Resilienz-Podcast „Rethinking Resilience“ – Folge 54

EResilienz Akademie | Resilienz-Podcast „Rethinking Resilience“ – Folge 54ntdecken Sie den Denkraum von Sebastian Mauritz und Ruben Langwara, um Ihre eigene Widerstandsfähigkeit zu stärken und Ihr Verständnis von Resilienz zu erweitern! Tauchen Sie ein in eine inspirierende Lernumgebung, die Ihnen dabei hilft, Ihre Resilienzfähigkeiten zu entwickeln und zu festigen. Profitieren Sie von den Erfahrungen und dem Wissen der Experten und bereiten Sie sich optimal auf die Herausforderungen des Lebens vor.

HIER erhalten Sie nähere Informationen und einen Überblick über alle Folgen! In dem folgenden Artikel haben wir die Folge 40 für Sie zusammengestellt.

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In den „Shownotes“ zur jeweiligen Ausgabe finden Sie eine kurze Inhaltsangabe, Links und weiterführende Informationen. Viel Freude beim Eintreten in den gemeinsamen Denkraum und Erforschen Ihrer Resilienz.

Folge 54: Resilient Guest: Motoki Tonn

Resilienz Akademie | Resilienz-Podcast „Rethinking Resilience“ – Folge 54

In dieser Folge von „Rethinking Resilience“ sprechen Sebastian Mauritz und Ruben Langwara mit Motoki Tonn über eine Frage, die sich gerade in viele Lebens- und Arbeitsbereiche schiebt: Was macht Künstliche Intelligenz mit unserer Resilienz – und was macht unsere Resilienz mit der Art, wie wir KI nutzen?

Im Denkraum entsteht ein Gespräch über Verführung und Verantwortung, über Bestätigung und Abhängigkeit, über Lernen, Problemlösen und Sinn. Immer wieder geht es dabei um eine zentrale Unterscheidung: Bleiben wir bei der Frage – oder greifen wir zu schnell nach der Antwort?

Warum ist KI ein Resilienzthema?

Sebastian beschreibt, wie leicht KI heute zum „Denken lassen“ wird: kurz gefragt, schnell geantwortet – und schon fühlt es sich an, als wäre der gedankliche Prozess erledigt. Genau darin liegt für die Runde eine Gefahr: KI wirkt wie ein Sparringspartner, der oft sehr freundlich ist, sehr bestätigend – und uns dadurch unbemerkt in eine Art Filter-Blase 2.0 führen kann.

Motoki greift diese Dynamik auf: KI ist in der Regel „immer aussagebereit“, startet mit einem inneren „Ja“ und belohnt Nutzerinnen und Nutzer mit Zuspruch. Das fühlt sich gut an – kann aber dazu führen, dass wir weniger herausgefordert werden als im echten Leben. Während echte Freundschaften auch Reibung, Widerspruch und Klartext enthalten, liefert ein Sprachmodell häufig eine Form von Zustimmung, die den Confirmation Bias (Bestätigungsfehler) verstärken kann.

Sebastian verbindet das mit einer Alltagserfahrung aus sozialen Medien: Systeme, die uns „bei Laune halten“, sind so gestaltet, dass wir dranbleiben. Motoki ergänzt: Bei KI erleben wir etwas Ähnliches wie beim endlosen Feed – nur in Dialogform. Die Frage, „Willst du noch weitermachen?“, steckt nicht als Button in der Oberfläche, sondern als Verhalten im System: Es antwortet weiter, schneller, überzeugender.

Ruben bringt den Blick auf die Forschungsebene: Es gibt bereits den Google-Effekt – also das Phänomen, dass wir Informationen nicht mehr selbst behalten, sondern uns eher merken, wo wir sie finden. In dieselbe Richtung zeigt der GPS-Effekt: Wenn Navigation ausgelagert wird, verlieren wir Orientierungskompetenzen. Ruben verweist hier auf die Londoner Taxifahrer-Studie, bei der sich der Hippocampus als beteiligt an räumlicher Verarbeitung zeigt – und dass „use it or lose it“ nicht nur eine Metapher ist, sondern ein Prinzip.

Im Kern ist das Resilienzthema für alle drei: KI kann den Raum zwischen Frage und Antwort verkürzen. Doch genau in diesem Raum – im Aushalten von Unsicherheit, im Ringen, in Irritationen – entsteht häufig das, was Resilienz stärkt.

Was passiert, wenn KI uns bestätigt, entlastet und Antworten liefert?

Motoki betont, dass Sprachmodelle mehrere typische „Fallen“ begünstigen. Erstens: Vermenschlichung. Wir geben KI Namen, Verniedlichungen („Chatty“), Stimmen und Rollen – und reagieren emotional darauf. Zweitens: KI klingt häufig elaboriert, rhetorisch glatt, fast wie eine Nachrichtensprecherin. Selbst wenn sie sich irrt, wirkt es plausibel. Und wenn sie sich anschließend noch entschuldigt, entstehen zusätzliche Sympathiepunkte.

