Harmoniesucht – der innere Antreiber „Mach es allen recht“

Wie oft sagen Sie „Nein“? Wessen Bedürfnisse erfüllen Sie, bevor Sie an Ihre eigenen denken? Der innere Antreiber „Mach es allen recht“ sorgt dafür, dass wir sehr viel an die Bedürfnisse anderer denken, Konflikte vermeiden und uns möglichst anpassen. Der Anspruch, es allen immer recht zu machen setzt uns dabei jedoch enorm unter Druck. Denn was dem einen recht ist, passt dem anderen nicht. Die eigenen Gefühle und Bedürfnisse fallen generell hinten runter.

So laden wir uns Aufgaben auf, die wir eindeutig nicht stressfrei bewältigen können, nur weil uns jemand darum gebeten hat. Und da wir uns nicht vierteilen können, kommt es mit diesem inneren Antreiber regelmäßig zur Überforderung. Im Grunde sind Eigenschaften wie Selbstlosigkeit und Hilfsbereitschaft sehr lobenswert – doch hierbei passt der Spruch: „Die Dosis macht das Gift“.

Der Antreiber „Mach es allen recht“ und seine Folgen

„Mach es allen recht“ ist einer der fünf inneren Antreiber, die sich auf unser Handeln, Denken und Fühlen auswirken. Es gibt darüber hinaus noch die Antreiber „Sei perfekt“, „Sei stark“, „Mach schnell“ und „Streng Dich an“. Sie funktionieren wie eine Stimme im Kopf, die bestimmte Glaubenssätze immer wiederholt und eine starke Motivation bildet. Bei dem Antreiber „Mach es allen recht“ sagt die Stimme: „Ich werde nur dann akzeptiert und bekomme Anerkennung, wenn ich es allen recht mache“. Die Hauptmotivation liegt also darin, gefällig zu sein. Doch das kann Vorteile und Nachteile haben.

Was ist der innere Antreiber „Mach es allen recht“?

Im Fall des inneren Antreibers „Mach es allen recht“ kann man von Harmonieliebe oder gar Harmoniesucht sprechen. Denn Menschen mit diesem aktiven Antreiber versuchen um jeden Preis alle um sich herum zufrieden zu stellen. Sie kümmern sich zuallererst um fremde Bedürfnisse, auch wenn sie diese gar nicht wirklich kennen. Zu dem Antreiber gehört auch Hilfe da geben zu wollen, wo sie gar nicht gebraucht oder gewollt wird.

Wie bei den anderen inneren Antreibern hat „Mach es allen recht“ seine Wurzeln zumeist in der Kindheit. Oft nehmen wir die Erwartungen unserer Eltern oder wichtiger Bezugspersonen auf und entwickeln so unsere Hauptantreiber. Das heißt, besonders Menschen, von denen große Höflichkeit in der Kindheit erwartet wurde oder die Liebe erst dann erfahren haben, wenn sie sich untergeordnet haben, entwickeln einen starken „Mach es allen recht“ Antreiber.

Menschen mit einem aktiven Antreiber erkennt man besonders an den vielen zustimmenden Gesten. Dazu gehören häufiges Lächeln und ständiges Nicken. Ebenso wie Redewendungen, um Anpassung zu signalisieren, z.B. „Nicht wahr?“, „Wie siehst du das so?“ und „Wie du magst“.

Vorteile der Harmonieliebe

Menschen mit diesem inneren Antreiber sind meist sehr empathisch. Empathie ist eine wichtige Fähigkeit beim Aufbau und Pflegen von Beziehungen. Aus ihnen schöpfen wir Kraft und können so auch stark bei Problemen und Krisen sein. Hilfsbereitschaft, Teamfähigkeit und Kompromissfähigkeit sind die großen Vorteile der Harmonieliebe, besonders im Umgang mit Kollegen und Kolleginnen.

Mit dem Antreiber geht eine hohe soziale Kompetenz einher. Loyalität, Selbstlosigkeit und Bescheidenheit sind darüber hinaus weitere Pluspunkte einer harmonieliebenden Persönlichkeit.

Nachteile der Harmoniesucht

Doch die ganzen positiven Aspekte des Antreibers haben auch eine Schattenseite. Die Harmonieliebe kann auch in Harmoniesucht umschlagen. Das bedeutet, Konflikte werden so gut wie möglich vermieden, auch wenn gar nicht sicher ist, ob ein Konflikt entstehen würde.

