Was resiliente Entscheidungen verhindert – und wie Sie gegensteuern können

Sie entscheiden selten „rein rational“ – und das ist kein Fehler, sondern menschlich. Unser Gehirn arbeitet sehr energiesparend: Es berechnet nicht ständig alles neu, sondern nutzt Abkürzungen, Gefühle, Erfahrungen und Kontext. Insbesondere, wenn wir Stress empfinden. Unter Druck, Zeitmangel oder emotionaler Bindung kann genau das dazu führen, dass Sie später „anders“ entscheiden, als Sie es sich morgens noch vorgenommen hatten.

In diesem Artikel lernen Sie drei gut erforschte Effekte kennen, die Entscheidungen systematisch verzerren – und Sie bekommen resiliente Gegenmaßnahmen, die im Alltag einfach und effektiv einzusetzen sind.

Warum werden unsere Entscheidungen von uns selbst beeinflusst?

Resilienz Akademie | Was resiliente Entscheidungen verhindert – und wie Sie gegensteuern könnenWeil Entscheidungen nicht nur Logik sind – sie sind auch Zustand. Wenn Sie hungrig, gehetzt, emotional aufgeladen oder mental „voll“ sind, entscheidet nicht „Ihr Charakter“, sondern Ihr System im Sparmodus. Und genau dann passiert etwas Gemeines: Sie halten Ihr Verhalten für ein persönliches Versagen („Warum kriege ich das nicht hin?“), obwohl es oft ein vorhersagbares Muster ist.

Resilienz beginnt an dieser Stelle mit einem Perspektivwechsel: Nicht „Ich muss mich zusammenreißen“, sondern „Ich brauche bessere Bedingungen für gute Entscheidungen“. Das ist wie beim Telefon-Empfang: Wenn das Signal schlecht ist, bringt es wenig, Ihr Handy anzuschreien. Sie gehen eher kurz an einen Ort mit besserem Empfang. Wir müssen uns für gute Entscheidungen gute Bedingungen schaffen.

Es gibt dabei drei psychologische Effekte, die sozusagen die häufigsten „Störsender“ sind:

  • Entscheidungsmüdigkeit
  • Verlustaversion
  • Versunkene Kosten

Warum ist es sinnvoll auf diese Effekte zu schauen? Resilienz bedeutet nicht, nie zu stolpern. Wir dürfen auch schlechte Entscheidungen treffen. Resilienz kann uns dann dabei helfen, gut mit den Auswirkungen umzugehen und freundlich zu uns selbst zu sein, wenn wir stolpern. Doch Resilienz kann uns eben auch helfen, Stolpersteine frühzeitig zu erkennen. Wenn wir diese Effekte kennen und bei uns erkennen, bekommen wir mehr Freiheit und Flexibilität. Wir können bewusster entscheiden, statt uns um die Konsequenzen kümmern zu müssen.

Was beeinflusst unsere Entscheidungen?

Im Folgenden stellen wir Ihnen drei psychologische, wissenschaftlich gut untersuchte Effekte vor, die einen großen Einfluss auf unsere Entscheidungen haben.

Entscheidungsmüdigkeit

Resilienz Akademie | Was resiliente Entscheidungen verhindert – und wie Sie gegensteuern könnenDer Begriff beschreibt schon sehr gut, wofür der Effekt steht: Je mehr anspruchsvolle Entscheidungen Sie schon getroffen haben, desto eher schaltet Ihr Gehirn später in den Bequemlichkeitsmodus. Dann werden Entscheidungen nicht unbedingt „dümmer“, aber kurzatmiger: Sie schieben auf, nehmen den Standard, klicken „irgendwas“ oder sagen vorschnell „Ja“, damit es sich endlich erledigt anfühlt. Typisch ist das abends nach einem vollen Tag – wenn eigentlich Priorisierung dran wäre, aber der Kopf nur noch Ruhe will.

In der Forschung wird Entscheidungsmüdigkeit häufig mit der Idee verknüpft, dass viele Entscheidungen kurzfristig Selbstkontrolle belasten. In Laborexperimenten zeigte sich z. B., dass wiederholtes Entscheiden nachfolgende Selbstregulation erschweren kann (Vohs et al., 2018). Auch in realen Settings wurden Verlaufseffekte über Zeit und Pausen berichtet – etwa, dass Entscheidungen im Verlauf einer Sitzung „strenger“ werden und nach Pausen wieder anders ausfallen (Danziger, Levav, & Avnaim-Pesso, 2011).