Das kann dazu führen, dass KI nicht mehr als Werkzeug wahrgenommen wird, sondern als Instanz, die über uns steht. Schnell entsteht der Gedanke: „Die KI ist besser als ich.“ Damit geben wir Souveränität ab. In Bezug auf das Motiv der Autonomie (nach Norbert Bischof) bedeutet das: Wird KI über uns positioniert, gerät ein zentrales menschliches Grundmotiv unter Druck.

Hinzu kommt eine weitere Ebene: unser eigenes Denken. Menschen bilden innere Landkarten und Sortierschemata, um Neues einzuordnen. Wenn KI jedoch Antworten liefert, ohne dass wir selbst strukturieren, entstehen eher Fragmente als tragfähige Landkarten. Wissen wird auf einzelne „Straßen“ hineingezoomt, statt einen Überblick über das gesamte Gelände zu entwickeln. Ein anschauliches Bild dafür ist der alte Falkplan. Die Fähigkeit, mit ihm umzugehen, haben viele verlernt – nicht dramatisch, aber symbolisch. Die eigentliche Frage lautet: Welche Fähigkeiten geben wir ab? Und welche sollten wir bewusst behalten, weil sie für Selbststeuerung und Orientierung wesentlich sind?

Auch beim Thema Kreativität stellt sich diese Entscheidung. Kreativität lässt sich als Biegen, Brechen und Verbinden bestehender Strukturen zu etwas Neuem verstehen – ein aktiver, oft reibungsvoller Prozess. Entscheidend ist, ob KI diesen Prozess ersetzt oder als Denkpartner begleitet. Gerade bei größeren gedanklichen Schritten braucht es die bewusste Wahl: Gehen wir zuerst selbst – oder steigen wir sofort in die maschinelle Antwort ein?

Wie kann ein resilienter Umgang mit KI konkret aussehen?

Im Gespräch tauchen mehrere sehr praktische Leitplanken auf – nicht als Regeln, sondern als Haltungen.

  1. Erststrecke ohne KI: Motoki sagt, er fordert in seiner Agentur oft: „Macht die erste Strecke ohne KI.“ Es geht nicht darum, KI zu verbieten, sondern darum, den eigenen Denk-Muskel nicht zu umgehen. KI darf danach unterstützen – Korrektur lesen, zusammenfassen, strukturieren – aber die erste kreative Bewegung soll aus dem Menschen kommen.
  2. Irritationen halten statt sofort lösen: Sebastian nennt das Aushalten von Irritationen einen Kernskill. Resilienz entsteht dort, wo der Vorhersagefehlerauftaucht: Es läuft nicht wie erwartet. Dann nicht reflexartig KI fragen, sondern zunächst selbst Varianten bilden, Alternativen denken, experimentieren. Er beschreibt dazu eine Coachingpraxis: Menschen werden eingeladen, nicht eine Lösung zu finden, sondern sieben – oder elf – oder siebzehn. Der Witz ist nicht die Zahl, sondern der Effekt: Der Denkraum wird größer, wenn man ihn nicht sofort mit der erstbesten Antwort schließt
  3. Bewusste Stopps gegen Autopiloten: Ruben spricht über Autopiloten: Der erste Griff geht schnell zu ChatGPT oder Perplexity. Ein resilienter Umgang braucht Stopp-Zeichen, bewusst gesetzte Unterbrechungen, um wieder selbst ins Denken zu kommen. Er erzählt eine Szene aus einem Workshop: Eine Teilnehmerin wollte Wortfindungen über ChatGPT lösen – und die People Director stoppte das, um den Prozess im Raum zu halten.
  4. KI als Werkzeug – nicht als Autorität:  KI ist für ein Werkzeug. Ein sehr effizientes – aber kein Meister. Sebastian nutzt KI auch als Gegenüber, das ihn durch schlechte Vorschläge irritiert, sodass er klarer formulieren muss. Gleichzeitig bleibt Skepsis wichtig, weil KI „halluzinieren“ kann und manchmal Mist erzählt – besonders gefährlich, wenn es die eigene Weltsicht bestätigt.
  5. Auf Handschrift und Stolz achten: Motoki bringt das Thema Identität ins Spiel: Wenn wir etwas entwickeln – Werte, Trainings, Formate – entsteht Stolz auch dadurch, dass es unsere Handschrift trägt. Er stellt die zugespitzte Frage: Wie stolz sind wir auf etwas, das „ChatGPT erfunden hat“? Das „Ringen“ um Werte und Sinn gelingt für ihn eher in menschlicher Begegnung als im Gespräch mit KI.

