Resilienz-Podcast „Rethinking Resilience“ – Folge 67

Entdecken Sie den Denkraum von Sebastian Mauritz und Ruben Langwara, um Ihre eigene Widerstandsfähigkeit zu stärken und Ihr Verständnis von Resilienz zu erweitern! Tauchen Sie ein in eine inspirierende Lernumgebung, die Ihnen dabei hilft, Ihre Resilienzfähigkeiten zu entwickeln und zu festigen. Profitieren Sie von den Erfahrungen und dem Wissen der Experten und bereiten Sie sich optimal auf die Herausforderungen des Lebens vor.

HIER erhalten Sie nähere Informationen und einen Überblick über alle Folgen! In dem folgenden Artikel haben wir die aktuelle Folge für Sie zusammengestellt.

Podcast abonnieren

Um keine Folge zu verpassen, können Sie Rethinking Resilience“ auf den folgenden Plattformen abonnieren.

In den „Shownotes“ zur jeweiligen Ausgabe finden Sie eine kurze Inhaltsangabe, Links und weiterführende Informationen. Viel Freude beim Eintreten in den gemeinsamen Denkraum und Erforschen Ihrer Resilienz.


Folge 67: Rethinking: Wachstum und Zwickmühlen

Entwicklung bedeutet, in Bewegung zu bleiben. Wir lernen, sammeln Erfahrungen, verändern uns und gewinnen gleichzeitig mit der Zeit mehr Klarheit darüber, wer wir sind und was uns wichtig ist. Doch genau darin liegt eine spannende Frage: Was passiert, wenn wir irgendwann entscheiden, uns nicht mehr verändern zu wollen?

In dieser Folge von Rethinking Resilience“ sprechen Sebastian und Ruben darüber, warum persönliche Entwicklung auch bedeutet, sich irritieren zu lassen, Feedback anzunehmen und sich immer wieder bewusst mit den eigenen Grenzen auseinanderzusetzen. Im Mittelpunkt stehen dabei innere Zwickmühlen: Situationen, in denen unterschiedliche Seiten, Bedürfnisse oder Werte gleichzeitig in uns wirken. Dabei geht es nicht darum, jede Ambivalenz möglichst schnell aufzulösen. Vielmehr stellt sich die Frage, wie wir mit unseren unterschiedlichen Seiten so umgehen können, dass wir beweglich und handlungsfähig bleiben.

Warum ist es wichtig, sich weiterzuentwickeln und Zwickmühlen wahrzunehmen?

Ruben beginnt mit einer Beobachtung: Irgendwann entscheiden sich manche Menschen möglicherweise dafür, sich nicht mehr verändern zu wollen. Zwar stabilisiert sich Persönlichkeit im Laufe des Lebens zunehmend, doch problematisch wird diese Stabilität für ihn dort, wo Menschen beginnen, sich darauf auszuruhen.

Sebastian verbindet diesen Gedanken mit dem Lernen. Für ihn gehört es dazu, sich bewusst neuen Erfahrungen auszusetzen, Seminare zu besuchen und Situationen aufzusuchen, die ihn herausfordern. Er beschreibt es weniger als klassisches „Verlassen der Komfortzone“, sondern eher als eine bewusste Erhöhung der Widrigkeiten im eigenen Leben. Das Ziel ist, dem Gehirn neue Impulse zu geben und es elastisch zu halten. Gerade Menschen, die beruflich viel mit anderen Menschen arbeiten, lädt Sebastian deshalb zur Selbstreflexion ein: Wann waren Sie selbst zuletzt in einem Coaching? Wann haben Sie ein Seminar besucht, in dem Sie sich nicht nur fachlich, sondern auch persönlich mit sich selbst auseinandergesetzt haben? Wer anderen Menschen Struktur und Stabilität gibt, braucht selbst Orientierung. Gleichzeitig gehört auch Flexibilität zum Wachstum.

Ruben verbindet diese Flexibilität mit der Frage, wie offen wir für Rückmeldungen bleiben. Einerseits ist es hilfreich, die eigenen Werte, Ziele und die eigene Persönlichkeit gut zu kennen. Andererseits kann ein sehr stabiles Selbstbild auch dazu führen, dass Informationen abgewehrt werden, die nicht dazu passen. Genau hier entsteht eine Zwickmühle: Wie viel Stabilität brauche ich, um zu wissen, wer ich bin, und wie viel Offenheit brauche ich, um mich weiterentwickeln zu können?

