Die Effekte von Emotionen: Wie Ärger und Wertschätzung unserer Resilienz beeinflussen

Standen Sie schon einmal vor einem wichtigen Termin im Stau? Dann kennen Sie sicher das Gefühl:  Ihr Termin rückt näher, die Uhr tickt, das Hupen wird lauter – und in Ihnen brodelt der Ärger. Ihr Herz schlägt schneller, der Atem wird flacher, und Ihre Gedanken kreisen nur noch um eines: „Ich komme zu spät.“

Jetzt stellen Sie sich eine andere Situation vor: Sie halten inne, legen eine Hand aufs Herz und denken an einen Menschen, für den Sie tiefe Wertschätzung empfinden. Vielleicht ist es ein:e Freund:in, Ihr Kind oder ein stiller Moment in der Natur. Ihr Atem wird ruhiger, die Schultern sinken, ein Lächeln erscheint. Ihr Herz schlägt in einem neuen Takt – ruhiger, geordneter, klarer.

Was gerade wie eine poetische Gegenüberstellung wirkt, ist in Wahrheit messbare Physiologie. Eine Studie des Institute of HeartMath zeigt: Unsere Emotionen – ob wütend oder wertschätzend – hinterlassen Spuren in unserem Herzrhythmus. Und diese Spuren sind entscheidend für unsere Resilienz. Denn wer es schafft, inmitten von Stress eine innere emotionale Balance zu finden, aktiviert nicht nur psychische Stärke – sondern reguliert auch sein autonomes Nervensystem in Echtzeit. In diesem Artikel erfahren Sie, was hinter diesem erstaunlichen Zusammenhang steckt.

Resilienz Akademie | Die Effekte von Emotionen: Wie Ärger und Wertschätzung unserer Resilienz beeinflussenWarum sind unsere Emotionen entscheidend für Resilienz und Gesundheit?

Wir alle fühlen – doch nicht alle erlauben sich, wirklich hinzuspüren. Im Alltag sind wir oft so damit beschäftigt, zu funktionieren, dass wir unsere emotionalen Reaktionen kaum bemerken. Doch genau hier beginnt ein stiller Prozess, der unsere innere Stabilität untergräbt. Die Effekte der Emotionen nicht zu kennen oder schier zu ignorieren, hat weitreichende Folgen für unsere Gesundheit, unser Herz – und unsere Resilienz.

Die stille Macht der unterdrückten Gefühle

Wir alle kennen Situationen, in denen wir „die Fassung bewahren“, obwohl in uns alles brodelt. Im Berufsalltag ist es oft sogar erwünscht: professionell bleiben, ruhig wirken, sachlich argumentieren. Doch was geschieht, wenn wir unsere wahren Gefühle dauerhaft verdrängen – wenn Ärger, Frust oder Enttäuschung keinen Ausdruck finden?

Diese innere Diskrepanz zwischen dem, was wir fühlen, und dem, was wir zeigen (oder uns erlauben zu fühlen), wird als emotionale Dissonanz bezeichnet. Sie entsteht häufig in sozialen Rollen – sei es im Beruf, in der Familie oder im sozialen Umfeld. Studien zeigen: Wer dauerhaft gegen seine authentischen Emotionen lebt, erhöht das Risiko für Burnout, psychosomatische Erkrankungen und emotionale Erschöpfung (Zapf & Holz, 2006).

Wenn Emotionen krank machen

Resilienz Akademie | Die Effekte von Emotionen: Wie Ärger und Wertschätzung unserer Resilienz beeinflussenChronischer emotionaler Stress – sei es durch unterdrückte Wut, ungelöste Konflikte oder ständige Selbstüberforderung – aktiviert auf physiologischer Ebene den sympathischen Zweig des autonomen Nervensystems. Das führt zu einer dauerhaften Erregung, einer Art „Standby-Modus der Alarmbereitschaft“. Der Herzschlag beschleunigt sich, Blutdruck und Cortisol steigen – während gleichzeitig parasympathische Funktionen wie Erholung, Verdauung und Immunkompetenz heruntergefahren werden (McEwen, 1998).

