Ohne Fleiß, kein Preis? – Der innere Antreiber „Streng Dich an“

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Der Gedanke, wer sich besonders anstrengt kommt auch besonders weit, hat sich mittlerweile in die gesamte Mentalität der Gesellschaft eingeschlichen. Schon in der Schule bekommen wir vermittelt, dass viel lernen auch zu guten Noten führt. Daraus resultiert der innere Antreiber „Streng Dich an“.

Fleiß und Ausdauer sind wertvolle Tugenden, doch sie können auch schnell in Stress ausarten. Insbesondere dann, wenn wir über die Mühe unseren Selbstwert definieren. Was der innere Antreiber bewirkt und wie Sie sich auch ohne Selbstgeißelungspeitsche gut finden können lesen Sie hier.

Der innere Antreiber „Streng Dich an“ und seine Folgen

Permanente Anstrengung ist für Körper und Geist auf Dauer zu anstrengend. Das mag zwar banal klingen, doch die Aussage kann nicht treffender sein. Die mentale Haltung, dass nur Mühe und Fleiß ein gutes Ergebnis erbringen würden, sorgt für stetiges Ausreizen unserer Kraftreserven. Das Fatale dabei ist, dass der innere Antreiber uns vorgaukelt er sei nicht der Auslöser für Stress, sondern seine Lösung.

Was ist der innere Antreiber „Streng Dich an“?

Innere Antreiber funktionieren wie kleine Stimmen im Kopf. Sie sind Glaubenssätze, die wir aus unserer frühen Kindheit verinnerlicht haben. Der Psychiater und Entwickler der Transaktionsanalyse Eric Berne stellte fünf innere Antreiber heraus, die unser Handeln, Denken und Fühlen bestimmen, wenn sie aktiv sind. Neben „Streng Dich an“ sind das: „Sei perfekt“, „Sei stark“, „Mach es allen recht“ und „Mach schnell“. Eigentlich sind diese Antreiber positive Eigenschaften. Sich Mühe geben zu wollen ist schließlich nicht verkehrt.

Die Kehrseite der Medaille ist aber, dass wir glauben alle Probleme durch puren Fleiß lösen zu können. Wenn etwas nicht funktioniert, dann liegt das bloß daran, dass wir noch nicht genug Anstrengung investiert haben. Das löst nur noch mehr Druck und Belastung aus. Wobei wir mit einem anderen Ansatz vielleicht viel schneller und einfacher ans Ziel gelangen würden.

Jeder Mensch hat diese fünf inneren Antreiber in sich, doch nicht alle sind gleich stark ausgeprägt. Menschen mit dem Antreiber „Streng Dich an“ folgen dem Bedürfnis Aufgaben um jeden Preis zu erledigen. Von Außenstehenden wird diese Eigenschaft schnell als Verbissenheit gedeutet. Das führt dazu, dass sie oft Hilfe angeboten bekommen. Doch Hilfsangebote sind für Menschen mit dem aktiven Antreiber nur ein Zeichen dafür, sich noch mehr anzustrengen.

Vorteile von Fleiß

Fleiß, Eifer und Strebsamkeit sind allesamt keine schlechten Eigenschaften. Menschen mit dem inneren Antreiber „Streng Dich an“ sind meistens pflichtbewusst, gründlich und haben ein großes Durchhaltevermögen. Das heißt auch, sie geben bei Herausforderungen nicht so schnell auf und erfahren dadurch auch eher Erfolgserlebnisse.

Gerade bei langfristigen Aufgaben ist diese mentale Einstellung von Vorteil, denn die Beharrlichkeit sorgt dafür, dass auch unangenehme Aufgaben mit der nötigen Gründlichkeit durchgeführt werden. Außerdem trägt gerade diese Disziplin auch zum Großteil zum persönlichen und beruflichen Erfolg bei.

Nachteile von permanenter Anstrengung

Allerdings kann der innere Antreiber in Teams hinderlich sein. Zum einen geht hier in der Regel die Quantität vor der Qualität. Die Hauptsache ist, der Lösungsweg war auch richtig schön anstrengend, auch wenn es nicht der Beste war. Zum anderen erwarten sie die gleiche Bemühung auch von den anderen Menschen, sodass es bei Teamarbeit zu Konflikten oder zur Frustration kommt.

Ein anderer Nachteil ist die Auswirkung auf den Körper, den diese innere Haltung mit sich bringt. Permanente Anstrengung äußert sich dann in Muskelverspannungen und Haltungsschäden. Menschen mit einem aktiven Antreiber lassen sich von außen unter anderem an einer gerunzelten Stirn, geballten Fäusten oder belegter, gepresster Stimme erkennen.

Zudem bedingt der Antreiber, dass Erfolge nicht genügend wertgeschätzt werden. Denn das Ziel ist die Anstrengung und nicht die eigentliche Erfüllung einer Aufgabe. Sich ausruhen und belohnen kommt für „Streng Dich an“-Menschen selten in die Tüte.

Wie innere Anstrengung uns stresst

Der Hauptgedanke bei dem inneren Antreiber „Streng Dich an“ ist, nur der harte Weg sei der richtige Weg. Der Antreiber, also die innere Stimme, verspricht, dass man alles schaffen könne, wenn man sich nur genug anstrengt. „Ohne Fleiß, kein Preis“, wie man im Volksmund sagt. Doch der Preis für den Antreiber ist nicht das Ziel, sondern möglichst viel Anstrengung.

Wenn Anstrengung zum Teufelskreis wird

Für gewöhnlich strengen wir uns dann besonders an, wenn wir ein konkretes Wunschziel vor Augen haben. Mit diesem Glaubenssatz strengen sich Menschen aber generell bei Allem und immer an. Das heißt, sie verwenden für jede Aufgabe des Tages sehr viel Energie. Das schafft der Körper nicht lange. Denn wir brauchen Zeit zur Regeneration, um unsere Kraftreserven regelmäßig zu füllen.

