Prospektive Resilienz – Generalprobe für das Leben mit Prosilienz®

Kennen Sie das Gefühl, wenn Sie in Ihrem Kalender einen Termin in zwei Wochen sehen, und sofort verändert sich etwas in Ihnen? Sie merken eine Anspannung, Ihre Gedanken werden schneller und Ihr Atem flacher. Ein Gespräch, eine Prüfung, eine Entscheidung liegt vor Ihnen und lange bevor sie eintritt, sind Sie innerlich schon mittendrin. Unser Gehirn reist in die Zukunft, ob wir es wollen oder nicht. Die spannende Frage ist nicht, ob wir das tun, sondern wie: Nutzen wir diese Reisen, um uns selbst kleiner zu machen – oder um klüger, ruhiger und handlungsfähiger beim tatsächlichen Ereignis anzukommen?

Genau hier setzt die prospektive Resilienz an. Die Idee dahinter ist ebenso einfach wie kraftvoll: Wir lernen nicht nur aus der Vergangenheit, sondern auch aus der Zukunft. Wir spielen schwierige Situationen gedanklich und körperlich durch, bevor sie eintreten – so, wie eine Generalprobe der Premiere vorausgeht. Und wenn die echte Situation dann kommt, ist es eben nicht mehr das erste Mal. Der Überraschungsmoment ist kleiner, der Boden unter den Füßen fester.

In diesem Artikel schauen wir uns an, warum unser Gehirn ein Vorhersageapparat ist, was prospektive Resilienz von klassischer Resilienz unterscheidet und vor allem: wie Sie sie ganz konkret üben können.

Warum: Weil unser Gehirn ohnehin ständig in die Zukunft reist

Wir stellen uns Resilienz oft als etwas vor, das nach einer Krise gebraucht wird – als die Kraft, wieder aufzustehen, wenn uns etwas umgeworfen hat. Doch dieser Blick greift zu kurz. Denn unser Gehirn wartet gar nicht auf die Krise. Es ist permanent damit beschäftigt, die Zukunft zu berechnen. Wer das versteht, versteht auch, warum es sich lohnt, Resilienz nach vorne zu denken.

Das Gehirn ist kein Archiv, sondern ein Vorhersagegenerator

Lange dachte man, unser Gehirn sei vor allem ein Speicher: Es sammelt Erfahrungen und ruft sie bei Bedarf ab. Die neuere Forschung zeichnet jedoch ein anderes Bild. Nach dem Free-Energy-Prinzip des Neurowissenschaftlers Karl Friston (2010) ist das Gehirn in erster Linie eine Vorhersagemaschine, die ununterbrochen versucht, Überraschungen zu minimieren. Es gleicht fortlaufend ab: Was habe ich erwartet – und was passiert tatsächlich? Je größer die Lücke zwischen Erwartung und Wirklichkeit, dieser sogenannte Vorhersagefehler, desto mehr (freie) Energie kostet uns die Situation, psychisch wie körperlich.

Und genau hier entsteht Stress. Stress ist, aus dieser Perspektive, nichts anderes als erlebte Unsicherheit: Der Moment, in dem wir nicht wissen, was als Nächstes zu tun ist. Das ist eine befreiende Einsicht: Wenn Stress ein Vorhersageproblem ist, dann können wir etwas tun, um unsere Vorhersagen zu verbessern. Wir sind damit der Unsicherheit nicht ausgeliefert. Wir können sie ein Stück weit einüben.

Dieser Vorhersagefehler ist übrigens nichts Schlechtes. Im Gegenteil, er ist der Motor unseres Lernens. Wenn die Wirklichkeit anders ausfällt als erwartet, schaltet unser System auf Aufmerksamkeit: Es markiert den Moment im übertragenen Sinne mit einem gelben Textmarker und sagt: „Hier lagen wir daneben, das ist wichtig.“ Deshalb lernen wir in Überraschungen und Krisen am meisten – die emotionale Ladung wirkt wie ein Lernturbo. Doch dieselbe Wucht kann uns auch aus der Bahn werfen, wenn die Überraschung zu groß ist. Und genau das ist der Ansatzpunkt der prospektiven Resilienz: Wer eine Situation vorab durchspielt, verkleinert den Vorhersagefehler im Ernstfall. Die Lektion bleibt, aber der Schlag verliert an Härte.

Warum Rückwärtsschauen allein nicht genügt

Der Reflex vieler Menschen ist es, nach vorne zu blicken, indem sie nach hinten schauen: „Was hätte ich damals anders machen können?“ Diese Frage kann wertvoll sein. Oder zur Falle werden. Die Forschung unterscheidet hier zwei Formen des Grübelns (Treynor, Gonzalez, & Nolen-Hoeksema, 2003): Brooding als das dumpfe Brüten, das immer dieselbe Schleife dreht, ohne je zu einer Lösung zu kommen; Und Reflection, das nachdenkliche Reflektieren, das aus der Erfahrung tatsächlich etwas herauszieht. Nur die zweite Form stärkt uns. Die erste hält uns in einer Vergangenheit fest, in der wir längst kein Spielfeld mehr haben: Dort können wir nichts mehr verändern, nichts mehr entscheiden, keine Selbstwirksamkeit mehr erleben.