Besonders tückisch: Diese Prozesse laufen oft unbemerkt ab. Menschen gewöhnen sich an diesen inneren Stresspegel, bis der Körper erste Signale sendet – in Form von Erschöpfung, Schlafproblemen, Herz-Kreislauf-Beschwerden, Nacken- oder Rückenschmerzen oder chronischen Entzündungen. Die Resilienz, also die Fähigkeit zur Regeneration und Anpassung, wird so schleichend untergraben.

Emotionaler Analphabetismus als Risiko

Ein weiteres Risiko entsteht, wenn Menschen den Zugang zu ihren eigenen Gefühlen verlieren – ein Zustand, den Psycholog:innen als „Alexithymie“ bezeichnen. Betroffene können ihre Gefühle nicht klar benennen oder regulieren. Oft steckt dahinter eine Biografie, in der Emotionen wenig Raum hatten oder sogar abgewertet wurden. Die Folge: Gefühle stauen sich, zeigen sich körperlich – etwa als Magenprobleme, Verspannungen oder Kopfschmerzen – oder führen zu plötzlichen Emotionsausbrüchen (Taylor, Bagby, & Parker, 1999).

Fehlende Emotionsregulation schwächt Resilienz

Resilienz beginnt mit emotionaler Selbstwahrnehmung. Wer nicht spürt, was ihn bewegt, kann auch nicht bewusst gegensteuern. Doch genau das ist essenziell: Gefühle zu erkennen, zu benennen und in hilfreiche Bahnen zu lenken – statt sie zu verdrängen oder von ihnen überrollt zu werden. Ohne diese Fähigkeit kann das innere Gleichgewicht nicht aufrechterhalten werden – und das macht auf Dauer krank.

Was zeigt die Forschung über die Effekte von Emotionen? – Eine Studie im Fokus

Resilienz Akademie | Die Effekte von Emotionen: Wie Ärger und Wertschätzung unserer Resilienz beeinflussenEmotionen erscheinen vielen als flüchtige, schwer greifbare Phänomene. Dabei wissen wir aus der Forschung mittlerweile: Unsere Gefühle hinterlassen messbare Spuren – besonders im Rhythmus unseres Herzens. Die Herzratenvariabilität (HRV) – also die Fähigkeit des Herzens, den Zeitabstand zwischen zwei Schlägen flexibel anzupassen – ist ein sensibler Indikator für unser emotionales und körperliches Gleichgewicht, und damit einer der wichtigsten körperlich messbaren Indikatoren für unsere Resilienz.

Im Fokus dieses Abschnitts steht eine zentrale Studie des Institute of HeartMath mit dem Titel: „The effects of emotions on short-term power spectrum analysis of heart rate variability“ (McCraty, Atkinson, Tiller, Rein, & Watkins, 1995), die erstmals nachwies, wie unterschiedlich angenehme und unangenehme Emotionen wie Wertschätzung und Ärger das autonome Nervensystem beeinflussen – mit tiefgreifenden Implikationen für Resilienz, Gesundheit und Immunkompetenz.

Was wollten die Forschenden herausfinden?

Das zentrale Anliegen der Studie war es, herauszufinden, wie spezifische emotionale Zustände – insbesondere „Ärger“ und „Wertschätzung“ – die Herzratenvariabilität (HRV) und die sympathovagale Balance beeinflussen. Ziel war es, zu klären:

  • Ob emotionale Zustände unmittelbare Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System haben
  • Ob sich angenehme Emotionen physiologisch günstiger auswirken als unangenehme
  • Und ob die gezielte Aktivierung von Gefühlen wie Wertschätzung durch eine Methode wie Freeze-Frame® die HRV verbessern kann

Wie wurde die Studie durchgeführt?

In der Studie nahmen 24 gesunde Erwachsene im Alter von 24 bis 47 Jahren teil, darunter 15 Frauen und 9 Männer. Die Teilnehmenden wurden nach Alter und Geschlecht gleichmäßig auf zwei Gruppen aufgeteilt. Jede Gruppe erhielt die Aufgabe, während eines festgelegten Zeitraums eine bestimmte Emotion bewusst zu aktivieren:

  • Gruppe A wurde angewiesen, sich aktiv in ein Gefühl der Wertschätzung zu versetzen. Dies geschah, indem die Teilnehmenden sich auf einen Menschen, eine Situation oder ein Erlebnis konzentrierten, für das sie ehrliche Dankbarkeit empfanden.
  • Gruppe B hingegen sollte sich gezielt in einen Zustand von Ärger oder Frustration versetzen. Dazu erinnerten sie sich an Situationen aus ihrem Leben, die auch jetzt noch starke unangenehme Gefühle hervorriefen.

