Am 17. November 2025 ist der bekannte Emotionsforscher Paul Ekman im Alter von 91 Jahren verstorben. Sein Weg führte ihn durch sechs Jahrzehnte intensiver Forschung – von abgelegenen Dörfern Papua‑Neuguineas bis zu führenden Universitäten, von den Tiefen der menschlichen Psyche bis zu globalen Impulsen für Mitgefühl und Ehrlichkeit.
Mit seinem Tod endet eine Ära — und zugleich öffnet sich der Blick auf sein Vermächtnis: eine eindrucksvolle Erkenntnis, die uns alle betrifft. Ekman zeigte uns, dass unsere Mimik, unsere subtilen Gesichtsausdrücke, mehr sind als biologische Reflexe. Sie sind Fenster zu unseren inneren Welten — universell verständlich, über Kultur und Sprache hinweg.
Und gerade heute, wo zwischenmenschliches Verständnis immer schwieriger scheint — in digitalen Chats, globaler Distanz oder emotionaler Überforderung — schenkt uns Ekman eine unschätzbare Fähigkeit: das Einfühlen in uns selbst und in andere. Seine Forschungen erinnern uns daran, wie wichtig es ist, wahrzunehmen, was unausgesprochen bleibt, und wie kraftvoll echte emotionale Resonanz sein kann. In diesem Artikel wollen wir uns sein Vermächtnis genauer anschauen und seinen Beitrag zu einem umfassenden Verständnis angewandter emotionaler Resilienz würdigen.
Warum ist Paul Ekmans Forschung für die emotionale Resilienz bedeutsam?
Resilienz beschreibt unsere Fähigkeit, mit Stress, Krisen und emotionalen Belastungen so umzugehen, dass wir nicht daran zerbrechen – sondern daran wachsen. Doch genau dafür braucht es eine zentrale Voraussetzung: Wir müssen überhaupt erst wahrnehmen können, was wir fühlen, warum wir es fühlen und wie wir damit umgehen. Paul Ekman hat mit seiner Forschung zur Emotionserkennung den Grundstein dafür gelegt, dass wir unsere inneren Zustände nicht länger als nebulös oder ungreifbar erleben, sondern als klar beobachtbare, verstehbare Signale.
Emotionale Klarheit durch Erkennen
Viele Menschen erleben ihre Emotionen als diffuse Mischung aus Überforderung, Druck und innerem Chaos. Ekman zeigte mit seiner Forschung: Gefühle sind nicht vage, sondern spezifisch. Ärger ist nicht gleich Angst, Ekel nicht gleich Trauer. Jede dieser Emotionen hat einen eigenen Ausdruck, eine eigene Funktion – und eine Botschaft.
Indem wir lernen, diese Signale zu erkennen (bei uns selbst und anderen), gewinnen wir emotionale Klarheit – ein zentrales Element psychischer Gesundheit. Und noch wichtiger: Wer Gefühle benennen kann, kann sie auch bewusster steuern. Genau in diesem Erkennen und Verstehen liegt die Basis für unsere emotionale Flexibilität – die Fähigkeit, sich auf wechselnde emotionale Anforderungen einzustellen, ohne die innere Balance zu verlieren.
Emotionale Kompetenzen sind wichtiger denn je
Wir leben in einer Gesellschaft, in der die äußeren Herausforderungen zunehmen: globale Krisen, digitale Reizüberflutung, soziale Spaltung, emotionale Überforderung im Alltag. Inmitten dieser Komplexität wird emotionale Kompetenz zur Schlüsselressource – sowohl im Privaten als auch im Beruflichen.
Paul Ekmans Forschung liefert uns hier konkrete Werkzeuge: Er zeigt, wie wir Mikroexpressionen erkennen, wie wir Emotionen dechiffrieren und wie wir so – statt in Missverständnissen zu verharren – in echten Kontakt treten. Diese Fähigkeit ist nicht nur schön zu haben – sie ist grundlegend für Kooperation, Empathie und psychische Widerstandskraft.
Was hat Paul Ekman erforscht – und wie hängt das mit Resilienz zusammen?
Wenn wir heute verstehen, dass ein gehobener Augenbrauenbogen mehr sagen kann als ein ganzer Satz, dann verdanken wir das einem Mann, der Zeit seines Lebens den flüchtigsten Momenten nachspürte – dem Hauch von Emotion im Gesicht, dem kaum sichtbaren Zucken eines Mundwinkels.
