[Sebastian Mauritz – Resilienz-Podcast]
Wir sind wieder im Denkraum bei Rethinking Resilience. Bei uns, uns sind Ruben und ich, Sebastian, ein langgehegter Freund, ein wirklich fantastischer Mentor, Lehrer, ein Hort des Wissens, ein Füllhorn an Begeisterung für das Nervensystem und das Gehirn.
Und als Namen hat er Dr. Dr. Damir del Monte. Lieber Damir, es ist mir, es ist uns eine fantastische Freude, dich heute hier zu haben. Danke, dass du da bist.
Sehr gerne. Danke, dass ich wieder Gast sein darf. Ich möchte gerne in drei Schritten vorgehen, weil als ich dich das erste Mal kennengelernt habe, da ging es um das Thema angewandte Neurowissenschaften. Und das klingt erst mal schon ein bisschen wissenschaftlich und dann aber auch in der Anwendung. Und ich hatte eher was erwartet, was, sagen wir mal, ein bisschen, in Anführungsstrichen, wissenschaftlich trockener war. Es war wissenschaftlich, es war sehr fundiert, es war sehr anwendungsorientiert.
Das, wo ich total enttäuscht war, nämlich von meiner Annahme, dass es eher etwas wissenschaftliches Vorlesungscharakterartiges hatte, war nämlich von deiner Begeisterung, von deinem Strahlen, von der Energie, von diesem einfach nur Brennen für ein Thema, wo deine Augen geleuchtet sind. Und damit würde ich gerne starten und dich danach fragen, wie du irgendwann drauf gekommen bist, auch über deine ganzen YouTube-Aktivitäten, über auch so viele freie, kostenlose Dinge, die du zur Verfügung stellst, aber auch die tollen Kurse online, in die Vermittlung zu gehen. Und das Finale macht dann dein Buch, das Date mit dem Gehirn und so einfach als kleine Orientierung für den Start.
Ingvar Damir, warum leuchten deine Augen so, wenn du über dieses wunderbare Thema Neurowissenschaften sprichst?
[Damir del Monte – Resilienz-Podcast]
Erst einmal vielen, vielen Dank für die wundervolle Einführung und das tolle Feature Pack, das ich gerade empfangen durfte. Es ist eigentlich ganz einfach, die Freude zu verstehen, wie wir eigentlich ticken. So simpel das erst mal klingen mag, wenn man so wie ich aus verschiedenen Systemen stammt, also das heißt, in vielerlei Hinsicht.
Ich habe als junger Mensch, bin ich geboren in einer Zeit des Sozialismus in Ex-Jugoslawien, im heutigen Kroatien. Ich habe als Kind, kam ich nach Deutschland, habe dann ein anderes System, eine andere Gesellschaftsordnung erleben dürfen. Dann kam der Krieg in meiner Heimat, wo ich ebenfalls viel unterwegs war. Dann kam die Nachkriegszeit dort, dann der große Wandel auch in Deutschland. Das heißt, ich habe als junger Mensch schon fasziniert beobachtet, wie sich Systeme gesellschaftlicher Art wandeln und wie Menschen sich verändern und zugleich doch nicht verändern. Also ich merkte, wie an der Oberfläche alles so ganz anders schien und doch aber in der Wesensstruktur der Menschen gewisse, sagen wir mal, Konstanten zu beobachten waren, die über alle Systeme hinweg immer wieder auftauchten.
Das fand ich unheimlich spannend zu beobachten. Als junger Mensch merkte ich, wow, vielleicht wird man auch sensibilisiert, wenn man als junger Mensch in verschiedenen Welten unterwegs ist, auch zum Selbstschutz. Also man schaut sich Menschen an, man schaut, wie agieren die? Welche Normen beherzigen sie? Welchen Code benutzen sie? Wie funktioniert Sprache dort oder dort? Welche Normen bestehen dort oder dort? Und das waren alles so quasi Quellen der Neugier für mich. Dann durch den Krieg erlebte ich natürlich sehr viele Menschen, die traumatisiert wurden.
Und so auch diese Liebe zur Medizin, die schon seit meiner Kindheit irgendwie in mir wohnte, kam dann dieser Wunsch auf, so tief zu verstehen im Sinne von, okay, wie kann man dann solchen Menschen auch helfen, die etwas erleiden mussten, was kein Mensch verdient hat zu erleiden? Und so kam ich dann auch sehr früh über die Psychologie in die Psychotraumaforschung. Und so wuchs also eine Wissenschaftsbiografie, gespeist ganz klar aus der biografischen, sagen wir mal, Welterkundung, die ich als junger Mensch schon angefangen habe zu betreiben.
[Sebastian Mauritz – Resilienz-Podcast]
Was ich bei dir gerade höre, Damir, und dann gleich du gerne, Ruben, ist so das Schauen durch zwei Augen. Weil wenn du so von diesen Mustern, von der Unterschiedlichkeit auf der Realität oder der Oberflächenebene sprichst, dann höre ich bei dir jetzt schon eine Denke und auch das, was ich als Muster von dir kenne, auf der Oberfläche ist es ganz vielfältig, mannigfaltig und dann sozusagen das verbindende Auge im Sinne der übergeordneten Prinzipien, der zugrunde liegenden Muster, der sehr basalen Funktionsprinzipien, die Menschen vereinen. Das finde ich nochmal sehr interessant, dass das so früh schon angefangen hat. Zusammen mit diesem, wenn ich es verstehe, kann ich das nutzen, um Menschen zu helfen, mit ihren Grenzen umzugehen, jetzt in dem Fall Trauma oder großes Leid, Krankheit etc.
Also danke, dass du das nochmal so hergeleitet hast. Das schließt für mich auch ein bisschen biografisch nochmal so ein, wollte ich dich immer mal fragen, aber wenn ich dich sehe, da habe ich so viele andere Fragen, dass ich diese grundlegenden Sachen manchmal vergesse.
[Damir del Monte – Resilienz-Podcast]
Ein super Feedback, Sebastian, vielen Dank. Und um das nochmal mit deiner ersten Frage zu koppeln, um genau diese tiefen Struktur zu ergründen, da helfen uns viele Disziplinen. Da hilft uns nicht nur die Medizin, nicht nur die Psychologie, nicht nur die Hirnforschung, es hilft uns auch die Geschichte, die Historie, auch die Literatur.
