Resilienz-Podcast „Rethinking Resilience“ – Folge 53

Resilienz Akademie | Resilienz-Podcast „Rethinking Resilience“ – Folge 53Entdecken Sie den Denkraum von Sebastian Mauritz und Ruben Langwara, um Ihre eigene Widerstandsfähigkeit zu stärken und Ihr Verständnis von Resilienz zu erweitern! Tauchen Sie ein in eine inspirierende Lernumgebung, die Ihnen dabei hilft, Ihre Resilienzfähigkeiten zu entwickeln und zu festigen. Profitieren Sie von den Erfahrungen und dem Wissen der Experten und bereiten Sie sich optimal auf die Herausforderungen des Lebens vor.

HIER erhalten Sie nähere Informationen und einen Überblick über alle Folgen! In dem folgenden Artikel haben wir die Folge 53 für Sie zusammengestellt.

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Folge 53: Rethinking: Ehrfurcht

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In dieser Folge von „Rethinking Resilience“ sprechen Sebastian und Ruben über eine Emotion, die sich schwer greifen lässt – und genau deshalb so wirksam sein kann: Ehrfurcht (Awe). Ausgangspunkt ist Sebastians nächtliche Begegnung mit einem überwältigenden Sternenhimmel, die ihn aus Alltagsgedanken herauskatapultiert und in eine Erfahrung von Weite, Transzendenz und Entlastung führt. Gemeinsam sortieren die beiden, was Ehrfurcht ausmacht, welche Auslöser sie hat, welche Wirkungen sie entfalten kann – und wo ihre dunkle Seite liegt, etwa wenn sie Menschen manipulierbar macht. Zum Schluss geben sie Impulse, wie sich Ehrfurcht auch im Alltag kultivieren lässt, bis hin zum „Ehrfurchtsspaziergang“.

Wozu über Ehrfurcht sprechen?

Sebastian beschreibt, wie ihn der Sternenhimmel auf der Landstraße so berührt, dass er anhält, das Licht ausschaltet, sich eine Decke holt und sich auf einen Parkplatz legt, um zu schauen. In diesem Moment erlebt er ein Gefühl, das er „total gerne“ spürt: ein Sich-Verlieren in der Größe, ein Aufgehen in etwas, das jenseits der üblichen Alltagsmaßstäbe liegt.

Dabei wird für ihn spürbar, wie sehr sich Alltagsprobleme relativieren können: Viele Themen, die sonst laut sind, verschwinden. Er beschreibt das als eine Perspektive, in der das, was ihn sonst beschäftigt, kleiner wird – weil „was interessiert die Ewigkeit, was ich mir gerade für Gedanken mache?“ Gleichzeitig entsteht daraus nicht Gleichgültigkeit, sondern eine veränderte Sicht auf Welt und Handeln: Danach denkt er anders über das, was er tut.

Ruben greift diesen Punkt auf und ordnet Ehrfurcht als selbsttranszendente Emotion ein: Das Ego wird kleiner, es kann ein angenehmes Auflösen in etwas Größerem entstehen. Beide machen dabei deutlich: Ehrfurcht ist nicht nur „schön“, sondern komplex. Sie kann Wohlgefühl erzeugen – aber auch eine furchtbasierte Seite haben, wenn der Auslöser überwältigend und potenziell gefährlich wirkt.

Warum sich das Thema lohnt? Weil Ehrfurcht nach Rubens Beschreibung Offenheit fördern kann, gedankliche Anpassungsprozesse anstößt und aus engen Alltagslogiken herausführt. Sebastian verbindet das mit einem systemischen Blick: Erleben entsteht durch Fokussierung von Aufmerksamkeit. Probleme ziehen Aufmerksamkeit stark an und werden dadurch subjektiv größer. Ehrfurcht kann dagegen eine Defokussierung auslösen – Weite statt Tunnelblick – und damit eine Möglichkeit schaffen, Enge und den damit verknüpften Stress zu verlassen.

Was ist Ehrfurcht (Awe) und was ist sie nicht?

Der Begriff selbst ist für Sebastian schon ein Thema: „Ehrfurcht“ öffnet bei ihm einen semantischen Raum, in dem „Ehr“ und „Furcht“ mitschwingen. Er spürt dabei etwas, das ihn klein macht – aber nicht immer angenehm. „Staunen“hingegen klingt für ihn leichter: ein angenehm-kleiner Werden im Aufgehen ins Größere. Ruben ergänzt: Auf Englisch passt „AWE“ fast wie eine Lautmalerei – dieses „wow“ ist schon im Klang enthalten.

Inhaltlich beschreibt Ruben Ehrfurcht als Emotion, die besonders zuverlässig durch Reize ausgelöst wird, die als räumlich, zeitlich, sozial oder konzeptuell überwältigend erlebt werden. Das kann ein Sternenhimmel sein – aber auch 15–20 Meter hohe Wellen auf dem Atlantik oder ein Elefant, der plötzlich auf Safari vor einem steht. Dieselbe Grundemotion, aber mit unterschiedlicher Färbung: angenehm oder bedrohlich.

Ein zentrales Element ist laut Ruben der Need for Accommodation: ein kognitiver Anpassungsprozess. Wenn etwas so groß oder so unfassbar erscheint, dass es nicht in bestehende Denkmuster passt, muss sich das Denken anpassen. Ruben nutzt dafür auch historische Bilder (Kopernikus, Galilei): Der Blick in den Himmel zwang zu neuen Denkweisen.

Sebastian beschreibt aus eigener Erfahrung, dass in solchen Momenten „Sebastian als ich-Struktur“ weniger wichtig wird. Stattdessen öffnet sich Wahrnehmung in „größere Räume“. Er betont zugleich: Ehrfurcht ist nicht automatisch Angst. Den Furchtaspekt erlebt er in seinen Sternenhimmel-Momenten typischerweise nicht, sondern eher ein Loslassen von Begrenzungen – trotz des Bruchs mit dem Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle.

Wichtig ist beiden auch eine Abgrenzung: Ehrfurcht bedeutet nicht, dass das eigene Handeln egal wird. Sebastian sagt klar: Die Perspektive verändert sich, die Bewertung wird eine andere – aber es heißt nicht, dass Umgang mit Natur oder Menschen unbedeutend wäre.

Wie wirkt Ehrfurcht, wie wird sie ausgelöst, und worauf sollte man achten?

Sebastian beschreibt konkrete Wirkungen: Alltagslärm wird leiser, Gedankenschleifen brechen ab, Entspannung entsteht, neue Gedanken tauchen auf („ach krass, den Gedanken habe ich so noch nie gedacht“). Dazu kommen Rührung und Nachschwingen – der Moment endet nicht mit dem Weiterfahren, sondern wirkt nach.

Ruben bestätigt das mit Forschungssprache: Ehrfurcht reduziert nach seiner Darstellung die Aktivität der Grübelnetzwerke (Rumination). Er nutzt das Bild des Wiederkäuens: Menschen seien wie Kühe – sie kauen auf Gedanken herum. Ehrfurcht hilft, diese Schleifen loszulassen. Als Beispiel bringt er Alexander Gerst („Astro Alex“) und die Perspektive aus dem All: Beim Blick auf die Erde werden Probleme kleiner.

Weitere Wirkungen, die Ruben nennt:

  • prosoziales Handeln steigt: mehr für Gemeinschaft, mehr Verträglichkeit, „mal fünfe gerade sein lassen“.
  • Ehrfurcht wird stärker als kognitive Veränderung erlebt (Denken passt sich an), obwohl sie körperlich spürbar sein kann (prickelnde Gänsehaut).
  • Sie kann Brücken bauen: Perspektivwechsel, Offenheit gegenüber anderen Denkkonzepten.

Dann sortiert Ruben Auslöser systematisch über das von ihm genannte Modell AWESOMES (in der Folge von ihm erklärt):

  • Schönheit (Detailreichtum, Ästhetik: Sternenhimmel, Sonnenuntergang, Kunstwerk, Blume, Schmetterling)
  • Obskurität (Übernatürliches/unerklärliche „Wunder“-Erlebnisse, z. B. an jemanden denken und genau dann ruft die Person an)
  • Meisterschaft (Exzellenz im Tun, z. B. Turnen, Tanz, Bühnenpräsenz)
  • Stärken des Charakters (Tugenden wie Empathie, Großzügigkeit, Güte; Menschen als Sinnbild dafür

Er ergänzt einen wichtigen Warnpunkt: Gerade bei Meisterschaft und Tugend-Stärke wählen Menschen daraus oft Mentoren. Das kann inspirieren – aber auch gefährlich sein, wenn Ehrfurcht in blinde Gefolgschaft kippt. Ruben illustriert das an der Macht von Fanbewegungen und spricht von einer erschaudernden Ehrfurcht: etwas so Großes, dass es bedrohlich wirkt (Naturgewalten, Massenbewegungen, politisch aufgeladene Dynamiken).

Sebastian greift diese „dunkle Seite“ auf und beschreibt, wie Statusdynamiken, Unnahbarkeit, Nähe und Liebesentzug sowie eine künstlich erzeugte Hierarchie (z. B. über Sprache, Komplexität, Studien) Menschen klein machen können. Er fragt nach der Rolle von Ego-Themen bei Lehrern und Mentoren und schildert als Kontrast einen Lehrer aus Malaysia, der trotz großer Fähigkeiten bodenständig und auf Augenhöhe bleibt – ohne „Über- und Unterstellung“.

Ruben formuliert dazu seine zentrale Einsicht: Ehrfurcht lösen bei anderen am gesündesten Menschen aus, die sie selbsterleben können – inklusive des „Genießens des Unbedeutendseins“, ohne das eigene Ego zu vergrößern.

Wozu lässt sich Ehrfurcht nutzen (Alltag & Business) und wie kann man sie kultivieren?

