Können wir Resilienz messen?

Wann bewerten wir etwas als wissenschaftlich untersucht? – Wenn wir es objektiv messen können. Und damit steht die Resilienzforschung vor einer großen Herausforderung, denn Resilienz hat in der Literatur keine einheitliche Definition, wie soll sie dann einheitlich messbar sein? Diese Frage schauen wir uns hier genauer an.

Warum Resilienz messen wichtig, aber nicht einfach ist

Resilienz messen

Resilienz verstehen wir aktuell in der Forschung als eine Kompetenz, die bei der Bewältigung von und Anpassung an herausfordernde Umstände eine wichtige Rolle spielt. Jedoch herrschen auch heute noch Forschungsströmungen vor, die Resilienz als Persönlichkeitseigenschaft oder als Ergebnis der Interaktion zwischen Anlage und Umwelt ansehen. So kommt es auch, dass es zwar diverse Studien gibt, diese allerdings, je nach der angewandten Resilienz Definition etwas Unterschiedliches messen.

Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2018 konnte zeigen, dass von den 43 untersuchten Studien insgesamt nur 15 Resilienzfragebögen zur Erhebung der Daten nutzten (Chmitorz et al., 2018). Eine andere Metaanalsyse befasste sich direkt mit den in der Forschung zumeist verwendeten Resilienz Messverfahren und stellte heraus, dass jede der 15 untersuchten „resilience measurement scales“ eine Lücke in der Datenerhebung vorzuweisen hatte. Die Forschenden kamen so letztendlich zu dem Schluss, dass es bis dato keinen Goldstandard der Resilienzmessung gibt (Windle, Bennett, & Noyes, 2011).

Wobei sich jedoch alle Forschenden einig sind, ist, dass Resilienz ein valides Konzept ist, das wir besonders angesichts aktueller Krisen besser verstehen müssen, um es stärken zu können. Wir haben es momentan nicht nur mit VUCA bzw. BANI in der Arbeitswelt zu tun, wir als Gesellschaft und vor allem als Gemeinschaft stehen vor den Auswirkungen von 2 Jahren Pandemiegeschehen (Stand März 2022) und erleben Krieg in Europa. Das sind die Zeiten, in denen Resilienz gefordert ist.

Wie wir Resilienz messen können

Wie Resilienz bisher gemessen wurde

Wir stehen nun also an einem Punkt, an dem Resilienz auf die unterschiedlichsten Arten gemessen wird. Das in der Forschung geläufigste Mittel sind Fragebögen, welche die Proband:innen der Studie ausfüllen. Zu den meist genutzten Fragebögen gehören:

  • Connor-Davidson Resilience Scale (CD-RISC)
  • Resilience Scale for Adults (RSA)
  • Brief Resilience Scale (BRS)
  • Positive Mental Health Scale (PMH-scale)

Eine ausführliche Beschreibung dieser Fragebögen finden Sie unter: Resilienz Tests

Was wird in den Fragebögen gemessen?

Zunächst muss hier festgehalten werden, dass es sich bei all diesen Fragebögen um einen Selbst-Bericht handelt. Das heißt, jeder Fragebogen erfasst die persönliche Einschätzung des Menschen, der den Bogen gerade ausfüllt. Das bedeutet damit auch, dass diese Selbsteinschätzung nicht nur äußerst subjektiv, sondern auch extrem beeinflussbar ist. Jemand, der gerade einen schlechten Tag hat, wird sich an dem Tag auch schlechter einschätzen. Der Zustand beim Ausfüllen hat einen großen Einfluss, weshalb es sich bei den Fragebögen auch empfiehlt, zu mehreren verschiedenen Zeitpunkten wiederholt zu messen.

Ein weiterer Faktor, der bei diesen Fragebögen hinzukommt, ist, das persönliche Verständnis der sogenannten Items, die abgefragt werden. In den meisten Fällen handelt es sich um eine Aussage, wie beispielsweise: „Vieles von dem, was ich tue, bereitet mir Freude“. Diese Aussage soll dann von 1-5, z.B., also von „Ich stimme überhaupt nicht zu“ und „Ich stimme voll und ganz zu“, bewertet werden. Was wird nun aber als „Vieles“ bewertet?

Im generellen umfassen diese Fragebögen Aspekte wie das Wohlbefinden, die allgemeinen Lebenszufriedenheit, die sozialen Ressourcen, oder der Umgangsstrategien mit Stress.

Wie wir noch Resilienz messen können – der R-Score

Wenn wir uns nur auf die oben grob skizzierten Fragebögen verlassen würden, könnte man denken, Resilienz ist ein dichotomes Konstrukt: Entweder man hat sie, oder man hat sie nicht. Das lässt nicht nur den Blick auf das Prozesshafte von Resilienz außen vor, d.h. das wir mal mehr und mal weniger resilient sein können, sondern auch die Kontextabhängigkeit von Resilienz. Wir können uns an manche Gegebenheiten schneller anpassen als an andere und können in manchen Kontexten besser mit Stress umgehen als in anderen.

Resilienz_Die Kunst der Widerstandskraft_RezensionDiese Faktoren müssen ebenfalls beim Resilienz Messen beachtet werden. Aus diesem Grund haben die Forschenden des LIR (Leibniz-Institut für Resilienzforschung) den R-Score entworfen. Im aktuellen Buch von Dr. Donya Gilan und Dr. Isabella Helmreich: „Resilienz. Die Kunst der Widerstandskraft – Was die Wissenschaft dazu sagt“ skizzieren die Forscherinnen des LIR diesen R-Score.

Der R-Score soll eine Erfassung des Resilienz-Kontinuums ermöglichen, indem er:

  1. Die psychische Gesundheit vor und nach einem Stressor misst.
  2. Das individuelle Ausmaß der Stressorenlast berücksichtigt.