Paul Ekman hat wie kaum ein anderer das Unsichtbare sichtbar gemacht: die feinen Spuren unserer Gefühle. Was auf den ersten Blick wie reine Verhaltensforschung erscheint, entpuppt sich als tiefgreifende Entdeckungsreise in das emotionale Wesen des Menschen.
Schauen wir uns kurz an, wer dieser Mann ist, der weltweit als Pionier der Emotionsforschung gilt. Was genau hat er herausgefunden – über Mimik, Wahrheit und das, was uns im Innersten bewegt?
Ein Psychologe mit Forschungsdrang
Paul Ekman wurde 1934 in den Vereinigten Staaten geboren. Er promovierte in klinischer Psychologie, doch bereits in den frühen 1960er Jahren interessierte ihn mehr als nur die Psychopathologie. Ihn faszinierte die nonverbale Kommunikation. Gemeinsam mit seinem Lehrer Silvan Tomkins, der für seine Affekttheorie bekannt ist, untersuchte er, wie Gefühle sich im Gesicht ausdrücken – und wie zuverlässig solche Signale sind.
Sein bahnbrechendes Werk war die Entwicklung des Facial Action Coding System (FACS), einem umfassenden Katalog mimischer Bewegungen, gemeinsam mit seinem Kollegen Wallace Friesen. Damit konnte erstmals objektiv und systematisch analysiert werden, welche Muskelbewegung mit welcher Emotion verknüpft ist (Ekman & Friesen, 1978). Bis heute gilt FACS als Standardinstrument in der Emotionsforschung, wird aber auch in Coaching, Psychotherapie, Sicherheitsdiensten und Human-Computer-Interaction eingesetzt.
Die Entdeckung universeller Emotionen
Ein zentraler Meilenstein war Ekmans Forschungsreise nach Papua-Neuguinea, wo er untersuchte, ob Menschen ohne westlichen Kultureinfluss die gleichen Gesichtsausdrücke für Emotionen verwenden.
Mit Bildkarten westlicher Gesichter testete er die emotionale Zuordnung bei Mitgliedern des Fore-Stammes – das Ergebnis: Emotionen wie Ärger, Freude, Ekel, Angst, Überraschung und Trauer wurden konsistent erkannt (Ekman & Friesen, 1971). Diese Studie gilt als Beleg für die These, dass emotionale Ausdrucksformen biologisch verankert und kulturübergreifend verständlich sind.
Ekman zählte fortan zu den Vertretern der „universellen Emotionspsychologie“, im Gegensatz zu kulturrelativistischen Positionen, die den Ausdruck und die Deutung von Gefühlen als kulturell geprägt ansehen.
Mikroexpressionen und emotionale Wahrhaftigkeit
In seinen weiteren Arbeiten zeigte Ekman, dass Menschen Emotionen oft nicht vollständig unterdrücken können: Mikroexpressionen – extrem kurze Gesichtsausdrücke (≤ 500 Millisekunden) – verraten oft, was innerlich wirklich empfunden wird.
Diese Erkenntnisse flossen in verschiedene Trainingsmethoden ein, z. B. zur Erkennung von Täuschung bei der Polizei oder zur Verbesserung von Empathie in Coaching und Therapie. Für unsere angewandte Resilienz sind sie besonders bedeutsam, weil sie die emotionale Selbstwahrnehmung und soziale Resonanzfähigkeit stärken – zwei Kernkompetenzen emotional resilienter Menschen.
Ekmans Forschung macht deutlich: Wer Emotionen erkennt, kann sie benennen, reflektieren und regulieren – eine Grundlage für emotionale Flexibilität und psychische Gesundheit (Gross, 2015; Tugade & Fredrickson, 2004).
Kritische Hinterfragung Ekmans Forschung
Trotz ihres Einflusses und der ganzen wertvollen Erkenntnisse, die Ekmans Theorie für die Emotionsforschung und die emotionale Resilienz gebracht hat, sollte auch eine kritische Perspektive nicht fehlen.
Zum einen lassen sich eine Papua-Neuguinea-Studien methodisch kritisieren. Den einheimischen Testpersonen wurden Bildkarten mit westlichen Menschen gezeigt und es wurde mit Dolmetschern gearbeitet. So wurde argumentiert, dass Menschen zwar Gesichtsausdrücke sehr schnell lernen, wiedererkennen und dementsprechend richtig benennen können, was aber nicht zwangsläufig auch auf eine kulturübergreifende Übereinstimmung der Ausdrücke hinweist (Russell, 1994).
