Die Charakterstärke Tapferkeit – Mit Angst handeln, nicht ohne sie

Stellen Sie sich vor: Sie sitzen in einem Meeting. Jemand sagt etwas, das nicht stimmt – eine Einschätzung, die Sie für falsch halten, eine Entscheidung, die Ihnen Bauchschmerzen bereitet. Alle nicken. Niemand widerspricht. Und in Ihnen läuft ein stiller innerer Dialog ab: Soll ich etwas sagen? Jetzt? Hier?

Genau in diesem Moment entsteht Tapferkeit. Es braucht dafür keine lebensbedrohlichen Situationen. Diese Charakterstärke zeigt sich auch in kleinen unscheinbaren Alltagssituationen. Doch gerade hier wird sie oft übersehen. – weil wir sie mit Furchtlosigkeit verwechseln. Mit Heldentum. Mit Menschen, die keine Angst kennen. Dabei ist das Gegenteil wahr: Tapferkeit setzt Angst voraus. Wer keine Angst spürt, braucht auch keine Tapferkeit. Wer sich trotz Angst bewegt, weil ihm etwas wichtiger ist als das eigene Sicherheitsgefühl – der lebt diese Charakterstärke.

In der VIA-Klassifikation der Positiven Psychologie gehört Tapferkeit zu den 24 Charakterstärken und wird der Tugend Mut zugeordnet (Peterson & Seligman, 2004). Was das im Alltag bedeutet, warum Tapferkeit so eng mit unserer psychischen Widerstandskraft verbunden ist – und wie Sie diese Stärke in sich kultivieren können: darum geht es in diesem Artikel.

Warum Tapferkeit mehr ist als Heldenmut

Das populäre Bild von Tapferkeit ist groß und laut:

  • der Feuerwehrmann im brennenden Gebäude
  • die Whistleblowerin, die ein ganzes System herausfordert
  • der Unternehmer, der alles auf eine Karte setzt.

Diese Bilder sind nicht falsch – aber sie sind unvollständig. Und sie haben eine Nebenwirkung: Wer Tapferkeit so versteht, schließt sich selbst schnell davon aus.

Was dabei übersehen wird: Tapferkeit zeigt sich weit häufiger in kleinen, unspektakulären Momenten. Im schwierigen Gespräch, das man trotzdem führt. In der ehrlichen Rückmeldung, die man trotz Unbehagen gibt. Im Festhalten an einer Überzeugung, wenn die Gruppe in eine andere Richtung zieht. Diese Form der Alltags-Tapferkeit mag keine Schlagzeilen machen – für unsere mentale Gesundheit und unser Wohlbefinden ist sie aber von erheblicher Bedeutung.

Was passiert, wenn Tapferkeit fehlt?

Auch das Fehlen von Tapferkeit ist nichts, was im Alltag schnell oder stark auffällt. Und vielleicht ist es gerade deshalb so folgenreich.

Schweigen, wo Worte nötig wären

Das vielleicht häufigste Erscheinungsbild fehlender Tapferkeit ist Schweigen. Im Meeting, in der Partnerschaft, im Feedback-Gespräch. Man denkt etwas, spürt etwas, weiß etwas – und sagt es nicht. Oft aus nachvollziehbaren Gründen: Angst vor Ablehnung, vor Konflikten, vor dem Urteil anderer.

Das Phänomen ist gut belegt. Bereits Darley & Latané (1968) zeigten in ihren klassischen Studien zum „Zuschauereffekt“, dass Menschen in Gruppen seltener handeln oder sprechen, wenn andere anwesend sind – auch wenn sie innerlich wissen, dass Handeln richtig wäre. Soziale Angst und Konformitätsdruck sind mächtige Bremsen für tapferes Handeln.

Vermeidung als Kurzzeitlösung mit Langzeitkosten

Daraus ergibt sich eine weitere Folge fehlender Tapferkeit. Wer nicht spricht, muss sich auch nicht exponieren. Das fühlt sich kurzfristig sicher an. Langfristig aber zahlt Vermeidung einen hohen Preis. Sie bestätigt und verstärkt die Überzeugung, dass die Situation nicht handhabbar ist – und macht das nächste Mal noch schwerer.