Also dieser Blick in die Tiefe, muss ich sagen, den habe ich, bevor ich ihn bei Freud gelesen habe oder später in der Hirnforschung, habe ich ihn schon bei Franz Kafka, bei Stefan Zweig oder bei Knut Hamsun schon vorher gelesen und für mich ein Stück entdeckt. Also das heißt, genau wie du sagst, es ist dieses, wir agieren an einer gewissen Oberfläche, aber diese Freude am Entdecken dieser tiefen Struktur und die eben über die verschiedenen Systeme der Gesellschaftsordnung hinweg eine gewisse Konstanz bewahren. Und das, glaube ich, ist so dieser Zugang, dieser zwei Ebenen, die du gerade so schön skizziert hast. Und die Hirnforschung und die Psychologie waren für mich zwei, nicht die einzigen, aber zwei wertvolle Instrumente, um diese tiefen Struktur besser zu ergründen.
[Ruben Langwara – Resilienz-Podcast]
Und du gehst ja noch in ganz andere Disziplinen rein. Also auch in dein Buch gehst du ja auch in die Anthropologie rein. Wir kennen uns ja jetzt seit 2020, glaube ich, Daniel.
Also mitten in der Corona-Zeit hast du uns beglückt mit ganz viel Wissen und ganz viel auch Ehrfurcht gegenüber dem Gehirn. Und das verbinde ich auch sehr mit dir. Und ich glaube, es ist auch nicht nur eine Freude bei dir da dran, also dass nur die Augen leuchten. Wenn ich dir zuhöre, wenn ich das lese, was du so schreibst, dann erlebe ich immer wieder so ein Staunen gegenüber dieses Wunderwerk, diesen inneren Kosmos. Du beschreibst es ja auch als Universum in uns, das da ist. Und auch wenn ich mir die Kunstwerke, muss man eigentlich sagen, die ihr bei euch erschafft, in Karlsruhe, er wird Patrick ausgesprochen, nicht Patrick, mit dem Patrick-Bohr.
Und das ist immer wieder unglaublich zu sehen, wie diese Hirnstrukturen aufgehen und aufklappen. Ja, ich habe mir auch dein Paket gekauft, wo ich das dann in meinen Seminaren nutzen darf. Und es ist immer ein Bohr und Wow und so weiter. Wenn wir mal das Thema Ehrfurcht und Staunen betrachten, wo war denn dein erster Funke des Staunens beim Thema Gehirn, vielleicht auch beim Thema Medizin, wo du auch vielleicht so eine Gänsehaut gespürt hast, die Augen sich weit geöffnet haben und du gedacht hast, boah.
[Damir del Monte – Resilienz-Podcast]
Das war tatsächlich, als ich zum ersten Mal konkreter eingestiegen bin, zum Beispiel in meinem Psychologiestudium, damit habe ich ja begonnen, zum Beispiel beim Thema Wahrnehmung. Und auf einmal mir klar wurde, wow, langsam, das, was in meinem Kopf entsteht, ist nicht die Welt. Es ist mein Bild der Welt. Dieser Bruch quasi mit dem eigenen Empfinden, also dieses Realisieren, dass mein Empfinden, mein inneres Erleben eine Sicht auf die Welt ist, die gewachsen ist, evolutionär, aber die nicht die Welt selbst ist, das klingt vielleicht trivial. Für mich war das keine triviale Einsicht. Und damit auch die Gewissheit zu haben, hey, langsam kann ich mir selbst auch trauen.
Also kann ich meinen Wahrnehmungen trauen. Spiegeln sie wirklich die Welt wieder? Oder wenn ich ein Bild der Welt konstruiere, inwieweit nähert sich das der Welt da draußen? Und inwieweit ist sie verkürzt, selektiert, subjektiv beeinträchtigt und so weiter? Und dieses, ich weiß noch ganz genau, ich habe ein Buch gelesen im Rahmen meines Studiums zum Thema Auge und visuelle Wahrnehmung. Und da wurde mir erst klar, was das Gehirn alles leisten muss, um eine Repräsentation der Welt zu erzeugen.
Und da sich ja bei uns nur das Endergebnis darbietet als Erlebnisdimension, bekommen wir halt subjektiv diesen ganzen komplexen Konstruktionsakt nicht mit. Und das war für mich so eine Erkenntnis, wo ich dachte, wow, ich kann mir selbst nicht mehr trauen.
[Sebastian Mauritz – Resilienz-Podcast]
Traust du dir ja trotzdem? Ich habe mich mir angenähert. Es gibt ja diesen schönen Satz, ich muss mir von mir selbst noch gar nichts gefallen lassen oder so. Also das deutet ja schon so ein bisschen auf das hin, was Gunther so als Seitenmodell sieht oder beschreibt. Und ich weiß noch ganz genau, ich saß 2008 zum ersten Mal bei Gunther, den du ja auch sehr kennen, schätzen und auch, ich glaube auch lieben gelernt hast. Gunther tut einfach gut.
Gunther ist für mich einfach mein wichtigster Mentor und ist so ein Mensch, der das alles auf eine ganz schöne Art und Weise zusammenbringt. Und Gunther sagte 2008, als ich im Metaforum, wo du ja im Sommer auch wieder ein sehr, ich glaube es ist wieder extrem gefüllt bei dir, wahrscheinlich schon wieder Warteliste, zurecht in Abano-Therme. Und ich saß da bei ihm und dann sprach er über Seiten.
Ich hatte schon das Modell der Anteile aus der Hypnotherapie. Ich hatte schon so dieses Thema inneres Kind, hatte ich schon gehört damals, auch schon irgendwie die vielen Gesichter von Virginia Satir und das innere Team von Schulz von Thun. Dann sagte Gunther so was wie, ja, jede emotional geladene Erlebnisepisode bildet halt so eine eigene Seite und neurowissenschaftlich und da fing diese Brücke für mich an, in die Neurowissenschaft gebaut zu werden, weil natürlich dieses reine Wissen um Erlebnisnetzwerke, ja das klingt erst mal gut, nur meine Frage auch aus Sicht der angewandten Resilienz ist immer, was mache ich denn damit?