Gleichzeitig sind die Mechanismen dahinter (Stichwort „Ego Depletion“) in der Forschung jedoch auch umstritten. Große Replikationen und Meta-Analysen finden teils nur kleine oder sehr kontextabhängige Effekte (Hagger et al., 2016).

Verlustaversion

Dieser Effekt bedeutet: Ein möglicher Verlust fühlt sich für uns oft „schwerer“ an als ein gleich großer Gewinn. Zum Beispiel würden Sie bei einem neuen Handy-Tarif 20€ pro Monat sparen, aber Sie müssen Ihre Daten neu übertragen und es könnte sein, dass bei dem Wechsel kurzzeitig etwas schiefgeht. Abhängig vom Referenzpunkt bewertet unser Gehirn dann, ob wir nicht lieber beim Altbewährten bleiben. Wir beziehen uns auf das, was wir erlebt haben und was wir erwarten.

Das Prinzip dahinter nennt sich „Prospect Theory“: Menschen reagieren typischerweise sensibler auf Nachteile unterhalb des Referenzpunkts als auf Vorteile darüber – weshalb wir Chancen meiden, zu lange festhalten oder übervorsichtig werden, selbst wenn die Zahlen eigentlich passen.

Die Forschung dazu ist umfangreich: Tversky & Kahneman (1991) zeigten in risikolosen Wahlaufgaben, wie stark der Referenzpunkt und das „Aufgeben“ (loss) gegenüber dem „Dazugewinnen“ (gain) Präferenzen verschieben kann. Auch neurowissenschaftliche Arbeiten finden Muster, die zu dieser Asymmetrie passen: In einer fMRI-Studie (Bildgebung des Gehirns) zu 50/50-Glücksspielangeboten fanden die Forschenden neuronale Muster der Verlustaversion und konnten individuelle Reaktionsmuster sogar vorhersagen (Tom, 2007).

Versunkene-Kosten-Effekt

Resilienz Akademie | Was resiliente Entscheidungen verhindert – und wie Sie gegensteuern könnenDer Versunkene-Kosten-Effekt (sunk cost) beschreibt die Tendenz, an einem Vorhaben festzuhalten, weil man schon Zeit, Geld oder Energie investiert hat – obwohl diese Investition objektiv „weg“ ist und die bessere Entscheidung eigentlich nur auf der Zukunft basieren sollte. Ein wenig obszönes, aber gut zu merkendes Bild dazu: Es ist als würde man ein totes Pferd reiten.

Psychologisch spielen dabei oft Rechtfertigung („Es darf nicht umsonst gewesen sein“), Verantwortungsgefühl und das unangenehme Gefühl von „Verschwendung“ eine Rolle – also weniger Logik, mehr Selbstschutz.

Neuere experimentelle Arbeiten zeigen, dass der Effekt nicht nur eine Anekdote ist, sondern messbar bleibt: Ronayne, Sgroi & Tuckwell (2021) fanden z. B., dass ein relevanter Anteil von Teilnehmenden bei einer schlechteren Option blieb, obwohl ein Wechsel zu einer dominanten Option möglich war – konsistent mit sunk-cost-getriebenem Festhalten. Gleichzeitig ist der Effekt nicht „immer gleich stark“: Kontext, Framing und individuelle Unterschiede (z. B. reflektierteres Denken) beeinflussen, wie stark Menschen versunkenen Kosten folgen.

Wie können wir resilienter Entscheidungen treffen?

Das Kennen dieser drei Effekte auf unsere Entscheidungen macht schon einen großen Unterschied, insbesondere wenn es um größere, bzw. wichtigere Entscheidungen geht. Zu jedem der drei psychologischen Effekte wollen wir einen kurzen Resilienz-Shortcut vorstellen und anschließend eine Übung teilen, die wie eine Meta-Kompetenz für bessere Entscheidungen wirkt.

Resilienz-Shortcut: Entscheidungsmüdigkeit

Je mehr (anstrengende) Entscheidungen wir bereits getroffen haben, desto eher verfallen wir in einen Bequemlichkeitsmodus. Wir verschieben Entscheidungen, wählen den Standard oder sagen einfach impulsiv zu allem „ja“.