Wer dagegen den Blick nach vorne richtet, betritt ein Spielfeld, auf dem er noch handeln kann. Die Vergangenheit dürfen wir verstehen. Die Zukunft dürfen wir gestalten. Oder wie Søren Kierkegaard sagte:

„Life can only be understood backwards, but it must be lived forwards.“

Die „Wende zur Zukunft“ – auch die Wissenschaft denkt um

Dass der Blick nach vorne ein integraler Bestandteil eines guten Umgangs mit Unsicherheit ist, zeigt sich nicht nur in der Hirnforschung, sondern quer durch die Wissenschaften. In einer umfassenden Übersichtsarbeit für das Journal of Management beschreiben drei Forschende eine regelrechte „Wende zur Zukunft“ (turn to the future) in der Organisations- und Managementforschung der letzten Jahrzehnte. Ihre Kernbeobachtung lässt sich gut auf uns als Einzelne übertragen: Lange wurde Zukunft vor allem als Risiko behandelt. Als etwas, das man berechnen, prognostizieren und dann abwarten muss. Reagieren war die Grundhaltung.

Zunehmend aber, so die Autoren, rückt eine andere Sichtweise in den Vordergrund: Zukunft als etwas, das wir im Hier und Jetzt aktiv mitgestalten. Die Forschenden ordnen die Vielzahl an Ansätzen in drei Grundhaltungen:

  • Zukunft suchen
  • Zukunft gestalten
  • Zukunft entstehen lassen

Vereinfacht gesagt: Der Weg führt vom bloßen Anpassen an eine gegebene Zukunft hin zum vorausschauenden Mitgestalten. Genau diese Bewegung vollzieht die prospektive Resilienz auf der persönlichen Ebene. Sie ist damit kein Modebegriff, sondern trifft einen Nerv, den auch die Wissenschaft gerade freilegt.

Wichtig ist eine Einordnung: Die angesprochene Arbeit von Jain und Kollegen ist eine konzeptionelle Übersichtsarbeit, keine Experimentalstudie. Sie sortiert und deutet ein Forschungsfeld, statt einen einzelnen Effekt zu beweisen. Und auch Fristons Free-Energy-Prinzip ist ein übergreifendes Rahmenmodell, das viel erklärt, aber nicht jede Einzelvorhersage belegt. Für unsere Perspektive auf eine zukunftsgerichtete Resilienz reicht das jedoch. Beide zeigen in dieselbe Richtung: die Zukunft ist kein Ort, an dem wir bloß ankommen, sondern einer, an dem wir schon heute lernen können.

Was ist prospektive Resilienz? Resilienz, nach vorne gedacht

Bevor wir zum konkreten Nutzen für Ihren Alltag kommen, lohnt sich ein klarer Blick auf den Begriff. Denn „prospektive Resilienz“ klingt zunächst wie einer von vielen Zusätzen, die man dem Wort Resilienz voranstellen kann – systemische, digitale, organisationale Resilienz etc. Ist das nur ein weiteres Etikett? Wir finden: nein. Dahinter steckt eine eigene Haltung zur Zeit, zur Unsicherheit und zu unserer Handlungsfähigkeit. Schauen wir uns an, was genau gemeint ist – und wovon sich das Konzept abgrenzt.

Eine Definition

blankProspektive Resilienz ist die vorausschauende, proaktive Form der Resilienz. Während klassische Resilienz sich fragt, wie wir mit Belastung umgehen, wenn sie da ist, fragt die prospektive Resilienz: Wie kann ich mich heute so vorbereiten, dass ich einer künftigen Belastung handlungsfähiger, ruhiger und klarer begegne? Sie verlagert die Resilienzarbeit gedanklich und körperlich in die Zukunft: Wir spielen Probleme, Stress und Krisen durch, bevor sie eintreten – und lernen aus diesen durchgespielten Zukünften für das Hier und Jetzt.

Das Bild, das diesen Gedanken am besten trägt, ist das der Generalprobe. Wer eine schwierige Situation innerlich schon mehrfach durchlaufen hat, erlebt sie im Ernstfall nicht mehr als kalte Premiere, sondern als etwas, das er in ähnlicher Form bereits kennt. Der Ablauf ist vertrauter, die eigenen Reaktionen sind weniger überraschend, und genau dieser kleinere Überraschungsmoment macht einen entscheidenden Unterschied. Prospektive Resilienz verspricht dabei ausdrücklich keine Unverletzbarkeit. Es geht nicht um „unkaputtbar“ oder um ein Leben ohne Erschütterung. Es geht darum, mitten in der Erschütterung handlungsfähig zu bleiben, ohne auf reale erschütternde Erfahrungen in der Vergangenheit angewiesen zu sein.

Prosilienz® – Sebastian Mauritz‘ Konzept der proaktiven Resilienz

Was wir hier „prospektive Resilienz“ nennen, hat in der Resilienz Akademie einen eigenen Namen: Prosilienz®. Ein von Sebastian Mauritz entwickeltes Konzept der proaktiven Resilienz. Der Grundgedanke: nicht erst während und nach einer Krise psychisch gesund bleiben, sondern schon vor der Krise die innere Widerstandskraft im Umgang mit Stress, Problemen und Krisen stärken. Prosilienz® ist „die mentale Fähigkeit, aus der Zukunft zu lernen, um in der Gegenwart kreativ, lösungsorientiert und selbstwirksam mit Problemen umzugehen“ (Mauritz, 2019).

Das Konzept beschreibt drei aufeinander aufbauende Phasen.

  1. In der ersten Phase bauen wir heute die Ressourcen für morgen auf – das entspricht klassischer Resilienz.
  2. In der zweiten Phase kommt das „So-tun-als-ob“ hinzu: Über eine Pseudoorientierung in der Zeit spielen wir Krisen durch, als fänden sie jetzt statt.
  3. In der dritten Phase lernen wir aus diesen zukünftigen Krisen – wir gewinnen aus der durchgespielten Situation konkrete Einsichten für heute.

