Eine lange Zeit ging die Forschung von der These aus, dass Trauma sich wie ein Muster im Gehirn festsetzt und im Körper manifestiert. Den größten Anteil daran lieferte der Psychiater und Traumaforscher Bessel van der Kolk mit seinem Beitrag „The Body Keeps the Score“ (Van der Kolk, 1994). was wäre, wenn Traumafolgen nicht wie ein unsichtbarer Fleck in uns zurückbleiben, sondern im Alltag immer wieder neu ‚entstehen‘ — in Momenten, in denen das Nervensystem vorschnell auf Alarm schaltet? Etwa dann, wenn ein Blick, ein Geräusch oder ein plötzliches Herzklopfen sofort wie Gefahr wirkt, obwohl die Situation längst vorbei ist.
Genau diesen zugespitzten Gedanken stellt ein neuer neurowissenschaftlicher Beitrag in den Raum (Kotler, Mannino, Fox, & Friston, 2026). Das macht ihn so spannend: Er rückt weg von der Vorstellung, Trauma sei einfach irgendwo im Körper „abgespeichert“, und lenkt den Blick darauf, wie unser System Belastung, Unsicherheit und innere Signale deutet. Wichtig ist dabei die Einordnung: Es handelt sich nicht um eine experimentelle Primärstudie, sondern um einen theoretischen Debattenbeitrag.
Für unseren Kontext der Resilienz ist das ein wertvoller Beitrag, weil Gesundheit hier nicht als starre Stabilität erscheint, sondern als Beweglichkeit des Systems — als Fähigkeit, flexibel zu regulieren, neu zu bewerten und handlungsfähig zu bleiben. Für Prosilienz® – die proaktive Resilienz – ist er sogar noch spannender, weil der Blick nach vorn geht: Wer Unsicherheit frühzeitig als bewältigbar einübt, trainiert sein System für kommende Belastungen. Zukunftsfähig wird, wer Anspannung lesen, einordnen und beantworten kann, ohne sofort in alte Alarmbahnen zu geraten.
Warum lohnt es sich, Trauma nicht als Speicherproblem, sondern als Vorhersageproblem zu betrachten?
Trauma hat tiefgreifende Folgen – für Betroffene, ihren Alltag und die Menschen um sie herum. Gerade deshalb wirkt es oft wie etwas, das sich tief in uns festsetzt. So kommt es auch, dass sich die Bilder vom „gespeicherten Schmerz“ oder vom „Erinnern des Körpers“ so stimmig anfühlen. Neuere wissenschaftliche Perspektiven über den hier vorgestellten Beitrag hinaus legen jedoch nahe, Belastungsfolgen differenzierter zu betrachten: nicht nur als Nachhall eines vergangenen Ereignisses, sondern auch als Ergebnis veränderter Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Regulationsmuster. Damit verschiebt sich der Blick von der Frage, was im Menschen zurückgeblieben ist, hin zu der Frage, wie sein System auf Unsicherheit, Körpersignale und potenzielle Gefahr reagiert. Für Resilienz ist das hochrelevant, weil sie so weniger als starre Widerstandskraft erscheint, sondern als flexible Anpassungsleistung.
Warum die Speicher-Metapher so wirksam ist – und oft zu kurz greift
Die Vorstellung, dass der Körper Trauma „speichert“, ist deshalb so kraftvoll, weil sie ein reales Erleben in ein starkes Bild übersetzt. Viele Menschen kennen das: Ein Geräusch, ein Geruch oder ein Blick reicht, und der Körper reagiert sofort mit Enge, Unruhe oder Alarm. Solche Erfahrungen machen verständlich, warum die Metapher so eingängig ist. Gleichzeitig zeigt die Traumaforschung, dass Reaktionen auf Belastung sehr unterschiedlich verlaufen und nicht jede belastende Erfahrung zu einer chronischen Störung führt (vgl. Bonanno, Chen, Bagrodia, & Galatzer-Levy, 2024).