Das Gegenmittel, um diesen Stolperstein einfach zu vermeiden:

  • Treffen Sie wichtige Entscheidungen morgens oder früh am Tag
  • Machen Sie für „Kleinkram“ drei vorgefertigte Optionen, auf die Sie zugreifen können
  • Nehmen Sie sich eine Pause – mindestens 1 Minute achtsames Atmen – vor potenziell kritischen Entscheidungen

Resilienz-Shortcut: Verlustaversion

Wir bewerten einen möglichen Verlust meist deutlich stärker als einen möglichen gleichgroßen Gewinn. Das führt dazu, dass wir Chancen vermeiden, übervorsichtig reagieren oder auch an Dysfunktionalem zu lange festhalten.

Hierbei hilft es, mit zwei Fragen sich diesen Effekt bewusst zu machen, und sogar neu zu rahmen:

„Was verliere ich, wenn ich es nicht tue?“

„Was gewinne ich, wenn es klappt?“

Resilienz-Shortcut: Versunkene-Kosten-Effekt

Haben wir viel Zeit, Geld und Energie in etwas investiert, fällt es uns loslassen umso schwerer. Und das sogar, wenn uns objektiv sogar bewusst ist, dass ein Umlenken oder loslassen nicht nur besser sondern manchmal sogar die einzige Option ist. Stattdessen investieren wir weiter noch mehr Geld, Zeit und Energie.

Abstand zu gewinnen ist bei diesem Stolperstein ein wichtiger Faktor. Stellen Sie sich dafür eine Zukunftsfrage:

„Wenn ich heute neu starten könnte, würde ich wieder genau so „ja“ sagen?“ Wenn die Antwort „nein“ ist, braucht es einen sauberen Schnitt.

Meta-Methode: Die Affektbilanz

Jetzt kommt der Teil, der Ihre Entscheidungen nicht nur „besser“, sondern stimmiger macht: die Affektbilanz. Sie ist ein Tool aus dem Zürcher Ressourcen Modell (ZRM) und verbindet Verstand und Körper-Signale („somato-affektive Marker“) in der Entscheidungsfindung. Die Grundidee passt gut zur Forschung rund um somatische Marker: Körper- und Emotionssignale können Entscheidungen (oft unbewusst) mitsteuern – hilfreich, manchmal auch verzerrend.

Affektbilanz in 60 Sekunden (Resilienz-o-Meter)

Schritt 1: Entscheidung benennen (10 Sekunden)

Formulieren Sie Ihre Entscheidung als zwei (oder mehr) Optionen, z. B.:

  1. A) „Ich sage dem Projekt zu.“
  2. B) „Ich sage ab / verhandle Umfang.“

Schritt 2: Zwei Skalen anlegen (10 Sekunden)

Nehmen Sie ein Blatt und zeichnen Sie zwei vertikale Linien:

  • links: unangenehme Gefühle (z.B. 0–100%)
  • rechts: angenehme Gefühle (z.B. 0–100%)

Wir haben dafür das Resilienz-o-Meter entwickelt, das Sie im Bild sehen (angelehnt an Maja Storch).

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Schritt 3: Körper kurz „abfragen“ (20 Sekunden)

Denken Sie an Option A – und spüren Sie einmal schnell:

  • Wo wird’s eng? (Brust, Bauch, Kiefer?)
  • Wo wird’s weit? (Atmung, Wärme, Aufrichtung?)

Setzen Sie je ein Kreuz auf beide Skalen (unangenehm/angenehm bzw. Grmpfl/Bingo)

Dann das Gleiche für Option B.

Schritt 4: Lesen statt rechnen (20 Sekunden)

Schauen Sie auf das Bild:

  • Welche Option hat viel unangenehm und kaum angenehm?
  • Wo ist trotz Angst auch spürbar Energie, Neugier, Erleichterung?
  • Wo ist eher „Pflicht ohne Saft“?

Mini-Regel für Resilienz:

Wenn Sie erschöpft sind, geben Sie dem Ergebnis nicht automatisch das letzte Wort. Dann nutzen Sie es als Hinweis: „Ich brauche eine Pause – und entscheide danach nochmal kurz.“

Wozu sollten wir wissen, was gute Entscheidungen verhindert?

Wozu das Ganze – außer, dass Sie sich beim nächsten „Warum hab ich das gemacht?!“ weniger ärgern?

 Sie entscheiden wieder aus Führung statt aus Reflex

Die drei Effekte wirken oft dann am stärksten, wenn Sie im Autopilot sind: müde, angespannt, investiert, verlustfokussiert. Sobald Sie sie benennen, entsteht Abstand – und Abstand ist der Türspalt, durch den Wahlfreiheit kommt.

