Resilienz-Podcast „Rethinking Resilience“ – Folge 63

Entdecken Sie den Denkraum von Sebastian Mauritz und Ruben Langwara, um Ihre eigene Widerstandsfähigkeit zu stärken und Ihr Verständnis von Resilienz zu erweitern! Tauchen Sie ein in eine inspirierende Lernumgebung, die Ihnen dabei hilft, Ihre Resilienzfähigkeiten zu entwickeln und zu festigen. Profitieren Sie von den Erfahrungen und dem Wissen der Experten und bereiten Sie sich optimal auf die Herausforderungen des Lebens vor.

HIER erhalten Sie nähere Informationen und einen Überblick über alle Folgen! In dem folgenden Artikel haben wir die Folge 63 für Sie zusammengestellt.

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In den „Shownotes“ zur jeweiligen Ausgabe finden Sie eine kurze Inhaltsangabe, Links und weiterführende Informationen. Viel Freude beim Eintreten in den gemeinsamen Denkraum und Erforschen Ihrer Resilienz.


Folge 63: Rethinking: Empathie

In Folge 63 von „Rethinking Resilience“ öffnen Sebastian und Ruben den Denkraum für eine Fähigkeit, die im Alltag ständig gefordert wird und über die trotzdem oft ungenau gesprochen wird: Empathie. „Gibt’s nicht im App Store. Noch nicht“, wie Sebastian zu Beginn augenzwinkernd feststellt. Genau deshalb lohnt es sich, das Thema zu sortieren – denn Empathie ist mehr als „ich fühle, was du fühlst“. Sebastian und Ruben unterscheiden ihre verschiedenen Formen, beleuchten ihre Schattenseiten und zeigen, wie sich Empathie gesund und selbstwirksam nutzen lässt, ohne sich darin zu verlieren.

Warum ist Empathie wichtig?

Empathie – das Einfühlungsvermögen in andere Menschen – gilt gemeinhin als durchweg positive Fähigkeit. Wir hören immer wieder, die Welt brauche mehr davon, gerade in einer Zeit, in der Menschen eher Mauern als Brücken zueinander bauen. Für Bindung und Zugehörigkeit, eines unserer wichtigsten Grundbedürfnisse, ist Empathie tatsächlich essenziell, und für das soziale Miteinander ist sie kaum zu überschätzen.

Ruben verweist auf die intensive Forschung dazu, etwa von der Professorin Tania Singer und ihrem großangelegten ReSource Project sowie von Daniel Batson von der University of Kansas. Zugleich erinnert er daran, dass Empathie durchaus differenziert betrachtet werden sollte: Der Yale-Professor Paul Bloom hat vor gut zehn Jahren ein Buch mit dem provokanten Titel „Against Empathy“ geschrieben. Gegen Empathie zu sein sei, so Blooms Bild, ungefähr so wie gegen Kätzchen, Hundewelpen oder den Weltfrieden zu sein – und doch hat Empathie ihre Schattenseiten. Genau diese Ambivalenz macht sie zu einem so wichtigen Resilienzthema.

Was ist Empathie?

Empathie ist nicht eine einzige Fähigkeit, sondern kennt mehrere Formen. Sebastian und Ruben arbeiten vor allem drei heraus:

Affektive Empathie heißt: „Ich spüre, was du spürst.“ Ich gehe so stark in Resonanz mit der Emotion meines Gegenübers, dass ich sie selbst fühle. Bei angenehmen Emotionen ist das ein Geschenk – geteilte Freude ist doppelte Freude, im Buddhismus als Mudita, die Mitfreude, beschrieben. Bei unangenehmen Emotionen aber wird das anstrengend: In sogenannten Emotion-Work-Berufen mit intensiver zwischenmenschlicher Interaktion nehmen Menschen die Emotionen anderer mit nach Hause; nicht zufällig ist etwa die Depressionsrate bei Psychiaterinnen und Psychotherapeuten erhöht. Sebastian bringt dazu das Bild von Michael Bohne ein, der von einer „Emokokken-Infektion“ spricht – von dys- oder parafunktionalen Emotionen, die im eigenen System eine Wirkung entfalten.

Kognitive Empathie heißt dagegen: „Ich sehe, was du spürst – und ich weiß, es hat nichts mit mir zu tun.“ Sie ist die distanziertere Anteilnahme. Gerade sie lässt sich als Schutz nutzen. Statt sich anzustecken, richtet man den Blick interessiert auf die Frage: Welches Bedürfnis steckt hinter dieser Emotion? Sebastian verbindet das mit seinem Hütermodell, das er auf Basis der Arbeit von Gunther Schmidt abgeleitet hat: Unangenehme Emotionen sind Hüter unerfüllter Bedürfnisse. Wer die Sorge einer Mitarbeiterin als Sicherheitsbedürfnis erkennt, kann gezielt darauf eingehen – aus einer bewussten, gesteuerten Haltung heraus.