Zum anderen betonen neuere Studien, dass Gesichtsausdrücke nicht allein verlässlich auf Emotionen schließen lassen, sondern dass der Kontext entscheidend sei (Barrett, Adolphs, Marsella, Martinez, & Pollak, 2019). Daran schließen sich die kritischen Stimmen an, die auf die Anwendungsgrenzen Ekmans Theorie hinweisen. So eine Studie, die erklärt, warum man sich nicht allein auf Mikroexpressionen verlassen könne bei der Lügenerkennung (Burgoon, 2018).
Und zuletzt sollten wir hier auch den radikalen Gegenentwurf zu Ekmans Theorie nennen. Lisa Feldman Barrett argumentiert, dass Emotionen keineswegs universal und biologisch fixiert sind, sondern durch Lernprozesse konstruiert werden (Barrett, 2017).
Wie helfen Ekmans Erkenntnisse, emotionale Resilienz zu stärken?
Wir alle erleben Momente, in denen Gefühle uns zu überrollen scheinen. Ein plötzlicher Anflug von Angst, ein unkontrollierter Ausbruch von Wut, eine tiefe, unerklärliche Traurigkeit. Oft fehlen uns dann die Worte – nicht nur nach außen, sondern vor allem nach innen.
Genau hier setzt Paul Ekmans Forschung an. Sie bietet einen Zugang zu jener inneren Welt, die sich so oft dem bewussten Zugriff entzieht. Seine Arbeit zeigt, dass Emotionen keine wirren, chaotischen Impulse sind – sondern strukturierte, sinnvolle Signale, die gesehen und verstanden werden wollen.
Indem wir unsere eigenen Gefühle erkennen und benennen können, schaffen wir einen Raum zwischen Reiz und Reaktion – und genau in diesem Raum wächst Resilienz. Es ist der Moment, in dem wir nicht von Emotionen übermannt werden, sondern mit ihnen arbeiten.
Emotionen verstehen lernen
Ein zentraler Kern der emotionalen Resilienz ist es, Emotionen zu verstehen und dadurch so regulieren zu können, dass sie für und nicht gegen uns arbeiten. Es geht darum Emotionen als Ressource zu nutzen.
Dafür hat Sebastian Mauritz das Hüter-Modell entwickelt (Mauritz, 2019). Es übernimmt wichtige Erkenntnisse aus Ekmans Forschung, die dazu beitragen, dass wir unsere emotionale Resilienz stärken können: Zum einen die prototypischen mimischen Bewegungen und zum anderen die Botschaften, die uns unsere Emotionen vermitteln wollen.
Bewegungen erkennen
Wenn wir die prototypischen Bewegungen für Emotionen erkennen, können wir die Signale auch bewusster deuten: bei uns und auch bei anderen. Genau hier kommt das Facial Action Coding System (FACS) ins Spiel – eines der wichtigsten Werkzeuge der Emotionsforschung (Ekman & Friesen, 1978).
Das Besondere: FACS ist emotionsunabhängig – es beschreibt nur die Bewegung, nicht deren Interpretation. Erst durch die Kombination bestimmter Action Units ergeben sich charakteristische Muster für emotionale Ausdrücke. FACS ist heute Goldstandard in der Analyse mimischen Ausdrucks – in Psychologie, Sicherheitsforschung, Human-Computer-Interaction und zunehmend auch im Coaching und der Resilienzarbeit.
Ekman identifizierte auf Basis seiner kulturübergreifenden Studien sechs bzw. sieben „Basisemotionen“, die weltweit erkannt und mimisch ähnlich ausgedrückt würden. Diese Emotionen gelten als evolutionär verankert, schnell auslösbar und funktional eindeutig. Diese Emotionen sind:
| Abbild | Emotion | Action Unit | Bewegung |
![]() | Freude | AU6 + AU12 | Lachende Augen (Augenringmuskel kontrahiert) + Mundwinkel anheben |
![]() | Ärger | AU4 + AU5 + AU7 + AU23/24 | Augenbrauen zusammenziehen und senken + Oberlider anheben + Lider anspannen + Lippen straffen/Lippen aufeinanderpressen |
![]() | Trauer | AU1 + AU15 | Augenbraueninnenseite heben + Mundwinkel senken |
![]() | Angst | AU1 + AU2 + AU4 + AU5 + AU20/25 | Augenbraueninnenseite heben + Augenbrauenaußenseiten heben + Augenbrauen zusammenziehen + Oberlider anheben + Lippen seitlich auseinanderziehen/Lippen öffnen |
![]() | Ekel | AU9 + AU10 | Nase rümpfen + Oberlippe heben |
![]() | Überraschung | AU1 + AU2 + AU5 + AU26 | Augenbraueninnenseite heben + Augenbrauenaußenseiten heben + Oberlider anheben + Mundöffnen |
![]() | Verachtung | AU14 | Mundwinkel einpressen (einseitig oder beidseitig) |
Wenn wir wissen, wie sich bestimmte Gefühle im Gesicht zeigen, können wir diese bewusster wahrnehmen – bei uns selbst und bei anderen. Das hat drei zentrale Effekte:
1. Früherkennung: Wir bemerken feine emotionale Veränderungen, bevor sie sich aufstauen oder entladen – z. B. leichte Anzeichen von Ärger oder Erschöpfung.
