Adaptabilität und Resilienz – Kompetenzen der Zukunft

Adaptabilität ist der Kernfaktor des Menschen, um privat Krisen zu meistern und beruflich mit den Herausforderungen der VUCA-Welt umzugehen. Dabei hat der Begriff in den letzten Jahren eine steile Karriere hingelegt und wird mittlerweile als größter Erfolgsfaktor für Organisationen angesehen.

Hier bekommen Sie eine Übersicht über diese allumfassende Kernkompetenz und erfahren, wie Adaptabilität und Resilienz Ihnen zu mehr Wohlbefinden, Gesundheit und Erfolg verhelfen.

Warum ist Adaptabilität wichtig?

Wenn uns als Gesellschaft und als Individuen die Corona-Krise eines gelehrt hat, dann ist es die Notwendigkeit, sich schnell und effektiv anpassen zu können. Kreative Lösungen für ein unvorhergesehenes Problem sind elementar, um weiterhin handlungsfähig zu sein, anstatt Stress zu unterliegen.

Dabei ist Adaptabilität, also Anpassungsfähigkeit, nicht nur in akuten Krisensituationen wichtig. Denn wir leben in einer Welt, die volatil, unbeständig, komplex und ambig ist. Das bedeutet, wir sind im Berufsalltag permanent Unsicherheit ausgesetzt, die ohne angemessene Verhaltensweisen in Dauerstress und im schlimmsten Fall im Burn-out endet. Um mit den Herausforderungen dieser fordernden Welt umgehen zu können, müssen wir uns an bestimmte Situationen anpassen. Das gilt auch für ganze Organisationen. Der Markt wandelt sich stetig und das in einem rasenden Tempo. Organisationen müssen sich an Veränderungen anpassen, um konkurrenzfähig zu bleiben, statt obsolet zu werden.

Jeder Mensch besitzt bereits diese Chamäleon-Kompetenz. Zum Beispiel fällt es uns relativ leicht in Gegenwart unserer Eltern in die Rolle des Kindes zu schlüpfen – Das ist nur möglich durch unsere Fähigkeit zur Anpassung. Eine gesunde und Resilienz fördernde Adaptabilität bedeutet, dass wir allerdings auch die Rolle des Kindes verlassen können und wieder in unsere Erwachsene-Version kommen, um beispielsweise besser den eigenen Standpunkt zu vertreten.

Adaptabilität ist daher eine Kompetenz, die Individuen, Organisationen und gar ganze Gesellschaften für eine erfolgreiche Zukunft brauchen.

Adaptabilität ist die Chamäleon-Fähigkeit des Menschen. Flexibel anpassen an Umgebungen ist auch für uns kein Problem!

Was ist Adaptabilität?

Adaptabilität ist die Chamäleon-Kompetenz des Menschen. Wir haben die Fähigkeit, uns an Kontexte funktional anzupassen. Dabei können wir uns einerseits temporär anpassen, zum Beispiel bei Teamarbeit, und andererseits auch permanent, wie beim Durchleben einer Krise.

Definitionen von Adaptabilität

Wie bei Resilienz gibt es auch bei Adaptabilität nicht die eine, allumfassende Definition. Die American Psychological Association definiert Adaptabilität als „die Fähigkeit angemessen auf veränderte oder sich verändernde Situationen zu reagieren und das Verhalten entsprechend anzupassen“.

Steven Boylan und Kenneth Turner fügten im Journal of Leadership Education (2017) hinzu, dass die Verhaltensänderung charakterisiert sei durch innovative und kreative Lösungen, und dass Antizipation der Umweltveränderung ebenfalls ein maßgeblicher Teil der Anpassungsfähigkeit sei. In einer Studie zu „Adaptability and Learning“ (2012) erklärte Andrew Martin darüber hinaus, dass Adaptabilität die wichtigste Eigenschaft sei, um mit Wandel und Unsicherheit umzugehen, sowohl für das eigene Wohlbefinden als Individuum als auch für den Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen als Unternehmen.