Gerade weil die Metapher so stark ist, kann sie wissenschaftlich zu grob werden. Denn sie legt nahe, Trauma sei wie eine fest abgelegte Spur im Körper gespeichert — relativ eindeutig, relativ statisch und relativ unabhängig vom aktuellen Kontext. Aus heutiger Sicht sprechen jedoch viele Befunde dafür, dass Belastungsfolgen nicht nur mit einem vergangenen Ereignis zusammenhängen, sondern auch mit der fortlaufenden Art, wie ein Mensch Reize, Körpersignale und Unsicherheit wahrnimmt, bewertet und vorhersagt (Kube, Berg, Kleim, & Herzog, 2020).
Die Speicher-Metapher vereinfacht gleich an mehreren Stellen: Sie klingt erstens so, als gäbe es einen klaren „Ort“ des Traumas, zweitens so, als wären Symptome vor allem das Wiederauftauchen von Gespeichertem, und drittens so, als spiele die gegenwärtige Deutung von Erregung, Bedrohung und Kontrolle nur eine Nebenrolle. Der neue Beitrag von Kotler und seinen Kollegen setzt genau hier an. Er beschreibt Trauma nicht primär als abgelegten Rest der Vergangenheit, sondern als Ausdruck rigider Vorhersage- und Regulationsmuster, durch die das Nervensystem auch in relativ sicheren Situationen weiter auf Gefahr eingestellt bleibt (Kotler et al., 2026).
Das macht die Perspektive wissenschaftlich differenzierter: Nicht ein stilles Archiv steht im Zentrum, sondern ein aktives System, das laufend interpretiert, gewichtet und reagiert.
Warum das Thema für Resilienz, Prävention und Führung relevant ist
Gerade deshalb ist dieser neue Beitrag so interessant — nicht nur für das Verständnis von Trauma, sondern auch für die Alltagsresilienz. Denn wenn wir Belastungsreaktionen als Ergebnis von Vorhersage, Bewertung und Regulation verstehen, dann lässt sich diese Perspektive auch auf den ganz normalen Umgang mit Stress übertragen. Auch im Alltag leiden Menschen an der Art, wie ihr System Unsicherheit, Druck, innere Aktivierung und Kontrollverlust deutet, statt es allein auf die äußeren Stressoren zu schieben.
Stress geht in dem Verständnis immer mit Deutung einher: als Gefahr, als Überforderung, als Hinweis, dass etwas nicht mehr zu bewältigen ist. Genau hier zeigt sich unser Verständnis von angewandter Resilienz. Denn Resilienz zeigt sich nicht nur im Umgang mit großen Krisen oder gar Traumata, sondern in der Fähigkeit, alltägliche Irritationen flexibel zu verarbeiten, Spannung einzuordnen und trotzdem handlungsfähig zu bleiben.
Auch für den Bereich der Prävention bedeutet das einen wichtigen Perspektivwechsel. Es reicht nicht, Belastung nur möglichst klein zu halten. Entscheidend ist, Menschen darin zu stärken, innere Aktivierung, Unsicherheit und Ambivalenz besser einzuordnen, ohne sie sofort als Überforderung oder Kontrollverlust zu interpretieren. Gerade in Führung, Arbeitswelt und gesellschaftlichen Umbruchzeiten ist das relevant. Genau hier kommt Prosilienz® ins Spiel.
Wenn Resilienz beschreibt, wie Menschen in oder nach Belastung beweglich bleiben, dann richtet Prosilienz® den Blick einen Schritt weiter nach vorn: auf den vorausschauenden Aufbau genau dieser Beweglichkeit. Aus der Logik regulatorischer Flexibilität folgt, dass Zukunftsfähigkeit nicht erst in der Krise beginnt, sondern schon vorher trainiert werden kann — durch den bewussten Umgang mit Unsicherheit, durch dosierte Herausforderung und durch sichere Lernräume, in denen Anspannung nicht automatisch als Gefahr gelesen werden muss.
Warum diese Perspektive entpathologisierend sein kann
Noch ein letzter Einschub, der den neuen Beitrag „The Body Does Not Keep the Score“ so wertvoll macht: Diese Sichtweise verschiebt den Fokus von der Idee eines dauerhaft beschädigten Selbst hin zu der Annahme, dass ein System gelernt hat, Gefahr besonders schnell und engmaschig vorherzusagen.