Die Freeze-Frame®-Technik

Alle Teilnehmenden waren bereits mit der sogenannten Freeze-Frame®-Technik vertraut – einer Methode, die vom Institute of HeartMath entwickelt wurde. Diese Technik besteht darin, die Aufmerksamkeit bewusst vom belastenden Gedankenmuster abzuziehen und auf das Herz zu lenken.

Von dort aus soll dann eine authentische angenehme Emotion wie Dankbarkeit, Mitgefühl oder Wertschätzung aktiviert werden. Die Teilnehmenden hatten bereits zwischen drei und 24 Monaten Erfahrung mit dieser Technik – was bedeutet, dass sie geübt darin waren, emotionale Zustände gezielt zu regulieren. Diese Vorerfahrung war entscheidend, um die emotionale Qualität während des Experiments konsistent erzeugen zu können – ein wichtiger methodischer Aspekt in der Emotionsforschung.

Der Ablauf

Jede Person durchlief zwei Phasen:

  1. Baseline-Phase (5 Minuten): neutrales Ruhen
  2. Emotionale Aktivierung (5 Minuten): Fokus auf Wertschätzung oder auf eine wütende Erinnerung

Währenddessen wurden kontinuierlich folgende Parameter gemessen:

  • Herzfrequenz
  • Herzfrequenzvariabilität (HRV)
  • Power Spectral Density (PSD) der HRV – aufgeteilt in drei Frequenzbereiche:
    • Low Frequency (LF): sympathische Aktivität
    • High Frequency (HF): parasympathische Aktivität
    • Medium Frequency (MF): Baroreflex-Aktivität (Blutdruckregulation)

Was sind die zentralen Erkenntnisse der Studie?

1. Ärger führt zu sympathischer Überaktivierung – Stress im System

Resilienz Akademie | Die Effekte von Emotionen: Wie Ärger und Wertschätzung unserer Resilienz beeinflussenDie Gruppe, die sich gezielt in den Zustand des Ärgers versetzte, zeigte ein deutlich verändertes physiologisches Muster. Die Low-Frequency-Aktivität (LF) – ein Parameter, der mit der Aktivierung des sympathischen Nervensystems assoziiert ist – stieg signifikant an. Das bedeutet: Das Herz-Kreislauf-System wurde in eine Art Kampf- oder Fluchtmodus versetzt.

Gleichzeitig blieb die High-Frequency-Aktivität (HF), die für die parasympathische (erholungsfördernde) Regulation steht, unverändert. Diese fehlende Gegenregulation führte zu einem Ungleichgewicht im autonomen Nervensystem – messbar als erhöhtes LF/HF-Verhältnis. Dieses Ungleichgewicht gilt als Hinweis auf eine verminderte Resilenzfähigkeit des Organismus.

Auch die Herzfrequenz selbst stieg leicht an, während die HRV-Muster chaotisch und unregelmäßig wurden. Solche unstrukturierten Verläufe sind typisch für emotionale Überforderung und physiologische Dysregulation.

Die Forscher schlossen daraus, dass Ärger eine hochgradig aktivierende, aber physiologisch belastende Reaktion auslöst – mit potenziell langfristigen Konsequenzen: Erhöhter Blutdruck, gesteigertes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und eine Schwächung zentraler Regenerationsprozesse.


Wissensnugget für die Resilienzarbeit: Dysfunktionaler Ärger hemmt das Immunsystem!

In einer früheren Studie desselben Forschungsteams (Rein, Atkinson, & McCraty, 1995) wurde nachgewiesen, dass intensiver Ärger – also Ärger ohne die bekannten Wert, die Konzentration von sekretorischem Immunglobulin A (sIgA) – einem wichtigen Abwehrstoff des Immunsystems – signifikant reduziert.