Und was du ja unterrichtest ist ja nicht nur, oder wo du Seminare gibst, wo du Menschen weiterbildest und faszinierst, ist ja nicht nur sozusagen ich bring der Neurowissenschaft bei, sondern diese Liebe, die du gefunden hast, die transportierst du ja in die Anwendung für TrainerInnen, Coaches, für TherapeutInnen. Du hast den Startvertrag bei der Milton-Erikson-Gesellschaft gerade gehalten auf dem Schwerpunkt Kongressthema Trauma. Das heißt, du hast immer so einen konsequenten Anwendungsfokus und da würde mich mal interessieren, was sind, weil das ist ja so ein Grenzgang immer, also du bist auf der wissenschaftlichen Seite, dann musst du in die therapeutische Seite, du kannst aus beiden Welten sehr viel Kompetenz mitbringen.
Was sind so deine, wie soll ich sagen, was sind so die Wege, die du da gehst, was nimmst du mit, was lässt du vielleicht auch da und wie machst du das von der Wissenschaft in die Anwendung?
[Damir del Monte – Resilienz-Podcast]
Die Frage ist sehr berechtigt, Sebastian, weil natürlich jeder Wissenschaftler, wenn er Erkenntnisse in praktische Anwendung zu übersetzen versucht, natürlich immer auch Deutungsspielräume entfaltet und auch, sagen wir mal, auch Konzepte mit hinein gibt, die vielleicht aus den reinen Fakten selbst nicht immer abzulesen sind. Also das heißt, es ist immer auch ein gewagter Schritt und die Frage ist, wie sehr bei der Übersetzung in Praxis, wie sehr verletze ich vielleicht dabei auch die Grenzen, also im Sinne von, geben die Daten das wirklich her, was ich in meiner Übersetzung formuliere und diese Frage ist tatsächlich sehr berechtigt, weil ich hier es tue und zugleich aber auch jemand bin, der sagt, wir müssen dabei behutsam vorgehen und dürfen diese Übersetzungsarbeit nicht überstrapazieren, sondern müssen uns ehrlich machen, müssen sagen, das hier sind die Daten, daraus kann ich, und jetzt kommt die Antwort auf deine Frage eigentlich, daraus versuche ich, so gut ich es vermag, Prinzipien abzuleiten.
Ich glaube, das ist der spinnende Punkt. Also ich lerne, wie die Strukturen aufgebaut sind, wie sie verknüpft sind, wie sie funktionell zu verstehen sind und daraus versuche ich, Funktionsprinzipien abzuleiten. Die kann man dann, glaube ich, leichter in praktische Anwendung übersetzen, immer natürlich mit der Begrenzung der Übersetzungsarbeit und dafür, glaube ich, bedarf es dieser Meta-Ebene.
Also man muss sich die Mühe machen, wie gesagt, so gut man es vermag, aus dem Strom der Daten, die wir zu bestimmten Strukturen, bestimmten Netzwerken haben, Funktionsprinzipien abzuleiten und wenn das gelingt, dann ist die Übersetzungsarbeit möglich, aber immer mit der, Ruben, du hast es gerade so schön formuliert, mit der Demut und Bescheidenheit, dass wir mit Modellen arbeiten und dass wir versuchen, Modelle sozusagen anwendbar zu machen, ohne dass wir die Daten dafür überstrapazieren.
[Ruben Langwara – Resilienz-Podcast]
Und uns nicht in unsere Modelle verlieben, das habe ich auch von dir gelernt, Daniel. Ganz wichtig. Du hast ja dieses wundervolle Beispiel von Joseph Ladeau genannt, und zwar Miptala.
[Damir del Monte – Resilienz-Podcast]
Absolut, absolut, weil ich glaube, dass wir immer auch verführt sind, wenn das Bild einmal passt, einmal stimmt, also im Sinne von, ich habe eine tolle Übersetzung, die ist intuitiv zugänglich, die kann man gut nachvollziehen, auch noch gut erklären, beschreiben, die Menschen finden es sehr anschaulich, dann ist man sehr verführt, ein solches Modell sich verfestigen zu lassen. Und wenn man es ganz oft wiederholt hat und ganz oft zur Anwendung gebracht hat, dann läuft man Gefahr, dass man es nicht mehr hinterfragt. Und das darf eben nicht geschehen.
Wir müssen immer wieder wach bleiben und uns die Frage stellen, geben die aktuellen Daten das immer noch her? Ist mein Funktionsprinzip, was ich damals aus den damaligen Fakten abgereiht habe, ist das immer noch stimmig? Und deshalb müssen wir gleichsam immer Freude daran haben, ihr kennt diesen Spruch, den ich gerne in meinen Seminaren verwende, den eigenen Füßen zu graben. Da müssen wir Freude entwickeln, weil ich denke, nur wenn wir das tun, freuen wir uns auch auf den nächsten Schritt.
[Sebastian Mauritz – Resilienz-Podcast]
Also im Prinzip braucht es ja, und das ist ja nicht nur bei WissenschaftlerInnen so, sondern auch bei TrainerInnen und vielleicht sogar auch Coaches, PsychologInnen etc. Ich glaube auch bei ÄrztInnen wäre das sehr, sehr günstig, aber das ist sozusagen ein anderes Thema, wo du ja auch eine sehr deutliche Meinung hast. Immer auch natürlich die Sicherheit in der Orientierung und Kontrolle, die man hat, immer wieder auch zu opfern mit der Frage, und was, wenn es ganz anders ist?
Und was, wenn ich mich einfach auf einem sehr hohen Niveau irre? Was, wenn es doch noch andere Möglichkeiten gäbe? Und ich glaube, dieser Wunsch nach Eindeutigkeit, der Wunsch nach Klarheit, den in einem selbst destabilisierenden Modus immer wieder zu nehmen und das vor allen Dingen auch zu nähren.
Also ich starte dank Huben immer wieder auch mit dem Zitat, alle Modelle sind falsch und manche sind ganz nützlich, so von George Box. Und gleichzeitig zu sagen, ja, wir haben hier ein Modell der Welt in all ihrer Komplexität stark reduziert, was für bestimmte Bereiche wirklich nützlich ist, weil es die Komplexität halt gut reduziert und weil das Gewöhnliches ja eh das macht. Also es ist immer komplexitätsreduzierend.