Das nimmt Leid ernst, ohne Identität mit Symptom gleichzusetzen. Der Mensch ist dann nicht „kaputt“, sondern sein Nervensystem folgt einem Schutzmuster, das unter früheren Bedingungen sinnvoll gewesen sein mag, im Heute aber zu eng geworden ist. Und darin liegt das Potenzial für unsere Resilienzarbeit: Die Perspektive öffnet Entwicklungsspielräume. Denn was gelernt wurde, kann auch weitergelernt, erweitert und neu kalibriert werden.
Resilienzförderung bedeutet in diesem Sinne, Menschen dabei zu unterstützen, ihre Alarmmuster besser zu verstehen, Anspannung differenzierter zu lesen und zwischen Reiz und Reaktion wieder mehr Handlungsspielraum zu gewinnen. Und Prosilienz® ist dann die Zukunftsfähigkeit, dass Menschen, statt bloß auf Überforderung zu reagieren, schon vorher innere Flexibilität für künftige Belastungen aufbauen.
Was sagt der Artikel „ The Body Does Not Keep the Score”?
Im Kern behauptet der neue Beitrag, dass Trauma wissenschaftlich präziser nicht als „im Körper gespeicherte Spur“, sondern als Folge eines Nervensystems verstanden werden sollte, das Gefahr immer wieder neu erzeugt, weil seine Vorhersagen, Gewichtungen und Reaktionsmuster rigide geworden sind.
Die Autoren formulieren das sehr zugespitzt: Nicht der Körper speichere Trauma, sondern das Gehirn „reenaktiere es durch maladaptive Inferenz“. Mit anderen Worten: Das System zieht zu oft den Schluss „Achtung, Gefahr“, obwohl die Lage heute gar nicht mehr dieselbe ist. Was nach belastenden Erfahrungen bestehen bleibe, sei daher vielmehr ein Verlust an Flexibilität — genauer: ein Verlust an Metastabilität (Kotler et al., 2026).
Was ist Metastabilität?
Der Begriff Metastabilität ist einer der spannendsten Gedanken des Beitrags. Gemeint ist damit ein Zustand, in dem unser System weder starr noch chaotisch ist. Es kippt also nicht bei jeder Irritation sofort ins Durcheinander, aber es hält auch nicht krampfhaft an einem einzigen Muster fest. Stattdessen bleibt es beweglich. Man könnte sagen: Metastabilität ist die Fähigkeit, innerlich in Balance zu bleiben, ohne unbeweglich zu werden.
Hier lohnt sich ein Blick auf das Konzept der Homöodynamik – Gleichgewicht ist kein Zustand, sondern ein fortlaufender Prozess des Neuausrichtend und Austarierens. Metastabilität geht noch einen Schritt tiefer: Sie bezeichnet jene innere Beweglichkeit des Systems, die dieses Nachjustieren überhaupt erst ermöglicht. Ein resilientes System hält Balance, indem es flexibel zwischen verschiedenen Zuständen wechseln kann.
Genau darin liegt der Unterschied zwischen gesunder Anpassung und traumabedingter Verengung. Ein gesundes System kann wechseln: von Anspannung in Beruhigung, von Wachsamkeit in Vertrauen, von Rückzug in Kontakt, von Fokus in Loslassen. Es hat mehrere Gänge zur Verfügung und kann situationsangemessen schalten. Wer dagegen im Alarm hängen bleibt, innerlich ständig scannt, Gefahr wittert oder in Vermeidung rutscht, verliert genau diese Beweglichkeit. Dann wird das Reaktionsmuster enger, die innere Welt vorhersehbarer — aber leider auf eine ungünstige Weise.
Trauma bedeutet in dieser Sicht also nicht einfach, dass ein Mensch „zu viel Stress“ erlebt hat, der sich im Körper abgelagert hat. Es bedeutet, dass das System an Flexibilität verliert. Es reagiert zu oft nach dem Motto: lieber einmal mehr schützen als einmal zu wenig. Das ist ein zentraler Kern für Menschen, die Resilienz verstehen und stärken wollen: Resilienz heißt nicht, immer ruhig oder stark zu sein, sondern zwischen inneren Zuständen flexibel wechseln zu können.
