Work-Life-Integration statt Work-Life-Balance?!

Work-Life-Integration soll die vielzitierte Work-Life-Balance für den Arbeitsmarkt 4.0 ablösen. Work-Life-Balance ist wohl jedem Arbeitenden ein Begriff. Es geht dabei um ein Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Lebensbereichen Arbeit und Privatleben. Doch das Konzept muss sich den neuen Entwicklungen und Arbeitsweisen anpassen. Hier kommt die Work-Life-Integration ins Spiel.

Warum Ausgleich wichtig für die Gesundheit ist

Arbeiten von „9-to-5“ und dann noch jeweils etwa eine Stunde Arbeitsweg. Das an fünf Tagen die Woche und die Überstunden und Mails zwischendurch nicht mitgerechnet. Wir verbringen durchschnittlich 10 Stunden unseres Tages mit Arbeit, und das meistens abwesend von Zuhause. Wenn man dann auf einen gesunden acht-Stunden-Schlaf kommen möchte, bleibt nicht mehr viel Zeit für Freizeitaktivitäten, Familie und Ruhe.

Das klingt zunächst alles andere als ausgeglichen. Entweder wir verzichten auf Schlaf, auf Arbeit oder auf Freizeit. Alles drei zusammen scheint nicht möglich. Viele Menschen entscheiden sich auf Dauer für einen Verzicht auf Regeneration. Entweder streichen sie erholsamen Schlaf oder erholsame Ich-Zeit zugunsten der sozialen Kontakte.

Wir brauchen jedoch Regeneration, um unser Stresslevel senken zu können. Wenn wir stetig neuen Reizen ausgesetzt sind, ohne diese verarbeiten zu können, führt das zu chronischem Stress. Die Folgen davon sind unter anderem Schlafstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Magengeschwüre oder schlussendlich Burn-out. Wir brauchen einen Ausgleich zu den Tätigkeiten, die unser Stresslevel erhöhen.

Was ist Work-Life Balance?

Eine gute Work-Life-Balance kann den Stresslevel dauerhaft niedrig halten. Im Fokus steht dabei der Ausgleich von Berufstätigkeit durch Freizeitaktivitäten, Familie und sozialen Kontakten. Stellen Sie sich eine Waage vor, bei der Arbeit auf der einen Seite die Waagschale nach unten zieht und auf der anderen Seite die Ressourcen stehen, die Kraft und Erholung spenden. Arbeit und Freizeit sind in diesem Modell zwei voneinander getrennte Lebensbereiche, die in Balance zueinander einen wahrhaft ausgeglichenen Menschen ausmachen.

Jedoch ist Work-Life-Balance in der heutigen Arbeitswelt nicht nur ein individuelles Bestreben, sondern wird auch von Arbeitgebenden erwartet und dementsprechend durch Unternehmen gefördert. Work-Life-Balance ist in aller Munde und wird damit auch oft als Vereinbarkeit von Familie und Beruf gleichgesetzt. Sie soll im Idealfall aber über eine reine Vereinbarkeit hinausgehen.

Work-Life-Balance als individuelles Ziel

Das Ziel einer guten Work-Life-Balance ist es, die Waagschale mit dem Gewicht der Arbeit durch Kraft spendende Ressourcen auszugleichen. Zeitlich gesehen wird der Ausgleich schwer, denn wie oben gezeigt, verbringen wir meist mehr Zeit am Arbeitsplatz als mit privaten Tätigkeiten.

Für eine gesunde Balance ist daher wichtig, womit wir unsere Freizeit füllen, um einen Ausgleich zu schaffen. Besonders Familienangehörige fordern am Ende des Arbeitstages noch einmal Aufmerksamkeit, die durchaus auch mal anstrengend sein kann. Eine individuelle Work-Life-Balance bedeutet dann Aktivitäten zu finden, die Ihren persönlichen Stresslevel senken.

Sport ist einer der Faktoren, der den Stresspegel senken kann – denn hierbei bauen wir das Stresshormon Cortisol im Körper ab. Für manche bringt der abendliche Fitnesscenter-Besuch Ausgleich, für andere ist es die Stunde Lesen vor dem Zubettgehen, die Entspannung bringt. Wichtig ist das individuelle Bedürfnis nach Entspannung zu erspüren und zu befriedigen. Der Zeitaufwand spielt hier eine sehr viel geringere Rolle als die Erholung für Körper und Geist, die diese Tätigkeit bringt.

Wie können Unternehmen Work-Life-Balance unterstützen?