Bereits fünf Minuten intensiven Ärgers reichen aus, um die Immunabwehr messbar für fünf Stunden zu schwächen – ein Befund, der oft unterschätzt wird, aber in der Praxis enorm bedeutsam ist.


2. Wertschätzung stärkt das parasympathische System – Kohärenz als Gesundheitsmarker

Resilienz Akademie | Die Effekte von Emotionen: Wie Ärger und Wertschätzung unserer Resilienz beeinflussenGanz anders zeigte sich das Bild in der Gruppe, die sich aktiv in Wertschätzung versetzte. Hier zeigte sich ein signifikanter Anstieg sowohl in der HF- als auch in der MF-Aktivität (Medium Frequency), was auf eine Aktivierung des parasympathischen Nervensystems und des Baroreflex-Systems hindeutet – einem zentralen Regelkreis zur Blutdruckstabilisierung und Herzrhythmuskontrolle.

Das Herz schlug nicht schneller, sondern rhythmischer. Die aufgezeichneten Kurven zeigten bei fast allen Teilnehmenden eine synchronisierte, sinusartige Wellenform – ein Muster, das in der Herzforschung als Herz-Kohärenz bezeichnet wird. Dieser Zustand ist gekennzeichnet durch eine harmonische Abstimmung zwischen Herzschlag, Atmung und Nervensystem – ein physiologisches Zeichen für innere Ruhe, emotionale Klarheit und funktionierende Selbstregulation.

Trotz der insgesamt erhöhten Aktivität des Nervensystems – also einer stärkeren Reaktionsbereitschaft – blieb die Herzfrequenz stabil. Dieses scheinbare Paradox wird als Zeichen für ein hoch funktionales, resilient reagierendes System gewertet: aktiv, aber nicht überfordert. Emotional engagiert, aber innerlich balanciert.

Die Forscher interpretieren diese Muster als Ausdruck der Tatsache, dass angenehme Emotionen nicht einfach „beruhigen“, sondern systemisch regulierend wirken – sie verbessern die Anpassungsfähigkeit und fördern eine neurokardiologische Kohärenz, die sowohl die Psyche als auch den Körper stärkt.

Fazit aus der Studie

Diese Studie macht unmissverständlich klar: Emotionen sind mehr als subjektive Empfindungen. Sie beeinflussen Herz, Nervensystem und Immunfunktion auf messbare Weise. Während Ärger zu einem Zustand physiologischer Dysregulation führt, der das Immunsystem schwächt und die Resilienzfähigkeit reduziert, erzeugt Wertschätzung eine innere Ordnung – sichtbar als Herz-Kohärenz, spürbar als Stabilität, messbar als Schutzfaktor für Gesundheit und Wohlbefinden.

Für die Resilienzpraxis bedeutet das: Wer lernt, sich bewusst in positive emotionale Zustände zu versetzen – etwa durch Techniken wie Freeze-Frame® – tut nicht nur der Seele etwas Gutes, sondern stärkt auch aktiv den Körper. Wertschätzung ist damit nicht nur ein Gefühl – sie ist eine Ressource.

Wie können wir die Effekte von Emotionen für uns nutzen?

Viele Menschen glauben, Emotionen „überfallen“ sie – wie Wellen, die man aushalten muss. Doch genau das Gegenteil zeigt die Forschung: Emotionale Zustände sind veränderbar. Sie lassen sich bewusst beeinflussen – nicht durch Verdrängung, sondern durch gezielte Aufmerksamkeit, Körperwahrnehmung und innere Ausrichtung. Das ist der Kern der emotionalen Resilienz: emotionale Flexibilität steigern und dazu beitragen, dass unsere Emotionen mit oder für uns arbeiten, statt gegen uns.

Emotionale Resilienz mit der Freeze-Frame®-Technik steigern

Resilienz Akademie | Die Effekte von Emotionen: Wie Ärger und Wertschätzung unserer Resilienz beeinflussenDa diese Technik explizit in der Studie erforscht und als erfolgreich bewertet wurde, möchten wir Ihnen sie ebenfalls anbieten. Von der Wissenschaft zur Praxis.