Sebastian beschreibt in diesem Zusammenhang den Bestätigungsfehler und das mentale Immunsystem. Dinge, die nicht in das bestehende Bild passen, werden häufig zunächst abgewehrt. Das kann Stabilität geben, gleichzeitig aber Lernen verhindern. Deshalb braucht es aus seiner Sicht eine Form von regelmäßiger Selbstreflexion.

Dabei bedeutet Reflexion nicht, jede Reaktion anderer sofort auf sich zu beziehen. Ruben beschreibt, dass er zu Beginn seiner Trainerkarriere sehr stark auf einzelne Reaktionen im Raum geachtet hat. Ein skeptischer Gesichtsausdruck oder ein Einwand konnte dazu führen, dass er den gesamten Prozess unterbrach. Heute fragt er stärker: Was hilft dem übergeordneten Prozess? Genau diese Balance zwischen Offenheit und eigener Klarheit wird zu einem wichtigen Bestandteil von Entwicklung.

Was sind Zwickmühlen und welche Rolle spielen Werte und Feedback?

Eine Zwickmühle beschreibt unterschiedliche Strebungen oder Seiten in einem Menschen. Eine Seite möchte beispielsweise noch arbeiten und etwas abschließen, eine andere möchte Zeit mit der Familie verbringen. Eine Seite möchte sichtbar werden und eigene Inhalte zeigen, eine andere bevorzugt Zurückhaltung. Beide Seiten können gleichzeitig berechtigt sein.

Ruben beschreibt als eine seiner zentralen Zwickmühlen die Spannung zwischen seiner Rolle als Vater und Familienmensch und seiner Rolle als Selbstständiger und Unternehmer. Hinzu kommt die Spannung zwischen seinem selbstsicheren und seinem bescheidenen Ich. Einerseits weiß er, dass er Inhalte hat, die er nach außen tragen könnte. Andererseits hält er sich mit dieser Sichtbarkeit stark zurück. Sebastian macht deutlich, dass solche Zwickmühlen nicht automatisch ein Problem sind. Entscheidend ist, sie zunächst überhaupt wahrzunehmen. Dabei können auch mehr als zwei Seiten beteiligt sein. Sebastian spricht deshalb von „Multimühlen“. Gerade die leiseren Seiten sollten nicht übersehen werden, weil Entscheidungen immer Auswirkungen haben.

Für Sebastian gehören deshalb zwei Sätze eng zusammen: „Kein Ziel ohne Preis. Keine Entscheidung ohne Auswirkungen.“ Wer sich für eine Seite entscheidet, zahlt immer auch einen Preis. Wer beispielsweise am Abend weiterarbeitet, erreicht beruflich vielleicht etwas Wichtiges, verpasst möglicherweise aber Familienzeit. Wer sich für die Familie entscheidet, lässt dafür andere Aufgaben liegen. Welche langfristigen Auswirkungen eine Entscheidung haben wird, können wir nicht vollständig wissen. Deshalb sind die eigenen Werte wichtig. Sebastian beschreibt viele innere Konflikte als Wertdissonanzen oder Fragen der Wertepriorität. Zwei Dinge können gleichzeitig wichtig sein. Die Herausforderung besteht dann nicht darin, herauszufinden, welche Seite falsch ist, sondern welche Seite in diesem Moment Vorrang bekommt.

Auch beim Feedback spielen solche inneren Bewegungen eine Rolle. Sebastian erlebt Feedback besonders dann als hilfreich, wenn es nicht als fertiges Urteil formuliert wird, sondern als Frage. Statt „Du machst das falsch“ kann ein Gespräch damit beginnen, eine Beobachtung anzusprechen und gemeinsam darauf zu schauen. Hilfreich ist für ihn außerdem, die eigene Zwickmühle transparent zu machen und anschließend nach vorne zu schauen. Statt lange zu analysieren, warum jemand in der Vergangenheit etwas getan hat, kann die Frage lauten: Was brauchen wir in Zukunft? Worauf können wir uns einigen? Sebastian bezeichnet diese Zukunftsorientierung als Feedforward.

Ruben ergänzt, dass nicht nur kritisches Feedback an einer inneren Grenze abprallen kann. Auch positives Feedback kann schwer anzunehmen sein, wenn es nicht zum eigenen Selbstbild passt. Deshalb lohnt es sich zu beobachten, was bei uns überhaupt andocken kann und was wir möglicherweise abwehren, obwohl andere Menschen etwas Positives in uns sehen.