Wenn wir uns diese Pause nicht gönnen, beziehungsweise alles als Mammutaufgabe bewerten, geraten wir sehr schnell in Dauerstress. Das hat Auswirkungen auf unser mentales und physisches Immunsystem und führt auf lange Sicht unweigerlich zur Krankheit.

Ein weiterer Faktor, der diese Fleiß-Einstellung zu einer Abwärtsspirale macht, ist der stetig steigende Druck. Leistung, Anstrengung und Wert sind bei diesem Glaubenssatz eng miteinander verknüpft. Menschen schätzen sich als wertvoll ein, wenn sie sich besonders große Mühe gegeben haben. Hierfür ist die Einstellung „Was leichtfällt, ist verdächtig“ verantwortlich.

Druck erzeugt Gegendruck

Menschen mit dem Antreiber „Streng Dich an“ sehen in allen Situationen Druck. Und das bedeutet, sie antworten darauf mit noch mehr Druck – also mit Anstrengung. An jeder Ecke lauert das nächste Problem oder die nächste Krise. Und dieser Gedanke löst eine permanente Stressreaktion aus. Der gefühlte Leistungsdruck von außen führt zu permanenter innerer Anspannung, die im schlimmsten Fall mit einem Burn-out endet.

Die Ausprägungen des inneren Drucks haben viele Facetten. So sieht man Menschen mit dem Antreiber den Willen, immer alles zu geben, nicht zwangsläufig direkt an. Sie benutzen häufig das Wort „versuchen“. Hier spricht dann der innere Anspruch aus den Menschen, der sagt, man könne sich immer weiter anstrengen, sodass im Grunde alles lediglich ein Versuch bleibt.

Mit Resilienz innere Anspannung lösen

Fleiß wird in der heutigen Berufswelt sehr geschätzt. Das führt immer mehr dazu, dass wir Antreiber wie „Streng Dich an“ und den damit zusammenhängenden Stress zulassen. Für mehr Zufriedenheit und Wohlbefinden ist es sinnvoll, auf resiliente Art und Weise den aktiven Antreiber zu lösen. Resilienz stärkt unser mentales Immunsystem und so auch unsere Abwehrkraft gegen Stress.

Den inneren Antreiber würdigen

Glaubenssätze sind ein Teil von Ihnen. Sie lassen sich nicht von heute auf morgen einfach abstellen. Mit einer hohen Resilienz gelingt es Ihnen allerdings eher zu erkennen, dass gerade ein Antreiber besonders aktiv ist. Damit ist der erste Schritt getan in Richtung Stressregulation.

Der zweite Schritt ist es nun, den Antreiber zu würdigen. Denn er repräsentiert auch positive Eigenschaften an Ihnen. Sie sind besonders ausdauernd und bleiben auch bei Rückschlägen am Ball. Genau das ist eine der wichtigsten Fähigkeiten der Resilienz. Das dürfen Sie bei sich selbst ruhig bemerken und auch loben. Denn ein guter Kontakt mit sich selbst verhindert, dass Selbstvorwürfe und Schuldzuweisungen das Wohlbefinden beeinträchtigen.

Den inneren Antreiber mit Erlaubern lösen

Wenn Sie den Antreiber und den durch ihn verursachten Stress erkannt haben, können Sie diesen selbst herunterregulieren. Und das funktioniert über sogenannte Erlauber. Sie sind der Gegenpart zu den Glaubenssätzen, die in dem Antreiber verankert sind. Mit folgenden Erlaubern schaffen Sie es, sich selbst den Leistungsdruck zu nehmen:

  • „Ich darf Spaß an der Arbeit haben“
  • „Ich darf auch den leichten Weg nehmen“
  • „Auch wenn mir etwas leichtfällt, ist es wertvoll“
  • „Ich darf meine Erfolge genießen“
  • „Ich darf mit Gelassenheit an Aufgaben herangehen“
  • „Ich darf Pausen machen“

Wenn der Weg mal nicht steinig und schwer ist…

„Von nichts kommt nichts“ ist ein typischer Satz von Menschen mit dem inneren Antreiber „Streng Dich an“. Doch das Leben fällt so viel leichter, und der Körper arbeitet übrigens auch sehr viel besser mit, wenn wir nicht jede Aufgabe als Mauer auf unserem Weg betrachten.

Es ist ein Prozess seinen Blickwinkel zu verändern. Es braucht Übung Hilfe auch mal anzunehmen, statt sie als weiteren Ansporn zu verstehen. Es braucht Zeit die eigenen Körpersignale zu erkennen, wenn ein Antreiber aktiv ist. Seine Resilienz zu stärken begleitet diesen Prozess und vereinfacht eine Haltungsänderung. Das unterstützt Sie dabei, in Zukunft den bekannten steinigen Weg bergauf zu verlassen, und stattdessen lieber den kurzen und einfachen Weg zu gehen – Für Ihr Wohlbefinden, Ihre Entspannung und Ihre Gesundheit.


Sebastian Mauritz, M.A. Systemische Beratung, ist einer der führenden Resilienzexperten Deutschlands. Er ist 5-facher Fachbuchautor, Keynote-Speaker, Resilienz-Lehrtrainer, Systemischer Coach, Vorstand in vielen Coach- und Trainer-Verbänden und Unternehmer. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich individuelle Resilienz und Prosilienz®, resilienter Führung und Teamresilienz. Im Jahr 2020 hat er den ersten Resilienz-Online-Kongress initiiert und hat sich in diesem Rahmen mit über 50 anderen Resilienz-Expert*innen ausgetauscht (www.resilienz-kongress.de).

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