Mitgefühl schließlich geht über beides hinaus. Es bedeutet, in Kontakt mit der Emotion des Gegenübers zu gehen, den Wunsch zu hegen, dass sich das Leid löst, und zugleich prosozial zu handeln – also zu helfen. Ruben nennt Mitgefühl einen der ressourcenreichsten Zustände, die wir erreichen können. Ein berühmtes Beispiel ist der buddhistische Mönch Matthieu Ricard, einst als „glücklichster Mensch der Welt“ bezeichnet: Tauchte er nur in das Leid der Welt ein, hielt er es keine fünf Minuten aus – das ist Mitleid. Ging er dagegen in seine Mitgefühlsmeditation, nahm er das Leid wahr und verband es mit dem Wunsch „möge dein Leid sich lösen“, schalteten sich genau die Areale ein, die für gute Zustände zuständig sind.

„Be with it without becoming it.“ – Stephen Gilligan: Sei dabei, aber lass dich nicht absorbieren.

Wie können wir Empathie gesund nutzen?

So wertvoll Empathie ist – zu viel affektive Empathie kann in Empathie-Müdigkeit, Stress und Selbstverlust führen. Sebastian und Ruben zeigen mehrere Wege, sie selbstwirksam zu gestalten:

  • Die Ich-Grenze kennen. Ruben verweist auf die Persönlichkeitseigenschaft „Unmitigated Communion“, die die Psychologinnen Vicki Helgeson und Heidi Fritz beschrieben haben: ein übermäßiges Gemeinschaftsverständnis, bei dem sich eine Person selbst vernachlässigt („damit ich glücklich sein kann, müssen andere glücklich sein“). Sie hängt stark mit Burnout zusammen. Wer weiß, wo das eigene Ich aufhört und der andere anfängt, schützt sich.
  • Einen Körperanker des Ichs setzen. Menschen, die sich wie von einem „Sog“ von sich selbst weggezogen erleben, bietet Ruben eine Achtsamkeitsübung an: den Ort im Körper spüren, an dem man sich selbst wahrnimmt, und mit dem Satz „Ich hier jetzt“ (den Sebastian über Tom Andreas kennengelernt hat) immer wieder dorthin zurückkehren – wie bei einer Meditation, in der man abschweifende Gedanken sanft zurückholt.
  • Kognitive Empathie als Schutz einsetzen. Wo affektive Empathie überfordert, hilft die distanziertere Wahrnehmung: sehen statt mitfühlen, das Bedürfnis dahinter erkunden – vor allem in Situationen, in denen mir die Beziehung wichtig ist.
  • Umdeuten statt abwerten. Einer Klientin, die sich über ihre Identität als „hochsensibel“ definierte, bot Sebastian das Reframing „resonanzfähig“ an – denn ein guter Resonanzkörper verstärkt, wie bei einer Gitarre. Aus dem scheinbaren Problem „ich kriege überall alles mit“ wurde das Bild eines emotionalen Chamäleons, das einen Raum zunächst aufnimmt und dann als „emotionale Innendekorateurin“ achtsam eine andere Färbung anbietet. So entsteht aus Ohnmacht Selbstwirksamkeit.

Wichtig ist dabei die Haltung. Nicht vorschnell trösten („sei doch nicht so traurig“) und nicht in die „Diktatur des Glücks“ verfallen, sondern erst würdigen: „Ja, und das darf gerade sein.“ Aus dieser Würdigung heraus lässt sich das Erleben kleinschrittig in Oszillation bringen – ein kleines bisschen weniger schlecht genügt oft schon, um Selbstwirksamkeit erfahrbar zu machen.

Wozu führt ein gesunder Umgang mit Empathie?

Ein bewusster Umgang mit Empathie stärkt die eigene Resilienz gleich mehrfach. Im Wunsch „mögest du frei von Leid sein“ stecken zahlreiche Schutzfaktoren: Zielorientierung, Optimismus, Hoffnung, Vertrauen und ein prosoziales Zugewandtsein – oft verbunden mit etwas Größerem. Voraussetzung dafür ist das Selbstmitgefühl. Wie Prof. Dr. Stefanie Neumann es beschreibt, ist Empathie mit sich selbst die Voraussetzung dafür, im Außen mitfühlend zu sein. Das ist kein Aufruf zu Ego-Nummern, sondern das, was Gunther Schmidt „altruistischen Egoismus“ nennt: erst bei sich selbst starten, um danach für andere da sein zu können. Ein schönes Bild dafür liefert der Film „Alles steht Kopf“ (Inside Out), in dem ausgerechnet die Trauer zur heimlichen Heldin wird.