Der springende Punkt: Klassische Resilienz braucht meist das reale Durchleben einer Krise, um sich zu entfalten. Erst dann entsteht jene Selbstwirksamkeit, aus der Wachstum wird (die Forschung kennt das als posttraumatisches Wachstum). Prosilienz® nimmt die Krise vorweg: Wir stellen uns keiner realen, sondern einer imaginierten Bedrohung. Das gefährdet niemanden und erzeugt doch ähnliche Lerneffekte.

Damit dieses „Krisen-Spielen“ gelingt, braucht es laut Mauritz drei Zutaten: eine konstruierte Zukunft (die Annahme, dass Krisen kommen – und überlebbar sind), eine möglichst überraschende Krise (nur Unbekanntes bringt echten Lerngewinn) und bestimmte innere Haltungen – allen voran Vertrauen, Gelassenheit, Neugier, Reflexion und Humor.

Abgrenzung: Was prospektive Resilienz nicht ist

Gerade weil der Begriff so einladend klingt, ist die Abgrenzung wichtig. Prospektive Resilienz ist kein positives Denken um jeden Preis. Wer sich nur ausmalt, dass schon alles gut gehen wird, betreibt keine Vorbereitung, sondern Selbstberuhigung. Und wird möglicherweise von der Wirklichkeit nur umso härter eingeholt. Toxische Positivität, das Gebot, immer optimistisch sein zu müssen, ist ausdrücklich nicht gemeint. Im Gegenteil: Zur prospektiven Resilienz gehört, sich auch das Unangenehme, das Schwere, sogar das Schlimmste einmal bewusst anzuschauen.

Sie ist auch keine reine Risikoanalyse. Klassische Zukunftsplanung fragt vor allem: Was könnte schiefgehen, und wie wappne ich mich dagegen? Das ist ein Teil, aber nicht das Ganze. Prospektive Resilienz nimmt beide Blickrichtungen ein – die auf das, was schiefgehen könnte (die „Weg-von-Dynamik“), und die auf das, was gelingen darf (die „Hin-zu-Dynamik“). Sebastian Mauritz beschreibt das als „mit zwei Augen schauen“: Ein Auge sieht die möglichen Stolpersteine, das andere die bestmögliche Entwicklung.

Und schließlich unterscheidet sie sich von der Rumination, dem Grübeln, das Sie auch Brooding kennengelernt haben. Der Unterschied liegt in der Haltung und im Ergebnis. Grübeln dreht Schleifen ohne Ausgang. Prospektive Resilienz spielt durch, um zu einer Handlungsmöglichkeit zu kommen, die man dann auch nutzt. Es ist der Unterschied zwischen ängstlichem Kopfkino und einer gezielten, fast neugierigen Probe.

Der Homo Prospectus: der vorausschauende Mensch

blankDass der Mensch ein zutiefst zukunftsorientiertes Wesen ist, hat die Psychologie in den letzten Jahren neu entdeckt. Der Begründer der Positiven Psychologie, Martin Seligman, hat gemeinsam mit Kollegen den Menschen als „Homo Prospectus“ beschrieben (Seligman, Railton, Baumeister, & Sripada, 2016) – als den vorausschauenden Menschen, der sich in seinem Denken und Handeln fortwährend an erwarteten Zukünften orientiert. Nicht die Vergangenheit zieht uns, so die These, sondern die Zukunft leitet uns. Wir sind weniger von dem getrieben, was war, als von dem, was sein könnte.

Das erklärt auch, warum ein bloß rückwärtsgewandtes Verständnis von Psyche und Gesundheit zu kurz greift. Wenn unser Gehirn seiner Natur nach nach vorne orientiert ist, dann ist es nur folgerichtig, auch unsere Resilienzarbeit nach vorne auszurichten. Prospektive Resilienz arbeitet also mit der natürlichen Ausrichtung des Gehirns, nicht gegen sie. Sie nimmt das, was das Gehirn ohnehin tut – Zukünfte simulieren –, und macht es bewusst, gezielt und hilfreich.

Das Ruhezustandsnetzwerk: Warum wir gar nicht anders können

Es gibt sogar einen neurologischen Ort für diese Zukunftsreisen. Was tut unser Gehirn eigentlich, wenn wir scheinbar nichts tun? Es geht auf Wanderschaft – und besonders gern in die Zukunft. Verantwortlich dafür ist das Default-Mode-Netzwerk, das Ruhezustandsnetzwerk unseres Gehirns, das erstmals von Raichle und Kollegen (2001) systematisch beschrieben wurde. Immer wenn wir nicht auf eine konkrete Aufgabe konzentriert sind, wird dieses Netzwerk aktiv und beschäftigt sich mit uns selbst, mit anderen Menschen und besonders mit dem, was kommen könnte.

Das ist zunächst weder gut noch schlecht, sondern schlicht der Grundmodus unseres Denkens. Entscheidend ist, wie wir diese Reisen nutzen. Läuft das Ruhezustandsnetzwerk in dysfunktionale Bahnen, entsteht das grüblerische Kopfkino der Rumination. Richten wir es dagegen bewusst aus, wird es zu einem mächtigen Werkzeug der Vorbereitung. Prospektive Resilienz ist, in diesem Sinne, die Kunst, die ohnehin stattfindenden Zukunftsreisen des Gehirns in eine hilfreiche Richtung zu lenken. Wir schalten das Netzwerk nicht ab – wir geben ihm ein gutes Reiseziel.

„Aus der Zukunft lernen“ – die Lernebenen nach Bateson

Bleibt ein sprachlicher Stolperstein: Wie soll man aus etwas lernen, das noch gar nicht geschehen ist? Rein logisch scheint das unmöglich. Man muss ein Buch doch erst gelesen haben, um daraus zu lernen. Und doch beschreibt schon der Anthropologe Gregory Bateson (1972) mit seinen Lernebenen verschiedene Tiefen des Lernens, die über das schlichte Aneignen von Wissen hinausgehen.