2. Verständnis & Benennung: Indem wir Gefühle benennen können („Ich merke, da ist gerade Enttäuschung…“), schaffen wir emotionale Klarheit – eine Voraussetzung für Regulation.
3. Empathie & Verbindung: Wer mimische Signale beim Gegenüber wahrnimmt, reagiert einfühlsamer – und kann Missverständnisse vermeiden, Resonanz fördern.
Botschaften verstehen
Neben den sechs bzw. sieben Basisemotionen nach Ekman umfasst das Hüter-Modell noch zehn weitere Emotionen, die insbesondere für unsere emotionale Resilienz von Bedeutung sind. Der Kerngedanke des Hüter-Modells, angelehnt an die von Ekman herausgestellten Funktionen von Emotionen, ist es, dass jede Emotion ein Erfüllungsgehilfe für ein Bedürfnis ist. Damit sehen Mauritz & Langwara Emotionen nicht wie in der positiven Psychologie weiterhin postuliert in der Unterteilung von positiven und negativen Emotionen. Jede Emotion ist ein:e Hüter:in unseres Lebens und damit wichtig und wertvoll.
In seinem Aufsatz „An Argument for Basic Emotions“ (1992) betont Ekman, dass Emotionen keine bloßen Gefühlszustände sind, sondern evolutionär geprägte Mechanismen, die uns helfen, rasch und automatisch auf für unser Überleben oder Wohlbefinden relevante Situationen zu reagieren. Die Basisemotionen vereine, dass sie alle ein typisches „Auslöserereignis“ haben sowie eine spezifische physiologische Reaktion – neben dem mimischen Ausdruck.
Im Hüter-Modell ist diese These mit einem spezifischen Bedürfnis für die jeweilige Emotion übersetzt. Die Bedürfnisse, die hinter den einzelnen Emotionen stehen, sind hier einmal aufgelistet. Weitere Informationen finden Sie hier: Hüter des Lebens
Freude: Leichtigkeit
Ärger: Werte und Zielerreichung
Trauer: Werterinnerung
Angst: Sicherheit
Ekel: (Psychische und physische) Gesundheit
Überraschung: Orientierung
Verachtung: Selbstklarheit
(Zu beachten: Ekmans Theorie beschränkt sich auf „Basisemotionen“!)
Scham: Würde
Schuld: Wertekongruenz
Interesse: Entwicklung
(Authentischer) Stolz: Selbstwerterhöhung
Gleichmut: Achtsamkeit
Mitgefühl: Gruppenwohl
Staunen: Horizonterweiterung
Liebe: Bindung
Dankbarkeit: Wertschätzung
Rührung: Sinn
Emotionen regulieren
Der zweite Schritt hin zu einer emotionalen Flexibilität und damit einer hohen emotionalen Resilienz ist es, Emotionen, nachdem wir sie erkannt und eingeordnet haben, auch zu regulieren.
Denn das Erkennen von Gefühlen allein reicht nicht – entscheidend ist, was wir damit tun. Paul Ekmans späte Arbeiten, etwa zur Achtsamkeit und emotionalen Balance (in Kooperation mit dem Dalai Lama), zeigen, wie bedeutsam eine achtsame innere Haltung im Umgang mit Gefühlen ist (Ekman, 2008).
Achtsamkeit bedeutet hier: Gefühle weder zu unterdrücken noch sich in ihnen zu verlieren – sondern sie wahrzunehmen, zu benennen und in Beziehung zu setzen. Das fördert emotionale Flexibilität – also die Fähigkeit, zwischen verschiedenen emotionalen Zuständen zu wechseln, ohne an einem festzuhängen.