Wie können Sie konstruktiv mit Zwickmühlen und unangenehmen Erfahrungen umgehen?

Ein wichtiger Gedanke der Folge lautet: Entwicklung entsteht nicht dadurch, dass wir unangenehme Situationen vollständig vermeiden. Sebastian berichtet von mehreren Erfahrungen, in denen gerade das Gegenteil hilfreich war.

In einem Seminar erlebte er beispielsweise starken Ärger über einen Ablauf, der für ihn wichtige Werte wie Achtsamkeit, Wertschätzung und Professionalität berührte. Der Seminarleiter sprach diese Reaktion an und arbeitete mit Sebastian an dem dahinterliegenden Thema. Die Erfahrung war intensiv und deutlich außerhalb seiner Komfortzone. Im Nachhinein beschreibt Sebastian sie dennoch als wertvoll. Ähnlich erlebt er seinen ersten Karaoke-Auftritt. Obwohl er Bühnen gewohnt ist, gerät sein Körper in starken Stress. Er zittert, seine Atmung verändert sich und während des Liedes denkt er darüber nach, abzubrechen. Trotzdem bleibt er auf der Bühne. Später merkt er, dass genau diese Erfahrung etwas verändert hat.

Für Sebastian sind solche Situationen Beispiele für gesund dosiertes Unwohlsein in einem sicheren Rahmen. Es geht nicht darum, möglichst viele Probleme zu erzeugen. Es geht darum, sich immer wieder Herausforderungen auszusetzen, an denen das Gehirn lernen kann. In diesem Zusammenhang greift Sebastian auch den Gedanken einer „First World Problem Prevention“ auf: Wenn wir unserem Gehirn ausreichend echte, dosierte Herausforderungen anbieten, erzeugt es möglicherweise weniger eigene Probleme aus einem Mangel an Anforderungen heraus.

Auch Irritation kann auf diese Weise neu bewertet werden. Sebastian erinnert sich an den Satz: „Irritationen sind Momente neuen Lernens.“ Statt Irritation ausschließlich als unangenehm wahrzunehmen, kann sie zu einem Hinweis werden: Hier gibt es möglicherweise etwas zu entdecken. Dasselbe gilt für Emotionen. Sebastian beschreibt Ärger beispielsweise als Hinweis darauf, dass etwas Wichtiges berührt wurde. In einer Situation erlebte er etwas als ungerecht. Statt ausschließlich im Ärger zu bleiben, fragte er sich: Wenn mir Gerechtigkeit wichtig ist, wie kann ich heute selbst zu Gerechtigkeit beitragen? Der Ärger verschwindet dadurch nicht und muss auch nicht schön geredet werden. Er kann aber in eigenes Handeln übersetzt werden.

Für den Umgang mit Zwickmühlen bedeutet das zunächst, die verschiedenen Seiten wahrzunehmen und ihnen Sprache zu geben. Ruben beschreibt, wie hilfreich das beispielsweise in einer Partnerschaft oder im beruflichen Kontext sein kann. Statt eine Seite gegen die andere auszuspielen, können beide sichtbar gemacht werden. Dabei spielt ein kleines Wort eine große Rolle: „und“ statt „aber“. Ein „aber“ kann das zuvor Gesagte schnell entwerten. Eine Zwickmühlenkommunikation könnte dagegen ausdrücken: Ich sehe, dass dir das wichtig ist, und gleichzeitig gibt es noch eine andere Seite, die ebenfalls berücksichtigt werden muss. Dadurch entsteht kein starres Entweder-oder, sondern ein gemeinsamer Raum für Lösungen.

Wozu hilft es, Zwickmühlen nicht sofort lösen zu wollen?

Sebastian beschreibt drei zentrale Punkte für den Umgang mit Zwickmühlen. Erstens muss nicht jede Zwickmühle gelöst werden, sie sollte aber möglichst bewusst sein. Zweitens hat jedes Ziel einen Preis und jede Entscheidung Auswirkungen. Drittens hilft es, die eigenen Werte zu kennen.