Wozu lohnt sich das alles: Sinn, Arbeit, Gemeinschaft und Zukunft

Zum Ende hin öffnet sich das Gespräch in eine größere Perspektive. Wenn immer mehr Probleme automatisiert gelöst werden, stellt sich eine grundlegende Frage: Was geschieht mit unserem menschlichen Bedürfnis, Unterschiede wahrzunehmen, Aufgaben zu bearbeiten und an Herausforderungen zu wachsen? Das Gehirn sucht Lernanlässe. Es will vergleichen, differenzieren, gestalten. Wenn Antworten permanent verfügbar sind, könnte genau dieser Entwicklungsraum kleiner werden. Gleichzeitig entsteht das Gefühl, dass gerade etwas Gravierendes passiert. Schon durch die Digitalisierung wurde sichtbar, wie sich der Radius des Erlebens verändern kann – insbesondere bei Kindern und Jugendlichen. Wenn Erfahrungsräume schrumpfen, schrumpft auch der Problemhorizont. Wo weniger unmittelbare Erfahrung, weniger eigenständiges Ausprobieren und weniger echte Reibung stattfinden, hat das Auswirkungen auf mentale Gesundheit.

Besonders deutlich wird diese Entwicklung im Kontext von Arbeit. Arbeit gilt als einer der letzten Orte mit hohem Vertrauensindex und als zentraler Sinnträger im Alltag. Doch was geschieht, wenn Aufgaben zunehmend von Agents übernommen werden? Wenn Prozesse, Analysen oder Vorgänge automatisiert laufen – woran erleben wir dann noch Selbstwirksamkeit? Wo setzen wir innerlich den Haken hinter „Das habe ich getan“? Mit der Effizienzsteigerung entstehen neue Sinnfragen.

Darin liegt zugleich eine mögliche Hoffnung: Wenn KI viele Reibungen abnimmt, könnte der Blick wieder stärker auf grundlegende Bedürfnisse fallen – insbesondere auf Bindung. Vielleicht gewinnen „dritte Orte“ an Bedeutung, an denen Menschen sich jenseits von Zuhause und Arbeit begegnen. Nach Ruben entsteht hier vielleicht auch die Chance, diesmal bewusster zu handeln als im Umgang mit Social Media – und frühzeitig Kompetenzen zur Abgrenzung und zum reflektierten Umgang mit KI zu fördern. Die entscheidende Haltung verdichtet sich in einem einfachen Satz: „KI is a good servant but a bad master.“ Die Frage ist nicht, ob KI genutzt wird, sondern wie. Statt ausschließlich gegen Entwicklungen zu argumentieren, rückt ein anderes Leitmotiv in den Vordergrund: Wofür wollen wir diese Technologie einsetzen? Wie kann sie dazu beitragen, menschlicheres Leben zu ermöglichen und Gemeinschaften zu stärken? Vielleicht werden die kommenden Jahre stärker von Sinnfragen geprägt sein – nicht nur individuell, sondern gesellschaftlich.

Am Ende bleibt eine Sehnsucht nach dem Unvollkommenen. Nach dem Schroffen, dem Unfertigen, dem echten Ringen. Resilienz entsteht nicht allein durch effiziente Lösungen, sondern durch die Fähigkeit, Unsicherheit auszuhalten, Fragen offen zu lassen und im Nichtwissen neugierig zu bleiben. Zwischen Frage und Antwort liegt ein Raum, in dem Entwicklung geschieht. Diesen Raum gilt es zu bewahren.

Transkript Folge 54

Hier finden Sie das vollständige Transkript zur Folge:


Resilienz Akademie | Resilienz-Podcast „Rethinking Resilience“ – Folge 54Alle Folgen finden Sie hier: 

www.rethinking-resilience.com

Titelmusik und Mischung: Lars Deutsch  www.larsdeutsch.net

Design: Katharina Krekeler  www.hejro.de

 


Resilienz Akademie | Resilienz-Podcast „Rethinking Resilience“ – Folge 2Ruben Langwara ist Wirtschaftspsychologe, Resilienz-Lehrtrainer & -Coach sowie Experte für Emotionen und deren Wirkung auf Gesundheit und Wohlbefinden. Er ist mit der Resilienz-Akademie Göttingen als Projektpartner für emotionale Resilienz tätig. Sein Fachbuch zu diesem Thema „Die Kraft unserer Emotionen“ erschien 2022 im Junfermann-Verlag. Er ist Mitinitiator des Resilienz-Podcasts Rethinking Resilience (www.Rethinking-Resilience.com).

 


Resilienz Akademie | Resilienz-Podcast „Rethinking Resilience“ – Folge 2

Sebastian Mauritz, M.A. Systemische Beratung, ist einer der führenden Resilienzexperten Deutschlands. Er ist 5-facher Fachbuchautor, Keynote-Speaker, Resilienz-Lehrtrainer, Systemischer Coach, war und ist Vorstand in vielen Coach- und Trainer-Verbänden und Unternehmer. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich individuelle Resilienz und Prosilienz®, resilienter Führung und Teamresilienz. Er ist Initiator des jährlichen Resilienz-Online-Kongresses, in dessen Rahmen er sich bereits mit über 240 weiteren Resilienzexpert:innen aus verschiedenen Disziplinen ausgetauscht hat (www.Resilienz-Kongress.de) sowie des Resilienz-Podcasts Rethinking Resilience (www.Rethinking-Resilience.com).

 

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