Vielleicht kennen Sie solche Momente: Sie verlassen ein Gespräch und irgendetwas sitzt nach. Es ist nichts eindeutiges, eher ein leises Summen, das sich nicht abstellt. Haben Sie zu viel gesagt? Zu wenig? Warum haben Sie plötzlich diesen Ton angeschlagen, obwohl Sie das gar nicht wollten? Warum hat die Aussage der anderen Person so gestochen?
Wir wissen – oder glauben es zumindest – erstaunlich viel über andere Menschen. Wir beobachten, deuten, interpretieren. Doch wie gut kennen wir uns selbst, besonders in dem Moment, in dem wir mit anderen zusammen sind?

Soziale Intelligenz wird oft verstanden als die Fähigkeit, andere zu lesen. Doch die Positive Psychologie beschreibt sie umfassender: als die Fähigkeit, sich der eigenen Gefühle und Motive gegenüber anderen bewusst zu sein und gleichzeitig zu verstehen, was andere antreibt. Im Rahmen der VIA-Klassifikation, dem weltweit größten wissenschaftlichen Katalog menschlicher Charakterstärken, zählt Soziale Intelligenz zu den 24 universellen Stärken und ist der Tugend der Menschlichkeit zugeordnet (Peterson & Seligman, 2004).
Das klingt zunächst abstrakt. Aber im Alltag zeigt sich diese Stärke in den kleinsten Momenten: in der Fähigkeit, innezuhalten, bevor man antwortet. Darin, zu spüren, was gerade in einem selbst vorgeht und warum. Darin, den eigenen Anteil an einer Situation zu erkennen, ohne sich dafür zu verurteilen. In diesem Artikel schauen wir uns an, was das eigentlich bedeutet und was es mit Resilienz zu tun hat.
Warum soziale Intelligenz bei uns selbst beginnt
Soziale Intelligenz klingt zunächst nach einer Fähigkeit, die sich vor allem im Außen zeigt: im geschickten Gespräch, in der empathischen Reaktion, oder im richtigen Ton zur richtigen Zeit. Doch bevor wir andere verstehen können, braucht es eine weniger sichtbare, aber entscheidende Grundlage – das Wissen darüber, was in uns selbst vorgeht. Was fühlen wir gerade, und warum? Was wollen wir eigentlich erreichen? Und stimmt das mit dem überein, was wir nach außen zeigen? Diese innere Klarheit ist keine Selbstverständlichkeit. Und ihr Fehlen hat weitreichende Folgen.
Wenn der Blick nach innen fehlt
Wer sich selbst in sozialen Situationen nicht klar wahrnimmt, handelt häufig auf Autopilot. Man reagiert, statt zu entscheiden. Oder mit noch größeren Auswirkungen: Man sagt Dinge, die man im Nachhinein bereut. Wir interpretieren das Verhalten anderer durch unsere eigene emotionale Brille – ohne zu merken, dass diese Brille getönt ist. Die Folge: Missverständnisse, Konflikte und Beziehungen, in denen man sich unverstanden fühlt – ohne zu wissen, warum.
Tasha Eurich, Organisationspsychologin und Forscherin, hat in einer groß angelegten Studie mit über 5.000 Teilnehmenden herausgefunden, dass zwar 95 % der Menschen glauben, selbstbewusst zu sein – tatsächlich aber nur etwa 10 bis 15 % die Kriterien echter Selbstwahrnehmung erfüllen (Eurich, 2017). Das bedeutet: Die meisten von uns haben blinde Flecken. Das zeigt auf beeindruckende Weise, dass Selbstwahrnehmung eine Fähigkeit ist, die aktiv entwickelt werden kann und muss.
Die Macht der unbewussten Motive
Leider ist es nun so, dass diese blinden Flecken meist unmittelbar mit einem musterhaften Verhalten einhergehen. Denn hinter vielen unserer sozialen Reaktionen stecken Motive, die wir selbst kaum kennen. Wir verteidigen einen Standpunkt, aber eigentlich geht es uns um Anerkennung. Wir helfen scheinbar selbstlos, aber ein Teil davon ist der Wunsch, gebraucht zu werden. Wir schweigen, weil wir Ablehnung fürchten, nicht weil wir keine Meinung hätten.