In Bezug auf Anpassungsfähigkeit wird ebenso gerne der berühmte Naturwissenschaftler Charles Darwin genannt. Hierbei wird fälschlicherweise zitiert: „Weder die intelligenteste noch die stärkste Spezies überlebt, sondern die angepassteste“. Dieses Zitat findet sich allerdings nicht in seine bedeutenden Werk „Die Entstehung der Arten“. Vielmehr lehnt die Theorie der natürlichen Selektion an die Theorie „Survival of the fittest“ von Herbert Spencer an.

Auch wenn Darwin nicht wortwörtlich gesagt hat, dass Anpassung das wichtigste Merkmal zum Überleben ist, so lässt sich die Kernaussage durchaus auf Adaptabilität übertragen: Wir müssen uns anpassen, um Krisen zu überleben oder als Organisation am Markt Bestand zu haben.

Dimensionen der Anpassungsfähigkeit

Die Autoren E. Pulakos, S. Arad, M. Donovan und K. Plamondon veröffentlichten 2000 eine Studie zur „adaptive job performance“, in der sie acht Dimensionen der Adaptabilität herausstellten. Menschen mit einer hohen Adaptabilität zeigen:

Krisenmanagement: Sie analysieren Optionen objektiv und treffen schnell Entscheidungen.

Stresstoleranz: Sie bleiben in belastenden Situationen gelassen.

Problemlösekompetenz: Sie finden innovative Lösungen für komplexe Probleme.

Ambiguitätstoleranz: Sie können Unsicherheit akzeptieren und bleiben dennoch handlungsfähig.

Lernbereitschaft: Sie zeigen Begeisterung für neue Arbeitsweisen und Technologien.

Persönliche Anpassungsfähigkeit: Sie begegnen anderen Meinungen offen und hinterfragen auch eigene Ansichten.

Kulturelle Anpassungsfähigkeit: Sie treten anderen Kulturen, Gruppen und Werten neugierig gegenüber.

Körperliche Anpassungsfähigkeit: Sie sind bereit, sich anzustrengen und physisch auch an (nicht über) ihre Grenzen zu gehen.

Individuelle und organisationale Anpassungsfähigkeit

Wie bereits erwähnt, verfügt nicht nur jeder einzelne von uns über diese Chamäleon-Kompetenz sich an verändernde oder veränderte Situationen anzupassen. Auch ganze Systeme, wie ein Unternehmen, verfügt über Adaptabilität. Das ist auch wichtig, denn nur so schaffen Unternehmen es erfolgreich zu bleiben in Zeiten von Disruption, Globalisierung, Digitalisierung und demografischem Wandel.

Natürlich ist ein Unternehmen nur so stark wie seine Mitarbeitenden, daher ist individuelle Adaptabilität die Basis eines flexiblen Unternehmens. Insbesondere die Anpassungsfähigkeit von Führungskräften nimmt eine zentrale Rolle bei der Stärkung von Adaptabilität im Unternehmen ein. Allerdings ist hierbei auch die Unternehmenskultur und das Businessmodell von großer Bedeutung, wenn es darum geht, wie anpassungsfähig eine Organisation in Krisenzeiten oder Veränderungsprozessen ist.

Wie funktioniert Anpassung?

Im Sport funktioniert Adaption durch die Näherung an die Belastungsgrenze über einen längeren Zeitraum hinweg. Je öfter man an seine Belastungsgrenze geht, desto mehr verschiebt sich diese Grenze nach oben. Mit anderen Worten sorgen stärkere Reize und Zeit für eine höhere Belastbarkeit. Bei der kognitiven Adaptabilität, die im Zusammenhang mit Resilienz steht, funktioniert Adaptation ähnlich. Nur, dass es hierbei um das stetige Erweitern der Komfortzone (in Analogie zur Belastungsgrenze) geht.