Was bedeutet Predictive Coding für Resilienz und Prosilienz®?
Der Beitrag von Kotler et al. (2026) baut auf der Idee des Predictive Coding beziehungsweise der Active Inference auf. Vereinfacht gesagt heißt das: Unser Gehirn wartet nicht einfach ab, was passiert. Es versucht ständig, die Welt vorwegzunehmen. Es bildet Erwartungen darüber, was als Nächstes kommt, wie sich eine Situation anfühlt und ob etwas sicher oder gefährlich ist. Diese inneren Vorhersagen werden dann mit dem abgeglichen, was wir tatsächlich wahrnehmen.
Einer der Autoren, Karl Friston, lieferte mit seinem Konzept „the free-energy principle“ und dem Vorhersagefehler als Hauptquelle für Stress einen großen Beitrag zu unserem heutigen Stressverständnis (Friston, 2010). Er zählt übrigens auch zu den einflussreichsten und meistzitierten Neurowissenschaftlern weltweit, was dem Debattenbeitrag ein zusätzliches Gewicht verleiht.
Nach belastenden Erfahrungen kann jedoch genau dieses kluge Vorhersage-System aus dem Takt geraten. Dann bekommen Bedrohungsvorhersagen ein zu hohes Gewicht. Das heißt: Das Nervensystem rechnet schneller mit Gefahr, selbst dann, wenn eine Situation mehrdeutig oder objektiv gar nicht so bedrohlich ist. Ein schneller Herzschlag, ein kritischer Blick, Zeitdruck oder Unsicherheit werden dann leichter als Warnsignal gelesen. Frühere Arbeiten zu PTBS beschreiben diese Dynamik ähnlich: Nicht nur die Erinnerung an das Erlebte hält Symptome aufrecht, sondern auch die Tendenz, Wahrnehmung, Körpersignale und Umwelt weiter durch eine starke Bedrohungshypothese zu filtern (Kube et al., 2020).
Resilienz zeigt sich in unserem Verständnis darin, Vorhersagen laufend korrigieren zu können. Ein resilientes System kann merken: „Ja, ich bin aktiviert — aber das ist nicht automatisch Gefahr.“ Es bleibt also beweglich genug, um zwischen Alarm und Entwarnung, Anspannung und Orientierung, Schutz und Offenheit umzuschalten.
Für Prosilienz® geht dieser Gedanke noch einen Schritt weiter. Wenn unser Umgang mit Stress stark davon abhängt, wie wir Unsicherheit vorausschauend deuten, dann beginnt Zukunftsfähigkeit dort, wo Menschen lernen, Irritation, Druck und innere Aktivierung nicht sofort als Katastrophe zu lesen. Durch eine starke Prosilienz® wird aus der Frage „Wie halte ich Stress aus?“ allmählich die wichtigere Frage: „Wie lernt mein System im Voraus, mit Unsicherheit flexibler umzugehen?“
Über Körpertherapie und PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung)
Gerade was das Thema des Körpers betrifft, kann der Titel „The Body Does Not Keep the Score“ leicht missverstanden werden. Der Beitrag von Kotler und seinen Kollegen (2026) sagt nicht, dass der Körper bei PTBS unwichtig wäre. Im Gegenteil: Körpersignale wie Herzschlag, Atmung, Muskelspannung, autonome Aktivierung und Interozeption sind aus Sicht der Autoren zentral.
Der Unterschied liegt aber in der Deutung. Der Körper erscheint hier nicht als Speicher vergangener Verletzung. Vielmehr ist er Teil und Medium eines fortlaufenden Vorhersage-, Rückkopplungs- und Regulationssystems. Körpersignale sind also nicht einfach Beweise eines „abgelegten Traumas“, sondern Informationen, die das Gehirn in seine laufende Einschätzung von Sicherheit oder Gefahr einbezieht. Genau darin liegt die Provokation des Titels: Er widerspricht nicht der Bedeutung körperlicher Prozesse, aber einer zu wörtlichen Speicher-Metapher.