Im Business-Kontext fragt Ruben: Was hat Sternenhimmel mit Unternehmen zu tun? Seine Antwort: Ehrfurcht kann durch Vision und Mission entstehen – durch das Gefühl eines größeren Ganzen, dem alle unterstellt sind (auch die Führung). Er nennt als Beispiel eine gemeinsame Mission in der Zusammenarbeit („bis 2030 … Menschen resilienter machen“), die im Kontakt immer wieder präsent wird.

Gleichzeitig markieren beide Risiken: Eine Mission kann moralische Grenzen überrollen, wenn sie absolut gesetzt wird („koste es, was es wolle“). Ruben schlägt deshalb das Bild des Oszillierens vor: zwischen Öffnung ins Große und Rückbindung ans Selbst. Er bringt dafür den Begriff der Self-Concept-Continuity ein: in Kontakt bleiben mit vergangenem, gegenwärtigem und zukünftigem Selbst, sich treu bleiben, auch wenn Entwicklung gewünscht ist. Dazu passt sein Impuls, Feedback von Menschen ernst zu nehmen, die einen wirklich kennen – als Korrektiv gegen Selbstaufgabe.

Sebastian ergänzt das als „beidäugiges Sehen“: das Große Ganze im Blick halten und zugleich die Polarität wahren. Er verbindet das mit dem Gedanken von Oszillation (Ein- und Ausatmung, Ich und Du) und mit dem Hinweis, dass Rigidität problematisch wird, wenn Oszillationsfähigkeit verloren geht. Er warnt auch vor einer Fehlableitung aus dem Gefühl der Unbedeutsamkeit („dann ist eh alles egal“) – und betont, dass es stabile Ich-Strukturen braucht, um Transzendenz gesund zu leben.

Zum Schluss wird es praktisch: Sebastian möchte sich „staunend durch die Woche“ wundern (Einstein-Zitat: entweder ist nichts ein Wunder oder alles ist ein Wunder). Ruben antwortet: Genau darin steckt das Geheimnis – Ehrfurcht auch in kleinen Dingen entdecken. Er erzählt die Szene am Kölner Flughafen: Während Erwachsene in Laptops und Handys versinken, staunt ein kleines Mädchen mit rotem Mantel an der Glasscheibe über startende und landende Flugzeuge. Dieses Staunen führt ihn zu Fragen („Wie funktioniert ein Flugzeug?“), zu Recherche – und zu einer neuen Wertschätzung auch für Alltagswunder wie das Smartphone („da steckt alles Wissen der Welt drin“).

Als konkrete Intervention nennt Ruben den Ehrfurchtsspaziergang: in die Natur gehen, nach oben und unten schauen, Dinge aufheben, genau betrachten und darin Wunder entdecken. Er nennt außerdem mehrere Effekte, die er Ehrfurcht zuschreibt: Hemmung von Entzündungswerten, Förderung von Kreativität, bessere Brücken zu anderen Menschen, Unterstützung bei festgefahrenen Konflikten, und sogar die Tendenz, gesündere Lebensweisen zu wählen. Abschließend betont er: Allein darüber zu sprechen und Sprache für das Konzept zu haben, führt dazu, dass Menschen es häufiger wahrnehmen („Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“).

Transkript der Folge 53

Hier finden Sie das vollständige Transkript der Folge:


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Alle Folgen finden Sie hier: 

www.rethinking-resilience.com

Titelmusik und Mischung: Lars Deutsch  www.larsdeutsch.net

Design: Katharina Krekeler  www.hejro.de

 


Resilienz Akademie | Resilienz-Podcast „Rethinking Resilience“ – Folge 2Ruben Langwara ist Wirtschaftspsychologe, Resilienz-Lehrtrainer & -Coach sowie Experte für Emotionen und deren Wirkung auf Gesundheit und Wohlbefinden. Er ist mit der Resilienz-Akademie Göttingen als Projektpartner für emotionale Resilienz tätig. Sein Fachbuch zu diesem Thema „Die Kraft unserer Emotionen“ erschien 2022 im Junfermann-Verlag. Er ist Mitinitiator des Resilienz-Podcasts Rethinking Resilience (www.Rethinking-Resilience.com).

 


Resilienz Akademie | Resilienz-Podcast „Rethinking Resilience“ – Folge 2

Sebastian Mauritz, M.A. Systemische Beratung, ist einer der führenden Resilienzexperten Deutschlands. Er ist 5-facher Fachbuchautor, Keynote-Speaker, Resilienz-Lehrtrainer, Systemischer Coach, war und ist Vorstand in vielen Coach- und Trainer-Verbänden und Unternehmer. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich individuelle Resilienz und Prosilienz®, resilienter Führung und Teamresilienz. Er ist Initiator des jährlichen Resilienz-Online-Kongresses, in dessen Rahmen er sich bereits mit über 240 weiteren Resilienzexpert:innen aus verschiedenen Disziplinen ausgetauscht hat (www.Resilienz-Kongress.de) sowie des Resilienz-Podcasts Rethinking Resilience (www.Rethinking-Resilience.com).

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