Divergentes Denken

Stress entsteht oft dann, wenn wir keine Lösung für Probleme finden. Leider führt das regelrecht in einen Teufelskreis, denn unter Stress fällt es uns gleichzeitig auch sehr schwer, neue Lösungen zu suchen. Wir haben dann einen so starken Problemfokus, was das Stressempfinden nur noch verstärkt. Resilienz ist jene Kompetenz, die uns vor genau so einer Abwärtsspirale schützt – aber wie genau?

Eine Möglichkeit, Stress zu vermeiden, ist das divergente Denken. Es stützt den Schutzfaktor der Lösungsorientierung und ist damit ein wichtiger Bestandteil der Resilienz. Um die Frage zu klären, wie das nun genau funktioniert, müssen wir uns zunächst anschauen, was divergentes Denken eigentlich ist.

Was ist divergentes Denken?

Divergentes DenkenIm alltäglichen Sprachgebrauch würden wir es als „um die Ecke denken“ beschreiben. Es ist die Art, offen, unsystematisch und experimentierfreudig an eine Aufgabe oder auch Herausforderung heranzugehen. Das Gegenteil hierzu ist das konvergente Denken, das wir sehr oft in unserem Alltag finden. Allzu gerne gehen wir an Aufgaben analytisch ran, denken in Ursache-Wirkungs-Dimensionen und bauen auf Logik. Allerdings führt das oft zu Blockaden, wenn wir so nicht direkt auf eine passende Lösung stoßen. Oder nach der einen absoluten Lösung suchen.

Der Begriff wurde von dem amerikanischen Psychologen Joy Paul Guilford geprägt. In seinem Aufsatz „The Structure of Intellect“ (1956) legt er sechs Aspekte fest, die beim divergenten Denken relevant sind:

  • Problemsensitivität (Associational fluency) – Problem und Problembestandteile erkennen
  • Ideenflüssigkeit (Ideational fluency) – schnell viele Lösungen finden
  • Ausdrucksflüssigkeit (Expressional fluency) – ungewohnte Sichtweisen ausdrücken
  • Spontane Flexibilität (Spontaneous flexibility) – bekannte Objekte neu verwenden
  • Originalität (Originality) – ungewöhnliche Sichtweisen entwickeln
  • Elaboration (Elaboration) – Anpassung der Ideen an die Realität

Im Grunde genommen bedeutet es also, ich kann kreativ neue Lösungen finden und Problemen auf vielfältige Art und Weise begegnen.

Selbstexperiment zum divergenten Denken

Das wohl bekannteste Beispiel, um divergentes Denken zu verdeutlichen, kommt aus der Kategorie der spontanen Flexibilität. Machen Sie an dieser Stelle gerne mal ein Selbstexperiment.

Wie viele Verwendungsmöglichkeiten fallen Ihnen für eine Büroklammer ein?

  • Haarklammer
  • Angelhaken
  • Ohrring

Immer, wenn Sie denken „Jetzt bin ich am Ende angekommen“, fragen Sie sich: „Was noch?“. Das Schöne beim divergenten Denken ist, Sie können auch durchaus absurde Möglichkeiten mit aufnehmen. Auf wie viel Verwendungszwecke kommen Sie?

Wie stärke ich mein divergentes Denken?

Wenn ich mich nun mit einer Aufgabe konfrontiert sehe, hilft mir diese Art des um die Ecke Denkens dabei, eine kreative Lösung zu finden. Denn so verbeiße ich mich weniger in den einen perfekten Lösungsansatz. Doch lässt sich Kreativität so trainieren?

Ja! Im Folgenden finden Sie drei Tipps, wie sie divergentes Denken trainieren können.

Routinen brechen

Für diesen Tipp brauchen Sie nichts Zusätzliches und können es immer und überall umsetzen. Zudem trainieren Sie damit gleichzeitig Ihre Selbstreflexionsfähigkeit. Und zwar fördern Sie Ihre Fähigkeit zur Lösungsorientierung, indem Sie Ihre Routinen brechen.

Das klingt jetzt im ersten Moment leicht, ist es oft aber gar nicht. Denn wir haben in unserem Gehirn eine Struktur, die dafür sorgt, dass wir bei vielen Handlungen gar nicht mehr überlegen müssen, sondern einfach ausführen. Die Basalganglien beherbergen unter anderem unser motorisches Gedächtnis und sind verantwortlich dafür, dass ich zum Beispiel beim Zähneputzen immer unten links anfange. Oder zuerst den rechten, dann den linken Schuh anziehe, bevor ich das Haus verlasse.