Und bitte, gesunde Skepsis und nicht, das ist so, sondern Demut als Haltung. Und vielleicht ist es ganz anders. Und da finde ich dein Zitat mit diesem Graben unter den eigenen Füßen ein wunderbares Bild, weil natürlich wir in den letzten Jahren auch sehr viel Eindeutigkeit erlebt haben, wo eine funktionale Ambivalenz und ein kluges Hinterfragen vom Status quo wahrscheinlich mehr Möglichkeiten geöffnet hätte, auf Kosten von Sicherheit. Weil Eindeutigkeit bringt auch immer Sicherheit, aber die kostet manchmal einfach einen hohen Preis.
[Damir del Monte – Resilienz-Podcast]
Ich habe für mich eine Grundhaltung, die kann man anders sehen und ich glaube, viele Menschen tun dies auch. Und das macht es mir etwas leichter. Also ich persönlich auf den Punkt gebracht glaube, dass wir als Homo Sapiens, als Teil einer Evolution, niemals den Punkt erreichen werden, wo wir alles, alles in dieser uns, von uns erfassbaren Welt, diesem Universum, alles wissen und verstehen werden.
Ich glaube, dass sozusagen zu unserem Schicksal es gehört, auf einer Reise zu sein. Und das heißt, diesen letzten Erkenntnisraum, wo alle Fragen eine Beantwortung finden, wo keine Fragezeichen mehr übrig bleiben. Ich glaube, wenn wir den erreichten, wäre es der Moment, wo wir uns dann niederlegen müssten und einfach vor langer Weile sterben würden.
Also das heißt, ich bin davon überzeugt, dass ein wichtiges Antriebsmoment unseres Seins darin besteht, das Staunen nicht zu verlieren. Weil genau das ist der Moment, in dem Denken gleichsam immer wieder sein Beginn, sein Anfang findet. Das heißt, im Buch habe ich es so beschrieben, da habe ich das Staunen beschrieben als einen Raum, der offen ist und energetisch aufgeladen ist, bevor die Begriffe ihn besetzen.
Und auch diese energetische Offenheit für Welt, das glaube ich, ist ein zentrales Moment unseres Seins, weil es uns die Kraft, die Energie gibt, zu wandern, zu suchen, zu fragen, zu hinterfragen und zu entdecken. Und deshalb, wenn man dieses Bild so in sich trägt, dann ist man niemals frustriert, wenn man die letzte Antwort nicht bekommt, weil man weiß, ich werde sie eh nicht bekommen. Aber so gut ich kann, versuche ich, mich der letzten Frage zu nähern. Und das, glaube ich, ist so eine Grundhaltung, die es mir leichter macht, pfeifend durch die vielen Fragen zu wandern und nicht frustriert zu sein, wenn nicht das Modell, das ich solid gewonnen habe, Beständigkeit zeigt.
[Ruben Langwara – Resilienz-Podcast]
Und das erlebe ich bei dir immer wieder. Darf ich ganz kurz, Sebastian, anknüpfen? Genau das, was ich vorhin meinte mit der Ehrfurcht und mit der Offenheit.
Ehrfurcht wird ja auch in der Forschung als epistemische Emotion bezeichnet, wo es ja auch um den Wissensgewinn geht. Von dir habe ich auch den Satz gelernt, es ist die Organfunktion unseres Gehirns zu lernen und sich zu entwickeln und offen zu sein und so weiter und so fort. Und ich merke auch immer wieder in der heutigen Zeit, vor allen Dingen mit der Entwicklung von KI, wir kommen wahrscheinlich später noch mal mehr zum Thema KI, weil das auch unter deinem Buchtitel steht, dass da eher so kognitive Schließungsprozesse sind.
Also im Sinne von, oh, das schreibt mir etwas, was total plausibel klingt und es klingt total toll und das nehme ich jetzt mal einfach so und nehme es dann auch entsprechend für mich mit. Und weil es entsprechend schlau klingt. Und dieses Urteilsvermögen zu haben und auch darunter noch mal zu graben und da reinzugucken, die Quellen, die es mir vielleicht dann auch noch mal dahinter packt, das gibt es ja bei unterschiedlichen Sprachmodellen, Perplexity, und das kann ich aber auch bei den anderen Sprachmodellen einstellen, dass mir dann auch die Quellen angegeben werden und dass ich es dann auch mal dahinter grabe und dann gucke. Das finde ich in dem Kontext da auch noch mal total spannend, dass du dann sagst, okay, das ist deine Grundhaltung und ich glaube, das ist auch ein Grund, warum deinem Gehirn die KI nie was vormacht, wofür ich dich damals immer bewundert habe, Damir. Und das habe ich heute, das denke ich heute an, dass ich dich damals extrem bewundert für dein Wissen und das tue ich heute noch.
Also ich konnte dich alles, alles fragen zum Körper. Du kannst mir drei Stunden was zur Kniescheibe erzählen, das weiß ich. Und dafür größte Hochachtung, da dachte ich damals immer, boah. Und in der heutigen Zeit wird Wissen immer weniger wert sein als Asset, weil ich Wissen in Sekundenschnelle bekomme. Und du hast gerade vorhin was Schönes gesagt. Du guckst nach den funktionellen Prinzipien hinter den Dingen.
Du hast die verstanden. Du hast vorhin gesagt, wir werden nicht alles wissen und du hast eben gesagt, auch nicht verstehen. Und das ist genau nochmal der Unterschied da für mich. Und da gucke ich heute viel mehr drauf, wenn ich deine Arbeit verfolge, dass du genau diese Grundprinzipien wirklich verstanden hast und biegen, brechen und verbinden kannst miteinander. Dass da kreative Prozesse dann entstehen und so entsprechend eine Weisheit kommt. Es hat ja mal Miles Kington so schön gesagt, Wissen ist zu wissen, dass eine Tomate eine Frucht ist.
Weisheit ist, sie nicht in einen Obstsalat zu tun. Ja, also ich habe das Grundprinzip dieses Phänomens verstanden und kann es dann auch anwenden. Und das ist dann hier nochmal der Unterschied. Und dafür bewundere ich dich heute dann entsprechend noch mehr für die Weisheit.
