Schlaf – Die Aufladestation des Menschen

„Schlafen kann ich, wenn ich tot bin.“ Diese und andere Aussagen über die wichtigste Regenerationsform des Menschen hören wir Tag ein Tag aus. Zu schlafen ist ein Zeichen von Schwäche, wenig zu Schlafen ein Zeichen von Effizienz, Kraft, Leistung und Wirkungsgrad. Im Folgenden wird gezeigt, dass Schlaf einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren ist, den ein Mensch hat. Man kann fast sagen: Schlaf ist ein Grundnahrungsmittel.

In den letzten zwei bis drei Jahrzehnten hat die Schlafforschung einen wahren Boom erlebt. Die pauschale Antwort auf das Schlafbedürfnis eines Menschen von acht Stunden ist einer sehr differenzierten Betrachtungsweise dieser wichtigsten Regenerationsform des Menschen gewichen. Hierbei muss aber der Schlafkultur Rechnung getragen werden.

Schläft man nur einmal pro Tag – was in Deutschland prozentual mit großem Abstand am weitesten verbreitet ist – dann liegt der Bedarf irgendwo bei 7 – 9 Stunden. Das individuelle Schlafbedürfnis bzw. die optimale Schlaflänge findet man nach ca. 2 – 3 Wochen des ungestörten Ausschlafens heraus. Hat der Körper sämtliche Schlafdefizite ausgeglichen, wacht er nach der persönlichen Schlafdauer von ganz alleine auf.

Eine andere Möglichkeit ist die Teilung in eine Hauptschlafphase und eine oder mehrere Kurzschlafphasen über den Tag verteilt. Diese sind auch bekannt als Mittagsschlaf, lohnender Kraftschlaf, oder als Powernap, wie vom amerikanischen Schlafforscher David Dinges benannt und in Umlauf gebracht.

Schlaf als Aufladestation des MenschenGeschichte des Schlafes

In der Geschichte des Schlafes ist die Elektrifizierung einhergehend mit der Industrialisierung ein Wendepunkt. Es wurde nicht mehr tagsüber geschlafen, der Lebensrhythmus wurde von den Maschinen bestimmt. Unsere heutige Monophasenschlafkultur liegt hier maßgeblich begründet. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es Frederick Taylor, der die genaue Organisation von Arbeit berechnete und entsprechende Zeitpläne verfasste. Der Faktor Schlaf wurde einzig für die Nachtstunden angenommen. Arbeit wurde auf einmal nach Zeit bezahlt und war ab sofort monochron, sprich: Wer arbeitete, tat nichts anderes nebenbei.

Einen weiteren prägenden Einfluss erhielt der Schlaf durch das Christentum. Zu langes Schlafen wurde mit Trägheit verglichen – einer der sieben Todsünden. „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ und „wer arbeitet sündigt nicht“. Zwei treffende Aussagen für die christliche Geisteshaltung. Im fernen Osten ist der Umgang mit Schlaf vonseiten der Religion anders, das Image ist ein durchweg positives.

Zusammenfassend ist zu bemerken: Trägheit, Faulheit und Tagesschlaf wurden spätestens ab dem Zeitpunkt der Industrialisierung als Feind der christlichen Religion und des Kapitalismus gesehen.

Schlaf in anderen Gesellschaften

Unser Standard des nächtlichen Einphasenschlafes im eigenen Schlafzimmer wird von Medizinern häufig als physiologische Norm bezeichnet. Dennoch ist diese historisch wie international gesehen eher die Ausnahme. Neben unserer Monophasenschlafkultur gibt es in anderen Gesellschaften die Siesta-Kultur und die Nickerchen-Kultur.

In einer Siesta-Kultur ist neben dem Nachtschlaf eine weitere Ruhephase am frühen Nachmittag etabliert. Es schlafen nicht alle, aber das gesellschaftliche Leben kommt zum Erliegen. Ein Beispiel ist Spanien sowie verschiedene südamerikanische Länder, in denen nach einem langen Mittagsessen für einige Stunden Siesta gehalten wird. So wird zum einem dem menschlichen Biorhythmus Rechnung getragen, sowie die Mittagshitze umgangen. Die Siesta ist an die Mittagszeit gebunden und wird traditionell nur dann gehalten. Die Globalisierung wie auch der Einsatz moderner Technik zeigen aber auch hier ihre Wirkung. Die Zahl der Mittagsschläfer geht u.a. durch geänderte Arbeitsvorschriften, wie auch durch den Einsatz von Klimaanlagen in den letzten Jahren stetig zurück.

In China ist der Mittagsschlaf sogar in der Verfassung festgeschrieben. In Artikel 49 der Verfassung von 1950 hat der KP-Vorsitzende Mao Zedong das Recht des arbeitenden Volkes auf das Ausruhen festhalten lassen. Er institutionalisierte somit den jahrhundertealten Brauch des Mittagsschlafes. Nach Maos Tod wurde dies sowohl als Symbol traditioneller chinesischer Kultur, wie auch als Zeichen wirtschaftlicher Rückständigkeit interpretiert. Der Mittagsschlaf gehört auf dem Land zwar weiterhin zum Alltag, in den Städten sorgte der Kapitalismus aber für Abkehr von der mittäglichen Ruhepause.