Sie schützen Ihre Energie – und damit Ihre Resilienz

Resilienz ist auch Energiemanagement. Jede Entscheidung, die Sie klug „vorstrukturieren“ (Defaults, Timing, Pausen), spart mentale Kosten. Und das wirkt sich auf Stress, Schlaf, Kommunikation und Selbstwirksamkeit aus – also auf genau die Dinge, die in Krisenzeiten tragen.

Sie bauen Vertrauen in Ihr eigenes System auf

Die Affektbilanz hilft nicht dabei, „immer richtig“ zu liegen. Sie hilft dabei, ehrlich zu werden: Was zieht? Was drückt? Wo ist Zwickmühle – und was wäre ein sauberer nächster Schritt? Gerade in komplexen Situationen ist das oft wertvoller als Scheinsicherheit.

Wenn Sie möchten, können Sie diesen Artikel als kleine Routine nutzen:

Bei wichtigen Entscheidungen einmal kurz: Effekte markieren → eine Gegenmaßnahme wählen → Affektbilanz drüberlegen. So wird Entscheiden weniger Kampf – und mehr Kurs halten.

Quellen:

Danziger, S., Levav, J., & Avnaim-Pesso, L. (2011). Extraneous factors in judicial decisions. Proceedings of the National Academy of Sciences, 108(17), 6889-6892.

Hagger, M. S., Chatzisarantis, N. L., Alberts, H., Anggono, C. O., Batailler, C., Birt, A. R., . . . Bruyneel, S. (2016). A multilab preregistered replication of the ego-depletion effect. Perspectives on psychological science, 11(4), 546-573.

Ronayne, D., Sgroi, D., & Tuckwell, A. (2021). Evaluating the sunk cost effect. Journal of Economic Behavior & Organization, 186, 318-327.

Tom, S. (2007). The Neural Basis of Loss Aversion in. Science, 1134239(515), 315.

Tversky, A., & Kahneman, D. (1991). Loss aversion in riskless choice: A reference-dependent model. The Quarterly Journal of Economics, 106(4), 1039-1061.

Vohs, K. D., Baumeister, R. F., Schmeichel, B. J., Twenge, J. M., Nelson, N. M., & Tice, D. M. (2018). Making choices impairs subsequent self-control: A limited-resource account of decision making, self-regulation, and active initiative. In Self-regulation and self-control (pp. 45-77): Routledge.

Bildquelle: www.depositphotos.com: Left and right arrows@shawn_hempel, Secretary is having a bad day@ stokkete, Stack of coins stock financial indices on currency exchange. Financial stock market@ plufflyman@gmail.com, Woman thinking something over@ SergeyNivens

Grafik: Dylan Sara, Sebastian Mauritz (nach dem Zürcher Ressourcen Modell)

Resilienz Akademie | Was resiliente Entscheidungen verhindert – und wie Sie gegensteuern könnenRebecca van der Linde, M.A. Germanistik und Kulturanthropologie, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Resilienz Akademie. Als Resilienz-Trainerin und Resilienz-Coach betreut sie den Blog der Resilienz Akademie und unterstützt in der konzeptionellen Entwicklung. Zudem agiert als SEO-Managerin für die Website. Ihr Schwerpunkt liegt auf der digitalen Präsenz der Themen rund um individuelle und organisationale Resilienz.

 


Resilienz Akademie | Was resiliente Entscheidungen verhindert – und wie Sie gegensteuern könnenSebastian Mauritz, M.A. Systemische Beratung, ist einer der führenden Experten für angewandte Resilienz in Deutschland. Er ist 5-facher Fachbuchautor, Keynote-Speaker, Resilienz-Lehrtrainer, Systemischer Coach, war und ist Vorstand in vielen Coach- und Trainer-Verbänden und Unternehmer. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich individuelle Resilienz und Prosilienz®, resilienter Führung und Teamresilienz. Er ist Initiator des jährlichen Resilienz-Online-Kongresses, in dessen Rahmen er sich bereits mit über 240 weiteren Resilienzexpert:innen aus verschiedenen Disziplinen ausgetauscht hat (www.Resilienz-Kongress.de) sowie des Resilienz-Podcasts Rethinking Resilience (www.Rethinking-Resilience.com).

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