Wissenschaftlichkeit und Resilienz

Wenn Sie die Worte „wissenschaftlich erwiesen“ lesen oder hören, steigert das im Allgemeinen Ihr Vertrauen in ein Produkt oder eine bestimmte Leistung, oder? Und das ist auch begründet, denn wir schreiben der Wissenschaftlichkeit einen hohen Wert zu. Allerdings ist nicht alles so schwarz und weiß, wie wir uns das manchmal vorstellen. In diesem Beitrag gehen wir der Bewertung der Wissenschaftlichkeit näher auf den Grund und beschäftigen und mit dem Wert der wissenschaftlichen Forschung für die Resilienz.

Warum ist Wissenschaftlichkeit nicht unproblematisch?

Mit der Wissenschaftlichkeit als Label gibt es im Grunde genommen 2 große Vorbehalte. Zum einen bedeutet das es nicht, dass alles „Unwissenschaftliche“ auch nicht wirkungsvoll ist. Zum anderen folgt die „Wissenschaftlichkeit“ sehr genauen Kriterien, die sich nicht immer einfach in den Lebensalltag übertragen lassen.

Vom Placebo- und Nocebo-Effekt

Bei Medikamenten fordern wir, dass die Wirkung wissenschaftlich bewiesen ist. Schließlich könnten wir die Einnahme dann ja auch lassen oder stattdessen Zuckerpillen schlucken und hoffen, dass sie den gleichen Effekt haben. Allerdings hinterfragen wir auch nicht alles auf Wissenschaftlichkeit. Ich zum Beispiel schwöre bei Schluckauf darauf, durch einen Strohhalm zu trinken, andere halten die Luft an oder beißen in eine Zitrone und so weiter. Solche Hausmittelchen sind nicht einwandfrei wissenschaftlich bewiesen und dennoch greifen wir darauf zurück.

Placebo - Resilienz-AkademieEin Grund, warum etwas wirkt, obwohl es keinen direkten Wirkstoff beinhaltet oder die Wirksamkeit nicht nachgewiesen werden kann, ist der Placebo-Effekt. Tatsächlich ist dieser Effekt wissenschaftlich sehr gut untersucht. Wenn Sie bei Google Scholar „placebo response“ eingeben, zeigt Ihnen der Such-Dienst über 2.720.000 Ergebnisse an, die diesen Suchbegriff enthalten. Da muss also was dran sein, wie diverse Studien, zum Beispiel im Zusammenhang mit Asthma zeigen. Die Mechanismen, die hinter der Wirkung von eigentlich wirkungslosen Mitteln stehen, sind noch nicht vollständig ergründet, doch die Forschung geht davon aus, dass jene Hirnareale, die mit unseren Erwartungen zusammenhängen (wie beispielsweise der Nucleus accumbens in unseren Basalganglien) eine entscheidende Rolle spielen.

Die Kehrseite der Macht unserer Erwartungen zeigt sich im Nocebo-Effekt. Dieser Effekt beschreibt, dass negative Erwartungen im Zusammenhang mit negativen Ausgängen stehen. Weil unsere Erwartungen so einen großen Einfluss auf das Ergebnis haben, bedeutet das nicht, dass unwissenschaftlich auch wirkungslos bedeutet. Wir haben gewissermaßen selbst Einfluss darauf, wie wirkungsvoll etwas für uns persönlich ist.

Von der Wissenschaft in den Alltag

Wie genau Wissenschaft eigentlich definiert ist, schauen wir uns gleich ausführlicher an. An dieser Stelle sei nur gesagt, dass der Transfer von den Erkenntnissen der Wissenschaft in den Alltag sich nicht immer einfach gestaltet. Ein zentraler Faktor, der hier mit hineinspielt, ist, dass wissenschaftliche Studien unter sehr kontrollierten Bedingungen stattfinden. Das erhöht die Messbarkeit, macht jedoch viele Ergebnisse nicht 1:1 in die Praxis übertragbar.

Neben den kontrollierten Bedingungen gehört es für das Qualitätssiegel der Wissenschaftlichkeit ebenso dazu, dass eine Studie nicht nur einmal durchgeführt wurde, sondern replizierbar ist. Das bedeutet, unter genau den gleichen Umständen, aber mit anderen Probanden, kommt dennoch das gleiche Ergebnis heraus. Natürlich fordert so ein Vorgehen einen enormen finanziellen, zeitlichen und Personal-fordernden Aufwand. So gibt es zu einigen Phänomenen des Alltags sehr viel Forschung, zu anderen jedoch so gut wie keine wissenschaftliche Forschung. Auch das steht der Übertragung in den Alltag im Weg.

Braucht es im Kontext der Resilienz dann überhaupt eine wissenschaftliche Forschung? Die Frage greifen wir später noch einmal auf. Doch schon hier die kurze Antwort darauf: Definitiv. Denn trotz dieser Vorbehalte leistet die Wissenschaft einen wertvollen Dienst für unser Verständnis und unser persönliches Training der Resilienz.

Was bedeutet wissenschaftlich fundiert, erwiesen oder anerkannt?

Zur Frage, was „wissenschaftlich“ eigentlich ist, schreibt Nicholas Steinbrink von der Universität Münster treffend: „Eine simple Antwort wäre ‚wissenschaftlich ist das, was die Wissenschaft behauptet‘“. Allerdings ist das keine recht zufriedenstellende Antwort. Sie zeigt jedoch einen zentralen Punkt des wissenschaftlichen Arbeitens auf. Denn jede wissenschaftliche Arbeit beginnt mit einem Blick auf die bisherige Forschung. Es geht stets um einen Konsens und eine Einreihung in bereits bestehende Konzepte und Ergebnisse. Der Grund dahinter ist aus wissenschafts-philosophischer Sicht ein wichtiger, den auch ich in meinen Seminaren als wichtige Haltung lebe:

„Wir sind alle Zwerge auf den Schultern von Riesen.“

Um Wissenschaft voranzubringen, müssen wir uns der Wurzeln bewusst werden. Doch wissenschaftlich ist nicht gleich wissenschaftlich. So kann es einen großen Unterschied machen, ob wir von der Resilienz als wissenschaftlich bewiesenes oder als wissenschaftlich fundiertes Konzept sprechen.

Erwiesen

In der Regel sprechen wir von einem Phänomen als „wissenschaftlich erwiesen“, wenn eine Studie zu dem besagten Phänomen folgende Kriterien erfüllt:

  •  Die Forschenden finden einen Beweis oder eben Gegenbeweis für einen Wirkungszusammenhang
  • Es herrscht eine Experimentalbedingung sowie eine Kontrollbedingung vor, wobei der Wirkzusammenhang sich nur in der Experimentalgruppe zeigt
  • Die Studie muss publiziert und repliziert sein (Das heißt, sie ist in einer Zeitschrift oder einem Buch veröffentlicht und wurde erfolgreich wiederholt).

Auch hier ist wieder Vorsicht geboten, denn nur weil etwas wissenschaftlich publiziert ist, bedeutet es noch nicht, dass es auch unumstößlich richtig ist. Durch die oben aufgeführten Punkte entstehen Filter, die wissenschaftliche Ergebnisse auch gezielt außen vor lassen und den Diskurs formen.

Anerkannt

Wenn etwas wissenschaftlich anerkannt ist, bedeutet das nicht, dass es auch bewiesen ist. So kann zum Beispiel ein bestimmtes Therapieverfahren wissenschaftlich anerkannt sein, ohne das mehrere Studien alle Interventionen auch auf ihre Wirksamkeit hin untersucht haben. Die Kriterien für wissenschaftliche Anerkennung ähneln den oben genannten. Mit der Abweichung, dass es hier wichtig ist, dass die angewandte Methodik wissenschaftlich begründet ist und von Interessierten nachvollzogen werden können – in dem Sinne also reproduzierbar sind.

Fundiert

Ein wissenschaftliches Fundament weicht dagegen mehr von einem Phänomen ab, das wissenschaftlich bewiesen ist. Denn es geht hierbei nicht darum, selbst Teil einer wissenschaftlichen Untersuchung zu sein. Vielmehr steht dabei im Vordergrund, auf welche Erkenntnisse sich bezogen wird. Ein sehr gutes Beispiel für ein wissenschaftlich fundiertes Konzept bietet die Mimikresonanz® oder das Coaching-Konzept emTrace® von Dirk W. Eilert. So fußt die Mimikresonanz®, unsere angeborene Fähigkeit Emotionen richtig zu erkennen und angemessen in Resonanz zu gehen, auf einem Fundus von 1.265 wissenschaftlichen Studien zurück. In der Mimikresonanz®-Profibox finden Sie diese auf wertvoll strukturierte Weise für den alltäglichen Gebrauch zusammengefasst.

Wie steht es um die Wissenschaftlichkeit in der Resilienz-Forschung?

Gerade der letzte Punkt ist sehr interessant, wenn wir den Bezug von Wissenschaftlichkeit und Resilienz bzw. zur Resilienzforschung herstellen. Zwar bekam das Thema durch die Krisen der letzten Jahre und der daraus resultierenden Belastung in der Bevölkerung eine immer größere Aufmerksamkeit, doch in der Wissenschaft ist der Begriff noch nicht vollends akzeptiert.

Das liegt wohl auch daran, dass es keine einheitliche Resilienz Definition gibt, was die Messbarkeit dieser Fähigkeit zur Anpassung an Belastungen und Regulation von Stress erschwert. Wie geht also die Resilienz-Forschung damit um?

Wissenschaftlich fundierte Resilienz

Wissenschaft und Resilienz Das heißt ja aber nicht, dass die Resilienz auf einem Bauchgefühl begründet ist. Obwohl die Resilienz selbst bisher noch nicht als Phänomen einheitlich wissenschaftlich untersucht und dementsprechend anerkannt ist, so sind es einzelne Elemente sehr wohl. Zum Beispiel gibt es zahlreiche Studien zu den psychologischen Schutzfaktoren für Gesundheit, wie Bengel & Lyssenko in einer Meta-Analyse sehr schön dargestellt haben. Die Resilienz-Forschung begann, wie so viele andere Disziplinen ebenfalls, indem wissenschaftliche Erkenntnisse aus bereits vorhandenen Forschungszweigen mit einer neuen Perspektive oder unter einer neuen Fragestellung betrachtet wurden.

Wenn wir Resilienz als wissenschaftlich fundiert betrachten, bedeutet das zwar nicht automatisch, dass jede Maßnahme zur Steigerung der Resilienz wirkungsvoll ist. Doch die Wissenschaft hilft als Leitwert, sich auf jene Aspekte zu fokussieren, die von mehreren Studien als wirkungsvoll hervorgehoben werden. Aus meiner Sicht hat die Resilienz hier noch einen Weg vor sich, bevor sie zur eigenen wissenschaftlichen Disziplin wird. Doch der Weg wird unter anderem durch Ereignisse wie dem jährlichen Resilienz-Kongress geebnet, bei dem Forschende aus diversen Disziplinen ihre (wissenschaftliche) Perspektive in das Bild der Resilienz einfügen.

Wissenschaftliche Messung von Resilienz

Ein Weg, wie Resilienz ebenfalls eine breitere Akzeptanz in der Wissenschaft erfahren kann, ist die Entwicklung eines anerkannten methodischen Verfahrens, um Resilienz zu messen. Das erhöht dann die Wahrscheinlichkeit, Studien zur Resilienz erfolgreich replizieren zu können.

Allerdings gibt es bisher noch keine solche einheitliche Methode zur Resilienz-Messung. Es gibt diverse Fragebögen, deren Inhalte sich jedoch so sehr voneinander unterscheiden, dass wir aus einem wissenschaftlichen Anspruch heraus nicht von einheitlich sprechen können. Aktuell sind Forschende des Leibniz-Instituts für Resilienzforschung (LIR) daran, einen Resilienz-Test namens Resilienz-Score zu entwickeln und validieren, der eine Kombination aus Stressbelastung und Bewältigungsmethoden ermittelt und so die Resilienz erfassen soll.

Doch auch hier steckt die Forschung noch in den Kinderschuhen und es bedarf vieler weiter wissensdurstiger Forscherinnen und Forscher, die Resilienz auf ein neues wissenschaftliches Niveau heben wollen.

Der Beitrag der Wissenschaftlichkeit zur Resilienz

Kommen wir noch einmal zurück zu der Frage, ob und wozu wir Wissenschaftlichkeit überhaupt brauchen. Schließlich ist sie weder so objektiv wie wir manchmal meinen noch hat sie auf unseren Alltag einen so enormen Einfluss wie es scheint. Und doch ist es für ein Thema, das so umfassend und so wichtig für ein gesundes Leben ist, unumgänglich durch die Wissenschaft getragen zu sein. Im Grunde genommen sind es drei maßgebliche Argumente für ein wissenschaftsorientiertes Resilienz-Verständnis.

Wissenschaft schafft neue Erkenntnisse

Ohne die wissenschaftliche Forschung – auch unter Laborbedingungen – würden wir sehr viel weniger neue Erkenntnisse generieren. Da Resilienz ein so weit gefächertes Thema ist, kann die Forschung einen großen Teil dazu beitragen, einzelne Faktoren schärfer hervorzuheben, Bedeutung zu geben oder auch das Feld einzugrenzen. Diese Erkenntnisse sind dann nicht nur wichtig für die Wissenschaftlichkeit an sich, sondern auch für die Praxis und die Stärkung der eigenen Resilienz.

Ein professionalisiertes Verständnis von Resilienz

Ein Resilienz-Konzept, das an der Wissenschaft orientiert ist, verhindert die Aushöhlung der Resilienz zu einem bloßen Modewort. Gerade in der vergangenen und auch momentanen Krisenzeit ist Resilienz immer wichtiger geworden. Doch das hat auch dazu geführt, dass der Begriff beinahe inflationär gebraucht wurde, ohne ein einheitliches Konzept darzustellen. Das schafft ein diffuses Bild der Resilienz und mindert damit auch wiederum die Bedeutung der Resilienz für jeden und jede von uns. Je mehr sich die Wissenschaft mit Resilienz auseinandersetzt, desto anerkannter wird sie auch als festes Konstrukt in der Gesellschaft und kann besser auf professionelle Weise gefördert werden.

Science-based Framework führt zu mehr Wirksamkeit

Coaching-Ausbildung: Resilienz-AkademieDer letzte Punkt ist eine gesteigerte Wirksamkeit durch die Orientierung an der Wissenschaft. Natürlich ist Erfahrungswissen gerade bei der Vermittlung von allein subjektiv erlebbaren Veränderungsprozessen ebenfalls ein großer Bestandteil, insbesondere bei der Steigerung von Resilienz. Doch hier greift der Punkt, den Sie oben bereits gelesen haben: Wenn mehrere Studien belegen, dass ein bestimmtes Vorgehen wirksam ist, oder eben auch Konzepte, die gelehrt werden, widerlegt sind, ist es wertvoll sich diese Erkenntnisse zunutze zu machen.

Ein gutes Beispiel ist solch ein Framework ist unsere Integrative Coaching-Ausbildung, die sich auf die von der Forschung identifizierten Wirkfaktoren für erfolgreiche Veränderungsarbeit stützen. Durch diese wissenschaftlich gestützten Erkenntnisse sind nachhaltige Coachingerfolge nicht dem Zufall oder der Persönlichkeit des Klienten oder der Klientin zuzuschreiben, und allgemein in der Praxis anwendbar. Hier finden Sie weitere Informationen zur Ausbildung: Integrative Coaching-Ausbildung.

Als Fazit lässt sich also sagen, dass es wir im Punkte Wissenschaftlichkeit genau hinschauen müssen – Was ist gemeint, was ist wirklich wissenschaftlich und braucht es das in dem Kontext auch? Doch fest steht auch, dass eine wissenschaftliche Betrachtung von Resilienz in jedem Fall wertvoll ist.


Sebastian MauritzSebastian Mauritz, M.A. Systemische Beratung, ist einer der führenden Resilienzexperten Deutschlands. Er ist 5-facher Fachbuchautor, Keynote-Speaker, Resilienz-Lehrtrainer, Systemischer Coach, war und ist Vorstand in vielen Coach- und Trainer-Verbänden und Unternehmer. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich individuelle Resilienz und Prosilienz®, resilienter Führung und Teamresilienz. Er ist Initiator des jährlichen Resilienz-Online-Kongresses, in dessen Rahmen er sich bereits mit über 150 weiteren Resilienzexpert:innen aus verschiedenen Disziplinen ausgetauscht hat (www.Resilienz-Kongress.de).

Quellen

Benedetti, F., & Amanzio, M. (2013). Mechanisms of the placebo response. Pulmonary pharmacology & therapeutics, 26(5), 520-523.

Bengel, J., & Lyssenko, L. (2012). Resilienz und psychologische Schutzfaktoren im Erwachsenenalter: Stand der Forschung zu psychologischen Schutzfaktoren von Gesundheit im Erwachsenenalter: BZgA Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung.

Colloca, L., & Miller, F. G. (2011). The nocebo effect and its relevance for clinical practice. Psychosomatic medicine, 73(7), 598.

Dutile, S., Kaptchuk, T. J., & Wechsler, M. E. (2014). The placebo effect in asthma. Current allergy and asthma reports, 14(8), 1-8.

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