David McClelland, einer der einflussreichsten Motivationsforscher des 20. Jahrhunderts, beschrieb Motive als affektiv aufgeladene Netzwerke rund um Zielzustände. Mit anderen Worten also als emotionale Verknüpfungen zwischen Situationen und dem, was wir in ihnen anstreben (McClelland, 1987). Wir suchen auf, was positiv besetzt ist, und meiden, was negativ besetzt ist. Motive wirken dabei wie unsichtbare Gravitationsfelder: Sie ziehen unser Verhalten in bestimmte Richtungen, lange bevor wir darüber nachgedacht haben.
John Bargh und Tanya Chartrand konnten in ihrer wegweisenden Forschung zeigen, dass ein Großteil unseres alltäglichen Denkens, Fühlens und Handelns automatisch abläuft – ohne bewusste Steuerung (Bargh & Chartrand, 1999). Das ist nicht problematisch per se, denn Automatismen machen unser Leben effizienter. Schwierig wird es allerdings, wenn unbewusste Motive unser soziales Miteinander lenken, ohne dass wir es merken. Dann reagieren wir nicht auf die Situation vor uns, sondern auf eine Geschichte in uns. Etwa auf alte Erfahrungen, unerfüllte Bedürfnisse und tief verankerte Überzeugungen.
Die Grenzen der Selbstkenntnis
Was ist nun die Lösung? Wäre es nicht einfach, wenn wir uns nur gut genug in uns hineinschauen müssten und schon wären unsere Motive klar? Leider ist eine solche Introspektion allein kein zuverlässiges Werkzeug. Psychologische Forschung hat ergeben, dass Menschen oft nicht in der Lage sind, die wahren Ursachen ihrer eigenen Gefühle und Verhaltensweisen zu benennen – selbst wenn sie ernsthaft nachdenken (Wilson & Dunn, 2004). Wir konstruieren im Nachhinein schlüssige Erklärungen, die sich zwar stimmig anfühlen, aber nicht unbedingt zutreffen.
Emily Pronin spricht in diesem Zusammenhang von der „Introspektionsillusion“: Wir glauben, einen besonders direkten und verlässlichen Zugang zu unserer inneren Welt zu haben, was dazu führt, dass wir unsere Selbsteinschätzungen überschätzen und Korrekturen von außen abwehren (Pronin, 2009). Soziale Intelligenz bedeutet deshalb nicht, alle eigenen Motive lückenlos zu kennen. Es bedeutet, neugierig und offen zu bleiben für das, was noch im Verborgenen liegt.
Was hat soziale Intelligenz mit Resilienz zu tun?
Angewandte individuelle Resilienz ist keinesfalls eine Kompetenz oder Fähigkeit, die wir völlig isoliert stärken oder nutzen. Sie ist immer auch ein Teil von Beziehungen: Soziale Unterstützung ist nicht umsonst einer der wohl stärksten Schutzfaktoren für unsere psychische Widerstandskraft. Doch das setzt auch voraus, dass wir wissen, was wir selbst in Beziehungen einbringen – welche Muster, welche Bedürfnisse, welche unausgesprochenen Erwartungen.
Wer die eigenen Gefühle und Motive im sozialen Kontext kennt, kann in belastenden Situationen klarer und bewusster reagieren, statt automatisch auf Muster zurückzugreifen. Eurich (2017) beschreibt Selbstwahrnehmung sogar als einen der stärksten Prädiktoren für Führungserfolg, Teamleistung und persönliche Zufriedenheit – und damit als eine Grundlage, auf der stabile, tragfähige Beziehungen entstehen können. Genau diese Beziehungen sind es, die uns in Krisen halten.
Soziale Intelligenz ist in diesem Sinne keine soziale Höflichkeit und kein kommunikatives Talent. Sie ist eine Form innerer Klarheit und damit ein wirksamer Baustein angewandter Resilienz.
Was ist die Charakterstärke soziale Intelligenz?