  • Auf einer ersten Ebene lernen wir Inhalte und Abläufe.
  • Auf einer zweiten Ebene lernen wir, wie wir lernen – wir entwickeln Strategien, Heuristiken, ein Gespür dafür, wie wir uns Neues erschließen.
  • Und auf noch höheren Ebenen treten wir einen Schritt zurück und betrachten unsere eigenen Lernmuster.

blankIn letzterem steckt die Idee des „Lernens aus der Zukunft“. Wenn ich eine schwierige Situation im Vorhinein durchspiele, lerne ich nicht nur einen Ablauf. Ich beobachte an mir selbst, wie ich reagiere, welche Gedanken hochkommen, welche Gefühle sich melden und kann daraus für die tatsächliche Situation Schlüsse ziehen. Ich lerne meine eigenen Muster kennen, bevor sie mich im Ernstfall überraschen. Das ist der eigentliche Clou: Prospektive Resilienz nutzt die einzigartige menschliche Fähigkeit, gleichzeitig im Hier und Jetzt zu sein und in einer vorgestellten Zukunft – und aus dieser Verbindung Handlungsfähigkeit für heute zu gewinnen.

Ein Gedanke aus der hypnosystemischen Arbeit vertieft das noch: Wir erzeugen unsere Vergangenheiten und unsere Zukünfte immer aus dem Hier und Jetzt. Nicht weil die Vergangenheit so war, muss die Zukunft so werden. Das Gehirn kennt eigentlich nur die Gegenwart und formt aus ihr heraus seine Bilder von Vorher und Nachher. Diese Einsicht ist zutiefst ermutigend: Sie bedeutet, dass die Zukunft nicht festgelegt ist – und dass wir mit der Art, wie wir sie heute erzeugen, tatsächlich Einfluss darauf nehmen, wie handlungsfähig wir ihr begegnen.

Prospektive Resilienz üben – mit Mindset, Feelset, Skillset und Toolset

Jetzt wird es praktisch. Denn prospektive Resilienz ist kein Wissen, das man besitzt, sondern eine Fähigkeit, die man übt. Bevor wir zu den konkreten Übungen kommen, lohnt sich ein Blick auf vier innere „Sets“, die darüber entscheiden, ob das Üben gelingt. Wir unterscheiden dabei zwischen Mindset, Feelset, Skillset und Toolset – vier Ebenen, die zusammenspielen müssen, damit aus dem gedanklichen Durchspielen von Krisen echte Handlungsfähigkeit wird.

Die vier Sets: das Fundament unter den Übungen

Das Mindset ist die Denkhaltung, mit der wir in die Zukunft blicken. Entscheidend ist hier die Erwartung, dass es Krisen geben wird und dass sie bewältigbar sind. Wer sich für krisensicher hält, wird von der Realität umso härter überrascht. Zum hilfreichen Mindset gehört auch die Einsicht, dass die Vergangenheit keine zwingende Macht über die Zukunft hat: Nicht, weil etwas früher so war, muss es später so kommen. Ein „Growth Mindset“, das Scheitern als Zwischenschritt begreift, gehört ebenso dazu wie die Bereitschaft, auch mal einen Tiefpunkt einzuplanen, statt ihn zu verdrängen.

Das Feelset ist die Gefühlslage, aus der heraus wir üben. Und hier liegt ein oft übersehener Schlüssel: Prospektive Resilienz gelingt nicht aus Angst, sondern aus Neugier. Es ist hilfreich mit hoher Neugier, hohem Interesse und einer nur „leicht positiven Valenz“ in die Zukunft zu blicken. Gerade so viel Positives, dass es in Bewegung bringt, ohne in toxische Positivität zu kippen. Darunter liegt ein Grundvertrauen: in die eigenen Fähigkeiten, in das eigene Umfeld, ins Leben. Ohne diese Basis wird das Durchspielen von Krisen zur Grübelfalle. Mit ihr wird es zur Generalprobe.

Das Skillset sind die Fähigkeiten, die wir dabei einsetzen und schulen: die eigenen Emotionen wahrnehmen und benennen, körperliche Signale, sogenannte somatischen Marker, lesen, reflektieren, sich selbst von außen betrachten. Diese Fertigkeiten entstehen nicht nebenbei, sie wachsen mit jeder Übung.

Das Toolset schließlich sind die konkreten Werkzeuge und Techniken – und genau die schauen wir uns jetzt in vier Praxistipps an. Wichtig vorab, und das ist die zentrale Sicherheitsregel: Was immer Sie tun, tun Sie es aus einem guten Zustand heraus. Wer sich gerade selbst mitten in einer echten Krise befindet, sollte keine weiteren Krisen spielen! Das Leben liefert dann genug Training. Prospektive Resilienz übt man am besten, wenn es einem gut geht.

Praxistipp 1: Die Drei-Szenarien-Frage

Die vielleicht wirkungsvollste und zugänglichste Übung stammt aus dem Master Resilience Training, das Karen Reivich und Martin Seligman für die US-Armee entwickelt haben (Reivich, Seligman, & McBride, 2011). Sie besteht darin, eine bevorstehende schwierige Situation in drei Varianten durchzuspielen.

Nehmen Sie sich eine konkrete Situation vor, die Ihnen bevorsteht – ein Gespräch, eine Präsentation, eine Entscheidung. Fragen Sie sich dann nacheinander:

  • Was ist der schlimmste Fall, das Horrorszenario?
  • Was ist der beste Fall, von dem Sie eigentlich gar nicht zu träumen wagen?
  • Und was ist der wahrscheinlichste Fall?

blankDer Reihe nach durchgespielt, entzaubern diese drei Szenarien die Situation. Der schlimmste Fall verliert im Durchdenken oft seinen Schrecken („Das ist ja eigentlich unwahrscheinlich“). Der beste Fall öffnet den Blick für Möglichkeiten. Und beim wahrscheinlichsten Fall kommt die entscheidende Anschlussfrage: Was kann ich konkret tun, damit dieser Fall eintritt – oder sogar noch ein bisschen besser wird?