Die Freeze-Frame®-Technik ist eine kurze, alltagstaugliche Interventionsmethode, die in akuten Stresssituationen oder zur allgemeinen emotionalen Stabilisierung eingesetzt werden kann. Der Name stammt aus der Bildsprache eines Films: Man „friert“ einen belastenden Moment ein – wie ein Standbild – und lenkt dann bewusst die Aufmerksamkeit in eine neue, konstruktive Richtung.

Der zentrale Mechanismus der Technik besteht darin, dass der Fokus vom problemorientierten Denken auf eine positive emotionale Herzerfahrung verschoben wird. Dies aktiviert den parasympathischen Zweig des Nervensystems und ermöglicht eine kohärente, stressresistente physiologische Antwort.

So funktioniert die Technik in 5 einfachen Schritten

  1. Stoppen Sie den inneren Autopiloten.

Nehmen Sie bewusst wahr, dass Sie in einem stressvollen oder emotional aufgeladenen Zustand sind. Drücken Sie innerlich auf die Pause-Taste – wie ein Freeze-Frame.

  1. Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf das Herz.

Legen Sie, wenn möglich, eine Hand auf die Brustmitte. Atmen Sie ruhig und tief – idealerweise länger aus- als einatmen.

  1. Erinnern Sie sich an eine Situation oder Person, für die Sie aufrichtig dankbar sind.

Lassen Sie dieses Gefühl von Wertschätzung im Brustraum entstehen. Es geht nicht um ein Gedankenbild, sondern um ein echtes inneres Erleben.

  1. Halten Sie dieses Gefühl für mindestens 15–30 Sekunden aufrecht.

Lassen Sie zu, dass dieses positive Gefühl Ihr Nervensystem „durchströmt“. Atmen Sie dabei gleichmäßig weiter.

  1. Wenden Sie sich jetzt der Situation erneut zu – mit einem veränderten inneren Zustand.

Beobachten Sie, ob sich Ihre Perspektive oder Ihr Handlungsspielraum verändert hat. Oft stellen sich mehr Klarheit, Ruhe oder Mitgefühl ein.

Was macht die Technik so wirksam?

Die Freeze-Frame®-Technik wirkt auf mehreren Ebenen gleichzeitig:

  • Neurologisch: Sie unterbricht stressverstärkende Gedankenkreise im limbischen System.
  • Physiologisch: Sie erhöht nachweislich die HRV und aktiviert parasympathische Regulation.
  • Emotional: Sie schafft einen inneren Anker für konstruktive, ressourcenorientierte Gefühle.

Emotionen als Hüter:innen des Lebens verstehen

Ein weiterer Aspekt, der dabei hilft, die Effekte von Emotionen für sich zu nutzen, ist nicht direkt eine Methode, sondern vielmehr ein Modell. Es handelt sich um das Hüter-Modell nach Sebastian Mauritz in Zusammenarbeit mit Ruben Langwara.

Jede Emotion ist ein Hüter oder eine Hüterin des Lebens. Denn jede Emotion, egal ob unangenehm oder angenehm, erfüllt einen Zweck mit einer positiven Absicht für uns. Beispielsweise ist Ärger nicht einfach eine Emotion mit dem Potenzial uns zu schädigen – Ärger ist der Hüter unserer Werte und Ziele. Er zeigt sich wann immer ein uns wichtiger Wert verletzt wird oder wir an einem Ziel gehindert werden. Wenn uns dieser Wert bewusst wird, schaffen wir es besser von einem dysfunktionalen, dybalancierendem Ärger in eine funktionale Selbstwirksamkeit zu kommen.

Angst ist die Hüterin der Sicherheit beispielsweise und Interesse unser Hüter der Entwicklung. Sie sehen, jede Emotion bewegt uns und viel wichtiger: bewirkt etwas in uns. Wenn wir unsere Emotionen verstehen, können ihre Effekte für ein resilienteren Umgang mit ihnen und emotional aufgeladenen Situationen nutzen.

Hier eine Übersicht der Hüter:innen. Einen ausführlichen Überblick finden Sie unter: https://www.resilienz-initiative.com/bauchipedia/hueter-unseres-lebens/

  • Freude: Hüterin der Leichtigkeit
  • Authentischer Stolz: Hüter der Selbstwerterhöhung
  • Interesse: Hüter der Entwicklung
  • Dankbarkeit: Hüterin der Wertschätzung
  • Liebe: Hüterin der Bindung
  • Rührung: Hüterin des Sinns
  • Mitgefühl: Hüterin des Gruppenwohls
  • Gleichmut: Hüterin der Achtsamkeit
  • Staunen: Hüter der Horizonterweiterung
  • Ärger: Hüter der Werte und Ziele
  • Angst: Hüterin der Sicherheit
  • Trauer: Hüterin der Werterinnerung
  • Verachtung: Hüterin der Selbstklarheit
  • Ekel: Hüter der Gesundheit
  • Scham: Hüterin der Würde
  • Schuld: Hüterin der Wertkongruenz
  • Überraschung: Hüterin der Orientierung

Wozu führt ein resilienter Umgang mit den Effekten von Emotionen?

In einer Zeit, in der psychische Belastungen, chronischer Stress und emotionale Überforderung in nahezu allen Lebensbereichen zunehmen, wird emotionale Resilienz zu einer Schlüsselkompetenz. Sie schützt nicht nur vor Burnout und emotionaler Erschöpfung – sie fördert auch Gesundheit, Lebensqualität und zwischenmenschliche Beziehungen.

Denn wer lernt, mit seinen Emotionen bewusst umzugehen, lebt nicht nur weniger reaktiv, sondern handlungsfähiger. Emotionale Selbstregulation ist die Grundlage für Klarheit in Entscheidungssituationen, Gelassenheit in Konflikten und Mitgefühl in Beziehungen.

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Gesundheitlich: Schutz für Herz, Hirn und Immunsystem

Langfristig stärkt emotionale Resilienz vor allem unsere körperliche Gesundheit. Studien zeigen, dass chronische negative Emotionen – insbesondere Ärger, Feindseligkeit und Frustration – mit einer erhöhten Inzidenz von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck und Immunschwäche verbunden sind (Chida & Steptoe, 2009).

Die Forschung zur Herzratenvariabilität (HRV) macht deutlich: Ein resilient reagierendes Herz ist anpassungsfähig – es kann in Stresssituationen schnell reagieren, aber auch ebenso schnell wieder zur Ruhe kommen. Diese Flexibilität schützt uns vor Herzrhythmusstörungen, reduziert Entzündungsprozesse und verbessert sogar kognitive Funktionen wie Konzentration und Gedächtnis (Thayer, Åhs, Fredrikson, Sollers III, & Wager, 2012).

Emotionale Selbstregulation bedeutet deshalb nicht, Emotionen zu unterdrücken – sondern zu lernen, wie wir mit ihnen arbeiten, statt gegen sie zu kämpfen.

Psychologisch: Stabilität in einer unsicheren Welt

Resilienz ist keine Garantie für ein konfliktfreies Leben – aber sie ist der innere Boden, auf dem wir stehen können, wenn das Leben wankt. Menschen mit hoher emotionaler Resilienz berichten über:

  • eine stärkere Selbstwirksamkeit,
  • mehr Optimismus im Umgang mit Rückschlägen,
  • und ein klareres Gefühl für innere Orientierung.

Techniken wie Freeze-Frame® helfen, emotionale Klarheit zu gewinnen – gerade in Momenten, in denen alles unübersichtlich erscheint. Der Zugang zum Herzen als „emotionalem Zentrum“ schafft eine Verbindung zwischen Intuition und Verstand – eine Ressource, die im hektischen Alltag oft verloren geht.

In Beziehungen: Vom Reiz zur Reife

Wer emotional stabil ist, reagiert weniger impulsiv – und kann Konflikte konstruktiv gestalten. Die Fähigkeit, den inneren Abstand zwischen Reiz und Reaktion zu vergrößern, ist der Schlüssel zu echter Empathie und achtsamer Kommunikation.

Besonders in beruflichen Kontexten – z. B. in Pflege, Bildung oder Führung – ist emotionale Resilienz keine „Soft Skill“, sondern eine Führungsqualität. Sie ermöglicht es, auch in angespannten Situationen handlungsfähig und mitfühlend zu bleiben, ohne sich selbst zu verlieren.

Wertschätzung ist mehr als ein Gefühl – sie ist eine Strategie fürs Leben

Wir können zusammenfassen: Emotionale Zustände beeinflussen nicht nur kurzfristig unser Wohlbefinden, sondern formen langfristig unsere Gesundheit, unsere Beziehungen und unsere persönliche Entwicklung. Wer regelmäßig angenehme emotionale Zustände wie Wertschätzung aktiviert, trainiert nicht nur sein Herz, sondern stärkt auch sein Nervensystem, seine Wahrnehmung und seine Handlungsfähigkeit.

Die Freeze-Frame®-Technik ist dabei mehr als eine Methode – sie ist eine Einladung, die Verbindung zum eigenen inneren Zentrum wiederherzustellen. Denn echte Resilienz beginnt dort, wo wir lernen, uns selbst bewusst zu begegnen – mit Achtsamkeit, Klarheit und Herz.

Quellen

Chida, Y., & Steptoe, A. (2009). The association of anger and hostility with future coronary heart disease: a meta-analytic review of prospective evidence. Journal of the American college of cardiology, 53(11), 936-946.

McCraty, R., Atkinson, M., Tiller, W. A., Rein, G., & Watkins, A. D. (1995). The effects of emotions on short-term power spectrum analysis of heart rate variability. The American journal of cardiology, 76(14), 1089-1093.

McEwen, B. S. (1998). Protective and damaging effects of stress mediators. New England journal of medicine, 338(3), 171-179.

Rein, G., Atkinson, M., & McCraty, R. (1995). The physiological and psychological effects of compassion and anger: Institute of HeartMath.

Taylor, G. J., Bagby, R. M., & Parker, J. D. (1999). Disorders of affect regulation: Alexithymia in medical and psychiatric illness: Cambridge University Press.

Thayer, J. F., Åhs, F., Fredrikson, M., Sollers III, J. J., & Wager, T. D. (2012). A meta-analysis of heart rate variability and neuroimaging studies: implications for heart rate variability as a marker of stress and health. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 36(2), 747-756.

Zapf, D., & Holz, M. (2006). On the positive and negative effects of emotion work in organizations. European journal of work and organizational psychology, 15(1), 1-28.

Bildquelle: www.depositphotos.com: A variety of human emotions@Fidaolga, Unhappy Indian girl@fizkes, Hearth illustration behind a heartbeat line@Wavebreakmedia, Frozen frame on a whited background@Ibraman3012, Collage of negative and positive female face expressions@Artmim

Grafiken: Dylan Sara

Resilienz Akademie | Die Effekte von Emotionen: Wie Ärger und Wertschätzung unserer Resilienz beeinflussenRebecca van der Linde, M.A. Germanistik und Kulturanthropologie, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Resilienz Akademie. Als Resilienz-Trainerin und Resilienz-Coach betreut sie den Blog der Resilienz Akademie und unterstützt in der konzeptionellen Entwicklung. Zudem agiert als SEO-Managerin für die Website. Ihr Schwerpunkt liegt auf der digitalen Präsenz der Themen rund um individuelle und organisationale Resilienz.

 


Resilienz Akademie | Die Effekte von Emotionen: Wie Ärger und Wertschätzung unserer Resilienz beeinflussen

Sebastian Mauritz, M.A. Systemische Beratung, ist einer der führenden Experten für angewandte Resilienz in Deutschland. Er ist 5-facher Fachbuchautor, Keynote-Speaker, Resilienz-Lehrtrainer, Systemischer Coach, war und ist Vorstand in vielen Coach- und Trainer-Verbänden und Unternehmer. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich individuelle Resilienz und Prosilienz®, resilienter Führung und Teamresilienz. Er ist Initiator des jährlichen Resilienz-Online-Kongresses, in dessen Rahmen er sich bereits mit über 240 weiteren Resilienzexpert:innen aus verschiedenen Disziplinen ausgetauscht hat (www.Resilienz-Kongress.de) sowie des Resilienz-Podcasts Rethinking Resilience (www.Rethinking-Resilience.com).

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