Soziale Intelligenz könnte als vieles verstanden werden: Schlagfertigkeit, Charme oder die Fähigkeit, gut mit Menschen umzugehen. In der Positiven Psychologie ist sie jedoch eine erlernbare, kultivierbare Stärke, die sich auf die Wahrnehmung unseres Inneren richtet: Wie fühlen wir im Kontakt mit anderen Menschen und was treibt uns im Denken, Fühlen und Handeln an?
Definition in der Positiven Psychologie
Im Rahmen der VIA-Klassifikation, Values in Action, beschreiben Christopher Peterson und Martin Seligman soziale Intelligenz als die Fähigkeit, sich der eigenen Gefühle und Motive bewusst zu sein, und gleichzeitig zu verstehen, was andere Menschen antreibt (Peterson & Seligman, 2004). Es geht also nicht nur darum, andere zu lesen, sondern insbesondere darum, sich selbst zu kennen, wenn man mit anderen zusammen ist.
Diese Doppelrichtung ist entscheidend. Soziale Intelligenz beginnt innen und wirkt nach außen. Wer weiß, warum er in bestimmten Situationen nervös wird, wer ungeduldig reagiert oder sich zurückzieht, kann bewusster entscheiden, wie er handelt. Und wer die eigenen Motive kennt, kann auch die Motive anderer klarer wahrnehmen, ohne alles durch den Filter der eigenen Bedürfnisse zu verzerren.
Soziale Intelligenz gehört im VIA-Modell zur Tugend der Menschlichkeit – gemeinsam mit Freundlichkeit und Bindungsfähigkeit. Diese Zuordnung ist kein Zufall. Alle drei Stärken dieser Tugend haben dasselbe Herzstück: die Hinwendung zum anderen Menschen, getragen von echtem Interesse und Wärme. Während Freundlichkeit sich im Tun zeigt und Liebe in tiefer Verbundenheit, zeigt sich soziale Intelligenz im Wahrnehmen. Im aufmerksamen, neugierigen Blick auf das, was zwischen Menschen geschieht.
Das macht sie zu einer unsichtbaren, aber tragenden Stärke. Obwohl sie sich nicht in großen Handlungen zeigt, wird deutlich: wo sie fehlt, ist das Miteinander spürbar schwieriger.
Was soziale Intelligenz nicht ist: Empathie und Emotionale Intelligenz
Soziale Intelligenz, Empathie und Emotionale Intelligenz werden häufig synonym verwendet. Und sie sind auch eng miteinander verknüpft, jedoch beschreiben sie unterschiedliche Fähigkeiten.
Empathie
Empathie meint die Fähigkeit, nachzuempfinden, was ein anderer Mensch erlebt. Die Forschung unterscheidet zwei grundlegend verschiedene Formen (Decety & Jackson, 2004): Affektive Empathie beschreibt das emotionale Mitschwingen – das unmittelbare Spüren dessen, was jemand anderes fühlt. Es ist ein Resonanzphänomen, das oft unwillkürlich geschieht. Kognitive Empathie hingegen meint die Fähigkeit, die Perspektive eines anderen Menschen einzunehmen, seine Gedanken und Gefühle zu verstehen, ohne sie selbst zu fühlen. Man könnte sagen: Affektive Empathie fühlt mit, kognitive Empathie denkt mit.
Beide Formen sind wertvoll und beide richten sich vor allem nach außen, auf das Erleben des anderen. Soziale Intelligenz schließt diese empathischen Fähigkeiten ein, geht aber in eine weitere Richtung: Sie fragt auch, was in mir selbst vorgeht und warum. Was löst diese Person gerade in mir aus? Welches eigene Bedürfnis wird hier berührt? Diese Selbstwahrnehmung im sozialen Moment ist das, was Soziale Intelligenz von Empathie unterscheidet – und was sie zu einer besonders tiefgreifenden Stärke macht.
Impathie
Die Psychologin Dr. Stefanie Neubrand beschreibt ein Konzept, das diesen Faktor ergänzt: die Impathie. Gemeint ist damit die Fähigkeit, die eigenen inneren Zustände wahrzunehmen – Gefühle, körperliche Empfindungen, aufsteigende Impulse. Impathie ist gewissermaßen Empathie nach innen: kein Mitschwingen mit dem anderen, sondern ein achtsames Spüren des eigenen Erlebens.