Genau an diesem Punkt wird aus Kopfkino Handlung. Konkreten Schritten für einen sorgenbelasteten Termin könnten zum Beispiel sein: früher da sein, um den guten Platz im Raum zu bekommen; den Termin davor absagen; als die erwachsene Version ihrer selbst hineingehen, nicht als das verunsicherte elfjährige Kind. Dann wird aus Ohnmacht ein wirksamer Plan.

Praxistipp 2: Die Zeitreise auf der eigenen Lebenslinie

Der zweite Tipp geht tiefer und arbeitet mit unserer inneren Landkarte der Zeit. Unser Gehirn verortet Zeit räumlich. Vielleicht ist Ihnen das in unserer Sprache bereits aufgefallen: Der Termin „rückt näher“, der Urlaub „liegt noch fern“. Diese innere Zeitlinie lässt sich bewusst begehen. In der systemischen und hypnotherapeutischen Arbeit heißt das Zeitlinienarbeit; anschaulich lässt es sich als „Testfahrt“ durch die eigene Zukunft beschreiben.

So geht es: Stellen Sie sich Ihre Lebenslinie als einen Weg vor sich am Boden vor – die Vergangenheit hinter Ihnen, die Zukunft vor Ihnen. Gehen Sie im Geiste (oder tatsächlich, Schritt für Schritt) an den Punkt in der Zukunft, an dem eine herausfordernde Situation liegt. Und jetzt kommt der prosiliente Kern: Bleiben Sie achtsam im Hier und Jetzt und nehmen Sie zugleich wahr, wie Sie dort, in der Zukunft, reagieren.

  • Wie fühlt sich das an?
  • Welche Gedanken kommen?
  • Was macht Ihr Körper?

Diese einzigartig menschliche Fähigkeit – gleichzeitig gegenwärtig und in einer vorgestellten Zukunft zu sein – erlaubt es, aus dem Zukünftigen für heute zu lernen. Sie beobachten Ihre eigenen Muster, bevor sie Sie im Ernstfall überraschen.

Ein Hinweis aus der Praxis: Halten Sie unterwegs auch inne bei der Frage, welche Fähigkeiten Sie an diesem Punkt schon haben und welche Sie vielleicht noch brauchen. So wird die Zeitreise nicht nur zur Vorbereitung, sondern zeigt Ihnen auch, woran Sie heute noch wachsen dürfen.

Praxistipp 3: Krisen dosiert „spielen“ – das KrisenLabor

Der dritte Tipp hebt das Ganze von der reinen Kopfarbeit auf die Ebene des Erlebens. Denn es macht einen Unterschied, ob ich eine Krise nur kognitiv durchdenke oder ob ich sie in einem geschützten Rahmen auch einmal durchfühle. Genau dafür gibt es das „KrisenLabor“. So wie im Labor gefahrlos experimentiert wird, wird hier gefahrlos Krise durchgespielt – ein Raum, in dem man ausprobieren, scheitern und lernen darf, ohne reale Konsequenzen fürchten zu müssen. Sebastian Mauritz stellt dieses Krisen-Spielen ins Zentrum der kommenden Prosilienz®-Ausbildung der Akademie.

Dahinter steht ein bekanntes Prinzip: die Hormesis, wonach eine dosierte Belastung das System widerstandsfähiger macht. In der Psychologie entspricht dem die Stressinokulation, das gezielte, dosierte Aussetzen an Stress, um für spätere Belastungen zu wappnen (Meichenbaum & Deffenbacher, 1988).

Konkret heißt „Krisen spielen“ im KrisenLabor: Erdenken Sie sich – am besten mit einer vertrauten Person oder im Team – ein überraschendes, unerwartetes Szenario. Wichtig ist, dass es nicht schon bekannt ist, denn bei bekannten Szenarien rufen wir bloß Erfahrungswissen ab und lernen nichts Neues. Lassen Sie die Krise ruhig von jemand anderem entwerfen; das erhöht den Überraschungs- und damit den Lerneffekt. Und dann spielen Sie durch: nicht mit der Frage „richtig oder falsch“, sondern mit einer forschenden, fast spielerischen Haltung. Beobachten Sie Ihre Reaktionen aus einer Meta-Position, benennen Sie Ihre Emotionen – schon das nimmt ihnen einen Teil ihrer Macht. Und dann kehren Sie bewusst wieder in einen guten Zustand zurück. Die Dosis macht es: In der Forschung zeigt sich, dass einige wenige durchlebte Krisen die Chance auf gesundes Altern erhöhen – während sowohl das Von-Krise-zu-Krise-Springen als auch das ängstliche Vermeiden jeder Krise der Gesundheit schaden (vgl. Seery, 2011).

Sie haben Interesse daran, das KrisenLabor selbst zu erfahren und für Teams durchspielbar zu machen? Dann tragen Sie sich hier ein und bleiben Sie auf dem Laufenden zum brandneuen Seminar „Prosilienz®“.

