Achtsamkeit

Viele Probleme unserer heutigen Zeit resultieren aus der Tatsache, dass jemand nicht ganz da war. Sei es nur, dass man die Treppe herunterstolpert, bis hin zur Reaktorkernschmelze im Atomkraftwerk – geistesabwesend sein, nicht im „Hier und Jetzt“-Sein ist ein Problem mit schwerwiegenden Folgen. Besonders im Umgang mit anderen ist der Gedanke an den nächsten Termin, die nächste E-Mail oder die nächsten Punkte auf der umfangreichen täglichen ToDo-Liste tödlich, für das gegenseitige Verständnis.

Mehr Achtsamkeit in einer unachtsamen Welt

Warum sind wir nur so „halbwach“, warum haben wir ein massives Wahrnehmungsproblem? Achtsamkeit ist in aller Munde. Was in unserer reizüberfluteten Multitasking-Welt völlig undenkbar scheint, ist jedoch der Weg zu mehr Konzentration und Gesundheit. Essen, wenn ich esse, gehen, wenn ich gehe – kurz gesagt: Singletasking ist ein erster Schritt hin zu mehr Achtsamkeit. Sie ermöglicht, auf die vielfältigen Signale des Körpers zu hören, zu merken, was einem fehlt oder wie man auf eine Situation reagiert.

Achtsam ist man, wenn man keine vorschnellen, gefühlsbasierten oder kategorisierenden Urteile vornimmt, sondern die Dinge für sich selbst sprechen lässt und ihnen zuhört. Achtsamkeit ist ein in jeder Situation offener Geisteszustand, der uns offen sein lässt für Neues, selbst in bekannten Situationen. Feine Nuancen und Veränderungen zu erkennen, die Wahrnehmung zu schärfen und sich immer wieder ein neues, unvoreingenommes Bild der Realität zu machen, beinhaltet den achtsamen Umgang mit sich und anderen.

Die Voraussetzungen für Achtsamkeit

Man kann vier Voraussetzungen für Achtsamkeit zusammenfassen:

  • Über-Bewusstheit – sich immer dessen bewusst sein, was man gerade tut.
  • Nicht abgelenkt sein – keine Grübeleien, Zukunftssorgen und Gefühlswallungen unsere Aufmerksamkeit beeinträchtigen lassen.
  • Neutralität – Dinge um uns herum erst mal wahrnehmen. Nicht gleich bewerten, unsere Vorurteile anwenden oder alten Mustern ihren Lauf lassen.
  • Perspektivenwechsel – wie sieht mein Gegenüber die Situation? Vielleicht anders, sinnvoll für ihn.

Achtsamkeit ist die Basis von guten, sozialen Beziehungen, sie wird als Zuwendung und Respekt empfunden. Zusammenfassend können wir sagen, dass wir durch sie klüger, gesünder und glücklicher werden. Wie also kommen wir in diesen Zustand? Eine Antwort kann sein, nicht unachtsam zu sein. Dies wiederum bedeutet, dass wir uns bewusst werden, dass der Hintergrund jeder Information vom jeweiligen Kontext abhängt. Wenn ich immer etwas Neues erwarte und nicht die eingeschliffenen Muster laufen lasse, dann bin ich wachsam und achtsam. Eine andere Antwort kann sein, die eigene Achtsamkeit hochzufahren und sich im Prinzip „online zu schalten“.

Achtsamkeit stärken: Sich online schalten

Achtsamkeit löst Stress, indem wir uns selbst in das Hier und Jetzt zurückholen. Das beginnt mit der Frage zur Selbstwahrnehmung:

Zu wie viel Prozent bin ich gerade hier?

Zudem helfen die Fragen:

  • Wo und wann bin ich noch?
  • Wie mache ich das?

Denn es ist erstaunlich, an wie vielen Orten und Zeiten wir gleichzeitig sein können. Wenn wir uns allerdings gerade auf eine wichtige Aufgabe konzentrieren müssen, ist es hinderlich, in Gedanken unterwegs zu sein. Drei einfache „Zauberworte“ helfen dabei, die Achtsamkeit auf die Gegenwart zu richten und sich damit sozusagen „online“ zu schalten.

Ich – Hier – Jetzt

Die Reihenfolge ist dabei völlig egal. Eine andere Betonung wie „ich HIER jetzt“ oder „ich JETZT hier“ hilft zusätzlich, den Fokus zu verschieben. Prüfen Sie doch auch mal, wo Sie häufiger sind. Wann anders? In der Zukunft oder Vergangenheit? Oder doch eher Woanders? Am Arbeitsplatz, zu Hause oder an ihrem imaginären Wohlfühl- und Ruheort? Oder verwechseln Sie sich immer mal wieder mit anderen? Sind Sie dann jemand anders?

Mit dieser Reihe an Fragen schaffen Sie sich ein Bewusstsein dafür, wo Sie sind, wenn nicht im Hier und Jetzt. Damit schaffen Sie sich auch gleichzeitig die Basis, sich zurück in die Gegenwart zu holen und Aufmerksamkeit gezielt zu lenken. Zum Beispiel auf die vielen kleinen schönen Dinge, die Ihnen vielleicht sonst entgehen würden, wenn Sie mit den Gedanken woanders sind.

Mit diesen Fragen gehen Sie in ein achtsameres Leben und stärken Ihre Resilienz und Stressabwehr. Denn Probleme sind nicht im Hier und Jetzt: Sie entstehen in Gedanken an die Zukunft oder die Vergangenheit.


Sebastian Mauritz, M.A. Systemische Beratung, ist einer der führenden Resilienzexperten Deutschlands. Er ist 5-facher Fachbuchautor, Keynote-Speaker, Resilienz-Lehrtrainer, Systemischer Coach, Vorstand in vielen Coach- und Trainer-Verbänden und Unternehmer. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich individuelle Resilienz und Prosilienz®, resilienter Führung und Teamresilienz. Im Jahr 2020 hat er den ersten Resilienz-Online-Kongress initiiert und hat sich in diesem Rahmen mit über 50 anderen Resilienz-Expert*innen ausgetauscht (www.resilienz-kongress.de).

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