[Damir del Monte – Resilienz-Podcast]
Vielen, vielen Dank dafür, Ruben. Vielen Dank. Und genau was du sagst, kann man sehr schön an dem Beispiel festmachen, wenn wir uns anschauen, wie lernt das Gehirn, wie lernt die KI? Gibt es ein ganz einfaches Beispiel? Das, glaube ich, das, was du gerade dargestellt hast, nochmal für sinnbildlich. Nämlich eine KI lernt tatsächlich extrem additiv, indem sie wirklich die Fakten aneinander reiht.
Und sie hat die Stärke, dass sie eben unvorstellbare Datenmengen auf einen Punkt hin erfassen kann. Das heißt, wenn ich ihr das Werk von Hegel gebe, dann kann die das in einem Switch, kann die das Werk erfassen. Wunderbar. Und dann kann sie additiv aneinander reihen, unvorstellbare Mengen. Das macht sie stark in der Erkennung von Mustern, von Zusammenfügen von Daten, von Sortieren, Ordnen, Strukturieren, Systematisieren. Wunderbar.
Unser Gehirn lernt überhaupt nicht so. Unser Gehirn addiert auf, aber eben nicht im Sinne einer einfachen Addition, sondern im Sinne einer Integration. Und zum Integrieren bedarf es des Vergessens. Das ist vielen nicht klar, weil viele Menschen verbinden mit Gedächtnisbildung das additive Aneinanderreihen von Fakten. Genau das macht das Gehirn nicht. Das Gehirn sagt, ich nehme einen Teil, versuche den zu integrieren in Bestehendes und dabei fällt etwas ab, was ich jetzt nicht benötige.
Das kann ich jetzt vergessen, um aus dem anderen leichter ein Anwendungsprinzip abzuleiten. Das Gehirn sucht nach den Prinzipien, nach dem, was es verallgemeinern kann und was es leicht auf andere Kontexte übertragen kann. Und deshalb lernt das Gehirn immer mit dem Vergessen. Das Vergessen ist ein Teil des Lernprozesses. Das macht die KI nicht. Das macht einen ganz, ganz wichtigen Unterschied.
[Ruben Langwara – Resilienz-Podcast]
Krass. Ja, das ist nämlich echt ein Problem. Dieses Thema Context-Rot nennt man das dann in der KI, dass sie zu viel Kontext hat.
Also jetzt gibt es da Mechanismen, dass dann ein Wissen komprimiert wird oder dass du einen von einem neuen Chat startest, dann dabei, aber dann hast du den ganzen anderen wesentlichen Kontext nicht. Okay, also das Unwesentliche vergessen, das Wesentliche behalten und darauf weiterhin aufbauen. Das ist es, was unser Gehirn macht und das ist der Unterschied zur KI.
[Sebastian Mauritz – Resilienz-Podcast]
Das ist auch eine gute Brücke, glaube ich, in dein Buchprojekt, was jetzt vor ein paar Wochen, Monaten, also gefühlt rast die Zeit ja momentan schon wieder so, wo ich so denke, eben war noch Silvester, jetzt ist fast schon irgendwie das halbe Jahr rum. Vor Weihnachtszeit. Genau, jetzt ist eigentlich schon Adventskalender kaufen oder so.
Mich würde es nicht wundern, wenn es bald wieder Lebkuchensterne und sowas gibt. Du hast ja und das war, glaube ich, auch in dem ersten Seminar, was ich bei dir, ich glaube im allerersten Durchgang und da kommt natürlich dann immer die Frage, wenn jemand, sag ich mal, so komplexe Sachverhalte so auf den Punkt bringt und das so vergnüglich mit so viel Storytelling und so weiter auch sehr praxisnah vermittelt, hast du ein Buch geschrieben? Und ich erinnere noch sozusagen deine Ambivalenz, die du dann zeigtest, sagen, ja, also, ja, ich werde das öfter gefragt.
Und ich dachte so, ah, okay, er windet sich noch. Es braucht halt den guten Impuls und ich fand das ganz interessant, als ich dann aus einem, war aus einem Telefonat mit jemandem hörte, in so einem Nebensatz, weil ich glaube auch da dein Name abfallen lassen und sagte, ja, ja, da sind wir dran. Und ich dachte so, ah, okay, wie schön. Wie ist es zu dem Buchprojekt gekommen und warum hat das so lange gedauert? Also kein Vorwurf, aber schon auf ein bisschen so. Das ist eine gute Frage, eine gute Frage.
[Damir del Monte – Resilienz-Podcast]
Hast du auf die KI gewartet, ne? Musstest du erst eine gewisse… Nein, die Antwort ist tatsächlich ganz einfach. Ich bin jemand, der, man könnte schon sagen, ich schraube schon an der Grenze zu einer neurotischen Form von Perfektionismus. An der Grenze zumindest bin ich dran. Nee, wenn man dich kennt, überhaupt nicht.
Das heißt, wenn ich, wenn ich mich aufgemacht habe, wirklich, ich habe ja Texte formuliert, ohne Ende. Ich habe ja Skripten geschrieben, tausende von Seiten für Seminare, für Medizin, Videos und so weiter. Aber wenn ich mich an ein Buch gemacht habe, habe ich mich selber umstellt. Das heißt, ich habe quasi geschrieben und dann dachte ich mir, nein, das geht noch schöner. Nein, ist das wissenschaftlich wirklich von allen Seiten wasserdicht? Und so habe ich mich quasi so lange um mich selbst gedreht, bis ich den Satz wieder habe fallen lassen und empfand das als ziemlich anstrengend.
Und dann merkte ich auch, ich wollte, wenn ich jetzt etwas schreibe, nicht einfach nur das 148. Buch zum Gehirn schreiben. Das war mir auch irgendwie, nein, es sollte etwas anderes sein.
Ich war auf der Suche. Und dann kam die große Hilfe. Ich habe, wie ihr vielleicht wisst, ich glaube, ihr wisst es, im September ja diesen Theaterabend gehabt, wo ich zwei Stunden eine Reise durch die Geschichte des Gehirns als Bühnenshow präsentieren durfte. Und das war für mich der entscheidende Moment. Ich habe nämlich ein Jahr davor begonnen, diesen Abend niederzuschreiben, den Text für diesen Bühnenabend. Und dabei sagte mir mein lieber Freund und Regisseur, Damir, das ist kein Fachvortrag.