Für das Verständnis von PTBS verschiebt sich damit der Fokus. Es steht nicht allein das traumatische Ereignis selbst im Zentrum. Die Frage, wie stark Bedrohungserwartungen das gesamte System dominieren gewinnt an einer viel größeren Bedeutung. Aus einer Predictive-Coding-Perspektive bedeutet das: Wahrnehmung, Körperempfindung und Umwelt werden nach Trauma leichter unter dem Vorzeichen von Gefahr gelesen. Hypervigilanz, Übererregung, Vermeidung und in manchen Fällen auch Flashbacks lassen sich dann als Ausdruck eines Systems verstehen, das zu schnell auf Alarm schaltet und aktuelle Signale durch eine überstarke Bedrohungshypothese filtert (Kube et al., 2020). Kotler et al. (2026) rahmen PTBS deshalb grundsätzlicher als Problem rigider Inferenz und verlorener Flexibilität.
Das ist auch für die Frage nach Körpertherapie wichtig. Wenn der Körper nicht als Archiv, sondern als Mitspieler in einem Vorhersage- und Regulationssystem verstanden wird, dann können körperorientierte Verfahren durchaus sinnvoll sein — nur ihre Wirkweise wird anders erklärt. Sie helfen dann, weil sie die Beziehung zu Körpersignalen verändern, Interozeption differenzieren, Sicherheit neu erfahrbar machen und die Kopplung von Aktivierung und Gefahr lockern können. Und nicht, um einen gespeicherten Rest zu „entladen“ (Kotler et al., 2026).
Was ist Prosilienz®?
Prosilienz® haben wir an dieser Stelle nun schon häufiger als zukunftsgewandte Resilienz erwähnt. Es handelt sich um ein Konzept von Sebastian Mauritz, das Stresskompetenz eben nicht nur als Reagieren versteht. Für die Welt, in der wir leben, ist eine proaktive und prospektive Resilienz ein zentraler Faktor für ein gesundes Leben und darüber hinaus auch gesundes Wachstum. Es ist die Fähigkeit, aus möglichen Zukünften zu lernen, um in der Gegenwart klüger, selbstwirksamer und handlungsfähiger zu werden. Während Resilienz vor allem hilft, mit aktuellem oder vergangenem Stress gesund umzugehen, richtet Prosilienz® den Blick auf die Frage, welche inneren Ressourcen wir heute aufbauen sollten, damit wir morgen flexibler auf das Ungewisse reagieren können.
Wer tiefer in dieses Verständnis einsteigen möchte, findet dazu zwei besonders passende Folgen des Resilienz Podcasts Rethinking Resilience. In Folge 30 stellen Sebastian Mauritz und Ruben Langwara Prosilienz® als proaktive und vorausschauende Resilienz vor und sprechen über das Gehirn als Vorhersagea
pparat sowie über Stress durch Erwartungsabweichungen. Folge 32 führt diesen Gedanken weiter und vertieft Prosilienz® als Zukunftskompetenz. Beide Folgen machen sehr anschaulich, warum Zukunftsfähigkeit nicht erst in der Krise beginnt, sondern lange davor.
Jetzt anhören oder noch mehr Folgen rund um Resilienz und spannende Interviews mit hochkarätigen Gästen entdecken: Rethinking-Resilience.com
Von der Theorie in die Praxis – Wie werden Systeme beweglicher?
Die vielleicht wichtigste Botschaft dieses Beitrags lautet: Beweglichkeit ist kein Zufall. Sie lässt sich entwickeln. Wenn Stress, Überforderung und Krisen das System verengen können, dann können gute Erfahrungen, bewusste Übung und neue Deutungsmuster es auch wieder öffnen. Genau darin liegt eine hoffnungsvolle Perspektive für die Resilienzarbeit: Resilienz ist keine feste Eigenschaft, die man hat oder nicht hat. Sie ist trainierbar.
Sowohl Resilienz als auch Prosilienz® lassen sich üben. Aber eben nicht durch Härte und „Unkaputtbarkeit“, sondern durch Beweglichkeit. Durch einen klügeren Umgang mit Gedanken, Gefühlen, Körpersignalen und innerer Ausrichtung.