Die Herstellung einer gesundheitsfördernden Work-Life-Balance liegt dabei nicht nur in der Verantwortung jedes Einzelnen. Denn gerade die Arbeitgeber können einen großen Teil zu einer ausgewogenen Aufteilung beitragen.

In vielen Unternehmen gehört das Thema Work-Life-Balance daher zum betrieblichen Gesundheitsmanagement. Denn nur gesunde und motivierte Mitarbeitende sorgen für ein langfristig erfolgreiches Unternehmen. Gesundheit und Motivation lassen sich im Unternehmen dann aufrechterhalten, wenn auf die Bedürfnisse der Mitarbeitenden eingegangen wird.

Das bedeutet im Konkreten, dass Organisationen Flexibilisierungsangebote geben können, um Mitarbeitende insbesondere zeitlich zu entlasten. Modelle wie Gleitzeit oder die Möglichkeit zum Homeoffice bzw. Telearbeit sind dabei ein Anfang. Auch Angebote zur gesunden Ernährung bspw. in Kantinen oder betriebliche Sportangebote unterstützen die individuelle Work-Life-Balance.

Wichtig dabei ist, dass das Management mit gutem Beispiel vorangeht und als Vorbild in der Unternehmenskultur agiert. Gerade Menschen in höheren Positionen neigen zu einer Work-Work-Balance, und sind deshalb besonders gefordert ihre eigene Gesundheit und die der Mitarbeitenden zu schützen.

Work-Life-Balance und die Generationenunterschiede

Das Verständnis von Work-Life-Balance unterliegt einem Wandel. Gerade die älteren Generationen am Arbeitsmarkt vertreten die Ansicht: Arbeit ist Arbeit und Freizeit soll Freizeit sein. Für die jüngere Generation Y ist diese strikte Trennung allerdings nicht mehr vertretbar.

Die Digitalisierung macht es möglich Arbeit auch Zuhause zu erledigen – Dank Laptop, Handy und Cloud ist mobiles Arbeiten kein Problem mehr. Gleichzeitig wandeln sich auch die Anforderungen der jüngeren Generation an zukünftige Arbeitgeber. Nicht mehr Geld allein ist ein Motivationsfaktor. Vielmehr rückt der Punkt Flexibilität in den Fokus, um Mitarbeitergesundheit und -zufriedenheit nachhaltig zu gewährleisten. Für die Unternehmen bedeutet das, Work-Life-Balance als festen Bestandteil des Angebots zu integrieren, um neue Fachkräfte zu gewinnen und langfristig zu binden.

Was ist Work-Life Integration?

Für die Generation Y gehört die flexible Nutzung der Medien zum Alltag. Auf der Arbeit wird mal eben der private Urlaubsflug gebucht und Zuhause am Küchentisch Mails gecheckt. Auch wenn die Möglichkeiten zur flexiblen Arbeitsgestaltung für eine optimalen Ausgleich vorhanden sind, verharren wie Arbeitnehmende in den starren Arbeitsmodellen der Vorgängergenerationen.

Ein Lösungsversuch für ein angemessenes und Gesundheitsförderndes Arbeiten lautet Work-Life-Integration statt Balance.

Der größte Unterschied zwischen den beiden Konzepten ist, dass Arbeit und Freizeit nicht mehr als voneinander getrennte Lebensbereiche betrachtet werden. Die Grenze zwischen Beruflichem und Privatem verschwindet durch die digitalen Technologien immer weiter. Damit Arbeit nicht die Überhand gewinnt in Zeiten von ständiger Erreichbarkeit und mobilem Arbeiten, soll die Work-Life-Integration den wohltuenden Ausgleich bringen.

Wie geht Work-Life Integration?

Beim Morgen-Kaffee checken Sie Ihre Termine und beantworten eine Mail. Dann bringen Sie die Kleinen zum Kindergarten und in die Schule und begeben sich zur Arbeit. Dort nehmen Sie an einem Meeting teil und erledigen Papierkram, aber viel ist heute nicht wirklich zu tun. Sie gehen mit Ihren Kollegen zum Mittagessen, holen danach die Kinder ab und bringen Sie zum Sport. Während Sie warten erledigen Sie ein Telefonat und verbringen dann Zeit mit der Familie. Abends wird noch ein wichtiges Angebot rausgeschickt, bevor Sie sich mit Freunden treffen. So sieht optimale Work-Life-Integration in der Praxis aus.