Impathie und Soziale Intelligenz sind nah verwandt – aber nicht dasselbe. Impathie beschreibt die Wahrnehmung: Was nehme ich in mir gerade wahr? Soziale Intelligenz geht einen Schritt weiter und fragt: Was bedeutet das – für mich, für den anderen, für das, was hier gerade zwischen uns geschieht? Sie verbindet die innere Wahrnehmung mit Verstehen und Handeln.
Emotionale Intelligenz
Emotionale Intelligenz, wie sie Peter Salovey und John Mayer ursprünglich beschrieben haben, umfasst vier aufeinander aufbauende Fähigkeiten: Emotionen wahrnehmen, sie nutzbar machen, verstehen und schließlich regulieren (Salovey & Mayer, 1990). Dieses Modell ist zunächst vor allem nach innen gerichtet – es geht darum, die eigene emotionale Welt zu erkennen und zu steuern. Daniel Goleman hat das Konzept später für ein breites Publikum zugänglich gemacht und dabei zunehmend auch soziale Kompetenzen einbezogen – etwa Empathie und die Fähigkeit, Beziehungen zu gestalten (Goleman, 1995). Doch selbst in dieser erweiterten Form bleibt Emotionale Intelligenz im Kern eine individuelle Kompetenz: Sie beschreibt, was in mir vorgeht – und wie ich damit umgehe.
Soziale Intelligenz denkt von Anfang an in Begegnungen. Sie entsteht nicht im Stillen, sondern im Kontakt – in dem Moment, in dem zwei Menschen miteinander reden, sich missverstehen, sich annähern oder distanzieren. Sie fragt nicht nur: „Was fühle ich?“, sondern: „Was passiert zwischen uns – und was trägt mein Innenleben dazu bei?“
Abgrenzung zur sozialen Intelligenz
Goleman hat diese Unterscheidung selbst aufgegriffen und soziale Intelligenz als eigenständiges Konzept beschrieben: als die Fähigkeit, im sozialen Moment präsent, feinfühlig und wirkungsbewusst zu agieren (Goleman, 2006). Die Idee der Sozialen Intelligenz ist dabei keine neue.
Edward Thorndike prägte den Begriff bereits 1920 und beschrieb sie als die Fähigkeit, mit Menschen umzugehen – klug, feinfühlig und situationsgerecht (Thorndike, 1920). Goleman hat diesen Gedanken ein Jahrhundert später neurobiologisch untermauert und in zwei Dimensionen ausdifferenziert:
- Soziales Gewahrsein: das Wahrnehmen von Gefühlen, Absichten und Dynamiken beim anderen
- Soziale Handlungsfähigkeit: die Fähigkeit, mit dieser Wahrnehmung wirksam umzugehen
Was bei beiden Ansätzen jedoch in den Hintergrund tritt, ist die eigene Person: Der Blick richtet sich vor allem nach außen, auf den anderen. Genau hier setzt die Positive Psychologie einen entscheidenden Akzent. Peterson und Seligman erweitern das Konzept um die Selbstdimension – und beschreiben soziale Intelligenz nicht als Kompetenz, die man hat oder nicht hat, sondern als Stärke, die wachsen kann: durch Aufmerksamkeit, Übung und die Bereitschaft, sich selbst im Spiegel der Begegnung zu betrachten (Peterson & Seligman, 2004).

Wie stärken wir soziale Intelligenz?
Soziale Intelligenz ist im Gegensatz zu der Intelligenz, die wir mit dem IQ beschreiben, nichts Angeborenes oder Festgelegtes. Sie ist – wie alle 24 Charakterstärken der VIA-Klassifikation – eine Fähigkeit, die sich durch Aufmerksamkeit und Übung entwickeln lässt. Der Schlüssel liegt dabei nicht in aufwändigen Techniken oder theoretischem Wissen, sondern in kleinen, bewussten Momenten des Innehaltens im Alltag. Es geht darum, die eigene Wahrnehmung zu schärfen für das, was in einem selbst vorgeht, wenn man mit anderen zusammen ist. Die folgenden drei Übungen bieten konkrete Einstiegspunkte, um diese Stärke Schritt für Schritt zu kultivieren.