Vier Sofortübungen für mehr Flexibilität
Wir verstehen Resilienz dabei als Zusammenspiel von körperlicher, seelischer, mentaler und emotionaler Resilienz (Mauritz, van der Linde, Langwara, Comnick, 2023). Ziel des Modells der vier Arten individueller Resilienz ist es, der Komplexität von Stress gerecht zu werden und zugleich praktisch nutzbar zu bleiben: Menschen sollen Belastungen im Alltag besser einordnen, auf unterschiedlichen Ebenen verstehen und gezielter regulieren können.
Genau deshalb lohnt sich auch der Blick auf vier verschiedene Zugänge zu Flexibilität. Mal braucht es einen neuen Gedanken, mal einen anderen Umgang mit Gefühlen, mal ein körperliches Signal von Sicherheit und manchmal eine innere Rückbindung an Sinn, Vertrauen oder Verbundenheit. Die folgenden Übungen greifen genau diese vier Ebenen auf. Sie sind als kleine Impulse gedacht, um im Alltag nicht in Verengung hängen zu bleiben, sondern Schritt für Schritt mehr Beweglichkeit in Denken, Fühlen, Körper und innerer Haltung zu entwickeln.
Kognitive Flexibilität – Umdeutung
Nehmen Sie sich eine Situation vor, die Sie gerade belastet. Schreiben Sie in einem ersten Satz auf, was Ihr spontaner innerer Kommentar dazu ist. Zum Beispiel: „Das ist zu viel“, „Ich schaffe das nicht“ oder „Warum passiert das immer mir?“
Im zweiten Schritt formulieren Sie diesen Satz bewusst neu — nicht schönfärberisch, sondern im Sinne eines positiven Bewertungsstils. Wie Prof. Dr. Raffael Kalisch so schön sagt, durch eine ‚leicht rosarote Brille‘. Fragen Sie sich dabei:
Was daran ist trotzdem bewältigbar?
Was ist daran vielleicht nur anstrengend, aber nicht gefährlich?
Was könnte auch eine Aufgabe statt nur eine Bedrohung sein?
Aus „Das ist zu viel“ kann so werden:
„Das ist gerade viel, aber ich kann Schritt für Schritt vorgehen.“
Aus „Ich schaffe das nicht“ wird:
„Ich kann es vielleicht noch nicht ganz, aber ich kann den nächsten kleinen Schritt gehen.“
Wichtig ist: Reframing heißt nicht, Probleme wegzureden. Es heißt, der Situation eine Deutung zu geben, die mehr Handlungsspielraum eröffnet. Genau das trainiert kognitive Flexibilität. Sie üben, Stress als etwas zu bewerten, das einordbar, beeinflussbar und mit den eigenen Ressourcen bearbeitbar ist.
Emotionale Flexibilität – Emotionsvokabular
Nehmen Sie sich ein Blatt Papier und schreiben Sie die Buchstaben A bis Z untereinander auf. Stellen Sie sich dann für 90 Sekunden einen Timer.
Ihre Aufgabe ist einfach: Schreiben Sie zu möglichst vielen Buchstaben einen Gefühlsbegriff auf. Die Leitfrage dabei lautet: Wie kann ich mich fühlen?
Schreiben Sie schnell und ohne lange nachzudenken. Es geht nicht darum, die schönsten oder klügsten Wörter zu finden, sondern Ihren inneren Gefühlswortschatz zu aktivieren. Mögliche Beispiele wären: angespannt, berührt, enttäuscht, erleichtert, frustriert, gelassen, hoffnungsvoll, neidisch, ruhig, ungeduldig, zuversichtlich.
Wenn die 90 Sekunden vorbei sind, schauen Sie sich Ihre Liste an und reflektieren Sie kurz:
Welche Gefühle fallen mir leicht ein?
Welche eher nicht?
Überwiegen angenehme oder unangenehme Begriffe?
Wie differenziert nehme ich mein Innenleben eigentlich wahr?
Genau darin liegt die Wirkung der Übung. Sie trainieren Ihre Fähigkeit, Gefühle feiner zu unterscheiden. Statt nur „gestresst“ oder „schlecht“ zu empfinden, entsteht mehr innere Genauigkeit. Und diese Genauigkeit schafft Flexibilität. Denn wer besser benennen kann, was er fühlt, kann auch passender damit umgehen.