Die Komfortzone ist der Punkt, von dem aus die Anpassung stattfindet. Sie ist eingebettet in den einen bestimmten Kontext, zudem auch die Rollen und Rollenerwartungen in dem jeweiligen Kontext gehören. Er bestimmt letztendlich, wie schnell, präzise und stark wir uns anpassen können oder müssen.

Langfristige Adaptation

Das Lernen aus Krisen ist eine langfristige Adaptation. Wir reagieren mit einer Verhaltensänderung auf eine Veränderung und passen uns dadurch den neuen Umständen an. Unser Gehirn lernt neue Dinge, indem das Nervensystem sich strukturell und funktional anpasst: Man bezeichnet diese Fähigkeit als Neuroplastizität. Wenn wir eine Krise erleben, und Muster anwenden, die uns beim Umgang mit den Emotionen, dem Stress und den Problemen verbunden mit der Krise helfen, entstehen neue synaptische Verbindungen im Gehirn und wir passen uns psychisch wie physisch an das Erlebte an. So überstehen wir die Krise erfolgreich und haben neue Verhaltensmuster für die nächste Krise geschaffen.

Langfristige Adaptabilität beschreibt auch das Antizipieren möglicher Probleme. Wenn wir mit Veränderungen und Krisen rechnen, schaffen wir es uns schneller mit ihnen auseinander zu setzen und gute Lösungen zu finden. Langfristige Anpassung kann demnach reaktiv, aber auch proaktiv sein.

Kurzzeitige Adaptation

Kurzzeitige Anpassung dagegen ist vornehmlich reaktiv. Hierbei geht es um die Anpassung an verschiedene Kontexte. Zum Beispiel wird eine sehr Harmonie-bedachte Person sich eher schwer tun Konfliktgespräche zu führen. Die Person braucht also Energie, um sich der Situation anzupassen. Je höher die Adaptabilität, desto weniger Energie bedarf es, und die Person kann sich schneller und präziser anpassen. Um letztendlich wieder zurück in die Komfortzone, also den ‚Normalzustand‘ zu gelangen, bedarf es der Regulation.

Die kurzzeitige Adaptation an bestimmte Situationen ist durch die Oszillation gekennzeichnet. Wir oszillieren stetig zwischen Anstrengung und Entspannung, damit wir uns anpassen können und gleichzeitig ein stabiles Ich bewahren. Wer sich nur anpasst, verliert den Kontakt zu den eigenen Werten. Wer sich dagegen nie anpasst, wird in dieser schnelllebigen, komplexen und ambigen Welt nicht weit kommen. Für eine starke Resilienz, die Widerstandskraft gegen Stress, Probleme und Krisen, brauchen wir Adaptation, Regulation und die stetige Oszillation zwischen den beiden Polen Anstrengung und Entspannung.

Wie lässt sich Adaptabilität trainieren?

Adaptabilität lässt sich ebenso ein Leben lang trainieren und ausbauen wie Resilienz. Obwohl jeder Mensch sich bereits anpassen kann, kann eine hohe Adaptabilität darüber entscheiden, wie gesund wir aus Krisen hervorgehen, wie viel wir Lernen und wie gut wir auf Unvorhergesehenes in Zukunft reagieren können. Daher ist es sinnvoll, seine eigene Adaptabilität zu steigern und/oder Adaptabilität im Unternehmen zu fördern.

Der Adaptabilitätsquotient (AQ)

In Analogie zum Intelligenzquotienten (IQ) und der emotionalen Intelligenz (EQ) lässt sich auch der AQ ermitteln – der Adaptabilitätsquotient. Mit ihm wird bemessen, wie anpassungsfähig ein Mensch ist. Die erste Nennung des AQ war 2010 in einem Artikel von Stuart Parkin. In ihrem TED Talk teilte Natalie Fratto, Vizepräsidentin bei Goldman Sachs, 2019 ihre drei Kriterien, um den AQ bei Gründern festzustellen:

  1.  „Was-wäre-wenn“-Fragen: Hierbei geht es darum, nicht auf Vergangenes zu schauen, sondern herauszufinden, wie gut Menschen dazu in der Lage sind ihre Erfahrungen auf unbekannte Szenarien anzuwenden.
  2.  Zeichen von „Unlearning“ erkennen: Wie gut ist der Mensch in der Lage, sich nicht auf Bekanntem auszuruhen, sondern stets nach neuen Informationen zu suchen und den Horizont zu erweitern.
  3. Erkunden über Ausbeuten stellen: Wie sehr sind Menschen daran interessiert, neue Wege zu gehen, statt bereits bekannte Geldquellen zu „melken“.

Den AQ erhöhen

Claus Otto Scharmer stellte 2007 in seinem Buch „Theory U: Leading from the Future as It Emerges“ drei grundlegende Prämissen vor, um den AQ zu erhöhen:

  • Offen sein für neue Möglichkeiten und andere Sichtweisen.
  • Offen sein für Situationen und Meinungen anderer.
  • Ego loslassen und lernen, mit dem unkomfortablen Unbekannten umzugehen.

Diese Prämissen gelten insbesondere für die individuelle Adaptabilität. Schließlich ist sie auch die Grundlage die Adaptabilität im Unternehmen zu steigern. Führungskräften kommt dabei die besondere Rolle des Vorbilds zu. Adaptabilität bei Mitarbeitenden zu fördern erfordert neben einer flexiblen Unternehmenskultur das Vorleben der eigenen Adaptabilität und das Ermutigen neue Ideen, Möglichkeiten und Perspektiven zu erforschen. Nur so können Unternehmen sich auf Unvorhersehbares vorbereiten.

Lesen Sie mehr zum AQ im Artikel: Der Adaptabilitätsquotient (AQ) – der Erfolgsfaktor

Adaptabilität und Resilienz – Stark für die Zukunft

Wie hängen Adaptabilität und Resilienz nun zusammen? Resilienz ist die Fähigkeit gestärkt aus Krisen hervor zu gehen. Adaptabilität ist zum einen ein Teil der Resilienz, da wir durch eine starke Resilienz aus der Komfortzone in die Lernzone treten und uns dadurch dauerhaft weiterentwickeln und anpassen können. Zum anderen ist Adaptabilität die Voraussetzung für das klassische Verständnis der Resilienz als Wachstum aus Krisen. Denn nur wer sich anpassen kann, wird Krisen gesund überstehen und daraus lernen können.

Adaptabilität ist der Erfolgsfaktor, sowohl für das eigene Wohlbefinden auf privater Ebene wie auch als Wettbewerbsvorteil auf beruflicher Ebene. Menschliche Chamäleons werden nicht überfordert durch die VUCA-Welt, sondern bleiben durch ihre Anpassungsfähigkeit flexibel im Umgang mit Problemen und Stress.

Dabei ist Resilienz die Meta-Kompetenz für eine hohe Adaptabilität. Wir brauchen eine starke Resilienz für die Regulation und Regeneration. Außerdem sind ausgeprägte Resilienzfaktoren wichtig, um die Komfortzone durch Adaptation zu erweitern. Voraussetzung hierfür ist der Grundsatz der Resilienz:

Was immer du tust, tue es aus einem guten Zustand heraus!


Sebastian Mauritz, M.A. Systemische Beratung, ist einer der führenden Resilienzexperten Deutschlands. Er ist 5-facher Fachbuchautor, Keynote-Speaker, Resilienz-Lehrtrainer, Systemischer Coach, Vorstand in vielen Coach- und Trainer-Verbänden und Unternehmer. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich individuelle Resilienz und Prosilienz®, resilienter Führung und Teamresilienz. Im Jahr 2020 hat er den ersten Resilienz-Online-Kongress initiiert und hat sich in diesem Rahmen mit über 50 anderen Resilienz-Expert*innen ausgetauscht (www.resilienz-kongress.de).

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