Zugleich mahnen Sebastian und Ruben zur Wachsamkeit: Empathie ist ein Scheinwerfer. Wir fühlen stärker mit Menschen mit, die uns ähnlich sind – der Similarity Bias. Experimente zur neuronalen „Schmerzmatrix“ zeigen, dass die Aktivität umso höher ausfällt, je ähnlicher uns das Gegenüber ist, sei es nach Hautfarbe, Religionszugehörigkeit oder auch nur der Lieblingssportart. Eine klassische Studie von Daniel Batson (1995) macht deutlich, wie affektive Empathie sogar Moralentscheidungen verzerren kann: Je stärker die Empathie der Probanden für ein einzelnes krankes Kind war, desto eher rückten sie es auf einer Warteliste nach oben – zulasten anderer. Für Führungskräfte heißt das: In Konflikten kann Empathie gefährlich werden, weil man sich nicht in zwei Menschen gleichzeitig einfühlen kann. Hier braucht es kognitive Empathie und die Fähigkeit, die eigene Zwickmühle zu reflektieren und zu benennen. (Kuriose Randnotiz aus der Forschung: Weil Empathie und Schmerzverarbeitung dieselben Netzwerke nutzen, dämpfen sogar Schmerzmittel wie Paracetamol die Empathiefähigkeit.)

Am Ende führt Empathie mitten in die Resilienz hinein – auch in die soziale und die epistemische. Mit Virginia Satir gesprochen: „Wir finden zusammen auf Basis unserer Gemeinsamkeiten und wir wachsen auf Grundlage unserer Unterschiede.“ Statt Unterschiede zu überbetonen, plädieren Sebastian und Ruben dafür, das gemeinsame Menschsein zu betonen und auf echte Gleichbehandlung zu fokussieren – „name it to tame it“, wie Daniel Siegel sagt. Gerade wenn wir uns eine Meinung bilden, lohnt es sich zu fragen, wie stark uns Empathie dabei beeinflusst. Sebastians Schlusssatz fasst diese Haltung zusammen: „Verstehen heißt nicht einverstanden sein.“ Empathie schenkt uns die Brücke, die Welt eines anderen neugierig kennenzulernen – und trotzdem selbst zu entscheiden, wofür wir uns entscheiden.


Transkript der Folge 63

Hier finden Sie das vollständige Transkript der Folge:


Alle Folgen finden Sie hier: 

www.rethinking-resilience.com

Titelmusik und Mischung: Lars Deutsch  www.larsdeutsch.net

Design: Katharina Krekeler  www.hejro.de


Resilienz Akademie | Resilienz-Podcast „Rethinking Resilience“ – Folge 2Ruben Langwara ist Wirtschaftspsychologe, Resilienz-Lehrtrainer & -Coach sowie Experte für Emotionen und deren Wirkung auf Gesundheit und Wohlbefinden. Er ist mit der Resilienz-Akademie Göttingen als Projektpartner für emotionale Resilienz tätig. Sein Fachbuch zu diesem Thema „Die Kraft unserer Emotionen“ erschien 2022 im Junfermann-Verlag. Er ist Mitinitiator des Resilienz-Podcasts Rethinking Resilience (www.Rethinking-Resilience.com).

 


Resilienz Akademie | Resilienz-Podcast „Rethinking Resilience“ – Folge 2

Sebastian Mauritz, M.A. Systemische Beratung, ist einer der führenden Resilienzexperten Deutschlands. Er ist 5-facher Fachbuchautor, Keynote-Speaker, Resilienz-Lehrtrainer, Systemischer Coach, war und ist Vorstand in vielen Coach- und Trainer-Verbänden und Unternehmer. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich individuelle Resilienz und Prosilienz®, resilienter Führung und Teamresilienz. Er ist Initiator des jährlichen Resilienz-Online-Kongresses, in dessen Rahmen er sich bereits mit über 240 weiteren Resilienzexpert:innen aus verschiedenen Disziplinen ausgetauscht hat (www.Resilienz-Kongress.de) sowie des Resilienz-Podcasts Rethinking Resilience (www.Rethinking-Resilience.com).

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