Mehr Übungen zur emotionalen Flexibilität finden Sie in der Fortbildung Emotionale Resilienz.
Körperliche Flexibilität – In die Orientierung gehen
Nehmen Sie sich in einem angespannten Moment 60 bis 90 Sekunden Zeit. Stellen Sie beide Füße bewusst auf den Boden und spüren Sie, wie Sie getragen werden. Lockern Sie dann Ihren Kiefer, senken Sie die Schultern und lassen Sie den Atem etwas länger ausströmen, als Sie einatmen. Heben Sie danach den Blick und orientieren Sie sich für ein paar Sekunden im Raum:
Was sehen Sie? Welche Farben, Formen oder Lichtquellen nehmen Sie wahr?
Die Übung ist zwar einfach, aber wirkungsvoll. Sie geben Ihrem Körper damit mehrere kleine Signale, dass nicht nur Alarm, sondern auch Orientierung möglich ist. Genau das stärkt körperliche Flexibilität. Der Körper übt, zwischen Anspannung und Beruhigung wieder beweglicher zu werden.
Sie können sich dabei innerlich vier kleine Schritte sagen:
spüren – lösen – atmen – orientieren
Fragen Sie sich am Ende:
Was hat sich in meinem Körper leicht verändert?
Ist der Atem ruhiger geworden? Der Blick weiter? Der Brustkorb freier? Die Beine stabiler?
Es geht nicht darum, sofort ganz entspannt zu sein. Es reicht, wenn Ihr System merkt: Ich bin nicht nur im Alarm. Ich kann mich auch wieder ausrichten. Genau das ist körperliche Flexibilität im Alltag.
Seelische Flexibilität – Vertrauen finden
Nehmen Sie sich jetzt, in den nächsten Tagen oder am beste jeden Abend eine Minute Zeit und richten Sie den Blick bewusst auf das, was Sie innerlich trägt. Fragen Sie sich:
Was gibt mir gerade Halt?
Das kann ein Mensch sein, eine Erfahrung, ein Wert, ein Glaube, ein Satz, ein inneres Bild oder die Erinnerung daran, dass Sie schon anderes bewältigt haben.
Schreiben Sie dazu drei kurze Antworten auf. Zum Beispiel:
Ich bin nicht allein.
Ich habe schon schwierige Zeiten überstanden.
Es muss nicht sofort alles gelöst sein.
Lesen Sie sich diese drei Sätze langsam durch. Atmen Sie dabei ruhig weiter und spüren Sie, welcher Satz in Ihnen am meisten Resonanz auslöst. Bleiben Sie für ein paar Atemzüge bei genau diesem einen Gedanken.
Fragen Sie sich am Ende:
Was in mir bleibt auch dann verlässlich, wenn gerade nicht alles sicher ist?
Die Übung wirkt so schlicht, weil sie den Fokus weg von Mangel, Gefahr und Kontrollverlust hin zu Vertrauen, Sinn und innerer Verbundenheit lenkt. Genau das stärkt seelische Flexibilität. Sie trainieren damit die Fähigkeit, sich auch in unsicheren Zeiten nicht nur an dem zu orientieren, was fehlt oder bedroht ist, sondern auch an dem, was trägt – besonders wenn das Leben eng wird.
Mehr Übungen zur seelischen Flexibilität finden Sie in der Fortbildung Seelische Resilienz.
Wozu ist der Beitrag „The Body Does Not Keep the Score” wichtig?
Dieser Beitrag ist deshalb so wichtig, weil er den Blick auf Belastung, Trauma und Stress in einer entscheidenden Weise verschiebt. Er lädt dazu ein, den Menschen nicht länger vor allem als Träger vergangener Verletzungen zu sehen, sondern als lern- und veränderungsfähiges System. Das ist mehr als ein theoretischer Perspektivwechsel. Es verändert, welche Fragen wir stellen. Statt: Was ist passiert? Zu: Wie hat das System gelernt, Gefahr vorherzusagen? Und vor allem: Wie kann es wieder mehr Beweglichkeit gewinnen?