Im Gegensatz zu den häufig verwendeten Resilienz Tests, sei der R-Score „ein kontinuierliches Maß mit verschiedenen Abstufungen, das dazu genutzt werden kann, resiliente Verläufe zu charakterisieren“ (Gilan & Helmreich, 2021).

Resilienz zu Hause messen

Bei all den Verfahren, die es in der Forschung gibt und die noch entwickelt werden, müssen wir stets bedenken, dass es sich um Mittel zur wissenschaftlichen Erforschung der Resilienz handelt. Diese Untersuchungen sind wichtig, um zum einen eine Einheitlichkeit in der Forschung zu erreichen und weitere Forschungen mit bahnbrechenden Erkenntnissen für die Praxis zu ermöglichen.

Zum anderen ist die Forschung wichtig, um die Relevanz von Resilienz und ihren positiven Auswirkungen noch mehr in den Fokus zu rücken. Die Anerkennung eines solchen Themengebiets in der Forschung stärkt wiederum das Interesse, sich in weiteren Forschungen damit zu befassen und für die Menschheit nutzbar zu machen.

Was wir allerdings auch bedenken müssen, ist, dass Ihnen vor Ihrem Rechner oder Ihrem Smartphone weder die BRS noch der R-Score wirklich helfen, Ihre Resilienz zu überprüfen oder zu verbessern. Es handelt sich um Messinstrumente, die mittels statistischer Erhebung erst an Relevanz gewinnen. Für Ihren privaten Gebrauch bieten sich andere Mittel an, mit denen Sie Resilienz messen können.

Resilienz messen mit dem Executive FiRE-Index

Ein Tool, dass ich sehr empfehlen kann, ist der Executive FiRE-Index von Leadership Choices. Das Akronym FiRE steht dabei für Factors improving Resilience Effectiveness®. Auch bei diesem Tool handelt es sich um einen Fragebogen, der die Messung der Resilienzfaktoren (Traits) mit den Fähigkeiten zum Selbstmanagement (Habits) und mit dem aktuellen Wohlbefinden (State) kombiniert.

Obwohl es sich ebenfalls um einen Fragebogen handelt, hat dieses Messinstrument einen großen Vorteil: Sie erhalten die Auswertung verständlich und nachvollziehbar aufbereitet und können die Ergebnisse nutzen, um Ihre Resilienz gezielt in den zu fördernden Bereichen auszubauen.

Mehr dazu finden Sie HIER.

Resilienz messen mit der HRV

Ein weiterer Weg Ihre Resilienz zu messen, führt diesmal nicht über einen Fragebogen, sondern über den Körper. Dieses Tool hängt dementsprechend nicht von Ihrer Selbsteinschätzung ab, sondern liefert objektive körperliche Daten.

Mit der sogenannten Herzratenvariabilität (HRV) können Sie die Anpassungs- und Schwingungsfähigkeit Ihres Körpers messen – und damit Ihre Resilienz. Heutzutage brauchen Sie für eine Messung keine Krankenhaus-Ausrüstung, es gibt mittlerweile sehr akkurate mobile Messgeräte mit dazugehörigen Apps. Doch auch hier müssen Sie bei der Interpretation Einiges beachten.

Auf der einen Seite gibt es keinen Mittelwert, der für alle Menschen gleichermaßen gilt. Sie können Ihre HRV-Werte nur mit sich selbst vergleichen, um wirklich aussagekräftige Ergebnisse zu erkennen. Auf der anderen Seite bekommen Sie in den meisten Apps eine gewaltige Menge an Daten geliefert, die es zu interpretieren gilt. Achten Sie in den Beschreibungen darauf, welcher Wert für Ihre Messung relevant ist.

Wozu wir Resilienz messen

Ob nun die Forschung mit Fragebögen oder Scores, oder Sie zu Hause für sich Resilenz messen: In beiden Fällen steht ein Ziel dahinter. Wir messen Resilienz letztendlich, um Resilienz zu verbessern.

Durch die Forschung können übergeordnete Resilienzfaktoren ausfindig gemacht werden, die schließlich dazu beitragen, dass es wirkungsvollere Interventionen und Resilienztrainigngs geben kann. Je besser wir Resilienz und wie sie im Menschen wirkt verstehen, desto besser können wir sie stärken. Ebenso als Individuum – Je besser ich meine eigene Resilienz verstehe und meine Lernfelder entdecke, desto besser kann ich meine Resilienz stärken.

Wir messen Resilienz, damit wir als Menschen und als Gemeinschaft resilienter werden können. Doch das erfordert eben, dass es nicht schlicht beim Resilienz messen bleibt, sondern eben eine aktive Handlung darauffolgt. Wenn Sie nun also Ihre Resilienz unter den Prüfstand stellen wollen, lohnt es sich, um Anschluss zum Beispiel ein Resilienztraining zu besuchen, um gezielter und besser mit Ihren Stressoren umgehen zu können.


Sebastian Mauritz - Resilienz-AkademieSebastian Mauritz, M.A. Systemische Beratung, ist einer der führenden Resilienzexperten Deutschlands. Er ist 5-facher Fachbuchautor, Keynote-Speaker, Resilienz-Lehrtrainer, Systemischer Coach, war und ist Vorstand in vielen Coach- und Trainer-Verbänden und Unternehmer. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich individuelle Resilienz und Prosilienz®, resilienter Führung und Teamresilienz. Er ist Initiator des jährlichen Resilienz-Online-Kongresses, in dessen Rahmen er sich bereits mit über 150 weiteren Resilienzexpert:innen aus verschiedenen Disziplinen ausgetauscht hat (www.Resilienz-Kongress.de).

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