Aus der Forschung zur psychologischen Flexibilität (Hayes, Luoma, Bond, Masuda, & Lillis, 2006) wissen wir: Vermeidungsverhalten reduziert zwar kurzfristig Angst, erhöht aber langfristig die Empfindlichkeit gegenüber genau den Situationen, die man meidet. Der Rückzug, der schützen soll, erzeugt mit der Zeit ein immer engeres wahrgenommenes Handlungsfeld.

Innere Erschöpfung durch Selbstverrat

Am stillsten – und oft am schwersten – ist die innere Erschöpfung, die entsteht, wenn man dauerhaft nicht so handelt, wie es den eigenen Werten entspricht. Jack & Ali (2010) beschreiben mit dem Begriff des self-silencing einen Prozess, bei dem Menschen systematisch ihre eigene Stimme unterdrücken, um Harmonie zu wahren oder Konflikten auszuweichen. Das kostet Energie – nicht einmalig, sondern kontinuierlich.

Der US-amerikanische Psychologe Dr. Robert Biswas-Diener (2012) bringt es in seinem Buch „The Courage Quotient“ auf den Punkt: Chronische Tapferkeits-Vermeidung erodiert das Selbstbild. Wer sich immer wieder erlebt, wie er zurückweicht, obwohl er eigentlich handeln wollte, verliert nach und nach das Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit und verliert den Glauben in die eigene Werte.

Tapferkeit als Schutzfaktor für die Resilienz

Für die psychische Widerstandskraft ist Tapferkeit aus einem zentralen Grund bedeutsam: Resilienz entsteht nicht im reibungslosen Tagesablauf. Sie wächst im Kontakt mit dem, was uns herausfordert – und in der Erfahrung, dass wir damit umgehen können.

Tapferkeit ist dabei kein Zusatz, sondern eine Voraussetzung. Und zwar nicht nur weil sie uns ermutigt, neue Erfahrungen zu machen oder die eigene Komfortzone zu erweitern. Sondern auch, weil wir durch sie für unsere Werte einstehen können.

Selbstwirksamkeit durch tapferes Handeln

Albert Bandura (1997) beschreibt Selbstwirksamkeit – das Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit – als einen der zentralen Schutzfaktoren für psychische Gesundheit und Widerstandskraft. Dieses Vertrauen entsteht nicht durch Überzeugungen allein, sondern durch Erfahrungen: durch das wiederholte Erleben, dass man sich einer schwierigen Situation gestellt hat und handlungsfähig geblieben ist.

Forschung aus der positiven Psychologie konnte zeigen, dass Tapferkeit und Selbstwirksamkeitserwartung sich gegenseitig verstärken (Hannah, Sweeney, & Lester, 2007): Wer sich als handlungsfähig erlebt, traut sich mehr zu – und wer sich mehr zutraut, handelt tapferer. Ein Kreislauf, der Resilienz von innen heraus aufbaut. Jeder tapfere Moment, so klein er auch sein mag, ist damit gleichzeitig eine Investition in die eigene Widerstandskraft.

Für die eigenen Werte einstehen als Resilienzfaktor 

Ein zweiter Weg ist weniger offensichtlich, aber mindestens genauso wirksam: Tapferkeit bedeutet oft, für das einzustehen, was einem wichtig ist – auch dann, wenn es Gegenwind erzeugt. Diese Form der wertegeleiteten Tapferkeit hat direkte Auswirkungen auf die Resilienz, denn sie schützt vor einer der stillen Quellen psychischer Erschöpfung: dem Selbstverrat. Wer dauerhaft schweigt, obwohl er etwas zu sagen hätte, oder mitläuft, obwohl er eine andere Richtung für richtig hält, lebt in einem Zustand innerer Inkonsistenz.

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Der Schweizer Psychotherapieforscher Klaus Grawe (2004) beschrieb Konsistenz – das Erleben von Stimmigkeit zwischen den eigenen Werten, Zielen und tatsächlichem Handeln. Wird dieses Gefühl von Stimmigkeit dauerhaft verletzt, entsteht psychische Spannung, die Energie kostet und langfristig die Widerstandskraft und die Gesundheit untergräbt. Tapferkeit, verstanden als Fähigkeit, im Einklang mit den eigenen Werten zu handeln, ist genau dafür eine Voraussetzung. Sie hält das innere Gefüge zusammen – gerade dann, wenn äußerer Druck es zu erschüttern droht.

Was bedeutet die Charakterstärke Tapferkeit?

Tapferkeit gehört zu den Begriffen, die jeder zu kennen glaubt – bis man genauer hinschaut. Was steckt tatsächlich dahinter? Was unterscheidet Tapferkeit von Mut, von Risikobereitschaft, von bloßer Sturheit? Und warum lohnt es sich, diese Stärke genauer zu verstehen?

Tapferkeit in der VIA-Klassifikation

In der Klassifikation der 24 Charakterstärken von Peterson und Seligman (2004) wird Tapferkeit – im Englischen Bravery oder Valor – der Tugend Mut zugeordnet. Diese Tugend umfasst insgesamt vier Charakterstärken: neben Tapferkeit auch Ausdauer, Authentizität und Enthusiasmus. Was sie verbindet, ist die Bereitschaft, innere oder äußere Widerstände zu überwinden, um bedeutsame Ziele zu verfolgen oder das Richtige zu tun.

Tapferkeit im Besonderen beschreibt Peterson und Seligman (2004) als die Fähigkeit, sich Bedrohungen, Herausforderungen, Schwierigkeiten oder Schmerz nicht zu entziehen – und zwar auch dann, wenn Widerstand zu erwarten ist. Ausdrücklich betonen sie: Tapferkeit schließt physische Tapferkeit ein, ist aber keineswegs auf sie beschränkt. Es geht um Haltung. Um die Bereitschaft, das zu tun, was wichtig ist – auch wenn es kostet.

Die drei Facetten der Tapferkeit

Peterson und Seligman (2004) unterscheiden drei Erscheinungsformen der Tapferkeit, die sich in Inhalt und Kontext unterscheiden, aber alle dieselbe innere Struktur teilen: bewusstes Handeln trotz wahrgenommener Gefahr für ein bedeutsames Ziel.

Physische Tapferkeit ist die bekannteste Form. Sie zeigt sich dort, wo Menschen körperlichen Gefahren oder Schmerz begegnen – in Berufen wie Feuerwehr oder Rettungsdienst, aber auch im Umgang mit schwerer Krankheit, in sportlichen Extremsituationen oder überall dort, wo körperliche Unversehrtheit auf dem Spiel steht.

Moralische Tapferkeit meint die Bereitschaft, für das Richtige einzustehen – auch wenn es soziale Kosten hat. Der Mitarbeiter, der Missstände benennt, obwohl er Konsequenzen fürchtet. Die Führungskraft, die eine unpopuläre Entscheidung transparent kommuniziert, statt auszuweichen. Die Kollegin, die in einer Gruppe widerspricht, obwohl alle anderer Meinung zu sein scheinen. Moralische Tapferkeit ist die Form, die in Organisationen und Gemeinschaften am meisten gebraucht wird – und leider am seltensten gezeigt wird.

Psychologische Tapferkeit richtet sich nach innen. Sie zeigt sich im Umgang mit existenziellen Herausforderungen: einer schweren Diagnose, dem Scheitern eines Lebensentwurfs, dem ehrlichen Blick auf die eigenen Schattenseiten. Hier geht es nicht um äußeren Widerstand, sondern um die Bereitschaft, sich dem zu stellen, was innen schwer wiegt – ohne wegzuschauen.

Was ist Tapferkeit nicht?

Um noch besser zu verstehen, worum es sich bei dieser Charakterstärke handelt, sollten wir uns auch anschauen, was Tapferkeit eben nicht bedeutet – womit es allerdings häufig verwechselt oder in Verbindung gebracht wird.

Tapferkeit ist nicht Furchtlosigkeit

Einer der folgenreichsten Irrtümer über Tapferkeit ist die Gleichsetzung mit Furchtlosigkeit. Wer keine Angst kennt, braucht keine Tapferkeit. Diese innere Courage aber entsteht genau im Spannungsfeld: Man spürt die Angst, die Unsicherheit, den inneren Widerstand – und handelt trotzdem.

In einem Sammelband zum Thema Tapferkeit wird sie als eine Stärke beschrieben, die Angst nicht eliminiert, sondern in den Dienst einer höheren Absicht stellt (Pury & Lopez, 2010). Das ist ein entscheidender Unterschied: Tapferkeit setzt das Vorhandensein von Angst voraus. Wer das versteht, kann aufhören, auf einen Moment zu warten, in dem die Angst endlich weg ist – und anfangen zu fragen: Wofür ist mir dieses Handeln wichtig genug?

Tapferkeit und Risikobereitschaft – eine wichtige Abgrenzung

blankEbenfalls häufig verwechselt wird Tapferkeit mit Risikobereitschaft. Der Unterschied ist jedoch wesentlich. Wer risikofreudig ist, handelt trotz möglicher negativer Konsequenzen – manchmal sogar wegen des Adrenalins. Tapferkeit funktioniert anders. In der Forschung wird Tapferkeit explizit von Rücksichtslosigkeit und Übermut unterschieden (Woodard, 2004): Die Charakterstärke setzt voraus, dass die Handlung einem bedeutsamen Ziel dient, die Gefahr realistisch eingeschätzt wird und die Person trotz – nicht wegen – der Angst handelt. Es ist diese Zweckbindung, die Tapferkeit von bloßem Draufgängertum trennt.

Rate, Clarke, Lindsay, und Sternberg (2007) zeigten in ihrer Analyse impliziter Tapferkeitstheorien, dass Menschen intuitiv zwischen physischer und psychologischer oder moralischer Tapferkeit unterscheiden – und dass letztere im Alltag mindestens genauso bedeutsam ist. Das mutige Gespräch, die unpopuläre Meinung, das ehrliche Feedback: Das ist echte Courage. Nur eben ohne Filmmusik.

Tapferkeit und Hardiness – zwei Seiten derselben Medaille

Ein Konzept, das dem der Tapferkeit besonders nahesteht, ist das der Hardiness – auf Deutsch am ehesten als innere Robustheit zu übersetzen. Die amerikanische Psychologin Suzanne Kobasa (1979) beschrieb Hardiness als eine Persönlichkeitseigenschaft, die Menschen unter chronischem Stress schützt. Sie besteht aus drei Komponenten: Commitment – dem Engagement für das, was man tut und wer man ist; Control – dem Glauben, Einfluss auf die eigene Situation nehmen zu können; und Challenge – der Haltung, Schwierigkeiten und Veränderungen als Wachstumsmöglichkeiten zu betrachten statt als Bedrohung.

Was Hardiness und Tapferkeit verbindet, ist mehr als eine oberflächliche Ähnlichkeit. Salvatore Maddi (2006) der die Hardiness-Forschung maßgeblich weiterentwickelt hat, bringt es in seinem vielzitierten Aufsatz auf den Punkt: Er bezeichnet Hardiness explizit als the courage to grow from stresses – den Mut, an Stresseinladungen zu wachsen. Tapferkeit ist in diesem Verständnis nicht nur eine von Hardiness getrennte Stärke, sondern gewissermaßen ihr Herzstück. Denn alle drei Komponenten der Hardiness setzen voraus, dass man sich dem stellt, was schwer ist – statt auszuweichen.

Für den Alltag bedeutet das: Wer Tapferkeit kultiviert, stärkt gleichzeitig seine Hardiness. Wer lernt, trotz Unsicherheit zu handeln, entwickelt ein tieferes Gefühl von Kontrolle und Selbstwirksamkeit. Wer schwierige Situationen als Möglichkeit zur Weiterentwicklung begreift, wächst daran – aber nur, wenn er den ersten tapferen Schritt macht, sich ihnen überhaupt zu stellen.

Wie Sie Tapferkeit im Alltag kultivieren

Wie bei allen Charakterstärken gilt: Tapferkeit ist keine Eigenschaft, die man hat oder nicht hat. Sie ist eine Fähigkeit – und wie jede Fähigkeit lässt sie sich trainieren. Nicht durch einen großen Sprung ins kalte Wasser, sondern durch das wiederholte, bewusste Einüben kleiner mutiger Momente. Die folgenden vier Übungen sind Einladungen, genau das zu tun: Courage dort zu üben, wo sie im Alltag tatsächlich gefragt ist.

Übung 1: Die Tapferkeits-Inventur

Bevor wir mehr Tapferkeit entwickeln können, lohnt es sich, die Tapferkeit zu sehen, die bereits da ist. Denn die meisten Menschen unterschätzen, wie oft sie bereits mutig handeln – weil sie ihr Bild von mutigem Handeln noch an den großen, spektakulären Momenten messen.

Nehmen Sie sich am Ende eines Tages fünf Minuten Zeit und fragen Sie sich:

  • Wann habe ich heute etwas getan, obwohl es mir unangenehm war?
  • Wann habe ich etwas gesagt, das mich Überwindung gekostet hat?
  • Wann bin ich einer Stresseinladung nicht ausgewichen, sondern bin ihr begegnet?

Schreiben Sie diese Momente auf – ohne Bewertung, ohne den inneren Kommentar „aber das war doch nicht wirklich mutig“. Was wir sehen, können wir kultivieren. Was wir nicht sehen, können wir nicht entwickeln.

Übung 2: Angst als Kompass nutzen

blankAngst wird im Alltag meist als Signal verstanden, das uns vor etwas warnt – und dem wir deshalb ausweichen sollten. Und das ist auch richtig so, denn Angst ist unsere Hüterin der Sicherheit! Aber Angst zeigt uns auch etwas anderes: Sie markiert, was uns wichtig ist. Wir fürchten uns nicht vor Dingen, die uns gleichgültig sind.

  • Wenn Sie das nächste Mal Angst oder inneren Widerstand vor einer Situation spüren, probieren Sie folgende Fragen:
  • Was sagt mir diese Angst darüber, was mir hier wichtig ist?
  • Was würde ich tun, wenn ich wüsste, dass ich es schaffe?

Aus der Akzeptanz- und Commitmenttherapie (Hayes et al., 2006) wissen wir, dass der entscheidende Schritt nicht ist, die Angst loszuwerden – sondern zu lernen, sie mitzunehmen. Angst und Handlung schließen sich nicht aus. Die Angst darf da sein. Die Frage ist nur, wer das Steuer hält.

Übung 3: Der nächste kleine mutige Schritt

Tapferkeit wird nicht durch einen großen Sprung trainiert, sondern durch viele kleine Schritte. Bandura (1997) hat gezeigt, dass sogenannte Meisterschaftserfahrungen – das Erleben, eine herausfordernde Situation erfolgreich bewältigt zu haben – der wirksamste Weg sind, um Selbstwirksamkeit und damit auch Mut aufzubauen. Der Schlüssel liegt im Wort „kleine“: Der nächste Schritt sollte groß genug sein, um echte Überwindung zu kosten – aber klein genug, um ihn wirklich zu gehen.

Überlegen Sie konkret: Welche Situation weiche ich gerade aus? Was wäre ein erster, kleiner, machbarer Schritt in diese Richtung? Nicht der mutigste Schritt. Nicht der perfekte Schritt. Der nächste. Und dann gehen Sie ihn – und nehmen wahr, was danach passiert.

Übung 4: Die Stimme erheben – moralische Tapferkeit üben

Moralische Tapferkeit ist wie ein Muskel: Sie wächst durch Gebrauch und atrophiert durch Nichtgebrauch. Und wie beim Muskelaufbau gilt auch hier: Man beginnt mit leichteren Gewichten, bevor man schwerere anhebt.

Suchen Sie sich bewusst Situationen mit niedrigem Einsatz, in denen Sie Ihre Meinung sagen, widersprechen oder eine andere Perspektive einbringen können – auch wenn Sie nicht gefragt wurden. Im Alltag, im Gespräch unter Kolleginnen und Kollegen, in einer Teambesprechung. Es geht nicht darum, recht zu haben. Es geht darum, die innere Hemmung zu kennen und trotzdem zu sprechen.

Rate et al. (2007) zeigten, dass moralische Tapferkeit im sozialen Kontext besonders dann wächst, wenn sie wiederholt erlebt und als wertvoll eingestuft wird – von einem selbst, nicht von außen.

Wozu führt gelebte Tapferkeit?

Tapferkeit ist keine Tugend für besondere Umstände. Sie ist eine Haltung, die das ganze Leben färbt – die Art, wie wir mit uns selbst umgehen, wie wir in Beziehungen stehen und wie wir mit den Herausforderungen des Alltags begegnen. Wer Tapferkeit kultiviert, verändert nicht nur einzelne Momente. Er verändert, wer er mit der Zeit wird.

Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Tapferkeit stärkt die Selbstwirksamkeit – jeder mutige Moment ist eine Investition in das Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit
  • Tapferkeit schützt vor innerem Selbstverrat und stärkt das Erleben von Integrität und Stimmigkeit
  • Tapferkeit macht Beziehungen ehrlicher und tragfähiger – weil echte Verbundenheit Offenheit braucht
  • Tapferkeit ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für persönliches Wachstum – nicht trotz Angst, sondern mit ihr
  • Tapferkeit wirkt über das Individuum hinaus: Mutige Menschen stärken das Miteinander in Teams, Organisationen und Gesellschaft

Tapferkeit als Investition in sich selbst

Jedes Mal, wenn Sie sich einer Situation stellen, die Ihnen Überwindung kostet, passiert etwas Entscheidendes: Sie erleben sich als jemanden, der handlungsfähig ist. Nicht perfekt. Nicht furchtlos. Aber handlungsfähig. Und genau das ist der Kern dessen, was Bandura (1997) als Selbstwirksamkeit beschreibt – das vielleicht robusteste psychologische Schutzgut, das wir kennen.

Diese Erfahrung akkumuliert sich über die Zeit. Der Mensch, der heute in einem schwierigen Gespräch die Wahrheit sagt, ist morgen ein bisschen mehr in der Lage, es wieder zu tun. Tapferkeit trainiert sich selbst. Und mit ihr wächst das Fundament, auf dem Resilienz steht.

Tapferkeit stärkt Beziehungen

blankEs mag paradox klingen: Das Risiko einzugehen, anzuecken, zu widersprechen, unbequeme Wahrheiten auszusprechen, stärkt Beziehungen. Aber echte Verbundenheit entsteht nicht durch reibungsloses Anpassen. Sie entsteht durch echten Kontakt. Und echter Kontakt setzt voraus, dass Menschen sich zeigen – mit ihrer Meinung, ihrer Unsicherheit, ihrer ehrlichen Reaktion.

Teams, in denen moralische Tapferkeit gelebt wird, sind nachweislich resilienter, kreativer und anpassungsfähiger (Edmondson, 1999). Nicht weil dort keine Konflikte entstehen, sondern weil diese Konflikte ausgesprochen und damit bearbeitbar werden. Tapferkeit schafft den Raum, in dem echter Austausch möglich wird.

Dazu kommt ein weiterer stärkender Faktor: Tapferkeit ist ansteckend. Wer in einer Gruppe als Erster spricht, was andere nur denken, senkt die Hemmschwelle für alle anderen. Wer Haltung zeigt, macht es anderen leichter, ebenfalls Haltung zu zeigen. Biswas-Diener (2012) beschreibt diesen sozialen Multiplikatoreffekt als einen der unterschätzten Wirkungswege von Tapferkeit: Sie verändert nicht nur denjenigen, der mutig handelt – sie verändert den Raum, in dem andere sich bewegen.

In Organisationen, in Gemeinschaften, in Gesellschaften brauchen wir Menschen, die bereit sind, das Richtige zu sagen, bevor es bequem ist. Die widersprechen, bevor der Konsens zementiert ist. Die handeln, bevor jemand anderes den ersten Schritt macht. Das ist keine Frage von Heldentum. Es ist eine Frage von Haltung – und Haltung lässt sich trainieren.