Diese Haltung ist ein zentrales Element in achtsamkeitsbasierter Resilienzförderung – und steht in direkter Linie mit Ekmans Konzept: Nur wer Emotionen als vorübergehende Signale erkennt, kann mit ihnen arbeiten, statt gegen sie.
Eine Sofort-Hilfe um Emotionen zu regulieren finden Sie hier: Hilft-bei-Stress.de
Wenn Sie mehr über die Kraft der Emotionen und Möglichkeiten der Regulation erfahren möchten, lernen Sie mehr über emotionale Resilienz:
Hier mehr erfahren
Wozu führen Paul Ekmans Lehren?
„We are not very good at distinguishing between our thoughts and our feelings. That is a skill worth developing.“
— Paul Ekman
Was bleibt, wenn ein großer Forscher geht? Manchmal ist es nicht nur das, was er entdeckt hat – sondern das, was er in uns angestoßen hat. Paul Ekman hat uns gezeigt, wie wir Emotionen sehen können. Doch sein eigentliches Vermächtnis liegt darin, was wir mit diesem Sehen tun.
Sein Werk fordert uns auf, genauer hinzuschauen – nicht nur auf das Gesicht des Anderen, sondern auch auf unser eigenes Inneres. Es zeigt uns, wie wir emotionale Ehrlichkeit, Mitgefühl und Selbstwahrnehmung als Wegweiser nutzen können – für ein gelingendes Leben, für starke Beziehungen, für eine resiliente Gesellschaft.
Emotionale Aufrichtigkeit als Basis emotionaler Resilienz
In einer Welt, die von Reizüberflutung, digitaler Distanz und emotionaler Unsicherheit geprägt ist, erinnert uns Ekmans Werk an eine zentrale Wahrheit: Unsere Gefühle sind kein Störfaktor, sondern ein Kompass. Wer lernt, seine Emotionen wahrzunehmen, zu verstehen und authentisch auszudrücken, stärkt seine psychische Widerstandskraft.
Diese emotionale Aufrichtigkeit – gegenüber sich selbst und anderen – ist eng mit der Fähigkeit verbunden, sich selbst zu regulieren. Studien zeigen, dass Menschen mit hoher emotionaler Intelligenz resilienter sind, und damit besser mit Stress, Misserfolg oder sozialer Ablehnung umgehen können (Salovey & Mayer, 1990).
Ekman liefert mit seinem Ansatz die Grundlage für diesen Prozess: Durch das Erkennen mimischer Signale kann man sich seiner Emotionen bewusster werden – und durch dieses Bewusstsein die emotionale Selbstführung verbessern (Gross, 2015).
Emotionale Kompetenz als Resilienzverstärker in Bildung und Beruf
Emotionale Kompetenz – die Fähigkeit, eigene und fremde Gefühle wahrzunehmen, zu verstehen und zu regulieren – ist heute ein Schlüsselfaktor für Erfolg und Wohlbefinden in Schule, Ausbildung und Arbeitswelt.
Programme zur Förderung sozial-emotionaler Kompetenzen bei Kindern und Jugendlichen zeigen deutlich: Wer früh lernt, mit Gefühlen umzugehen, hat es leichter im Umgang mit Konflikten, Druck und Veränderungen (Durlak, Weissberg, Dymnicki, Taylor, & Schellinger, 2011).
Auch im beruflichen Kontext zeigt sich: Führungskräfte mit hoher emotionaler Intelligenz bauen stabilere Teams auf, kommunizieren effektiver und fördern psychische Gesundheit am Arbeitsplatz (Cherniss, 2010).
Die Vision einer emotional intelligenten Gesellschaft
Vielleicht ist Ekmans größtes Vermächtnis seine Vision einer Gesellschaft, in der Gefühle nicht länger tabuisiert, sondern verstanden und integriert werden.
Der von ihm entwickelte „Atlas of Emotions“, gefördert durch den Dalai Lama, ist ein Versuch, Emotionen systematisch darstellbar und lernbar zu machen – als Teil einer weltweiten Bildungsoffensive für Mitgefühl und emotionale Intelligenz.
Diese Vision hat eine hohe gesellschaftliche Relevanz: In Krisenzeiten wie Pandemien, politischen Umbrüchen oder ökologischen Herausforderungen brauchen wir nicht nur technisches Wissen – sondern die Fähigkeit, mit Angst, Unsicherheit und Konflikten auf menschliche Weise umzugehen (Siegel, 2007).