Ein Beispiel: Das Radio eines Kollegen stört Sie bei der Konzentration. Statt ihn zu bitten, das Radio auszustellen oder mit Kopfhörern zu hören, erdulden Sie die Störung lieber. Denn Sie wollen Ihrem Kollegen bloß nicht auf den Schlips treten, auch wenn Sie darunter leiden.

Menschen mit diesem Antreiber ordnen sich unter und passen sich an, ohne die eigenen Bedürfnisse zu berücksichtigen. Oft teilen sie auch den anderen Menschen im Umfeld die eigenen Wünsche nicht mit. Das führt oft zu Enttäuschung und Frust, da auf sie keine Rücksicht genommen werden kann.

Mit einem aktiven Antreiber übernehmen wir schnell für andere die Verantwortung und sagen nicht „Nein“ zu Aufgaben und Bitten – obwohl uns das gut tun würde. Das führt leicht zur Überforderung und damit zu Stress. Es allen recht machen zu wollen zerrt an den Nerven, insbesondere, wenn wir das eigene Wohlbefinden und wichtige Ruhepausen ignorieren.

Wie Gefälligkeit uns stresst

Der innere Antreiber „Mach es allen recht“ ist keine Schwäche des eigenen Charakters oder der Identität. Menschen mit diesem Antreiber haben durchaus Meinungen und Empfindungen, sie stellen diese nur hinten an. Sie bewerten das Wohlbefinden und die Standpunkte anderer als wichtiger.

Besonders in Verbindung mit dem Antreiber „Sei perfekt“ wird dieser Antreiber zu einem Krafträuber. Denn nicht nur die eigenen Ansprüche zu 100% zu erfüllen, sondern auch noch die aller um einen herum, ist eine Sisyphusarbeit. Überforderung, Frust und Ärger sind dann die Folgen.

Einer für Alle und Keiner für Einen

Selbstaufopferung steht an der Tagesordnung für Menschen mit einem ausgeprägten „Mach es allen recht“ Antreiber. Stress ist dabei garantiert, denn die Grenzen des Menschen sind limitiert. Doch für jeden Menschen hat der Tag nur 24 Stunden. Das bedeutet, wir können uns auch nur in einer begrenzten Zeit um begrenzt viele Probleme kümmern. Wenn dann die Probleme der anderen zu den eigenen kommen, fehlen am Ende des Tages wertvolle Regenerationszeiten, um den nächsten Tag kraftvoll zu bestreiten. Auf Dauer laugt das soweit aus, dass es sogar zum Burn-out kommt.

Dass wir die eigenen Bedürfnisse als wenig wichtig betrachten, verursacht auf eine weitere Art Stress. Denn wir teilen so auch unserer Umwelt diese Bedürfnisse nicht mit. Menschen mit dem Antreiber „Mach es allen recht“ nehmen sehr viel Rücksicht auf alle anderen und erwarten dann ebenso, dass auf sie Rücksicht genommen wird. Da sie ihre Wünsche und Bedürfnisse allerdings nicht äußern, kann auch niemand darauf eingehen. Das Resultat emotionaler Stress.

Zwickmühlen vorprogrammiert

Menschen mit diesem inneren Antreiber leben im Grunde genommen permanent mit Zwickmühlen. Denn sie versuchen stets verschiedene Bedürfnisse und Wünsche unter einen Hut zu bringen. Sie wollen Konflikte vermeiden und sind darauf bedacht, allen Seiten gerecht zu werden. Sich für eine Seite zu entscheiden bzw. sie zu priorisieren fällt ihnen daher besonders schwer.

Für Führungskräfte entwickelt sich hieraus ein besonderes Problem. Schließlich haben sie die Verantwortung auch unangenehme Aufgaben zu erfüllen und zu delegieren. Sie müssen Entscheidungen treffen, mit denen einige Mitarbeiter nicht zufrieden sein werden, egal, wie sie sich entscheiden. Diese Zwickmühlen verursachen Stress. Denn jemanden ab- oder zurückzuweisen steht entgegen ihrem Glaubenssatz nur dann wertvoll zu sein, wenn sie es allen recht machen. Zwickmühlen belasten dann zusätzlich den Selbstwert.

Antreiber-Stress lösen mit Resilienz

Antreiber sind regelrechte Krafträuber. Obwohl sie gute und nützliche Eigenschaften in sich verankern, können sie auch Stress auslösen. Und das bedroht die physische und mentale Gesundheit. Resilienz ist der flexible Schutzschild gegen Stress, sodass Sie Ihren Antreiber kontrollieren können. Die guten Seiten der inneren Haltung bleiben bestehen, doch wenn der Antreiber Stress auslöst, wissen Sie diesen herunter zu regulieren und den Antreiber zu deaktivieren.