VORAnmeldung-Planspiel

Wozu braucht es prospektive Resilienz? Raum für das, was zählt

blankWie wichtig prospektive Resilienz ist, zeigt sich in einer persönlichen Geschichte. Vor etwa zehn Jahren saß Sebastian Mauritz bei seinem Vater. Es war der erste Abend seines Besuchs, er war gerade angekommen – da wollte sein Vater ihm zeigen, wo all die wichtigen Unterlagen liegen. Sebastian sträubte sich: „Papa, kann ich nicht erst mal ankommen?“ Der Vater, ein Pastor und rhetorisch geschickt, ließ nicht locker. Am übernächsten Tag fragte er nur: „Wann passt es dir denn besser – eher vormittags, mittags oder nachmittags?“ Und so setzten sie sich schließlich hin und machten in einem Zug alles: Vollmachten, wichtige Telefonnummern, Passwörter. Einmal durch, dann war es getan. Angenehm war das nicht. Es war, während man es tut, schlicht unangenehm.

Vor einigen Monaten ist Sebastians Vater überraschend gestorben. Und plötzlich zeigte sich der Wert jenes ungemütlichen Vormittags. Weil alles geklärt war, blieb ihm der zusätzliche Stress erspart – das Suchen, das „Wo ist die Vollmacht, wo der Schlüssel?“, die operative Hektik, die eine Trauer sonst überlagert und in die Länge zieht. Stattdessen konnte er tun, was in solchen Momenten das Wichtigste ist: trauern. Im guten Kontakt mit seiner Trauer die Dinge abarbeiten, statt von ihnen überrollt zu werden. „Dann kann ich besser trauern“, hatte er seinem Vater damals gesagt. Genau so kam es.

Das ist prospektive Resilienz in ihrer tiefsten Form. Nicht als Technik, sondern als Haltung, die dem Leben Härte nimmt, ohne ihm den Ernst zu nehmen. Wer eine garantiert kommende Zukunft einmal durchdacht und geordnet hat, schafft sich im Ernstfall Raum für das, was wirklich zählt.

Wir können die Wichtigsten Wirkungen hier einmal zusammenfassen:

  • Weniger Überraschung, mehr Handlungsfähigkeit: Wer eine Situation vorab durchlebt hat, wird von ihr nicht kalt erwischt und bleibt eher handlungsfähig.
  • Schnellerer Zugang zu den passenden Reaktionen: Statt in operativer Hektik zu erstarren, kommen wir schneller zu dem, was die Situation eigentlich braucht – sei es Trauer, Klarheit oder eine Entscheidung.
  • Mehr Selbstwirksamkeit und Kontrolle: Der Blick nach vorn verlagert uns auf ein Spielfeld, auf dem wir tatsächlich gestalten können.
  • Bessere Emotionsregulation: Das Beobachten aus der Meta-Position und das Benennen von Gefühlen nehmen ihnen einen Teil ihrer Wucht.
  • Ein leichteres, freieres Leben: Was einmal geordnet ist, muss uns nicht länger als diffuse Sorge begleiten.
  • Höheres Kohärenzgefühl: Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit: (Antonovsky, 1987) werden gestärkt – wir verstehen unsere eigenen Reaktionen besser, erleben sie als handhabbar und als sinnvoll.

Weniger Überraschung, mehr Handlungsfähigkeit

Der wohl unmittelbarste Effekt ist das Überraschungsmoment. Das ist wichtiger, als es zunächst klingt. Überraschung ist eine sogenannte Übergangsemotion – sie verstärkt das Gefühl, das unmittelbar auf sie folgt. Die Decision-Affect-Theorie zeigt, dass ein und dasselbe Ergebnis emotional deutlich intensiver erlebt wird, wenn es überraschend eintritt (Mellers, Schwartz, Ho, & Ritov, 1997).

Ein unerwarteter Gewinn fühlt sich stärker an als ein erwarteter und ein unerwarteter Verlust trifft härter. Genau das erklärt, warum Überraschungspartys einen so krass positiven Effekt haben: Die Überraschung lädt die Freude zusätzlich auf. Und es erklärt die Kehrseite – ein plötzlicher, unerwarteter Todesfall kann uns vollkommen aus den Latschen kippen, weil die Überraschung die ohnehin schwere Trauer noch potenziert. In der Emotionsarbeit wird der Effekt als Faustregel oft mit einer drei- bis fünffachen Verstärkung beschrieben.

Wer eine Situation gedanklich schon durchlebt hat, nimmt genau dieser Verstärkung die Spitze: Die Emotion selbst bleibt, aber sie wird nicht zusätzlich durch das Überraschungsmoment aufgeladen. Dass das Durchspielen tatsächlich hilft, zeigt die vielzitierte Arbeit zur mentalen Simulation von Shelley Taylor und Kollegen (Taylor, Pham, Rivkin & Schneider, 1998): Vor allem das gedankliche Durchspielen des Prozesses – der einzelnen Schritte hin zu einem Ziel – hilft Menschen, besser zu planen, Emotionen zu regulieren und ins Handeln zu kommen.

Wirksamer ist dabei das Durchspielen des Weges als das bloße Ausmalen des erhofften Ergebnisses. Genau das tut prospektive Resilienz: Sie probt den Ablauf, nicht nur das Happy End. Einschränkend gilt: Simulation ersetzt keine reale Erfahrung, aber sie verkleinert den Vorhersagefehler – und die emotionale Wucht der Überraschung –, wenn die Situation dann tatsächlich eintritt.

Schnellerer Zugang zu den passenden Reaktionen

In akuten Situationen fehlt uns oft die Kapazität, erst lange zu überlegen, was jetzt zu tun ist. Genau hier hilft es, im Vorfeld nicht nur ob, sondern wie durchdacht zu haben. Der Psychologe Peter Gollwitzer hat dafür den Begriff der Vorsatzbildung („implementation intentions“) geprägt (Gollwitzer, 1999).