Sicher haben Sie auch solche Routinen. Es ist spannend zu beobachten, was sich ändert, wenn wir Routinen ändern. Wie wäre es, wenn Sie eine Ihrer Handlungsroutinen heute mal bewusst anders machen, als sonst? Flexibilität beim Problemlösen beginnt mit einer Flexibilisierung der Komfortzone.

ABC Liste

Die ABC Liste nach Vera Birkenbihl ist ein geniales Tool, um sein Denken zu flexibilisieren und zu öffnen. Insbesondere, wenn der Fokus auf eine unsystematische Vorgehensweise gelegt wird.

Sie brauchen hierfür ein Blatt Papier, einen Stift und ein Thema. Das Thema kann eine Aufgabe sein, an der Sie gerade sitzen oder etwas, was Sie schon länger beschäftigt. Zum Beispiel sind Sie sich mit Ihrem Partner/ Ihrer Partnerin oft uneinig, was Sie zum Abendessen essen wollen. Dann schreiben Sie auf das Blatt von oben nach unten das Alphabet. Setzen Sie sich einen Timer auf drei Minuten und schreiben Sie in dieser Zeit so viele Begriffe (in dem Fall Gerichte) wie möglich zum jeweiligen Anfangsbuchstaben.

Ganz wichtig: Versuchen Sie explizit nicht von oben nach unten abzuarbeiten, sondern schreiben Sie Ihre Begriffe so willkürlich wie möglich auf. Lassen Sie Ihren Blick wandern. Und als zweiten wichtigen Punkt: Nicht nur einen Begriff aufschreiben. Versuchen Sie in der Zeit so viele verschiedene Punkte wie möglich zu finden.

Lego® Serious Play®

LSP – Resilienz-AkademieKreativität und Spielen hängt eng zusammen. Und so sollte es eigentlich nicht verwundern, dass sich Kreativität durch Spielen auch steigern lässt. Wobei Spielen hier im weitesten Sinne gemeint ist, denn Lego® Serious Play® kann auch in sehr unspielerischen Situationen genutzt werden, wie zum Beispiel einem Teammeeting.

Es ist das divergente Denken mit den Händen – Sie können zum Beispiel aus Lego® ein Problem bauen, oder eben auch eine Lösung. Die Sets von Lego® Serious Play® sind perfekt dazu geeignet, der Intuition und unsystematischem Denken freien Lauf zu lassen, denn an Formen und Farben ist alles bunt gemischt vorhanden. Ich nutze es auch sehr gerne in Coachings und Trainings, um den Fokus zu flexibilisieren.

Wozu uns divergentes Denken befähigt

Sie können Ihre Resilienz mit divergentem Denken steigern. Wenn Sie darauf trainiert sind, ungewöhnliche Lösungsansätze zu finden, mit den Komponenten zu arbeiten, die da sind, und in Ihren Denkmodellen flexibel zu bleiben, vermeiden Sie Stress. Divergentes Denken befähigt uns dazu, neue Strategien anzunehmen. Das ist äußerst hilfreich in so einer disruptiven und schnelllebigen Welt.

Divergentes Denken unterstützt Sie aber nicht nur beim Lösen von Problemen und mindert so Stress – es ist auch in vollkommen alltäglichen Situationen unglaublich hilfreich. Wie bekomme ich den einen Kaffe-Fleck schnell aus dem Hemd? Was kann ich aus den Essensresten von gestern kochen? Etc.

Lösungsorientierung und Kreativität sind zentrale Bestandteile für eine gelingende und funktionale Anpassung an Situationen, für die wir noch keine Muster zur Verfügung haben. Und damit für den Kern der Resilienz. Trainieren Sie innerhalb der Komfortzone divergent zu denken, damit Sie diese Fähigkeit außerhalb der Komfortzone im Kontakt mit Stress nutzen können.


Sebastian MauritzSebastian Mauritz, M.A. Systemische Beratung, ist einer der führenden Resilienzexperten Deutschlands. Er ist 5-facher Fachbuchautor, Keynote-Speaker, Resilienz-Lehrtrainer, Systemischer Coach, war und ist Vorstand in vielen Coach- und Trainer-Verbänden und Unternehmer. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich individuelle Resilienz und Prosilienz®, resilienter Führung und Teamresilienz. Er ist Initiator des jährlichen Resilienz-Online-Kongresses, in dessen Rahmen er sich bereits mit über 150 weiteren Resilienzexpert:innen aus verschiedenen Disziplinen ausgetauscht hat (www.Resilienz-Kongress.de).

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