Den inneren Antreiber „Mach es allen recht“ erkennen

Um die Kontrolle über den eigenen Antreiber zu gewinnen ist es wichtig, ihn erst einmal im Alltag zu erkennen. Sich selbst zu beobachten und zu erspüren, was gerade Stress verursacht, ist eine wertvolle Fähigkeit in diesem Prozess. Fragen Sie sich hierzu folgendes:

  • Wie häufig stimmen Sie anderen zu, obwohl Sie anderer Meinung sind?
  • Wann und bei wem fällt es Ihnen besonders schwer „Nein“ zu sagen?
  • In welchen Situationen halten Sie absichtlich Ihre Meinung zurück?

Zudem können Sie in Ihrem Alltag Ihre Sprache überprüfen. Menschen mit aktivem Antreiber benutzen häufig Zustimmende Phrasen, aber auch Wörter wie „eigentlich“ und „vielleicht“.

Ein wichtiger Wegweiser beim Erspüren des Antreibers ist die Frage: „Würden Sie das, was Sie gerade tun, genau so machen, wenn es nur nach Ihnen ginge?“

 

Ein „Nein“ zu anderen ist ein „Ja“ zu sich selbst

Einer der größten Stressbeförderer im Zusammenhang mit „Mach es allen recht“ ist die fehlende Fähigkeit überzeugt „Nein“ zu sagen. Viel zu oft werden Bitten berücksichtigt und Aufgaben übernommen aus Angst vor einer Ablehnung. Das resultiert aus dem Wunsch Zuneigung und Wertschätzung zu wahren und Konflikte oder Zurückweisung zu vermeiden.

Dabei ist ein „Nein“ auch immer ein „Ja“ zu sich selbst. Denn der Grund für das „Nein“ liegt darin, einen eigenen Wert oder das eigene Wohlbefinden zu schützen. Wenn wir mit uns selbst gut umgehen, unseren Körper und Geist pflegen, können wir auch mit unseren Ressourcen besser für andere da sein. Jeden halbherzig abzufrühstücken, oder auf dem Zahnfleisch zu gehen, bringt weder Ihnen noch Ihrer Umgebung etwas.

„Nein“ sagen erfordert Übung, besonders, wenn man selbst und das eigene Umfeld nicht daran gewohnt ist. Es ist also wichtig, das „Nein“ überzeugend zu sagen und es zu erklären, ohne sich selbst zu rechtfertigen.

Den Antreiber „Mach es allen recht“ mit Erlaubern lösen

Erlauber sind innere Haltungen, die den Glaubenssätzen des Antreibers die Kraft nehmen und positiv umdeuten. Mit den Erlaubern nehmen wir uns selbst den Erwartungsdruck und kommen so zu mehr Entspannung. Mit einer hohen Resilienz und einer trainierten Akzeptanz fällt es oft leichter, die Erlauber in den Alltag zu integrieren.

Passende Erlauber für den Antreiber „Mach es allen recht“ können sein:

  • „Ich darf Nein sagen“
  • „Ich muss nicht bei allen beliebt sein, um wertvoll zu sein“
  • „Meine eigenen Bedürfnisse und Wünsche sind auch wichtig“
  • „Ich darf mir Zeit für mich nehmen“
  • „Ich darf mich anderen zumuten“

Die Erlauber können Sie individuell anpassen, sodass Sie sich auf Ihren persönlichen Antreiber anwenden lassen. Wann immer Sie Stress aus Harmoniesucht erfahren, können Sie diesen mit den Erlaubern herunter regulieren.


Sebastian Mauritz, M.A. Systemische Beratung, ist einer der führenden Resilienzexperten Deutschlands. Er ist 5-facher Fachbuchautor, Keynote-Speaker, Resilienz-Lehrtrainer, Systemischer Coach, Vorstand in vielen Coach- und Trainer-Verbänden und Unternehmer. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich individuelle Resilienz und Prosilienz®, resilienter Führung und Teamresilienz. Im Jahr 2020 hat er den ersten Resilienz-Online-Kongress initiiert und hat sich in diesem Rahmen mit über 50 anderen Resilienz-Expert*innen ausgetauscht (www.resilienz-kongress.de).

 

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