Was ist eigentlich Resilienz? Auf diese Frage gibt es eine Menge sehr komplexer und komplizierter Antworten. Eine sehr einfache, jedoch nicht vereinfachende Antwort darauf bietet dieses Resilienz-Modell. Resilienz ist ein aktueller Überschuss an Schutzfaktoren gegenüber Risikofaktoren in der Gesamtbilanz.

Risikofaktoren vs. Schutzfaktoren

Schauen wir uns die einzelnen Bestandteile des Resilienzmodells einmal genauer an:

Risikofaktoren

Auf der einen Seite gibt es die Risikofaktoren. Jeder von uns ist schon einmal mit seinen individuellen Risikofaktoren, anders ausgedrückt „Stressoren“, in Kontakt getreten. Die Stressoren sind für jeden Menschen individuell, da wir Faktoren erst durch unsere eigene Einschätzung und Bewertung zu einem Risikofaktor werden lassen.

Resilienz-Modell, Sebastian Mauritz

Zum Beispiel kann fehlende Struktur für jemanden mit einem hohen Wert an Stabilität ein Risikofaktor sein, während jemand anders keine feste Struktur als befreiend empfindet. Obwohl die Bewertungen individuell sind, lassen sich alle Faktoren entweder als zugehörig zum System oder zum Kontext einordnen.

Das System meint dabei Sie als Menschen. So zählen Krankheit, Schlafprobleme, eigene Erwartungshaltung, innere Antreiber etc. zu den Stressoren Ihres Systems. Kontextabhängige Stressoren sind dagegen zum Beispiel Konflikte in der Partnerschaft, Schichtarbeit oder fehlende Ergonomie unter anderem. Die kontextabhängigen Stressoren können vor in Bezug auf Arbeit als Organisationale Risikofaktoren bezeichnet werden.

Die Unterscheidung Ihrer eigenen Stressoren hilft Ihnen dabei, Ihre Risikofaktoren besser zu verstehen und erleichtert den ersten Schritt in Richtung Veränderung: Was kann ich ändern, und was (noch) nicht? Wenn Sie allerdings Ihre Risikofaktoren insgesamt betrachten ergibt sich daraus Ihre Vulnerabilität, Ihre Verletzlichkeit.

Schutzfaktoren

Auf der anderen Seite hat auch jeder von uns individuelle Schutzfaktoren. Diese fungieren als Protektoren und stärken unser Wohlbefinden und die psychische Gesundheit. Auch diese lassen sich in System und Kontext einteilen.

So wären Systemfaktoren unter anderem ein gesunder Optimismus, die Bindung zu Familie und Freunden, oder eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung. Schutzfaktoren im Kontext sind beispielsweise Rollen- und Aufgabenklarheit, Wertschätzung oder Vertrauen etc. Die kontextabhängigen Schutzfaktoren lassen sich bezogen auf Arbeit unterteilen in Team-Resilienzfaktoren, die sich insbesondere auf die enge Zusammenarbeit mit anderen Menschen beziehen, und organisationale Resilienzfaktoren, die als Rahmenbedingungen für Gesundheit und Wohlbefinden innerhalb des Arbeitskontextes sorgen.

Die Schutzfaktoren zusammen genommen ergeben die Resilienz. Je mehr Schutzfaktoren wir in unserem Leben haben, ausfüllen und stärken, desto größer ist unsere psychische Widerstandskraft gegen Stress.

Das Verhältnis zwischen Vulnerabilität und Resilienz

Waage im Ungleichgewicht

Vulnerabilität als Ergebnis der Risikofaktoren aus dem System und dem Kontext bezeichnet die Verletzlichkeit im Umgang mit widrigen Umständen. Eine hohe Vulnerabilität führt zu einer höheren „Anfälligkeit“ für Stress, sodass wir auch stärker auch negative Reize und Stresseinladungen reagieren. In der Psychologie ist Vulnerabilität der Gegenpol zu Resilienz und hängt mit einem längeren Erholungszeitraum nach kritischen Ereignissen und mit größeren Schwierigkeiten Strukturen wieder herzustellen zusammen.

Resilienz dagegen ergibt sich aus den Schutzfaktoren des Systems und denen des Kontextes. Es ist die Fähigkeit und Kompetenz, dass krisenhafte Ereignisse eine geringere negative Auswirkung auf unsere psychische Gesundheit haben und wir uns auch nach Krisen schneller erholen können. Resilienz ist der psychische Widerstand gegen und flexible Umgang mit Stress.

Das Modell fasst übersichtlich zusammen, welche Schutz- und Risikofaktoren wir wahrnehmen und wo diese liegen. Aus dieser „Analyse“ ergibt sich eine Bilanz: Wie hoch ist die Belastung durch Stressoren und wie hoch ist der Schutz vor Belastung durch die Protektoren? Beide Faktoren gemeinsam, Resilienz und Vulnerabilität, ergeben die individuelle Gesamtbelastbarkeit.

Dieses Resilienz-Modell räumt außerdem mit dem weit verbreiteten Glauben auf, dass Resilienz eine festgelegte Persönlichkeitseigenschaft ist, die manche Menschen haben und andere nicht. Das ist nicht der Fall, denn erstens ist Resilienz erlernbar und zweitens ist Resilienz dynamisch, da es sich aus dem aktuellen Verhältnis zwischen Schutz- und Risikofaktoren ergibt. Es handelt sich um eine stetige Balancierung von Stressoren und Protektoren, wobei die gesundheitsfördernde Balance ist: mehr oder stärkere Schutzfaktoren als Risikofaktoren.

Wie Sie das Resilienz-Modell nutzen können

Das Resilienz-Modell von Sebastian Mauritz, in Anlehnung an DiBella und Peterman, können Sie sowohl als Diagnosetool wie auch als Klärungsmodell verwenden.

Es ist einerseits ein Diagnosetool, weil es zur Bewusstmachung der eigenen Situation beiträgt. Um seine eigene momentane Lage, die des Teams oder der gesamten Organisation zu erfassen, hilft die übersichtliche Unterteilung und Einordnung der vorhandenen Ressourcen und Stressoren. Gerade in Team ist ein gemeinsames Ausfüllen des Modells eine wertvolle Unterstützung, einen gemeinsamen Ausgangspunkt für kommende Veränderungsprozesse zu schaffen.

Als Klärungsmodell schafft das Resilienz-Modell ein Verständnis dafür, was Resilienz ist und wie sie individuell oder in der Gemeinschaft erreicht werden kann. Wichtig ist, dass sowohl die Risikofaktoren als auch die Schutzfaktoren berücksichtigt werden. Dadurch, dass nicht nur die Risikofaktoren offengelegt werden, sondern der Fokus auch auf den bereits vorhandenen Ressourcen liegt, kommt man nicht in die Problemtrance, sondern in die Lösungsorientierung.

 

Die Inhalte und die Grafiken sind für die eigene Resilienz und ausschließlich zur privaten Nutzung gedacht! Jede Form der Weitergabe, anderweitiger Nutzung, Nutzung im Training, in Medien o.ä. bedarf der Genehmigung von Sebastian Mauritz (Resilienz Akademie Göttingen).

 

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