Übung 1: Gefühle benennen – der Moment-Check
Eine der wirkungsvollsten und zugleich einfachsten Methoden zur Stärkung der Selbstwahrnehmung ist das bewusste Benennen von Gefühlen – direkt in dem Moment, in dem sie entstehen. Matthew Lieberman und sein Forschungsteam konnten zeigen, dass das bloße Verbalisieren einer Emotion – auch nur innerlich – die Aktivität der Amygdala messbar reduziert und damit die emotionale Intensität dämpft (Lieberman et al., 2007). Gefühle zu benennen, bedeutet sie zu regulieren – und damit handlungsfähig zu bleiben.
In der Praxis kann das so aussehen: Halten Sie nach einem Gespräch oder in einer sozialen Situation kurz inne und fragen Sie sich:
- Was fühle ich gerade?
Nicht „Wie war das Gespräch?“, sondern: Was ist in mir? Erleichterung, Anspannung, Neugier, leichte Gereiztheit? Je präziser das Vokabular, desto klarer die Selbstwahrnehmung. Wer regelmäßig übt, Gefühle zu benennen, entwickelt mit der Zeit eine feinere emotionale Landkarte, und damit die Grundlage für soziale Intelligenz.
Übung 2: Die Motivfrage – Was wollte ich eigentlich gerade?
Hinter jedem sozialen Verhalten steckt ein Motiv – doch dieses Motiv ist nicht immer das, was wir auf den ersten Blick annehmen. Vielleicht haben wir in einem Meeting das Wort ergriffen, weil wir etwas Wichtiges beitragen wollten, oder weil wir gesehen werden wollten. Vielleicht haben wir geschwiegen, weil wir rücksichtsvoll waren, oder weil wir Konflikten ausweichen. Beides ist menschlich. Der Unterschied liegt im Bewusstsein.
Nehmen Sie sich nach einem bedeutsamen Gespräch zwei bis drei Minuten Zeit und stellen Sie sich drei Fragen:
- Was wollte ich in dieser Situation erreichen?
- Was habe ich tatsächlich getan – und hat das dazu gepasst?
- Was hätte ich gebraucht, um authentischer zu handeln?
Diese Reflexion ist keine Selbstkritik, sondern eine freundliche Erkundung. Sie stärkt die Fähigkeit, das eigene Handeln zunehmend mit den eigenen Werten und Bedürfnissen in Einklang zu bringen – ein Kernaspekt Sozialer Intelligenz.
Übung 3: Körpersignale als sozialer Kompass
Der Körper weiß oft mehr als der Verstand. Jeder von uns kennt Anspannung in den Schultern vor einer wichtigen Präsentation oder ein Ziehen im Bauch, wenn wir etwas Unangenehmes ansprechen müssen. All das sind Signale, die uns etwas über unsere soziale Situation erzählen, noch bevor wir anfangen, darüber nachzudenken. Der Neurowissenschaftler Antonio Damasio hat mit seiner somatischen Marker-Hypothese gezeigt, dass körperliche Empfindungen maßgeblich an unseren sozialen Entscheidungen beteiligt sind. Und dass Menschen, die keinen Zugang zu diesen Signalen haben, soziale Situationen schlechter einschätzen können (Damasio, 1994).
Auch hierzu gibt es eine einfache Übung: Machen Sie vor oder nach sozialen Begegnungen einen kurzen Körper-Check-In. Atmen Sie bewusst ein und aus, und fragen Sie sich:
- Wo spüre ich gerade etwas? Wo halte ich Anspannung? Wo fühle ich mich weit oder eng?
Diese Körperwahrnehmung ist ein präzises Instrument der Selbsterkenntnis, das soziale Intelligenz von innen heraus nährt.