Nein, es ist ein Bühnenabend im Theater. Also mach jetzt das, was du eigentlich, wenn du normal Seminare hältst, was du ja da eh machst, mach das jetzt konsequent. Werde zum Geschichtenerzähler. Das war der Startschuss. Ich habe mich zu Hause hingesetzt und habe gedacht, ich muss jetzt keiner akademischen, hohen Standardbewertung gerecht werden. Ich muss Menschen begeistern für das, wofür ich brenne.
Und so begann ich einfach, mich in diese Rolle des Geschichtenerzählers ganz bewusst reinzudenken und schrieb so, wie mir die Gedanken kamen. Also aus der Liebe zur Sprache, aus der Liebe auch zur, soweit ich das vermag, zur Poesie, zur Philosophie, dieser Breite, das einfach mal alles in Tinte zu gießen. Ohne diese innere Zensur.
Nein, das könnte als zu blumig angesehen werden. Das könnte als zu unwissenschaftlich sein. Nein, das habe ich absolut losgelassen, weil ich ja das Ziel hatte, ich möchte einen schönen Theaterabend gestalten. Ich habe dann ein Kapitel geschrieben, es meiner wundervollen Frau vorgelegt. Die hat das sich angeschaut. Und meine Frau liebt Literatur, liebt die Sprache. Die schaute mich an und sagt, ich heule gleich. Und das war der Startpunkt. Sie sagte, genau das musst du machen.
Genau diesen Stil musst du für dich jetzt weiter fortsetzen. Genau das ist deine Note. Und da habe ich mich getraut, zu schreiben, das mag jetzt wirklich sich komisch anhören, aber ich habe mich getraut, auf eine Art zu schreiben, wie ich mich ohne diesen Kontext vielleicht nicht getraut hätte, weil irgendein wissenschaftlicher Teil in meinem Hirn gesagt hätte, das könnte als zu blumig, zu philosophisch angesehen werden.
Und so diese neue Rolle, dieser neue Kontext und das, dass ich mir erlaubt habe, mich einfach gehen zu lassen und die Sprache so kommen zu lassen, wie sie aus mir wirklich emporstieg und dass ich mich das getraut habe, das führte mich zu meiner eigenen Note. Und als mir das dann nach vier, fünf Kapiteln klar wurde und meine Frau nach jedem Kapitel sagte, weiter so, weiter so, dann begann eine Freude in mir aufzusteigen, wo ich dachte, ja, jetzt bin ich in meinem Stil angekommen. Und das war wirklich ein, ich möchte fast sagen, beglückendes Gefühl.
[Ruben Langwara – Resilienz-Podcast]
Und darf ich dir sagen, Dami, als Feedback, als Leser, du hast es wirklich geschafft, weil wenn ich das lese, deine Zeilen, dann höre ich deine Stimme im Kopf. Und da merke ich wirklich, du hast es total geschafft, deine Stimmung und deine Stimme mit reinzubringen. Und du sagst, hast auch mehrmals gesagt, schreibe ich zu blumig oder so oder in diese Richtung.
Und für mich bist du nun mal wie so ein Wissenschaftsromantiker. Also bist, glaube ich, allgemein ein leidenschaftlicher, romantischer Mensch und schreibst halt auch wirklich so schön poetisch auch über den Körper und das Gehirn. Und darf ich dir sagen, der erste Gänsehautmoment, den ich in deinem Buch hatte, der war, und da hast du es auch gerade so ein bisschen erwähnt, als ich hier auf einer Seite die zwei Worte gelesen habe, für Marimar.
Das war mein erster Gänsehautmoment, weil ich gedachte, und so hört sich das auch an und jetzt hast du es gerade auch so beschrieben, dass du es auch für sie schreibst. Marimar ist deine Frau, so als Kontext. Und ich durfte sie auch kennenlernen, eine unglaublich kluge, liebenswerte und dein größter Fan auch. So eine wirklich ermutigende Partnerin an deiner Seite, so wie ich es erlebt habe und erleben durfte. Und das fand ich jetzt auch gerade dann nochmal so schön, dass sie so in dem Prozess mit drin war und natürlich drinnen ist. Und ja, dass da nicht nur eine Freude, eine Ehrfeucht, sondern auch ganz viel Liebe da drinnen ist.
Und das merke ich da total. Deswegen, das wollte ich dir nur nochmal ganz kurz sagen, dass wenn ich es lese, dann sehe ich dich und ich höre dich. Mein R rollt bei neuronal, wenn ich es dann in den Kopf habe. Und das ist wirklich wunderbar.
[Damir del Monte – Resilienz-Podcast]
Vielen, vielen Dank, Ruben. Und ich kann das wirklich nur von meiner Seite bestätigen. Und tatsächlich wäre dieses Buch ohne meine Frau nicht möglich gewesen, weil sie gab mir bei jedem Kapitel ein liebevolles, aber auch an manchen Stellen ein kritisches Feedback. Aber das war getragen immer von diesem Ja, das bist du. Und das war das, was mich getragen hat. Ich hoffe, dass ihr das nachvollziehen könnt.
Und das meine ich jetzt wirklich nicht pathetisch. Ich meine es wirklich so, wie ich es empfunden habe. Als ich das Manuskript abgegeben habe, war ich mit mir selbst einfach rund. Und zwar unabhängig davon, mir war klar, unabhängig davon, welchen Erfolg das Buch haben wird oder nicht haben wird. Das Buch bin ich. Und damit war ich rund. Das zu erleben, war für mich ein Glücksmoment. Klar ist es natürlich umso schöner, wenn das dann bei vielen Menschen auf Resonanz stößt. Aber selbst wenn das nicht geschehen wäre, hätte ich nicht mit mir hadern können, weil das war das, was ich mit meiner Art, mit meinem Stil, mit meinen Worten zu geben habe.
Und dieser Moment des für sich Rundseins, das ist etwas, was für mich eine Riesenerfüllung war.