Gerade die Werte machen verständlich, warum viele innere Konflikte überhaupt entstehen. Wenn zwei Dinge gleichzeitig wichtig sind, lässt sich nicht immer eine Entscheidung treffen, die alle Seiten vollständig zufriedenstellt. Die Aufgabe besteht deshalb nicht darin, eine Seite zum Gewinner und die andere zum Verlierer zu erklären. Vielmehr geht es darum, alle Seiten zu würdigen und beweglich zu bleiben. Sebastian bezeichnet diese Fähigkeit als Oszillationsfähigkeit. Heute kann eine Entscheidung zugunsten der einen Seite fallen, morgen bekommt eine andere mehr Raum. Solange verschiedene Seiten wahrgenommen werden können, bleibt auch Flexibilität erhalten.

Das gilt ebenso für vergangene Entscheidungen. Häufig bleiben Menschen im Gedanken „Hätte ich doch bloß …“ hängen. Sebastian schlägt eine andere Perspektive vor: Aus „hätte“ wird „hatte“. Ich hatte eine Wahl und ich habe mich in der damaligen Situation entschieden. Die entscheidende Frage ist anschließend nicht, wie die Vergangenheit noch verändert werden könnte, sondern: Was mache ich jetzt?

Ruben verbindet die Zwickmühlen außerdem mit dem Gefühl, sich im Alltag innerlich zu verbiegen. Wenn viele Anforderungen gleichzeitig an uns ziehen und wir das Gefühl bekommen, nur noch in eine Richtung funktionieren zu müssen, geht Beweglichkeit verloren. Hilfreich kann deshalb die Frage sein: In welcher Rolle bin ich gerade? Welche Seite zeigt sich? Was ist dieser Seite wichtig? Und welche andere Seite gibt es ebenfalls?

Sebastian und Ruben sprechen dabei bewusst von Unterscheidung und nicht von vollständiger Trennung. Beruf und Privatleben lassen sich beispielsweise nicht immer vollständig voneinander abschotten. Gedanken überschreiten diese Grenzen. Entscheidend ist vielmehr, bewusst zu unterscheiden, welcher Kontext gerade im Vordergrund steht. Genau darin liegt eine zentrale Botschaft dieser Podcast-Folge: Innere Widersprüche müssen nicht verschwinden, damit wir resilient handeln können. Zwickmühlen gehören zum Leben. Entscheidend ist, sie wahrzunehmen, die beteiligten Seiten zu würdigen und Entscheidungen zu treffen, ohne die eigene innere Vielfalt abzuwerten.

Resilienz zeigt sich damit auch in der Fähigkeit, beweglich zu bleiben: offen für Feedback, offen für Irritation, offen für neue Erfahrungen und gleichzeitig klar genug, die eigenen Werte und Ziele nicht aus dem Blick zu verlieren.


Transkript der Folge 67

Hier finden Sie das vollständige Transkript der Folge:


Alle Folgen finden Sie hier: 

www.rethinking-resilience.com

Titelmusik und Mischung: Lars Deutsch  www.larsdeutsch.net

Design: Katharina Krekeler  www.hejro.de


Resilienz Akademie | Resilienz-Podcast „Rethinking Resilience“ – Folge 2Ruben Langwara ist Wirtschaftspsychologe, Resilienz-Lehrtrainer & -Coach sowie Experte für Emotionen und deren Wirkung auf Gesundheit und Wohlbefinden. Er ist mit der Resilienz-Akademie Göttingen als Projektpartner für emotionale Resilienz tätig. Sein Fachbuch zu diesem Thema „Die Kraft unserer Emotionen“ erschien 2022 im Junfermann-Verlag. Er ist Mitinitiator des Resilienz-Podcasts Rethinking Resilience (www.Rethinking-Resilience.com).

 


Resilienz Akademie | Resilienz-Podcast „Rethinking Resilience“ – Folge 2

Sebastian Mauritz, M.A. Systemische Beratung, ist einer der führenden Resilienzexperten Deutschlands. Er ist 5-facher Fachbuchautor, Keynote-Speaker, Resilienz-Lehrtrainer, Systemischer Coach, war und ist Vorstand in vielen Coach- und Trainer-Verbänden und Unternehmer. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich individuelle Resilienz und Prosilienz®, resilienter Führung und Teamresilienz. Er ist Initiator des jährlichen Resilienz-Online-Kongresses, in dessen Rahmen er sich bereits mit über 240 weiteren Resilienzexpert:innen aus verschiedenen Disziplinen ausgetauscht hat (www.Resilienz-Kongress.de) sowie des Resilienz-Podcasts Rethinking Resilience (www.Rethinking-Resilience.com).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen