„Wer aufhört zu lernen, ist alt – mag er zwanzig oder achtzig sein. Wer weiterlernt, bleibt jung.“ – Henry Ford (zugeschrieben)
Vielleicht liegt genau darin eine Wahrheit, die wir im Alltag leicht übersehen: Lernen gehört nicht nur in Schule, Studium oder Weiterbildung. Lernen ist eine Lebenshaltung. Eine Art, der Welt zu begegnen. Offen. Beweglich. Wach.
Denn das Leben fragt uns immer wieder Dinge ab, auf die wir nicht vorbereitet sind. Eine neue Aufgabe im Beruf, oder ein Gespräch, in dem wir merken, dass unser gewohntes Denken zu eng geworden ist. Oder eben auch eine Krise, in der unsere bekannten und eigentlich bewährten Mechanismen nicht mehr greifen. In solchen Momenten zeigt sich, wie wertvoll eine bestimmte Charakterstärke ist: die Liebe zum Lernen.
Sie will verstehen, wachsen, Zusammenhänge erfassen und sich weiterentwickeln. Nicht aus Druck, oder weil es das System verlangt. Aus Freude daran, die eigene Welt immer wieder ein Stück größer werden zu lassen.
Gerade für Resilienz ist das von großer Bedeutung. Denn resiliente Menschen müssen nicht auf alles sofort eine Antwort haben. Aber sie brauchen die Bereitschaft, dazuzulernen. Wer lernen kann, bleibt innerlich beweglich – und wer innerlich beweglich bleibt, kann mit Veränderungen, Unsicherheit und Ehrenrunden oft konstruktiver umgehen.
Warum ist Liebe zum Lernen eine Charakterstärke?
Das Leben verläuft selten auf bekannten Schienen. Ein Team verändert sich, eine Rolle wächst, eine Krise stellt alte Gewissheiten infrage. Plötzlich reicht das, was gestern noch funktioniert hat, heute nicht mehr aus. Genau an dieser Stelle wird sichtbar, warum die Liebe zum Lernen eine Charakterstärke ist: Sie hält Menschen flexibel. Wer gern lernt, erlebt Unsicherheit nicht nur als Bedrohung, sondern auch als Aufforderung, die eigene Landkarte zu erweitern.
Unter den 24 Charakterstärken der Values in Action-Klassifikation (VIA) gehört „Love of Learning“ zu den Charakterstärken der Tugend Weisheit (Peterson & Seligman, 2004). Gemeint ist damit die Freude, sich neues Wissen, neue Fähigkeiten oder neue Perspektiven anzueignen und zu vertiefen. Die VIA-Beschreibung betont dabei, dass es nicht bloß um oberflächliches Interesse geht, sondern um ein echtes Dranbleiben und tieferes Verstehen.
Wenn Lernbereitschaft fehlt
Fehlt diese Stärke, wird das Leben oft schneller starr, als uns lieb ist. Menschen halten dann eher an vertrauten Deutungen fest, auch wenn die Wirklichkeit längst weitergezogen ist. Fehler fühlen sich persönlicher an. Neues wirkt anstrengender. Ungewohnte Situationen lösen leichter das Gefühl aus, nicht zu genügen. Das hat Folgen für die Resilienz, denn psychische Widerstandskraft braucht Anpassungsfähigkeit. Wer nur auf Bekanntes setzt, gerät bei Veränderungen leichter unter Druck.
Die Forschung zu Lern- und Zielorientierungen zeigt seit Langem, dass eine Lernorientierung mit besseren Anpassungsprozessen verbunden ist. Menschen, die Herausforderungen als Gelegenheit zum Lernen verstehen, gehen in neuen oder schwierigen Situationen meist konstruktiver vor. Eine Meta-Analyse zu Zielorientierung und Anpassungsleistung kommt zu dem Ergebnis, dass eine „learning goal orientation“ positiv mit Adaptation zusammenhängt (Stasielowicz, 2019). Anders gesagt: Lernorientierte Menschen kommen mit Veränderung im in der Regel besser zurecht.
Wenn die Liebe zum Lernen fehlt, bleibt oft noch etwas anderes auf der Strecke: das innere Streben nach Entwicklung. Menschen suchen dann seltener nach neuen Wegen, nach tieferem Verstehen oder nach Möglichkeiten, über sich hinauszuwachsen. Es fehlt ein Stück jener lebendigen Bewegung, die uns fragen lässt: Was könnte noch in mir stecken? Was möchte ich weiter entfalten? Was hilft mir, mehr vom Leben zu begreifen, mehr Sinn zu finden und auch mehr zu fühlen? Gerade darin liegt eine möglicherweise unterschätzte Kraft der Liebe zum Lernen: Sie hält die Entwicklungslust wach. Sie nährt den Wunsch, weiterzukommen, reifer zu werden und das eigene Leben nicht nur (besser) zu bewältigen, sondern bewusster und erfüllender zu gestalten.
Liebe zum Lernen stärkt Selbstwirksamkeit
Wer lernt, sammelt mehr als Wissen und Kompetenzen. Er sammelt Erfahrungen von Wirksamkeit. Jede neue Fähigkeit, jeder verstandene Zusammenhang, jede gelöste Schwierigkeit sendet eine leise, aber kraftvolle Botschaft: Ich kann dazulernen. Ich bin einer Situation nicht einfach ausgeliefert. Und genau diese Erfahrung ist für Resilienz zentral.
Gerade in Belastungszeiten wird das bedeutsam. Menschen bleiben eher handlungsfähig, wenn sie sich als entwicklungsfähig erleben. Die Liebe zum Lernen fördert genau diese Haltung. Sie verschiebt die innere Frage von „Kann ich das?“ hin zu „Wie kann ich das lernen?“. Das klingt unscheinbar, verändert aber viel. Denn wer Entwicklung für möglich hält, reagiert auf Ehrenrunden oft mit mehr Geduld und weniger Selbstabwertung.
Forschung zu Mindsets und Lernprozessen weist in diese Richtung, auch wenn die Effekte in Meta-Analysen insgesamt eher moderat ausfallen und stark vom Kontext abhängen (Sisk, Burgoyne, Sun, Butler, & Macnamara, 2018). Die Grundidee bleibt dennoch relevant: Die Überzeugung, dass Fähigkeiten wachsen können, unterstützt Motivation und Lernverhalten, besonders unter Herausforderung.
Lernen für seelische Beweglichkeit
Liebe zum Lernen als Charaktereigenschaft wird, wenn wir es so betrachten, zu einer Art Meta-Kompetenz für Resilienz und inneres Wachstum. Denn sie gestalten den Umgang mit Problemen, Stress und Krisen.
Wer diese Stärke kultiviert, bewertet schwierige Erfahrungen häufiger nicht nur danach, wie schmerzhaft sie waren, sondern auch danach, was sich aus ihnen verstehen lässt. Eine belastende Situation bleibt belastend. Eine Enttäuschung bleibt eine Enttäuschung. Und doch entsteht zusätzlich eine zweite Bewegung: die Suche nach Erkenntnis. Was zeigt mir diese Erfahrung? Was brauche ich künftig anders? Was darf ich neu lernen? Diese Fragen schaffen Entwicklung, wo sonst nur Selbstabwertung stehen könnte.
Auch Forschung zum lebenslangen Lernen weist in diese Richtung. In einer Studie mit 145 Erwachsenen zeigte Hammond (2004), dass Lernprozesse im Lebensverlauf mit besserem Wohlbefinden, mehr Selbstvertrauen sowie einer stärkeren Fähigkeit verbunden sein können, mit psychischen Belastungen umzugehen. Das heißt nicht, dass jeder Kurs und jedes Buch automatisch resilient macht. Es zeigt aber deutlich, dass Lernen weit über Wissenszuwachs hinausreichen kann. Lernen kann seelische Beweglichkeit fördern.
Was ist die Charakterstärke Liebe zum Lernen?
Liebe zum Lernen klingt zunächst fast selbstverständlich. Wer lernt, entwickelt sich weiter. Wer gern lernt, hat vermutlich einen Vorteil. Und doch lohnt sich ein genauer Blick. Denn psychologisch betrachtet beschreibt diese Charakterstärke mehr als bloße Bildungsnähe oder ein gutes Verhältnis zu Büchern. Sie meint eine innere Haltung zur Welt: das aufrichtige Interesse, verstehen zu wollen, Dinge zu hinterfragen, Neues aufzunehmen, Zusammenhänge zu vertiefen und an dem Prozess selbst Freude zu empfinden. In der VIA-Klassifikation gehört Liebe zum Lernen zur Tugend Weisheit und wird als Freude am Erwerb neuer Fähigkeiten, Themen und Wissensgebiete beschrieben (Peterson & Seligman, 2004).
Dabei wollen Menschen mit einer ausgeprägten Liebe zum Lernen nicht einfach möglichst viele Themen streifen, es geht um tieferes Verstehen. Sie lesen nach, fragen weiter, üben regelmäßig, ordnen ein und verknüpfen neue Erkenntnisse mit dem, was sie bereits wissen. Menschen mit dieser Charakterstärke wissen bei weitem nicht alles. Man erkennt sie eher daran, wie sie mit Wissen umgehen:
- Sie stellen Fragen.
- Sie wollen Dinge durchdringen.
- Sie nehmen neue Perspektiven ernst.
- Sie bleiben länger an einem Thema dran.
- Sie freuen sich über Erkenntnis.
- Sie sind eher bereit, die eigene Sicht zu verändern, wenn sie etwas Neues verstanden haben.
Die psychologische Grundlage: Freude am Lernen und innere Motivation
Liebe zum Lernen hängt eng mit intrinsischer Motivation zusammen. Die Forschenden Ryan und Deci (2000) beschreiben mit ihrer „Self-determination Theory“ eine Form von Motivation, bei der Menschen etwas tun, weil es sie interessiert, weil es ihnen sinnvoll erscheint oder weil der Prozess selbst Freude macht. Also im Grunde der Kern dieser Charakterstärke. Lernen wird hier nicht nur eingesetzt, um ein Ziel zu erreichen oder eine Bewertung zu verbessern. Es wird als etwas erlebt, das aus sich heraus bereichernd sein kann.
Dazu kommt eine starke Nähe zur Lernzielorientierung. Gemeint ist eine Ausrichtung, bei der Menschen ihre Fähigkeiten erweitern und ihre Kompetenz entwickeln möchten. VandeWalle, Cron, and Slocum Jr (2001) beschreiben diese Haltung als eine Form der Zielverfolgung, bei der Wachstum, Verstehen und Weiterentwicklung im Vordergrund stehen. Auch neuere Forschung zeigt, dass sogenannte „mastery-approach goals“ mit günstigen Formen von Motivation und Wohlbefinden zusammenhängen können (Guo et al., 2023).
Lernen, Neugier und wissenssuchende Emotionen
Liebe zum Lernen wird oft mit Neugier verwechselt. Beide Stärken liegen nah beieinander und gehen oft Hand in Hand, sie meinen aber nicht dasselbe. Neugier zeigt sich häufig am Anfang. Sie richtet sich auf das Neue, auf offene Fragen und auf das, was wir noch nicht verstehen. Sie ist der Impuls, einer Sache nachzugehen und eine Wissenslücke zu schließen. Die Forschung beschreibt Neugier entsprechend als eine Annäherung an neue Information und an Unsicherheit, die geklärt werden möchte (Grossnickle, 2016).
Die Emotion Interesse trägt weiter. Sie hält die Aufmerksamkeit über längere Zeit und bindet uns an ein Thema. Während Neugier oft wie ein Funke wirkt, ist Interesse eher die Glut, die bleibt. Forschende wie Pekrun (2019) beschreiben Interesse im Vergleich zu Neugier als eine anhaltendere Hinwendung zu einem Gegenstand oder Wissensbereich. Genau hier liegt eine wichtige Verbindung zur Liebe zum Lernen: Sie lebt selten nur vom ersten Reiz. Sie wächst dort, wo Menschen bei einem Thema bleiben, weiterdenken, vertiefen und verstehen wollen.
Neben der aktivierten Freude, die offensichtlich beim oder durch das Lernen aufkommt, sollten wir uns eine dritte, oft übersehene Dimension anschauen: Ehrfurcht. Sie entsteht häufig dann, wenn Menschen etwas als groß, tief oder weit erleben und spüren, dass ihr bisheriges Verstehen dafür noch nicht ausreicht. Genau das kann eine starke Lernbewegung auslösen. Systematische Übersichten beschreiben Ehrfurcht deshalb als eine epistemische Emotion, also als eine Emotion, die unser Erkennen und Verstehen berührt (Schaffer, Huckstepp, & Kannis-Dymand, 2024).
So entsteht ein stimmiges Bild: Neugier setzt in Bewegung, Interesse hält die Verbindung und Ehrfurcht weitet den Blick. Liebe zum Lernen verbindet all das zu einer Haltung, die wachsen ermöglicht.
Was ist Liebe zum Lernen nicht
Es lohnt sich bei dieser Charakterstärke auch darauf zu schauen, was Liebe zum Lernen eben nicht bedeutet. Denn diese Charakterstärke wird leicht mit anderen Haltungen verwechselt, die ihr ähnlich sehen, aber innerlich anders funktionieren. Liebe zum Lernen ist keine Frage von hoher Intelligenz. Sie ist auch kein purer Leistungsehrgeiz oder Perfektionismus. Und sie bedeutet ebenso wenig, ständig mehr wissen zu müssen. Im Kern geht es um die freudige Bereitschaft, sich auf Erkenntnis, Entwicklung und Verstehen einzulassen.
Liebe zum Lernen ist keine Frage der Intelligenz
Diese Charakterstärke sollte klar von Intelligenz unterschieden werden. Intelligenz beschreibt vor allem kognitive Leistungsfähigkeit. Liebe zum Lernen beschreibt dagegen eine motivationale Haltung. Ein Mensch kann sehr klug sein und trotzdem wenig Freude daran haben, sich auf Neues einzulassen. Und umgekehrt können Menschen mit ganz unterschiedlichen Begabungen eine starke Liebe zum Lernen haben oder entwickeln.
Dass Motivation hier eine eigenständige Rolle spielt, wissen wir zum einen selbst aus der Schulzeit und wird auch von empirischen Befunden gestützt. Eine Studie aus 2019 zeigte, dass motivationale Variablen schulische Leistung zusätzlich zu Intelligenz und Vorleistungen mit erklären (Steinmayr, Weidinger, Schwinger, & Spinath, 2019). Lernen hängt also nicht nur daran, was jemand kann, sondern auch daran, wie sehr jemand lernen will und wie Lernen innerlich erlebt wird.
Darüber hinaus ist es wichtig festzuhalten: den IQ (Intelligenzquotient) beschreiben wir als etwas Festes, das sich nicht durch Training verbessern lässt. Liebe zum Lernen als Charakterstärke hingegen ist nichts in Stein Gemeißeltes, sondern ein Leben lang ausbaufähig und nie zu spät zu entwickeln.
Liebe zum Lernen ist auch etwas anderes als Leistungsehrgeiz
Wer gern lernt, will sich oft weiterentwickeln. Das bedeutet aber noch nicht automatisch, dass es vor allem um Leistung, Vergleich oder Anerkennung geht. Genau hier ist die Abgrenzung wichtig. Leistungsehrgeiz richtet sich stärker auf Ergebnisse, Bewertungen und äußere Maßstäbe. Die Charakterstärke richtet sich stärker auf Verstehen, Wachstum und Kompetenzaufbau. In der Zielorientierungsforschung wird diese Unterscheidung häufig als Unterschied zwischen Lernzielen und Performanzzielen beschrieben (VandeWalle et al., 2001).
Das verändert die innere Qualität des Lernens. Wer vor allem lernt, um zu bestehen, zu beeindrucken oder besser dazustehen, erlebt Lernen oft unter mehr Druck. Wer aus echter Lernfreude handelt, erlebt Lernen eher als Entwicklung.
Auch Perfektionismus gehört nicht dazu
Ebenso wichtig ist die Abgrenzung zu Perfektionismus. Liebe zum Lernen erlaubt Umwege und lässt Fehler zu. Perfektionismus verengt den Blick häufiger auf Makellosigkeit, Kontrolle und die Angst, nicht zu genügen. Forschung zeigt, dass besonders perfektionistische Sorgen eher mit Belastung, stärkerer Selbstkritik und ungünstigeren motivationalen Mustern verbunden sind, während selbstbestimmte Motivation günstiger mit Wohlbefinden zusammenhängt (Mills & Blankstein, 2000).
Für die Liebe zum Lernen ist das entscheidend. Diese Stärke wächst leichter dort, wo Menschen sich entwickeln dürfen, ohne sich bei jedem Fehler innerlich abzuwerten.
Wenn Lernen zum Druck wird
Wie jede Charakterstärke kann auch die Liebe zum Lernen aus dem Gleichgewicht geraten. Dann wird Wissen gesammelt, aber kaum angewendet. Bücher, Kurse, Podcasts und Erkenntnisse füllen den Kopf, während der Schritt ins Leben ausbleibt.
Eine andere Schieflage zeigt sich, wenn Lernen in Selbstoptimierungsdruck übergeht. Dann verliert die Stärke ihre Leichtigkeit. Lernen wird zum inneren Auftrag, ständig mehr wissen, mehr können und mehr leisten zu müssen. Hier wird also die Schnittstelle zum Perfektionismus sehr dünn, bis sie sich schließlich ganz auflöst.
Die Motivationsforschung macht deutlich, wie wichtig hier der Unterschied zwischen selbstbestimmter und kontrollierter Motivation ist. Lernen nährt Wohlbefinden und Entwicklung eher dann, wenn es von Interesse, Autonomie und persönlicher Bedeutsamkeit getragen ist (Ryan & Deci, 2000).
Wie können wir unsere Liebe zum Lernen stärken?
Die Charakterstärke entfaltet nur dann ihre positive Wirkung, wenn sie auch wirklich gelebt wird. Wenn sich eben nicht nur Wissen anhäuft, sondern die Liebe zum Lernen uns dabei unterstützt, unser Leben zu erweitern. Und das Gute, diese Qualität lässt sich trainieren.
Liebe zum Lernen wächst meist nicht durch Druck, sondern durch gute Erfahrungen. Sie entsteht dort, wo Lernen mit Neugier, Sinn und einem kleinen Erfolgserlebnis verbunden ist. Gerade deshalb lohnt es sich, nicht nur über Lernen nachzudenken, sondern es im Alltag so zu gestalten, dass wieder mehr Freude daran entstehen kann.
1. Die 10-Minuten-Frage
Freude am Lernen beginnt oft mit einer echten Frage. Nicht mit dem, was Sie „eigentlich noch wissen sollten“, sondern mit etwas, das Sie wirklich verstehen möchten.
Nehmen Sie sich an drei Tagen in der Woche zehn Minuten Zeit und notieren Sie eine Frage, die Sie gerade beschäftigt. Diese kleine Übung nutzt gezielt Neugier als Lernmotor.
Zum Beispiel:
- Warum reagiere ich in manchen Situationen immer gleich?
- Was hilft Menschen, leichter mit Veränderungen umzugehen?
- Was wollte ich schon lange besser verstehen?
Lesen, hören oder recherchieren Sie dann genau zehn Minuten zu dieser Frage. Nicht länger. Ziel ist nicht Vollständigkeit, sondern ein lebendiger Einstieg. Übrigens ist hier KI – in einem verantwortungsvollen Umgang – ein wunderbarer Lernpartner.

2. Das Staunen-Notizbuch
Nicht jedes Lernen beginnt mit einer Frage. Manches beginnt mit Staunen. Ein Gedanke, ein Satz, eine Begegnung oder ein Naturmoment können uns innerlich öffnen. Genau darin steckt meist der Anfang von Lernfreude.
Legen Sie sich ein kleines Notizbuch oder eine Handy-Notiz an mit dem Titel: Was mich heute staunen ließ. Schreiben Sie dort jeden Tag einen Satz hinein:
- Was hat mich heute zum Staunen gebracht?
- Was hat meinen Blick geweitet?
- Was würde ich gern besser verstehen?
Ehrfurcht bzw. Staunen kann Lernprozesse anstoßen, weil wir spüren, dass die Welt größer ist als unser bisheriges Wissen (Schaffer et al., 2024). Aus einem solchen Moment kann dann eine echte Lernbewegung entstehen.
3. Aus Wissen Leben machen
Lernen verliert an Kraft, wenn Wissen nur gesammelt wird. Aber Freude entsteht oft dann, wenn wir merken: Das hat etwas mit mir zu tun, ich kann damit etwas anfangen.
Fragen Sie sich nach jedem Buch, Podcast, Gespräch oder Seminar:
- Was war ein Gedanke, den ich behalten möchte?
- Was probiere ich diese Woche konkret aus?
- Woran merke ich, dass ich es angewendet habe?
So wird aus Information Erfahrung. Genau das schützt davor, in bloßes Wissenssammeln oder Selbstoptimierungsdruck zu geraten. Oder auch gesammeltes Wissen wieder zu vergessen.
4. Die freundliche Anfängerhaltung
Viele Menschen verlieren die Freude am Lernen, weil sie zu früh gut sein wollen. Dann steht nicht mehr das Entdecken im Vordergrund, sondern das Vermeiden von Fehlern. Das verhindert nicht nur den Fortschritt, sondern führt auch eher zur Selbstabwertung, sollten wir doch Fehler machen oder nicht „schnell genug“ vorankommen.
Suchen Sie sich bewusst etwas Kleines, in dem Sie Anfängerin oder Anfänger sein dürfen. Zum Beispiel ein neues Rezept, ein Zeichenkurs, ein Sachthema, ein digitales Werkzeug oder eine neue Gesprächstechnik. Nehmen Sie sich dabei vor:
Ich muss das nicht sofort können. Ich darf es erst einmal erkunden.
Ein hilfreicher Gedanke ist hier eine Haltung aus dem Growth Mindset nach Carol Dweck (Dweck, 2016): „Ich kann das NOCH nicht.“
Diese Haltung senkt Druck und stärkt selbstbestimmtes Lernen. Liebe zum Lernen wächst oft genauso: in kleinen, lebendigen Schritten. Durch Fragen. Durch Staunen. Durch Ausprobieren. Und durch die Erlaubnis, noch nicht fertig zu sein.
Wozu führt gelebte Liebe zum Lernen?
Liebe zum Lernen verändert nicht nur, wie wir Wissen aufnehmen. Diese Charakterstärke prägt auch, wie wir mit Veränderungen, Unsicherheit und Entwicklung umgehen. Wer gern lernt, erweitert also nicht nur seinen Horizont, sondern auch seinen inneren Handlungsspielraum.
Das Wichtigste im Überblick:
Liebe zum Lernen kann im Alltag vieles stärken:
- mehr geistige Beweglichkeit in Veränderungen
- mehr Selbstwirksamkeit im Umgang mit Herausforderungen
- mehr Freude an Entwicklung und persönlichem Wachstum
- mehr Offenheit für neue Perspektiven und Erfahrungen
- mehr Resilienz, wenn das Leben andere Antworten verlangt
Mehr Selbstwirksamkeit durch Entwicklungserfahrungen
Liebe zum Lernen wirkt auf täglicher Basis und eher unterschwellig. Menschen, die gern lernen, tragen eine Haltung in sich, die gerade in unsicheren Zeiten wertvoll ist: Sie rechnen damit, dass Entwicklung möglich ist. Sie gehen häufiger davon aus, dass Neues verstanden, Fähigkeiten aufgebaut und Schwierigkeiten zumindest teilweise bewältigt werden können.
Genau das stärkt die eigene Selbstwirksamkeit. Albert Bandura (1997) beschreibt Selbstwirksamkeit als die Überzeugung, durch das eigene Handeln etwas bewirken zu können. Wer immer wieder erlebt, dass Lernen möglich ist, sammelt genau solche Erfahrungen.
Mehr Anpassungsfähigkeit in einer komplexen Welt
Hinzu kommt eine größere Anpassungsfähigkeit. Wer lernen will, hält weniger krampfhaft am Alten fest. Neue Situationen werden eher als Aufforderung verstanden, den eigenen inneren Werkzeugkasten zu erweitern. Das ist in einer komplexen Welt ein großer Vorteil. Liebe zum Lernen hilft also dabei, nicht innerlich stehenzubleiben, wenn sich äußere Bedingungen verändern. Sie hält uns innerlich beweglich und adaptiv bei Problemen, Stress und Krisen. Das macht die Charakterstärke auch für die Arbeitswelt einen wertvollen Future Skill.
Darüber hinaus kann Liebe zum Lernen das Leben reicher machen. Neue Gedanken, neue Fähigkeiten und neue Sichtweisen erweitern den eigenen Erfahrungsraum. Wer lernt, entdeckt oft nicht nur mehr von der Welt, sondern auch mehr von sich selbst. Hammond (2004) zeigte, dass lebenslanges Lernen mit emotionaler Resilienz, psychischem Wohlbefinden und mehr Selbstvertrauen verbunden sein kann. Lernen bildet also nicht nur den Kopf – und macht Sie zu einer der interessantesten Personen in jedem Raum. Es kann auch die innere Haltung zum Leben verändern.
Weniger Druck im Umgang mit Fehlern und Nicht-Wissen
Auch emotional kann diese Charakterstärke entlasten. Wer Lernen als natürlichen Teil des Lebens begreift, muss nicht alles sofort können. Das nimmt Druck heraus. Fehler werden dann etwas seltener als persönliches Scheitern gelesen und etwas häufiger als Teil eines Entwicklungswegs. Genau darin liegt eine resiliente Qualität. Menschen bleiben eher offen, wenn sie noch nicht am Ziel sind.
Liebe zum Lernen als Form angewandter Resilienz
Vielleicht liegt darin der schönste Nutzen dieser Charakterstärke: Sie hält Menschen lebendig. Sie bewahrt etwas von jener inneren Beweglichkeit, die uns wachsen lässt, auch wenn wir längst nicht mehr am Anfang stehen. Liebe zum Lernen bedeutet, sich vom Leben weiterbilden zu lassen — durch Bücher, Begegnungen, Erfahrungen, Fragen und auch durch Ehrenrunden.
Wer diese Stärke kultiviert, sammelt deshalb nicht einfach nur Wissen und Kompetenzen. Er erweitert seinen Handlungsspielraum. Er stärkt seine Resilienz. Und er hält sich innerlich offen für das, was noch werden kann.
Quellen:
Bandura, A. (1997). Self-efficacy: The exercise of control: Macmillan.
Dweck, C. (2016). What having a “growth mindset” actually means. Harvard business review, 13(2), 2-5.
Grossnickle, E. M. (2016). Disentangling curiosity: Dimensionality, definitions, and distinctions from interest in educational contexts. Educational psychology review, 28(1), 23-60.
Guo, J., Hu, X., Elliot, A. J., Marsh, H. W., Murayama, K., Basarkod, G., . . . Dicke, T. (2023). Mastery-approach goals: A large-scale cross-cultural analysis of antecedents and consequences. Journal of personality and social psychology, 125(2), 397.
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Mills, J. S., & Blankstein, K. R. (2000). Perfectionism, intrinsic vs extrinsic motivation, and motivated strategies for learning: A multidimensional analysis of university students. Personality and individual differences, 29(6), 1191-1204.
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Sisk, V. F., Burgoyne, A. P., Sun, J., Butler, J. L., & Macnamara, B. N. (2018). To what extent and under which circumstances are growth mind-sets important to academic achievement? Two meta-analyses. Psychological science, 29(4), 549-571.
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Rebecca van der Linde, M.A. Germanistik und Kulturanthropologie, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Resilienz Akademie. Als Resilienz-Trainerin und Resilienz-Coach betreut sie den Blog der Resilienz Akademie und unterstützt in der konzeptionellen Entwicklung. Zudem agiert als SEO-Managerin für die Website. Ihr Schwerpunkt liegt auf der digitalen Präsenz der Themen rund um individuelle und organisationale Resilienz.

Sebastian Mauritz, M.A. Systemische Beratung, ist einer der führenden Experten für angewandte Resilienz in Deutschland. Er ist 6-facher Fachbuchautor, Keynote-Speaker, Resilienz-Lehrtrainer, Systemischer Coach, war und ist Vorstand in vielen Coach- und Trainer-Verbänden und Unternehmer. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich angewandter individueller Resilienz und Prosilienz®, resilienter Führung und Teamresilienz. Er ist Initiator der Resilienz Initiative (www.Resilienz-Initiative.com) und des jährlichen Resilienz-Online-Kongresses mit bisher über 300 Interviews mit Resilienzexpert:innen (www.Resilienz-Kongress.de), Herausgeber des ResilienzLetters (www.ResilienzLetter.de) sowie des Resilienz-Podcasts Rethinking Resilience (www.Rethinking-Resilience.com).