[Sebastian Mauritz – Resilienz-Podcast]
Du hast ja vorhin von Strukturen gesprochen und von sozusagen, wir haben ja jetzt viel über Inhalt und wie der Inhalt gestaltet ist. Wenn du jetzt mal sozusagen auch auf Meta-Ebene bei deinem Buch gehst und mal in die Strukturen nochmal von außen schaust, und das ist ja manchmal leichter im Nachhinein, Dinge bei sich zu entdecken, die man sich potenziell gedacht haben könnte oder die aus einem selbst, du hast vorhin aufgestiegen, also die Emergenz interner Sortierstrukturen und Brücken und Verknüpfungen, Vernetzungen. Wenn du dieses Buch mal auf einer strukturellen Ebene jemandem näher bringen solltest als Date mit dem Gehirn, also als ein Treffen mit Gehirn, Nervensystem, Vorgängen, die da passieren.
Was könnte man strukturell von Meta-Ebene beobachten? Welche Dinge würde man sehen? Welche Muster würde man erkennen?
[Damir del Monte – Resilienz-Podcast]
Man würde erkennen die Freude am Nachvollziehen unserer Werdensgeschichte. Also auch dieses Bewusstsein dafür, dass wir einen Einblick gewinnen sollten in unser So-Geworden-Sein, um das, was wir sind und das, was wir sein möchten, besser greifen und fassen zu können. Also dieser Versuch, Geschichte komprimiert, aber doch gut nachvollziehbar nachzuzeichnen, unser So-Geworden-Sein nachzuzeichnen in einzelnen Kapiteln, wo jedes für sich sich bemüht hat, nichts zu überfordern und doch aber genügend Tiefe zu vermitteln.
Und aus diesem So-Geworden-Sein nun das Gehirn sozusagen als eine Art von Knotenpunkt zu verstehen in dieser Geschichte. Und dieser Knotenpunkt hält aber ganz viele Dinge zusammen. Hier konvergieren ganz viele Dinge.
Und das wäre die Grundstruktur, die Geschichte des So-Geworden-Seins mit dem Gehirn als Knotenpunkt und dem, was aber das wiederum alles beeinflusst. Also auch Gemeinschaft, auch das Soziale. Und dann bei jedem einzelnen dieser Kapitel, dieser Werdensgeschichte, das Bemühen, Sprache so zur Anwendung zu bringen, wie gesagt, so weit es mein Vermögen mir erlaubt, Sprache so zur Anwendung zu bringen, dass sie bei all dem, was das Leben für uns bereithält, und da ist viel Dunkles und viel Helles, und trotzdem aber eine Form von Freude zu entwickeln beim Beschreiben der Struktur in der Gestalt, dass wir das Staunen dabei immer so ein Stück mitschwingen lassen und aber auch den Blick in sich selbst hinein oder zumindest diesem Blick auch ein Stück anregend.
Also Sprache so zu verbinden, dass sie nicht wie ein Ratgeber daherkommt, dass sie nicht wie eine Bibel daherkommt im Sinne eines dogmatischen So-Ist-Es, sondern mehr im Sinne eines So-Ist-Es, so könnte es sein und was heißt das für uns und was heißt das für mich. Und das in einer Sprache zu formulieren, die einlädt, sich selbst mit Freude zu betrachten.
[Sebastian Mauritz – Resilienz-Podcast]
Und wenn man aus einem Date dann ja rauskommt, meistens hat man so ein paar Eindrücke, die einen von der Date-Partner oder der Date-Partnerin eher faszinieren. Was sind so, wenn du dich leer machen würdest und dein Buch lesen würdest mit deiner Liebe zum Gehirn, was wären die Dinge, von denen du erzählen würdest von diesem Date?
[Damir del Monte – Resilienz-Podcast]
Ich würde erzählen von dieser Struktur, die allein, wenn wir die Hominiden-Reihe nehmen, sechseinhalb Millionen Jahre gebraucht hat, um zu dem zu werden, was sie ist. Und dass diese Struktur aber etwas ist, das integrativ alles zusammenführt und das Erleben, was daraus erwächst, damit auch sozusagen alles in sich trägt. Und das heißt, dass wir eine mentale Dimension besitzen, dass wir eine körperliche Dimension besitzen, dass unser Sein immer ein in einer bestimmten Umwelt getragenes, leiblich-körperliches Erleben unserer selbst ist.
Und dass wir es vermögen, mit diesem Gehirn eine innere Wirklichkeit aufzubauen. Das ist der große Punkt in meinen Augen. Wir vermögen es, eine innere Erlebnis-Wirklichkeit aufzubauen, als zweite Wirklichkeit neben der, die uns umgibt. Und damit haben wir uns ein Stück unabhängig gemacht von Welt. Wir haben ein Stück Freiheit gewonnen dadurch. Und wir haben ein Stück einer Art Spielwiese von der Evolution geschenkt bekommen, wo wir eine innere Wirklichkeitswelt konstruieren dürfen und können, die sich auch abheben darf von der uns Umgebenden, ohne die Brücke zu ihr zu verlieren.
Und dieses Stück Freiheit, dieses Erleben im körperlich verankerten Sein in einer Wirklichkeitswelt, die in meinem Kopf entsteht und der dem kleinen Stück Freiheit, damit wirken zu können, hier Dinge erschaffen zu können, hier Modelle der Welt konzipieren zu können, hier ein Selbstbild aufbauen und erweitern zu können. Das ist so ein Moment, glaube ich, für den ich begeistern wollte und nicht zu unterschätzen. Aber auch die Beschränkungen, die damit einhergehen im Wahrnehmungsakt, im Akt des emotionalen Weltbezugs, im Akt der Bewertung der Dinge in mir selbst.
Also auch da den Mut zu haben, wenn es Risse gibt zwischen mir und der Welt, zwischen meiner Erlebniswelt und dem, was mich umgibt, dann mutig genug zu sein, mich zu hinterfragen und die Welt und das Normgefüge zu hinterfragen. Also zugleich neben dieser Liebe und dem Staunen auch den Mut, und dazu wollte ich auch ein wenig anstiften, den Mut zur Ehrlichkeit, den Mut zur Ehrlichkeit im Hinterfragen meiner selbst und der Welt, der sozialen Welt um mich herum. Das sind so die Eckpunkte, die mir sehr am Herzen lagen.