Was sich verändert, wenn wir soziale Intelligenz stärken
Charakterstärken entfalten ihre Wirkung nicht im Stillen. Sie zeigen sich in der Art, wie wir Entscheidungen treffen, Beziehungen gestalten und mit Schwierigkeiten umgehen. Soziale Intelligenz ist dabei eine besonders leise Stärke – sie fällt selten auf, aber ihr Fehlen ist spürbar. Wer sie kultiviert, verändert nicht dramatisch, wer er ist. Er beginnt vielmehr, klarer zu sehen – sich selbst, die anderen, und das, was zwischen ihnen geschieht. Und aus dieser Klarheit heraus wächst etwas, das sich in vielen Lebensbereichen bemerkbar macht.
Gelebte Soziale Intelligenz stärkt:
- die Qualität und Tiefe persönlicher Beziehungen
- die Fähigkeit, Missverständnisse früher zu erkennen und zu klären
- die eigene Authentizität im Umgang mit anderen
- die Resilienz in Teams und in der Führung
- das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung
Echte Verbindung entsteht durch Selbstkenntnis
Wer sich selbst besser kennt, wird für andere zugänglicher. Denn Menschen, die ihre eigenen Gefühle und Motive kennen, kommunizieren klarer, setzen gesündere Grenzen und sind weniger anfällig dafür, eigene Bedürfnisse unbewusst auf andere zu projizieren. Das schafft Vertrauen – weil Authentizität spürbar ist, auch wenn man sie nicht benennen kann.
Soziale Intelligenz ist dabei eine Charakterstärke, die Beziehungen und damit einen wichtigen Resilienzfaktor besonders wirkungsvoll stärkt, weil sie direkt an der Schnittstelle zwischen Innen- und Außenwelt ansetzt: Sie verbessert nicht nur, wie wir uns selbst erleben, sondern wie wir von anderen erlebt werden.
Weniger Missverständnisse, mehr Klarheit
Viele Konflikte in Beziehungen entstehen nicht aus böser Absicht, sondern aus mangelnder Selbstwahrnehmung. Wir reagieren gereizt und nennen es Müdigkeit. Wir ziehen uns zurück und nennen es Introversion. Wir fordern und nennen es Klarheit. Wer die eigenen Motive und Gefühle besser kennt, kann ehrlicher kommunizieren – und gibt dem anderen damit die Möglichkeit, wirklich zu antworten, statt nur zu reagieren.
Eurich (2017) beschreibt Selbstwahrnehmung als einen der stärksten Prädiktoren für Beziehungsqualität: Menschen mit hoher Selbstkenntnis berichten von weniger chronischen Konflikten, mehr gegenseitigem Verständnis und einer größeren Bereitschaft, Verantwortung für den eigenen Anteil in schwierigen Situationen zu übernehmen.
Resilienz in Teams und Führung
Soziale Intelligenz ist zwar eine wertvolle persönliche Ressource, doch sie wirkt auch in Gruppen. In Teams, in denen einzelne Mitglieder gut entwickelte soziale Selbstwahrnehmung mitbringen, entstehen eher sichere Gesprächskulturen: Menschen sprechen aus, was sie wahrnehmen, fragen nach, statt zu interpretieren, und übernehmen Verantwortung für ihre eigene Wirkung. Das stärkt nicht nur das Miteinander, sondern die kollektive Resilienz der Gruppe. Die Fähigkeit, gemeinsam mit Druck, Unsicherheit und Veränderung umzugehen.
Für Führungskräfte ist diese Stärke besonders relevant. Die eigene emotionale Verfassung, die eigenen unausgesprochenen Erwartungen, die eigene Art, mit Unsicherheit umzugehen – all das überträgt sich auf das Team. Eurich (2017) zeigt auch, dass Führungskräfte mit hoher Selbstwahrnehmung als deutlich glaubwürdiger, empathischer und wirksamer wahrgenommen werden. Soziale Intelligenz in der Führung bedeutet also nicht, immer die richtigen Worte zu finden – sondern zu wissen, aus welchem inneren Zustand heraus man spricht.
Ein letzter Gedanke: Die Neugier auf sich selbst
Soziale Intelligenz lässt sich trainieren, jedoch nicht erzwingen. Sie wächst dort, wo Neugier auf sich selbst entsteht. Dazu braucht es eine freundliche, nicht wertende Aufmerksamkeit für das eigene Erleben in der Begegnung mit anderen.