Ein letzter Gedanke

Tapferkeit ist eine Einladung, die das Leben täglich ausspricht – im Meeting, im Gespräch, im stillen Moment vor einer schwierigen Entscheidung. Sie müssen diese Einladung nicht immer annehmen. Aber je öfter Sie es tun, desto mehr werden Sie merken: Die Angst wird nicht kleiner. Aber Sie werden größer.

Quellen:

Bandura, A. (1997). Self-efficacy: The exercise of control: Macmillan.

Biswas-Diener, R. (2012). The courage quotient: How science can make you braver: John Wiley & Sons.

Darley, J. M., & Latané, B. (1968). Bystander intervention in emergencies: diffusion of responsibility. Journal of personality and social psychology, 8(4p1), 377.

Edmondson, A. (1999). Psychological safety and learning behavior in work teams. Administrative science quarterly, 44(2), 350-383.

Grawe, K. (2004). Neuropsychotherapie: Hogrefe Verlag GmbH & Company KG.

Hannah, S. T., Sweeney, P. J., & Lester, P. B. (2007). Toward a courageous mindset: The subjective act and experience of courage. The Journal of Positive Psychology, 2(2), 129-135.

Hayes, S. C., Luoma, J. B., Bond, F. W., Masuda, A., & Lillis, J. (2006). Acceptance and commitment therapy: Model, processes and outcomes. Behaviour research and therapy, 44(1), 1-25.

Jack, D. C., & Ali, A. (2010). Silencing the self across cultures: Depression and gender in the social world: Oxford University Press.

Kobasa, S. C. (1979). Stressful life events, personality, and health: an inquiry into hardiness. Journal of personality and social psychology, 37(1), 1.

Maddi, S. R. (2006). Hardiness: The courage to grow from stresses. The Journal of Positive Psychology, 1(3), 160-168.

Peterson, C., & Seligman, M. E. (2004). Character Strengths and Virtues: A Handbook and Classification (New York: American Psychological Association & Oxford University Press, 2004). Reflective Practice: Formation and Supervision in Ministry.

Pury, C. L., & Lopez, S. J. (2010). The psychology of courage: modern research on an ancient virtue: American Psychological Association.

Rate, C. R., Clarke, J. A., Lindsay, D. R., & Sternberg, R. J. (2007). Implicit theories of courage. The Journal of Positive Psychology, 2(2), 80-98.

Woodard, C. R. (2004). Hardiness and the concept of courage. Consulting Psychology Journal: Practice and Research, 56(3), 173.

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Rebecca van der Linde – Resilienz Akademie GöttingenRebecca van der Linde, M.A. Germanistik und Kulturanthropologie, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Resilienz Akademie. Als Resilienz-Trainerin und Resilienz-Coach betreut sie den Blog der Resilienz Akademie und unterstützt in der konzeptionellen Entwicklung. Zudem agiert als SEO-Managerin für die Website. Ihr Schwerpunkt liegt auf der digitalen Präsenz der Themen rund um individuelle und organisationale Resilienz.

 

 


Sebastian Mauritz - Resilienz-Akademie

Sebastian Mauritz, M.A. Systemische Beratung, ist einer der führenden Experten für angewandte Resilienz in Deutschland. Er ist 6-facher Fachbuchautor, Keynote-Speaker, Resilienz-Lehrtrainer, Systemischer Coach, war und ist Vorstand in vielen Coach- und Trainer-Verbänden und Unternehmer. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich angewandter individueller Resilienz und Prosilienz®, resilienter Führung und Teamresilienz. Er ist Initiator der Resilienz Initiative (www.Resilienz-Initiative.com) und des jährlichen Resilienz-Online-Kongresses mit bisher über 300 Interviews mit Resilienzexpert:innen (www.Resilienz-Kongress.de), Herausgeber des ResilienzLetters (www.ResilienzLetter.de) sowie des Resilienz-Podcasts Rethinking Resilience (www.Rethinking-Resilience.com).

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