zwischen Reiz und Reaktion einfügte. Nach ihrem Ansatz sind zwei Arten von Kognitionen bei der Entstehung von Emotionen wichtig:

  1. Faktische Kognition: die Tatsachenüberzeugung von einer Situation.
    – z.B.: Vor mir sitzt ein Tiger.
  2. Evaluative Kognition (Bewertung/ Appraisal)
    – z.B. Tiger sind gefährlich.

Zur evaluativen Kognition fügt sie drei Einschätzungsdimensionen hinzu: Die Bewertung (positiv/ negativ), die Anwesenheit /Abwesenheit des Sachverhalts und die Bewältigbarkeit.

Der Stressforscher Richard Lazarus knüpfte mit seiner Emotionstheorie 1991 an diese Erkenntnisse an und erklärte, dass die Bewertung in zwei Phasen aufgeteilt ist: Erstbewertung und Zweitbewertung.

Das Stress-Modell der Erst- und Zweitbewertung

Zunächst trifft ein Stressor auf den Menschen. Damit ist ein beliebiger Reiz von außen gemeint.

Erstbewertung:

Wenn der Reiz durch die Wahrnehmungsfilter des Menschen gelangt, erfolgt die Erstbewertung. Hierbei wird der Stressor interpretiert. Das heißt wir entscheiden, ob die Situation positiv für uns ist, bedrohlich, oder irrelevant. Erst wenn wir entscheiden, dass die Situation potenziell bedrohlich ist, erfolgt die Zweitbewertung.

Bleiben wir bei dem Beispiel mit dem Tiger: Sie sehen den Tiger und schätzen Ihn aufgrund Ihres Wissens oder Ihrer Erfahrungen als Bedrohung für Ihre Unversehrtheit ein.

Zweitbewertung:

Bei der Zweitbewertung einer bedrohlich eingeschätzten Situation werden die zur Verfügung stehenden Ressourcen analysiert und die Bewältigbarkeit der Situation eingeschätzt. Und an diesem Punkt entsteht Stress, bzw. reagieren wir mit den Stressreaktionen Angst oder Ärger – Wenn die Ressourcen als nicht ausreichend oder passend für die Bewältigung der Situation eingeschätzt werden.

Zum Beispiel empfinden Sie Angst, weil Sie noch nie mit einem Tiger gekämpft haben und sich als zu langsam zum Wegrennen einschätzen.

Anschließend an diese Bewertung und den ausgelösten Stress folgen Coping-Strategien oder eine Neubewertung der Situation (Reappraisal).

Positive Appraisal und Resilienz

Warum ist es nun gut zu wissen, dass unsere innere Bewertung darüber entscheidet, ob wir Stress erleben oder nicht? Die Antwort ist simpel: Weil genau dieser Punkt mit Resilienz verknüpft ist. Prof. Dr. Raffael Kalisch macht deutlich, dass ein tendenziell positiver Bewertungsstil ein maßgeblicher Schutzfaktor gegen stressbedingte Erkrankungen ist. Er nennt sein theoretisches Grundgerüst „Positive Appraisal Style Theory of Resilience“ (PASTOR).

Es geht hierbei nicht um das Aufsetzen einer rosaroten Brille, durch die wir nie wieder etwas als bedrohlich wahrnehmen würden. Im Gegenteil, das wäre sehr gefährlich. Emotionen zeigen uns wichtige Bedürfnisse an und insbesondere Angst übernimmt als Hüter der Sicherheit eine überlebenswichtige Funktion. Es geht um einen Bewertungsstil, bei dem die Eintrittswahrscheinlichkeit und Größe der Bedrohung realistisch bzw. moderat optimistisch und das Bewältigungspotential hoch eingeschätzt wird.

Wenn wir dazu neigen Reize eher dramatisch negativ zu bewerten und keinen Kontakt zu unseren Ressourcen haben, produzieren wir unnötig Stressantworten. Diese führen über einen langen Zeitraum oder in extrem hoher ‚Dosis‘ unweigerlich zur Krankheit.

Ein positiver Bewertungsstil ist ein wichtiger Teil der Resilienz, da er maßgeblich zur Regulation von Stressreaktionen beiträgt. Gleichzeitig erhöht eine starke Resilienz auch den Kontakt zu den eigenen Ressourcen, sodass kritische Situationen eher als bewältigbar eingeschätzt werden und so weniger Stress im Körper entsteht.

Resilienz stärken durch positive Reappraisal

Eine Möglichkeit Resilienz zu stärken und auch einen positiven Bewertungsstil im Allgemeinen zu üben, ist die Methode des positive Reappraisal. Es geht dabei um die Neubewertung von eigentlich negativ konnotierten Dingen.

Am besten funktioniert die Neubewertung, im Sinne einer Neurahmung (Refraiming in Anlehnung an NLP), mit dem Zusatz „Hüter des/der …“ oder „…-Kompetenz“. Hier ein paar Beispiele:

  • Der innere Schweinehund = Hüter der Regeneration
  • Dickköpfigkeit = Standpunkt-Bewahrungs-Kompetenz
  • Angst = Hüterin der Sicherheit
  • Ungeduld = Effizienz-Kompetenz
  • Etc.

Sie können die Liste gerne beliebig erweitern, denn so trainieren Sie einen positiven Bewertungsstil im Alltag. Und wenn dann eine Krisensituation entsteht, und Sie diese beispielsweise als „Stresseinladung“ anstelle eines „Bombeneinschlags“ bewerten, wird Ihre Reaktion auf den Reiz anders ausfallen – mit Sicherheit. Dabei ist nichts von beidem die Wahrheit, einzig die Beziehung zum Phänomen Krise verändert sich und ermöglicht besseren Zugriff auf die eigenen Ressourcen.

„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. Und in diesem Raum liegt die Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“ – Viktor Frankl


Sebastian Mauritz, M.A. Systemische Beratung, ist einer der führenden Resilienzexperten Deutschlands. Er ist 5-facher Fachbuchautor, Keynote-Speaker, Resilienz-Lehrtrainer, Systemischer Coach, Vorstand in vielen Coach- und Trainer-Verbänden und Unternehmer. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich individuelle Resilienz und Prosilienz®, resilienter Führung und Teamresilienz. Im Jahr 2020 hat er den ersten Resilienz-Online-Kongress initiiert und hat sich in diesem Rahmen mit über 50 anderen Resilienz-Expert*innen ausgetauscht (www.resilienz-kongress.de).

1 Kommentar zu „Positive (Re)Appraisal“

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