Natürlich funktioniert dieses Beispielmodell nicht in allen Branchen und auch nicht jeder Mensch ist der Typ für diese Art der Verknüpfung von Lebensbereichen. Work-Life-Integration soll die Arbeitszeit so gestalten, dass sie effektiv genutzt wird und dennoch sich den individuellen Bedürfnissen anpasst. Väter und Mütter stellen andere Anforderungen an flexibles Arbeiten als weniger fest gebundene Mitarbeitende.

Work-Life-Integration kann also Stress verringern, jedoch nur, wenn Arbeitgeber die Grundlage dazu schaffen und Mitarbeitende verantwortungsvoll handeln.

Die Gefahr von Work-Life-Blending

Das oben genannte Beispiel klingt sehr ausgeglichen. Doch was ist, wenn die Mail am Abend zu einer Work-Session von mehreren Stunden wird? Wenn auch im Urlaub das Handy nicht still ist und die Arbeit immer mehr in die Freizeit gleitet? Dieses Work-Life-Blending, also das Verschwimmen der Grenzen zwischen Beruf und Privatleben, ist die wohl größte Gefahr von Work-Life-Integration.

Allerdings birgt diese Gefahr gleichzeitig die Chance, Freizeit und Arbeit auf die bestmögliche Weise zu verbinden – nämlich so wie es gerade passt. Flexibilität ist hierfür das A und O, um stressfrei wertvolle Ich-Zeiten einzuhalten und gleichzeitig den Anforderungen des Jobs kraftvoll zu begegnen. Verschwindende Grenzen bedeuten angepasst auf die Herausforderungen im Alltag reagieren zu können. Besonders in Ausnahmesituationen, wie ein erkranktes Kind oder Mehraufwand im Unternehmen, können Mitarbeitende und Führungskräfte mit einer guten Work-Life-Integration flexibel reagieren.

Das Wichtigste dabei ist weder die Arbeit noch die Freizeit überhand gewinnen zu lassen. Hierfür ist die Mitarbeit der Arbeitgebenden genau so wichtig wie die eigene innere Haltung.

Work-Life-Integration im Unternehmen fördern

Eine gute Work-Life-Integration kann nur gelingen, wenn der Arbeitgeber die Möglichkeit für das flexible Arbeiten gibt. An erster Stelle steht dabei das Freimachen von den traditionellen Denkmustern, wie Arbeit bisher zu sein hatte. Die Überzeugung, dass nicht ausschließlich acht Präsenzstunden zu effektiver Arbeit führt, sondern auch andere Konzepte erfolgreich sind.

Für Führungskräfte stellt sich die Herausforderung die Bedürfnisse ihrer Mitarbeitenden mit den Unternehmensinteressen zu vereinen. Das Ziel ist es dabei in einer vertrauensvollen Atmosphäre langfristig die Motivation und Leistungsbereitschaft der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu stärken.

Ein Punkt, in dem Unternehmen die Work-Life-Integration fördern können sind die verschiedenen Möglichkeiten der Arbeitszeitgestaltung. Durch Konzepte wie Coworking Spaces, Vertrauensarbeit, Homeoffice oder Telearbeit, Teilzeit, Sabatticals und auch Zeit für Weiterbildungen geben Unternehmen die nötige Flexibilität, damit Mitarbeitende die Arbeit an die aktuelle Lebensphase anpassen können.

So ist es für Eltern insbesondere wichtig bei der Familienbetreuung unterstützt zu werden. Durch Elternzeit und Widereinstiegsangebote, genau so wie Betriebskindergärten oder Eltern-Kind-Büros unterstützen Unternehmen insbesondere qualifizierte Frauen. In Zeiten von Fachkräftemangel soll die Familie kein Hindernis für die Arbeit darstellen.

Verantwortungsübernahme und Umgang mit Schuldgefühlen

Zwei Faktoren sind elementar, um in seinem Leben Arbeit und Freizeit nicht nur in Balance zu bringen, sondern stressfrei zu verbinden.

Auf der einen Seite ist das die Übernahme von Verantwortung. Konkrete Zielsetzungen helfen dabei strukturiert durch den Arbeitstag zu gehen, auch wenn dieser mehr oder weniger zerstückelt wird. Es geht darum, selbstständig zu arbeiten, Zeiten einzuteilen und Arbeitszeit effektiv zu nutzen. Wichtig dafür ist eine sinnvolle Tätigkeit, der man auch gerne nachgeht. Wem im Homeoffice die Motivation fehlt, weil einen die Aufgabe nicht reizt, wird sich sehr wahrscheinlich lieber anderen Dingen widmen. Die Basis für verantwortungsvolles Arbeiten ist also neben der Selbstdisziplin und dem strukturierten Denken auch die Freude am Job.