Die Einladung dieses Artikels ist einfach: Beginnen Sie, sich selbst in sozialen Momenten ein wenig mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Was fühlen Sie gerade? Was wollen Sie wirklich? Was sagt Ihr Körper, bevor Ihr Verstand die Antwort kennt? Diese Fragen führen nicht in die Selbstbezogenheit – sie führen zu echter Verbindung. Denn wer sich selbst kennt, begegnet anderen freier, klarer und aufrichtiger. Und genau das ist es, was Beziehungen trägt. Besonders dann, wenn es schwierig wird.
Quellen
Bargh, J. A., & Chartrand, T. L. (1999). The unbearable automaticity of being. American Psychologist, 54(7), 462.
Damasio, A. R. (1994). Descartes‘ error: Emotion, reason and the human brain. Putnam.
Decety, J., & Jackson, P. L. (2004). The functional architecture of human empathy. Behavioral and cognitive neuroscience reviews, 3(2), 71-100.
Eurich, T. (2017). Insight: Why we’re not as self-aware as we think, and how seeing ourselves clearly helps us succeed at work and in life: Currency.
Goleman, D. (1995). Emotional intelligence: Why it can matter more than IQ: Bantam.
Goleman, D. (2006). Social intelligence: The new science of human relationships: Bantam.
Lieberman, M. D., Eisenberger, N. I., Crockett, M. J., Tom, S. M., Pfeifer, J. H., & Way, B. M. (2007). Putting feelings into words. Psychological science, 18(5), 421-428.
McClelland, D. (1987). Human Motivation, Cambridge University Press, Cambridge.
Peterson, C., & Seligman, M. E. (2004). Character Strengths and Virtues: A Handbook and Classification (New York: American Psychological Association & Oxford University Press, 2004). Reflective Practice: Formation and Supervision in Ministry.
Pronin, E. (2009). The introspection illusion. Advances in experimental social psychology, 41, 1-67.
Salovey, P., & Mayer, J. D. (1990). Emotional intelligence. Imagination, cognition and personality, 9(3), 185-211.
Thorndike, E. L. (1920). Intelligence and its uses. Harper’s magazine, 140, 227-235.220.
Wilson, T. D., & Dunn, E. W. (2004). Self-knowledge: Its limits, value, and potential for improvement. Annu. Rev. Psychol., 55(1), 493-518.
Bildquelle: Grafiken: ChatGPT
www.depositphotos.com: Frustrated woman in depression@ArturVerkhovetskiy, The light trails on the modern building @ snvv, Business teamwork join hands together. Business teamwork concept@ Jcomp, Empathy@ Devon, Top view of red, black and white pointers on grey background@ AntonMatyukha, Top view of connected puzzle pieces@ AndrewLozovyi, Thinking mature adult woman@ kadettmann
Rebecca van der Linde, M.A. Germanistik und Kulturanthropologie, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Resilienz Akademie. Als Resilienz-Trainerin und Resilienz-Coach betreut sie den Blog der Resilienz Akademie und unterstützt in der konzeptionellen Entwicklung. Zudem agiert als SEO-Managerin für die Website. Ihr Schwerpunkt liegt auf der digitalen Präsenz der Themen rund um individuelle und organisationale Resilienz.

Sebastian Mauritz, M.A. Systemische Beratung, ist einer der führenden Experten für angewandte Resilienz in Deutschland. Er ist 6-facher Fachbuchautor, Keynote-Speaker, Resilienz-Lehrtrainer, Systemischer Coach, war und ist Vorstand in vielen Coach- und Trainer-Verbänden und Unternehmer. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich angewandter individueller Resilienz und Prosilienz®, resilienter Führung und Teamresilienz. Er ist Initiator der Resilienz Initiative (www.Resilienz-Initiative.com) und des jährlichen Resilienz-Online-Kongresses mit bisher über 300 Interviews mit Resilienzexpert:innen (www.Resilienz-Kongress.de), Herausgeber des ResilienzLetters (www.ResilienzLetter.de) sowie des Resilienz-Podcasts Rethinking Resilience (www.Rethinking-Resilience.com).