[Ruben Langwara – Resilienz-Podcast]
Und für mich warst du noch an einer anderen Stelle sehr mutig in dem Buch, und zwar an den Stellen, wo du richtig, und ich sage jetzt mal das Wort geile, O-Töne rausgehauen hast. Also da sind ja immer wieder, ich heiße mal ganz kurz hoch das Buch, du hast immer wieder so, sieht man jetzt nicht so, so fett da oben, das ist ein Videopodcast, deswegen kann ich es mal kurz reinhalten, so ganz fett Passagen gehabt, die ja auch in den anderen Passagen des Buches stehen. Und da ist ja wundervoll, so komplexe Dinge dann auch zusammengefasst.
Zwei Sachen will ich dir ganz kurz vorlesen. Das Gehirn stöbert am liebsten in seinem eigenen inneren Kosmos und erzählt sich selbst seine Lieblingsgeschichten. Das ist ein Wandtattoo, was du damit kreiert hast.
Das ist also im Damien-Shop irgendwann Wandtattoos und Poster und auch T-Shirt, das kann man bedrucken. Und auch, ich bin ja in der Resilienzakademie der Projektpartner für das Thema emotionale Resilienz und das Thema Emotionen. Du weißt ja um meine Primärsozialisierung und das Wissen in der Eilert-Akademie für emotionale Intelligenz, dort durfte ich ja extrem viel lernen.
Und hier hast du auch eine so schöne Zusammenfassung. Emotionen sind die Werkzeuge, mit denen das Gehirn uns in Bewegung setzt. Sie sind zentrale Mechanismen der Aktivierung und Entscheidungsfindung. Und das finde ich so schön, so schön auf den Punkt gebracht und das finde ich so mutig, weil wenn ich auf Symposien unterwegs bin und dort mit Hirnforscherinnen und Hirnforschern spreche, ist es manchmal echt anstrengend, da etwas herauszufinden, was auf dem Punkt ist, wo sie sich trauen, etwas Populärwissenschaftliches zu sagen und mit Bildern zu sprechen. Und da danke ich dir um deinen Mut, weil das ist jetzt auch so eine Sache, die kann ich total gut in meine Folien übernehmen und schreibt dann darunter Dr. Dr. Damien de Monte, weil das einfach ein wunderschönes, zusammenfassendes und prägnantes Zitat ist.
[Damir del Monte – Resilienz-Podcast]
Und es ist ein tolles Beispiel dafür, Ruben, dass ich vielleicht vor drei, vier Jahren ohne diesen Kontext, ohne meine eigene Entwicklung, ohne auch diesen Schritt, mich zu bekennen, zu Geschichten erzählen, vielleicht mich das nicht getraut hätte, weil ich dann hätte dazu ergänzend schreiben müssen. Aber wir wissen natürlich momentan, im Diskurs der Wissenschaft haben wir Extrempositionen, die reichen vor. Da hätte ich das dem genügen müssen.
Und gerade beim Thema Emotionen, weil ich ja auch natürlich in der Zusammenarbeit mit Dirk Eilert und dann mit dir, wir haben uns ja auch kennengelernt in diesem Kontext, ist das Thema Emotionen mir bewusst geworden, wie bedeutsam es in diesem Feld hier auch ist. Und dass wir in der Wissenschaft tatsächlich ein bisschen, und das hast du sehr schön formuliert, ein bisschen feige sind, weil wir uns denken, ach nee.
[Ruben Langwara – Resilienz-Podcast]
– Das hast du jetzt gesagt, aber es ist mir nicht gut, dass es…
[Damir del Monte – Resilienz-Podcast]
– Nein, das ist so. Unsicher, da kann man auch so und so sehen. Ach, ist es dann doch Lisa Feldman Barrett?
Oder ist es doch Joseph Ledoux? Ach nee, ist es vielleicht doch dann der Punxsap? Oder nee, dann ist es der Mark Solms. Also das heißt, wir haben hier natürlich ein Feld, wo es unheimlich viele Konzepte, Modelle und Perspektiven gibt. Und dann habe ich da gesessen, und deswegen ist es so ein schönes Beispiel von dir. Ich habe da gesessen und mir gedacht, nein, ich möchte eine Geschichte erzählen. Und ich möchte einem Menschen, der jetzt nicht jeden Tag 20 Papers durchackern möchte, ein Bild davon vermitteln, wie ich das Hauptprinzip hier verstehe. Das ist etwas, was tatsächlich… Ja, ich glaube, ich brauchte meine eigene Entwicklung zu diesem Punkt, zu diesem Rollenverständnis, um das so niederschreiben zu können.
Auch mit dem Wissen, das ist nicht vollständig, aber es ist ein wichtiges Kriterium, das Menschen Bilder an die Hand gibt und ihnen sehr wohl in ihrem alltäglichen Sein hilfreich sein kann.
[Ruben Langwara – Resilienz-Podcast]
Schreibst du das jetzt eigentlich auch auf deiner Visitenkarte, Geschichtenerzähler? Eine gute Idee. Wenn du diese Identität so angenommen hast, Dr. Dr. Darmian Detmonte, Hirnforscher, Psychologe… Wissenschaftlich anerkannter Geschichtenerzähler. Ja, genau. Scientific Storytelling, das ist dein Ding.
[Sebastian Mauritz – Resilienz-Podcast]
Ja, also ich kann nur sagen, ich bin Dirk sehr, sehr dankbar, dass er dich damals da in die Allert-Akademie eingeladen hat. Sonst hätte ich dich nicht kennengelernt. Es ist mir einfach immer eine große Freude.
Die allerbeste Lösung, die ist leider ja schon von Marimar besetzt, sozusagen. Und ich finde alle zweitbesten Lösungen, die den Kontakt mit dir ermöglichen, wunderbar. Das ist dieser Podcast, das ist sehr viel online von dir, das verlinken wir hier drunter. Das sind deine ganzen Präsenzseminare, das ist das Buch. Und ich finde, wenn das die zweitbesten Lösungen sind, dann ist das schon ziemlich, ziemlich gut. Lieber Darmian, es ist mir eine große Freude gewesen. Ich danke dir ganz herzlich für deine Zeit und ich wünsche dir von Herzen alles Beste.
[Damir del Monte – Resilienz-Podcast]
Vielen, vielen Dank. Es war schön und eine Freude, euer Gast zu sein. Vielen Dank.
Hier geht´s zum Resilienz-Podcast: www.rethinking-resilience.com