Wer sich vorab in einem konkreten Wenn-dann-Format überlegt „Wenn Situation X eintritt, dann tue ich Y“, handelt im Ernstfall deutlich zuverlässiger und schneller als jemand mit bloß guten Vorsätzen. Über viele Studien hinweg zeigt sich dieser Effekt als robust. Auf die prospektive Resilienz übertragen heißt das: Die durchgespielte Zukunft hinterlässt fertige Handlungspfade. Statt in operativer Hektik zu erstarren, greifen wir auf etwas zurück, das wir – zumindest in der Probe – schon einmal gegangen sind.

Mehr Selbstwirksamkeit und Kontrolle

blankDer vielleicht wichtigste innere Gewinn ist das Gefühl, etwas tun zu können. Der Psychologe Albert Bandura hat mit seinem Konzept der Selbstwirksamkeit gezeigt, dass die Überzeugung, eine Situation bewältigen zu können, unser Handeln, unsere Ausdauer und unser Stresserleben maßgeblich prägt (Bandura, 1977). Wer glaubt, einer Herausforderung gewachsen zu sein, geht sie anders an – aktiver, ausdauernder, mit weniger Angst. Und wer an sich zweifelt, weicht ihr eher aus oder gibt früher auf. Entscheidend ist dabei: Selbstwirksamkeit ist keine angeborene Eigenschaft, sondern eine Überzeugung, die wächst – vor allem durch Erfahrungen, in denen wir erlebt haben, dass wir etwas bewältigen können. Genau solche Erfahrungen sind rar, wenn wir nur auf die nächste reale Krise warten.

Und hier liegt die stille Kraft der prospektiven Resilienz: Sie erzeugt solche Erfahrungen, ohne, dass wir dafür echtes Leid durchleben müssten. Jede durchgespielte Krise, die wir im KrisenLabor „überlebt“ haben, ist eine kleine Selbstwirksamkeitserfahrung. Ein Beleg mehr dafür, dass wir handlungsfähig bleiben. Zugleich verlagert dieser Blick nach vorn uns von der Vergangenheit, in der wir nichts mehr ändern können und die uns leicht in Grübelschleifen zieht, auf das Spielfeld der Zukunft, auf dem wir tatsächlich gestalten.

Aus einem ohnmächtigen „Ich weiß ja schon, wie es wird“ wird ein selbstwirksames „Ich weiß, was ich tun kann“. Und genau dieser Wechsel – von der Ohnmacht zur Gestaltung – ist es, der Kontrolle zurückgibt, wo vorher nur Sorge war.

Bessere Emotionsregulation

Ein oft unterschätzter Baustein ist die schlichte Fähigkeit, Gefühle zu benennen. In einer bekannten Studie mit bildgebenden Verfahren zeigten Lieberman et al. (2007), dass allein das Benennen einer Emotion, das „Affect Labeling“, die Aktivität der Amygdala, unseres Alarmzentrums im Gehirn, spürbar dämpft. Zugleich wird ein Bereich im Stirnhirn aktiver, der für bewusste Steuerung zuständig ist. Anders gesagt: In dem Moment, in dem wir einem Gefühl einen Namen geben, verschiebt sich die Verarbeitung vom reflexhaften Alarm hin zur bewussten Regulation. Gefühle in Worte zu fassen, nimmt ihnen einen Teil ihrer Wucht. Es lässt sie nicht verschwinden, aber es lässt und trotz der emotionalen Ladung handlungsfähig bleiben.

Das ist ein wichtiger Unterschied, denn der naheliegende Reflex – ein unangenehmes Gefühl einfach wegzudrücken – ist auf Dauer teuer. Die Emotionsforschung von James Gross zeigt, dass das bloße Unterdrücken von Gefühlen (die „expressive Suppression“) mit schlechterem Wohlbefinden und mehr Belastung einhergeht als ein bewusster, annehmender Umgang mit ihnen (Gross & John, 2003).

Genau hier setzt das KrisenLabor an: Aus der Meta-Position beobachten wir unsere Reaktionen und benennen, was da ist – Ärger, Angst, Trauer –, statt es zu bekämpfen. Der Therapeut Stephen Gilligan hat das in die schöne Formel gefasst: „be with it, without becoming it“ – bei dem Gefühl sein, ohne zu ihm zu werden. Oder im Bild des persischen Dichters Rumi: Emotionen sind Gäste in unserem Gasthaus, die wir willkommen heißen dürfen, weil jeder von ihnen eine Nachricht mitbringt. Wer diese innere Haltung im geschützten Raum geübt hat, kann im Ernstfall auf sie zurückgreifen – dann, wenn die echten Gäste anklopfen.

Ein leichteres, freieres Leben

Was einmal geordnet ist, muss uns nicht länger als diffuse Sorge begleiten. Auch dafür gibt es einen schönen Beleg: Die Forschenden Masicampo und Baumeister (2011) zeigten in mehreren Experimenten, dass unerledigte Ziele unsere Gedanken immer wieder stören und Aufmerksamkeit binden. Und, dass aber das Erstellen eines konkreten Plans diese störenden Gedanken zum Verstummen bringt.

Nicht die Erledigung selbst, sondern allein der Plan entlastet den Kopf! Die potenzielle Zukunft, die garantiert irgendwann kommt, ist abgehakt – und der Kopf wird frei für das, was jetzt zählt.

Warum diese Wirkungen so tief reichen

Der Kern all dessen lässt sich mit dem Kohärenzgefühl des Medizinsoziologen Aaron Antonovsky (1987) beschreiben. Wer eine Krise schon einmal durchgespielt hat, versteht seine eigenen Reaktionen besser („Ach, klar, dass ich gerade nicht leistungsfähig bin“), erlebt sie als handhabbar („Ich weiß, was ich tun kann“) und kann ihnen einen Sinn geben („Das gehört dazu“). Diese drei Qualitäten – Verstehbarkeit, Handhabbarkeit, Sinnhaftigkeit – sind das Fundament dessen, was Antonovsky als Ursprung von Gesundheit beschrieb. Prospektive Resilienz baut sie gezielt auf, bevor die Krise da ist.