Die fest an die Mittagszeit gebundene und langsam aussterbende Siesta-Kultur ist genauso zu beobachten, wie die seit der Jahrtausendwende aufblühende Nickerchen-Kultur. In ihr gibt es ein hohes Maß an Toleranz gegenüber dem individuellen Bedürfnis nach einem Nickerchen, wenn es auch keine offizielle Ruhepause zu einem festgelegten Zeitraum gibt. Das Nickerchen kann immer dann gemacht werden, wenn es die Umstände erlauben (durchaus unterschiedlich in den verschiedenen Ländern) und man müde ist. Die Nickerchen-Kultur wird unterteilt in zwei Varianten. In einer Variante zieht man sich für das Nickerchen zurück, in der anderen döst man in der Öffentlichkeit. Dies kann während einer Zugfahrt sein, im Konzert, im Meeting oder während des Abendessens. Als prägnanteste Beschreibung trifft hier das japanische Wort „Inemuri“ – Anwesenheitsschlaf zu.

Wie sich eine Schlafkultur entwickelt, ist zum Teil klimatisch, zum Teil aber auch historisch zu erklären. Ausschlaggebend ist aber der Bedarf des Körpers nach Regeneration, welcher sich über den Tag und in Abhängigkeit davon verändert, welche Belastungen auf den Körper wirken.

Erfolgsfaktor SchlafErfolgsfaktor Schlaf

Wie viel man schläft, hängt noch zu oft von unseren Terminen und Verpflichtungen ab, statt von unserem wahren Bedürfnis nach Schlaf. Dazu kommen sehr effektive Wachmacher, die Volksdroge Kaffee eingeschlossen. Wenn man jetzt noch bedenkt, dass das Gehirn Zustände nur relativ (heute bin ich wacher als gestern) und nicht absolut (mein Schlafbedürfnis liegt heute bei – 3,2 Stunden) wahrnimmt, so wird schnell deutlich, dass der wichtigste Erfolgsfaktor des Menschen viel zu oft stark vernachlässigt wird. „Ich habe keine Zeit, ich schaffe es einfach nicht, mehr zu schlafen“, ist schnell gesagt und auch vielfach in die Tat umgesetzt. Dabei gibt es in unserer Biologie angepasste Möglichkeiten, uns den Schlaf zu besorgen, den wir brauchen.

Eine Möglichkeit ist die Aufteilung des täglichen Schlafbedürfnisses in eine Hauptschlafphase von mindestens 4,5 oder besser 6 Stunden, um bei einem Schlafzyklus von 1,5 Stunden in einer oberflächlichen Schlafphase aufzuwachen. Ist man körperlich gesund, so tritt der Tiefschlaf konzentriert in der ersten Schlafhälfte auf, die körperliche und geistige Erholung ist gesichert. Zusätzlich können über den Tag mehrere Schlafphasen integriert werden, nach Bedarf und Möglichkeit.

Wichtig hierbei ist zum einen die Erkenntnis, dass man eine nachmittags auftretende Müdigkeit idealerweise mit einem Schläfchen statt eines starken Espresso oder noch schlimmer mit Traubenzucker bekämpft. Wenn der Akku vom Handy beinahe leer ist, laden Sie es doch auch eher, statt noch effektivere Wege zu finden, das Letzte bisschen Energie aus ihm herauszutelefonieren. Zum anderen muss man einen Erlaubnisrahmen schaffen, der das Schlafen während des Tages ermöglicht. Hier hat man es anfangs sicherlich mit allerhand Vorurteilen zu tun. Das kulturell geprägte Bild des Faulenzers sollten Sie jedoch schnell mit dem Bild des Akkuladegerätes vergleichen. Wirklich produktiv und effizient können Sie nur sein, wenn die Batterien vollgeladen sind – fragen Sie die vorurteilsbehafteten Kollegen mal nach ihrem „Ladestand“.

Resilienz gewinnen – Warum schlafen?

Schlaf regeneriert, hilft beim Lernen, beschert Geistesblitze, stärkt das Immunsystem und baut Stress ab. Der Mensch ist in Bezug auf Schlaf sehr achtlos, was unter anderem daran liegt, dass Schlafmangel nicht in der Form wahrgenommen wird, wie er tatsächlich wirkt.

Stattdessen sollte jeder leistungsbewusste Mensch begreifen, dass mit dem richtigen Maß an Schlaf, auch oder vielleicht sogar gerade in Form von zusätzlichem Mittagsschlaf die Produktivität steigt, ebenso wie Wohlbefinden und Gesundheit. Den Mittagsschlaf kann man fast wie einen Tag Urlaub oder auch nur wie ein leckeres Dessert zelebrieren.

Auf jeden Fall sollte man aber die ausreichende Menge an Schlaf ritualisieren, wie Zähneputzen und sonstige Körperpflege – als Gehirnpflege, bzw. Körperpflege von innen.

Im Video finden Sie weitere Hintergründe zu schlaf, und wie wir besser regenerieren können:


Sebastian MauritzSebastian Mauritz, M.A. Systemische Beratung, ist einer der führenden Resilienzexperten Deutschlands. Er ist 5-facher Fachbuchautor, Keynote-Speaker, Resilienz-Lehrtrainer, Systemischer Coach, Vorstand in vielen Coach- und Trainer-Verbänden und Unternehmer. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich individuelle Resilienz und Prosilienz®, resilienter Führung und Teamresilienz. Er ist Initiator des Resilienz-Online-Kongresses, in dessen Rahmen er sich mit über 50 weiteren Resilienzexpert:innen aus verschiedenen Disziplinen austauscht (www.Resilienz-Kongress.de).

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