Resilienz-Podcast „Rethinking Resilience“ – Folge 55

Resilienz Akademie | Resilienz-Podcast „Rethinking Resilience“ – Folge 38Entdecken Sie den Denkraum von Sebastian Mauritz und Ruben Langwara, um Ihre eigene Widerstandsfähigkeit zu stärken und Ihr Verständnis von Resilienz zu erweitern! Tauchen Sie ein in eine inspirierende Lernumgebung, die Ihnen dabei hilft, Ihre Resilienzfähigkeiten zu entwickeln und zu festigen. Profitieren Sie von den Erfahrungen und dem Wissen der Experten und bereiten Sie sich optimal auf die Herausforderungen des Lebens vor.

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Folge 55: Resilient Guest: Stefan Passvogel

Resilienz Akademie | Resilienz-Podcast „Rethinking Resilience“ – Folge 55

In Folge 55 des Podcasts Rethinking Resiliencesprechen Sebastian Mauritz und Ruben Langwara mit Stefan Passvogel über die Integrative Bindungstherapie und die Bedeutung früher Bindungserfahrungen. Im Fokus steht die Frage, wie durch imaginative Prozesse neue, innerlich erlebbare Beziehungserfahrungen entstehen können.

Warum kann imaginative Bindungsarbeit so wirksam sein?

Im Gespräch wird deutlich, dass frühe Beziehungserfahrungen eine besondere Bedeutung für das spätere Erleben haben. Stefan beschreibt sie als Fundament, auf dem sich weitere psychische und zwischenmenschliche Muster aufbauen. Diese frühen Erfahrungen wirken oft stark, sind aber später nicht immer leicht sprachlich zugänglich. Genau darin liegt ein wesentlicher Grund, warum Menschen in ihrem heutigen Leben mit Reaktionen, Bedürfnissen oder Beziehungsmustern in Kontakt kommen, die sie zwar spüren, aber nicht immer unmittelbar erklären können.

Sebastian beschreibt diesen Zugang sehr anschaulich aus seiner eigenen Erfahrung: Manchmal wird ein innerer Mangel erst in dem Moment bewusst, in dem etwas davon tatsächlich gestillt wird. Das Nährende macht den Hunger sichtbar. Damit wird die Arbeit an Bindung nicht nur für Menschen relevant, die mit einem klaren Leidensdruck kommen, sondern auch für diejenigen, die spüren, dass mehr innere Freiheit, mehr Flexibilität oder mehr Ganzheit möglich wäre.

Zugleich wird im Gespräch ein Menschenbild deutlich, das nicht von Defiziten ausgeht. Stefan betont, dass Bedürftigkeit und Verletzlichkeit nichts Pathologisches sind, sondern zutiefst zum Menschsein gehören. Menschen brauchen Liebe, Resonanz und Nährendes nicht nur in der Kindheit, sondern in jeder Lebensphase. Diese Perspektive verändert den Blick: Nicht die Frage „Was stimmt nicht mit mir?“ steht im Vordergrund, sondern eher „Was habe ich vielleicht gebraucht, das mir heute noch fehlt?“

Ein weiterer Aspekt ist die Erfahrung, dass sich alte Muster oft gerade in Krisen zeigen. Sebastian beschreibt, wie belastende Situationen ihn mit Bindungsthemen in Kontakt gebracht haben. Im ersten Moment ist das unangenehm und leidvoll. Im Rückblick kann genau darin jedoch ein Entwicklungspotenzial liegen, weil sichtbar wird, wo innere Muster wirksam sind und wo Veränderung möglich werden kann.

Die Folge macht außerdem deutlich, dass diese Arbeit nicht nur individuell gedacht wird. Stefan verweist auf einen größeren menschlichen und gesellschaftlichen Zusammenhang. Wenn viele Menschen unsichere Bindungsmuster tragen, dann geht es nicht nur um einzelne Lebensgeschichten, sondern auch um ein kollektives Thema. Heilung erscheint damit nicht nur als persönlicher Prozess, sondern auch als etwas, das Beziehungen im weiteren Sinne verändern kann.

Was ist das Besondere an der Methode?

Die von Stefan vorgestellte Methode wurde ursprünglich als Three-Pillar-Method of Attachment Repair veröffentlicht und wird heute als Integrative Bindungstherapie bezeichnet. Im Kern verbindet sie Imagination mit bindungspsychologischem Wissen. Das Besondere liegt darin, dass nicht beliebige innere Bilder erzeugt werden, sondern gezielt solche Erfahrungen, die aus der Bindungsforschung als entwicklungsförderlich und nährend beschrieben werden.