Genau darin liegt seine Relevanz für die Resilienzarbeit. Denn Resilienz wird so nicht als starre Stärke verstanden, nicht als Härte und auch nicht als Fähigkeit, möglichst wenig zu spüren. Resilienz erscheint vielmehr als flexible Regulationskompetenz: als die Fähigkeit, Anspannung wahrzunehmen, sie einzuordnen und auf sie zu antworten, ohne in Alarm, Vermeidung oder Ohnmacht stecken zu bleiben. Der Beitrag stützt damit ein Resilienzverständnis, das auf Anpassungsfähigkeit, Variabilität und Handlungsfreiheit zielt.
Für unser Verständnis von Prosilienz® ist dieser Beitrag fast noch bedeutsamer. Denn wenn Belastungsfolgen eng mit Vorhersage, Bewertung und Regulation zusammenhängen, dann ist die Fähigkeit schon vor akutem und realem Stress mit Unsicherheit, innerer Aktivierung und Kontrollverlust gelingender umzugehen, ein wahrer Gamechanger sowohl im beruflichen als auch im privaten Kontext – eine Schlüsselkompetenz der Zukunft.
Prosilienz® heißt: die Zukunft nicht nur aushalten, sondern innerlich auf sie vorbereitet sein. Nicht, weil wir wissen, was kommt. Das können wir nicht. Aber, weil wir trainieren können, wie wir auf das Ungewisse reagieren. Der Beitrag liefert dafür eine starke wissenschaftliche Anschlussstelle. Er zeigt, dass die entscheidende Frage lautet, wie wir Systeme so stärken, dass sie auf neue Irritationen beweglich, differenziert und handlungsfähig antworten können.
Quellen:
Bonanno, G. A., Chen, S., Bagrodia, R., & Galatzer-Levy, I. R. (2024). Resilience and disaster: flexible adaptation in the face of uncertain threat. Annual review of psychology, 75(1), 573-599.
Friston, K. (2010). The free-energy principle: a unified brain theory? Nature Reviews Neuroscience, 11(2), 127-138.
Kotler, S., Mannino, M., Fox, G., & Friston, K. (2026). The Body Does Not Keep the Score: Trauma, Predictive Coding, and the Restoration of Metastability. Frontiers in Systems Neuroscience, 20, 1812957.
Kube, T., Berg, M., Kleim, B., & Herzog, P. (2020). Rethinking post-traumatic stress disorder–A predictive processing perspective. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 113, 448-460.
Van der Kolk, B. A. (1994). The body keeps the score: Memory and the evolving psychobiology of posttraumatic stress. Harvard review of psychiatry, 1(5), 253-265.
Bildquelle: www.depositphotos.com: Woman suffering from chest pain@belchonock, Collage representing man having pain@belchonock, Red rotating beacon@yaakovberg@gmail.com, Polygonal brain shape@ Tzido, Double exposure of work table@peshkova, Storm of thoughts in the brain@sudok1
Grafiken: Dylan Sara
Rebecca van der Linde, M.A. Germanistik und Kulturanthropologie, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Resilienz Akademie. Als Resilienz-Trainerin und Resilienz-Coach betreut sie den Blog der Resilienz Akademie und unterstützt in der konzeptionellen Entwicklung. Zudem agiert als SEO-Managerin für die Website. Ihr Schwerpunkt liegt auf der digitalen Präsenz der Themen rund um individuelle und organisationale Resilienz.

Sebastian Mauritz, M.A. Systemische Beratung, ist einer der führenden Experten für angewandte Resilienz in Deutschland. Er ist 6-facher Fachbuchautor, Keynote-Speaker, Resilienz-Lehrtrainer, Systemischer Coach, war und ist Vorstand in vielen Coach- und Trainer-Verbänden und Unternehmer. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich angewandter individueller Resilienz und Prosilienz®, resilienter Führung und Teamresilienz. Er ist Initiator der Resilienz Initiative (www.Resilienz-Initiative.com) und des jährlichen Resilienz-Online-Kongresses mit bisher über 300 Interviews mit Resilienzexpert:innen (www.Resilienz-Kongress.de), Herausgeber des ResilienzLetters (www.ResilienzLetter.de) sowie des Resilienz-Podcasts Rethinking Resilience (www.Rethinking-Resilience.com).