Auf der anderen Seite ist ein gelingender Umgang mit Schuldgefühlen wichtig für eine erfolgreiche Integration der Lebensbereiche. Wenn wir immer und überall arbeiten können, kommen schnell Gewissensbisse auf, warum wir das nicht auch tun. Es kann entlasten, nicht mehr heimlich am Arbeitsplatz Privates zu erledigen und ohne vorwurfsvollen Blick sich abends an den Laptop zu setzen. Zu einem guten Umgang mit Schuldgefühlen gehört es, sich das Okay zu geben, die beiden Lebensbereiche miteinander zu verbinden. Allerdings gehört dazu auch, sich selbst Feierabend zu setzen und den ohne Schuldgefühle zu genießen.

Wie Sie Privates und Berufliches stressfrei vereinen

Die digitalen Medien und die Möglichkeit von überall aus zu arbeiten geben eine neue Form der Work-Life-Balance her. Jedoch lässt sich schwer behaupten Work-Life-Integration löst eine gesunde Work-Life-Balance ab. Denn bei beiden Konzepten geht es darum Lebensbereiche so zu vereinen, dass Herausforderungen in Vollbesitz der Ressourcen kraftvoll bewältigt werden können ohne Stress auszulösen.

Dabei ist es jedem individuell überlassen welche Form des Arbeitens den ersehnten Ausgleich zwischen Anstrengung und Erholung bringt. Jeder muss selbst entscheiden, ob diese Flexibilität der Integration einerseits zum Job und andererseits zur präferierten Arbeitsweise und zur Lebenssituation passt.

Es gibt kein Rezept, nach dem Arbeit und Freizeit sich perfekt und stressfrei miteinander verbinden. Fest steht dagegen, dass Erholung in jedem Fall ein wichtiger Bestandteil des Lebens sein sollte, um Gesundheit und Wohlbefinden langfristig aufrecht zu erhalten. Ob Sie Erholung als Ausgleich nach der Arbeit oder während der Arbeit einbauen ist weniger relevant. Unternehmen sind am Zug den Arbeitnehmenden diese Erholung durch Flexibilitäts- und Gesundheitsangebote zu ermöglichen. Aber es liegt an jedem Einzelnen Balance oder Integration im Leben zu fördern.


Sebastian Mauritz, M.A. Systemische Beratung, ist einer der führenden Resilienzexperten Deutschlands. Er ist 5-facher Fachbuchautor, Keynote-Speaker, Resilienz-Lehrtrainer, Systemischer Coach, Vorstand in vielen Coach- und Trainer-Verbänden und Unternehmer. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich individuelle Resilienz und Prosilienz®, resilienter Führung und Teamresilienz. Im Jahr 2020 hat er den ersten Resilienz-Online-Kongress initiiert und hat sich in diesem Rahmen mit über 50 anderen Resilienz-Expert*innen ausgetauscht (www.resilienz-kongress.de).

2 Kommentare zu „Work-Life-Integration statt Work-Life-Balance?!“

  1. Nina Wagener

    Interessante Aspekte. Allerdings fehlt mir eine aus meiner Sicht sehr wichtige Betrachtungsweise:
    Wieso wird Work und Life getrennt? Ich LEBE auch bei der ARBEIT. Alles andere fände ich sehr traurig.

    Danke Sebastian Mauritz für die nachdenkenswerten Beiträge!

  2. Sehr geehrte Damen und Herten, obwohl ich zu den sog. Alten gehöre. Ich bin jetzt 50 Jahre alt. Habe ich schon immer versucht so arbeiten „zu dürfen“, denn wie Sie schreiben, ist das zur Zeit nicht die Kultur. Nach 30 Jahren Berufstätigkeit, davon fast 20 in der Beratung, stelle ich fest, das der Hauptaspekt Vertrauen ist. Vertrauen muss da sein bzw. entstehen, wenn diese positive Integration erfolgreich sein soll. Und jeder Mitarbeiter*in, der das vermeintlich, ausnutzt, wird diese Kulturveränderung erschweren. Natürlich auch jede Führungskraft, die nicht führt. Nicht durch Kontrolle, aber durch klare Vereinbarungen, die dann auch verlässlich eingehalten werden. Vertrauensvorschuss von allen Seiten ist wohl nötig. Das wünsche ich mir, auch wenn ich zu einer Generation gehöre, die im Grossen und Ganzen beruflich anders sozialisiert wurde.
    Svenja Woldert

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