Stefan benennt dafür drei Grundprinzipien. Erstens geht die Methode davon aus, dass die Vorstellungskraft das innere Erleben nachhaltig verändern kann. Erfahrungen müssen also nicht ausschließlich über reale äußere Ereignisse korrigiert werden; auch Imagination kann psychisch wirksam sein. Zweitens wird davon ausgegangen, dass frühe Erfahrungen besonders prägend sind, weil sie das Fundament späterer Muster bilden. Drittens orientiert sich die Methode an den Qualitäten, die aus der Bindungsforschung als wichtig für ein Kind bekannt sind.

Ein entscheidender Punkt im Gespräch ist, dass die vorgestellten Elternfiguren nicht als perfekte oder überhöhte Wesen verstanden werden sollen. Stefan betont, dass „ideal“ hier vor allem „passend“ bedeutet. Gemeint sind Elternfiguren, die für den jeweiligen Menschen stimmig sind und genau die Resonanz, Sicherheit oder Zuwendung verkörpern, die innerlich gebraucht wird.

Ebenso wichtig ist die Abgrenzung zu der Vorstellung, reale Eltern würden dadurch ersetzt. Sebastian spricht diesen möglichen Loyalitätskonflikt ausdrücklich an und macht deutlich, dass es gerade nicht um ein Wegmachen der wirklichen Eltern geht. Vielmehr entsteht ein ergänzendes inneres Arbeitsmodell für jene Bereiche, in denen etwas bisher nicht ausreichend zur Verfügung stand. Die realen Eltern behalten dabei ihren Platz; die imaginative Arbeit ergänzt, statt zu verdrängen.

Die Methode richtet sich nach dem Gespräch sowohl an Menschen mit starkem Leidensdruck als auch an Menschen mit einem Entwicklungs- oder Wachstumswunsch. Stefan beschreibt, dass er mit Personen arbeitet, die schwere Belastungen mitbringen, ebenso wie mit Menschen, die mehr innere Freiheit, mehr Beziehungsflexibilität oder mehr Ganzheit suchen. Damit wird die Methode nicht auf Störung reduziert, sondern als Zugang zu innerer Entwicklung verstanden.

Wie arbeitet die Methode konkret?

Die praktische Arbeit erfolgt über Imagination. Menschen werden eingeladen, sich innerlich zu sammeln, zur Ruhe zu kommen und sich selbst als kleines Kind zu erleben. Entscheidend ist dabei, dass sie nicht nur von außen auf ein inneres Kind schauen, sondern sich tatsächlich in die kindliche Perspektive hineinbegeben. Stefan beschreibt genau darin einen wichtigen Unterschied zu anderen Formen der inneren Kindarbeit.

Aus seiner Sicht ist es zwar hilfreich, wenn Erwachsene innere Kindanteile wahrnehmen und stärken. Die tiefere Veränderung früher Bindungsmuster geschieht für ihn jedoch dort, wo das Bindungssystem selbst aktiviert wird. Das sei dann der Fall, wenn sich ein Mensch als Kind erlebt und innerlich Elternfiguren gegenüber hat. Nicht das fürsorgliche System des Erwachsenen, sondern das Bindungssystem des Kindes steht dann im Vordergrund. Genau das erklärt für ihn, warum diese Arbeit oft als besonders nährend erfahren wird.

Im Prozess werden Elternfiguren imaginiert, die Sicherheit, Schutz, Resonanz und Zuwendung vermitteln. Stefan beschreibt in seiner abschließenden Imagination mehrere zentrale Erfahrungselemente: Das Kind darf sich sicher fühlen, es darf ganz da sein, es wird gesehen, verstanden, geschätzt und geliebt. Diese Erfahrung wird nicht von außen festgelegt, sondern so gestaltet, dass sie sich für die jeweilige Person stimmig anfühlt.

Besonders bedeutsam ist dabei, dass auch Widerstände, Zweifel oder innere Einwände nicht als Hindernis verstanden werden. Stefan beschreibt die Methode als Co-Kreation zwischen Klient, Therapeut und Unbewusstem. Wenn jemand etwas nicht glauben kann oder eine vorgestellte Zuwendung zunächst nicht annehmen kann, wird genau das zum Teil der Arbeit. Heilung geschieht damit nicht trotz der inneren Ambivalenz, sondern unter Einbezug dieser Ambivalenz.

Im Gespräch werden außerdem zentrale Bindungsqualitäten benannt, auf die sich die Methode stützt: Sicherheit, Resonanz, Emotionsregulation, Ausdruck von Freude und Unterstützung bei der Selbstentwicklung. Besonders hervorgehoben wird dabei das von Stefan benannte Expressed Delight: die spürbare Freude der Eltern darüber, dass es das Kind gibt. Nicht Leistung, Anpassung oder Besonderheit stehen im Mittelpunkt, sondern das Erleben, um des eigenen Daseins willen wichtig und willkommen zu sein.