Emotionale Resilienz ist erlernbar – Ekmans Arbeit zeigt uns wie
Ekmans Forschung zeigt: Emotionale Resilienz ist nicht angeboren, sondern trainierbar. Sie beginnt mit Wahrnehmung, führt über Verstehen zu achtsamem Handeln – und entwickelt sich weiter in jeder Beziehung, jedem Konflikt, jeder Krise.
Wir können lernen, Emotionen nicht als Gegner, sondern als Wegweiser zu betrachten. Diese Haltung fördert nicht nur individuelle Resilienz, sondern stärkt auch unser Miteinander – in Familien, Teams, Organisationen und Gesellschaften.
So gesehen endet Paul Ekmans Einfluss nicht mit seinem Tod – sondern beginnt dort, wo wir seine Erkenntnisse leben.
Quellen
Barrett, L. F. (2017). How emotions are made: The secret life of the brain: Pan Macmillan.
Barrett, L. F., Adolphs, R., Marsella, S., Martinez, A. M., & Pollak, S. D. (2019). Emotional expressions reconsidered: Challenges to inferring emotion from human facial movements. Psychological science in the public interest, 20(1), 1-68.
Burgoon, J. K. (2018). Microexpressions are not the best way to catch a liar. Frontiers in Psychology, 9, 1672.
Cherniss, C. (2010). Emotional intelligence: Toward clarification of a concept. Industrial and organizational psychology, 3(2), 110-126.
Durlak, J. A., Weissberg, R. P., Dymnicki, A. B., Taylor, R. D., & Schellinger, K. B. (2011). The impact of enhancing students’ social and emotional learning: A meta‐analysis of school‐based universal interventions. Child development, 82(1), 405-432.
Ekman, P. (1992). An argument for basic emotions. Cognition & emotion, 6(3-4), 169-200.
Ekman, P. (2008). Emotional awareness: Overcoming the obstacles to psychological balance and compassion: Macmillan.
Ekman, P., & Friesen, W. V. (1971). Constants across cultures in the face and emotion. Journal of personality and social psychology, 17(2), 124.
Ekman, P., & Friesen, W. V. (1978). Facial action coding system. Environmental Psychology & Nonverbal Behavior.
Gross, J. J. (2015). Emotion regulation: Current status and future prospects. Psychological inquiry, 26(1), 1-26.
Mauritz, S. (2019). Immun gegen Probleme, Stress und Krisen: wie unser Leben gelingen kann. BoD
Russell, J. A. (1994). Is there universal recognition of emotion from facial expression? A review of the cross-cultural studies. Psychological bulletin, 115(1), 102.
Salovey, P., & Mayer, J. D. (1990). Emotional intelligence. Imagination, cognition and personality, 9(3), 185-211.
Siegel, D. J. (2007). The mindful brain: Reflection and attunement in the cultivation of well-being (Norton series on interpersonal neurobiology): WW Norton & Company.
Tugade, M. M., & Fredrickson, B. L. (2004). Resilient individuals use positive emotions to bounce back from negative emotional experiences. Journal of personality and social psychology, 86(2), 320.
Bildquelle: www.depositphotos.com: Magnifier on blue@oksixx, Traditional Hut@SimpleFoto, Heads with heart@designer491, Colleagues in casual elegant attire discuss important documents at work@HayDmitriy
Grafiken: Dylan Sara
Portrait Paul Ekman: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Paulekman_bio.jpg
Rebecca van der Linde, M.A. Germanistik und Kulturanthropologie, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Resilienz Akademie. Als Resilienz-Trainerin und Resilienz-Coach betreut sie den Blog der Resilienz Akademie und unterstützt in der konzeptionellen Entwicklung. Zudem agiert als SEO-Managerin für die Website. Ihr Schwerpunkt liegt auf der digitalen Präsenz der Themen rund um individuelle und organisationale Resilienz.

Sebastian Mauritz, M.A. Systemische Beratung, ist einer der führenden Experten für angewandte Resilienz in Deutschland. Er ist 5-facher Fachbuchautor, Keynote-Speaker, Resilienz-Lehrtrainer, Systemischer Coach, war und ist Vorstand in vielen Coach- und Trainer-Verbänden und Unternehmer. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich individuelle Resilienz und Prosilienz®, resilienter Führung und Teamresilienz. Er ist Initiator des jährlichen Resilienz-Online-Kongresses, in dessen Rahmen er sich bereits mit über 240 weiteren Resilienzexpert:innen aus verschiedenen Disziplinen ausgetauscht hat (www.Resilienz-Kongress.de) sowie des Resilienz-Podcasts Rethinking Resilience (www.Rethinking-Resilience.com).