Damit ist auch klar, dass es nicht um ein Leben in der Zukunft geht. Wer nur noch vorausplant, verpasst die Gegenwart – so wie die meisten Diäten „morgen“ beginnen. Es geht um die Beweglichkeit zwischen den Zeiten: ein Auge auf dem, was kommen könnte, ein Auge im Hier und Jetzt. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind keine Gegner, sondern drei Räume, zwischen denen wir bewusst pendeln dürfen. Und unter all dem liegt, wie Sebastian es beschreibt, ein Grundvertrauen: „So wie es jetzt ist, ist es okay.“ Aus diesem Vertrauen heraus wird der Blick in die Zukunft nicht zur Angstübung, sondern zur Neugier.

Eine Einladung, kein Programm

Prospektive Resilienz ist kein weiteres To-do auf einer ohnehin langen Liste. Sie ist eine Einladung: die Einladung, dem Leben mit offenen Augen zu begegnen – auch den schweren Kapiteln, die garantiert kommen. Sie müssen dafür nicht Ihr ganzes Leben durchplanen. Es reicht, mit einer einzigen Frage zu beginnen, aus einem guten Zustand heraus, vielleicht mit einem vertrauten Menschen an Ihrer Seite: Welche Zukunft möchte ich einmal durchspielen – nicht, um mich zu ängstigen, sondern um ihr freier begegnen zu können?

Denn die Generalprobe entscheidet nicht über den Ausgang. Aber sie entscheidet darüber, wie wir dastehen, wenn die Premiere beginnt. Und manchmal ist es genau dieser kleine Unterschied, der uns im schwersten Moment erlaubt, das zu tun, was wirklich zählt.

Fazit: Prospektive Resilienz als Zukunftskompetenz

In einer Welt, die sich in immer höherem Tempo wandelt, ist Unsicherheit kein vorübergehender Ausnahmezustand mehr, sondern die Normalbedingung. Genau deshalb wird die Fähigkeit, klug mit Zukunft umzugehen, zu einer Schlüsselkompetenz – für Einzelne wie für Organisationen. Prospektive Resilienz, oder auch Prosilienz®, ist genau das: eine Zukunftskompetenz. Sie nutzt, dass unser Gehirn ohnehin ein Vorhersageapparat ist, und macht aus diesem Automatismus eine bewusste Fertigkeit. Die Fähigkeit, aus den Krisen der Zukunft schon heute zu lernen, im geschützten Raum des KrisenLabors, bevor die echte Situation zur kalten Premiere wird.

Das Entscheidende an einer Kompetenz ist: Sie ist erlernbar. Niemand muss als „geborener Krisenmanager“ auf die Welt kommen. Prospektive Resilienz wächst mit der Übung: getragen von einem hilfreichen Mindset, einem neugierigen Feelset, einem sich erweiternden Skillset und einem konkreten Toolset. Und die Forschung, die wir in diesem Artikel zusammengetragen haben, zeigt, dass sich das lohnt: Wer den Weg vorab geht, verkleinert das Überraschungsmoment, handelt im Ernstfall zuverlässiger, reguliert seine Emotionen besser, stärkt sein Kohärenzgefühl und seine Selbstwirksamkeit – und lebt, weil das Geordnete den Kopf nicht mehr belastet, spürbar leichter. Diese Kompetenz verspricht keine Unverletzbarkeit, und das soll sie auch nicht. Sie macht uns nicht härter, sondern beweglicher.

Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft: Wir müssen die Zukunft nicht fürchten, um sie ernst zu nehmen. Wir dürfen ihr mit Neugier begegnen – und uns unter all dem auf ein Grundvertrauen stützen, dass es, so wie es jetzt ist, in Ordnung ist. Wer diese Zukunftskompetenz kultiviert, fragt sich schon heute, welche Wehmut er eines Tages spüren möchte, weil ein Moment so schön war. Denn diesen Moment können wir jetzt gestalten. Und genau darin liegt die vielleicht schönste Form, sich für morgen zu stärken.

Quellen

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Rebecca van der Linde – Resilienz Akademie GöttingenRebecca van der Linde, M.A. Germanistik und Kulturanthropologie, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Resilienz Akademie. Als Resilienz-Trainerin und Resilienz-Coach betreut sie den Blog der Resilienz Akademie und unterstützt in der konzeptionellen Entwicklung. Zudem agiert als SEO-Managerin für die Website. Ihr Schwerpunkt liegt auf der digitalen Präsenz der Themen rund um individuelle und organisationale Resilienz.

 


Sebastian Mauritz - Resilienz-Akademie

Sebastian Mauritz, M.A. Systemische Beratung, ist einer der führenden Experten für angewandte Resilienz in Deutschland. Er ist 6-facher Fachbuchautor, Keynote-Speaker, Resilienz-Lehrtrainer, Systemischer Coach, war und ist Vorstand in vielen Coach- und Trainer-Verbänden und Unternehmer. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich angewandter individueller Resilienz und Prosilienz®, resilienter Führung und Teamresilienz. Er ist Initiator der Resilienz Initiative (www.Resilienz-Initiative.com) und des jährlichen Resilienz-Online-Kongresses mit bisher über 300 Interviews mit Resilienzexpert:innen (www.Resilienz-Kongress.de), Herausgeber des ResilienzLetters (www.ResilienzLetter.de) sowie des Resilienz-Podcasts Rethinking Resilience (www.Rethinking-Resilience.com).

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