Wozu kann diese Methode führen?

Die Wirkung dieser Arbeit wird im Gespräch vor allem mit einem Begriff beschrieben: mehr innere Flexibilität. Stefan erklärt, dass unsichere frühe Erfahrungen häufig dazu führen, dass Menschen sich stark auf bestimmte Überlebensstrategien festlegen. Diese Strategien konnten in ihrem ursprünglichen Kontext sinnvoll gewesen sein, passen aber später nicht mehr in alle Lebenslagen. Je mehr innere Sicherheit entsteht, desto flexibler können Menschen auf Beziehungen und Belastungen reagieren.

Sebastian beschreibt diesen Effekt sehr konkret aus eigener Sicht. Für ihn war die Arbeit nicht einfach nur interessant oder erkenntnisreich, sondern spürbar heilsam. Er schildert, dass ihm bestimmte dysfunktionale Muster erst im Prozess bewusst wurden und dass sich einige davon anschließend nicht mehr in derselben Weise gezeigt haben. Damit verbindet er ein Erleben von innerer Heilung, weil alte Bedarfe und alte Bindungsreaktionen an Wirkung verlieren.

Ein weiterer bedeutsamer Effekt liegt in der Beziehung zu den realen Eltern. Stefan sagt ausdrücklich, dass sich diese Beziehung bei vielen Klientinnen und Klienten nach dem Prozess verbessert. Das ist folgerichtig, weil die Methode nicht auf Abwertung, sondern auf Ergänzung zielt. Der innere Loyalitätskonflikt kann dadurch entschärft werden: Wer sich heute etwas holt, das früher nicht vollständig verfügbar war, nimmt den Eltern damit nicht ihren Platz.

Auch für das Verständnis von Entwicklung und Elternschaft liefert das Gespräch wichtige Impulse. Stefan betont, dass „gut genug“ tatsächlich gut genug ist. Es geht nicht um perfekte Eltern, sondern um ausreichend gute Beziehungserfahrungen. Ruben greift diesen Gedanken als Vater auf und beschreibt, wie entlastend diese Perspektive ist. Gleichzeitig wird deutlich, dass innere Entwicklung nicht mit Kindheit endet. Menschen können auch später noch neue Arbeitsmodelle von Beziehung entwickeln und damit innere Beweglichkeit gewinnen.

Insgesamt zeigt die Folge, dass imaginative Bindungsarbeit zu mehr Selbstwert, mehr innerer Beruhigung, mehr Beziehungsfreiheit und mehr Resilienz führen kann. Nicht im Sinne einer Selbstoptimierung, sondern als Nachnähren dessen, was für ein freieres und stimmigeres Erleben gebraucht wird. Oder anders formuliert: Die Arbeit zielt darauf, dass Menschen sich nicht nur besser verstehen, sondern innerlich tatsächlich anders erleben können.

 

Transkript der Folge 55

Hier finden Sie das vollständige Transkript der Folge 55:


Alle Folgen finden Sie hier: 

www.rethinking-resilience.com

Titelmusik und Mischung: Lars Deutsch  www.larsdeutsch.net

Design: Katharina Krekeler  www.hejro.de


Resilienz Akademie | Resilienz-Podcast „Rethinking Resilience“ – Folge 2Ruben Langwara ist Wirtschaftspsychologe, Resilienz-Lehrtrainer & -Coach sowie Experte für Emotionen und deren Wirkung auf Gesundheit und Wohlbefinden. Er ist mit der Resilienz-Akademie Göttingen als Projektpartner für emotionale Resilienz tätig. Sein Fachbuch zu diesem Thema „Die Kraft unserer Emotionen“ erschien 2022 im Junfermann-Verlag. Er ist Mitinitiator des Resilienz-Podcasts Rethinking Resilience (www.Rethinking-Resilience.com).

 


Resilienz Akademie | Resilienz-Podcast „Rethinking Resilience“ – Folge 2

Sebastian Mauritz, M.A. Systemische Beratung, ist einer der führenden Resilienzexperten Deutschlands. Er ist 5-facher Fachbuchautor, Keynote-Speaker, Resilienz-Lehrtrainer, Systemischer Coach, war und ist Vorstand in vielen Coach- und Trainer-Verbänden und Unternehmer. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich individuelle Resilienz und Prosilienz®, resilienter Führung und Teamresilienz. Er ist Initiator des jährlichen Resilienz-Online-Kongresses, in dessen Rahmen er sich bereits mit über 240 weiteren Resilienzexpert:innen aus verschiedenen Disziplinen ausgetauscht hat (www.Resilienz-Kongress.de) sowie des Resilienz-Podcasts Rethinking Resilience (www.Rethinking-Resilience.com).

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