Vielleicht erinnern Sie sich an einen Moment, in dem Sie etwas Neues gewagt haben – nicht, weil Sie mussten, sondern weil etwas in Ihnen „Lust auf mehr“ hatte. Vielleicht war es dieser Augenblick im Restaurant, als Sie zum ersten Mal nicht Ihr Stammgericht bestellt haben, sondern neugierig über die Speisekarte strichen und ein Gericht, dessen Name Sie nicht ganz aussprechen konnten, die Emotion Interesse in Ihnen weckte.
Dieses innere Aufleuchten, dieses kleine Abenteuer im Kopf, ist Entdeckerfreude. Und genau sie ist ein unterschätzter, aber entscheidender Baustein unserer Resilienz. Sie hält uns beweglich, offen, wach. Sie hilft uns, Unsicherheit nicht als Bedrohung zu erleben, sondern als Einladung. Und manchmal beginnt sie tatsächlich in einem so unscheinbaren Moment wie dem Blick in eine Speisekarte – doch sie wirkt weit über ihn hinaus.
Warum ist Neugier eine Charakterstärke?
Neugier ist eine unserer ältesten Überlebensstrategien. Sie bringt uns dazu, die Welt zu erkunden, Zusammenhänge zu verstehen und Lösungen zu entdecken, die vorher nicht sichtbar waren. In Momenten, in denen wir vor etwas Neuem stehen – sei es eine Herausforderung, eine Chance oder eine unerwartete Wendung – entscheidet unser Zugang zu Neugier darüber, ob wir uns verengen oder öffnen.
Psychologisch betrachtet zählt Neugier zu den Schlüsselstärken der menschlichen Entwicklung. Sie lässt uns nicht nur lernen, sondern auch wachsen. Menschen, die neugierig bleiben, sind nachweislich flexibler, kreativer und psychisch widerstandsfähiger (T. B. Kashdan & Silvia, 2009). Sie erleben häufiger angenehme Emotionen, weil sie sich selbst in Situationen bringen, die neue Energien freisetzen. Barbara Fredrickson beschreibt dies in ihrer Broaden-and-Build-Theorie: Offenheit und Erkundungsbereitschaft erweitern unser Denken und bauen langfristig emotionale und soziale Ressourcen auf (Fredrickson, 2001).
Neugier ist also weit mehr als ein „interessiert sein“ – sie ist ein psychologischer Motor, der unsere Resilienz von innen heraus stärkt.
Was passiert, wenn die Neugier fehlt?
So wertvoll Neugier ist, ebenso spürbar sind die Folgen, wenn sie in unserem Alltag zu kurz kommt. Neugier ist eine enorme Bewegungsenergie. Fehlt sie, wird unser inneres Navigationssystem starr und statt auf Möglichkeiten zu schauen, fixieren wir uns auf Risiken. Statt auf Entdeckung gehen wir in Vermeidung. Wir könnten auch in anderen Worten sagen: Wir werden innerlich rigide.
Verlust emotionaler Flexibilität
Neugier hält uns mental und emotional in Bewegung. Wenn sie fehlt, verengt sich unser Blick auf Probleme statt auf Lösungen. Sicher haben Sie es selbst schon einmal gespürt, wie sich unser Blick unter Stress verengt, doch die Forschung zeigt auch, dass es umgekehrt ist. Eine geringe neugierbezogene Offenheit geht mit höherem Stresserleben, Grübeln und einer stärkeren Bedrohungsfokussierung einher (T. B. Kashdan & Steger, 2007). Wir verlieren die Fähigkeit, uns selbst zu überraschen – und damit oft auch die Hoffnung, dass eine Situation anders werden kann.
Angst statt Interesse
Neurologisch sind sich Interesse und Angst sehr ähnlich, denn beide Emotionen aktivieren Systeme, die auf Unsicherheit reagieren. Der Unterschied ist jedoch, dass Angst im Verhalten zu Rückzug führt, während Interesse für Annäherung sorgt.
Wenn wir unsere Neugier unterdrücken – etwa durch Perfektionismus, Überforderung, Kritik oder starre Routinen – dominiert häufiger der Schutzmodus. Die Folge: Wir trainieren uns an, neue Erfahrungen zu vermeiden, obwohl wir sie bräuchten, um uns kompetent und lebendig zu fühlen.
Fehlende Neugier als Beziehungskiller
Neugier wirkt nicht nur nach innen, sondern auch nach außen. Sie ist eine Kraft, die jegliche Form von Beziehungen lebendig hält.
Forscher wie Todd Kashdan zeigen, dass Menschen mit hoher sozialer Neugier tiefere, erfüllendere Beziehungen führen, weil sie sich wirklich für andere interessieren (T. B. Kashdan & Roberts, 2004). Wenn Neugier fehlt, entstehen häufiger Missverständnisse, Oberflächlichkeit oder Distanz. Außerdem nimmt die Fähigkeit, andere Perspektiven einzunehmen, ab – eine zentrale Kompetenz der Resilienz.
Weniger Kreativität und Selbstwirksamkeit
Neugier ist die Voraussetzung für kreatives Denken. Ohne sie bleiben wir gedanklich auf bekannten Wegen und fühlen uns schneller blockiert.
Ein Mangel an Neugier führt häufig zu:
- starren Denkmustern
- reduzierte Problemlösefähigkeit
- geringerer Innovationsbereitschaft
Gerade in Krisenzeiten kann dies unseren Handlungsspielraum erheblich einschränken. Schlimmer noch, wir senken damit auch unser Selbstwirksamkeitsempfinden für kommende Herausforderungen. Neugier lässt uns erleben: „Ich kann damit umgehen, auch wenn es neu und unbekannt ist“. Fehlt diese Erfahrung, schwächt sich das eigene Kompetenzgefühl ab. Wir empfinden dann Herausforderungen schneller als überwältigend.
Warum Neugier ein Schutzfaktor für Resilienz ist
Resilienz entsteht nicht nur durch Durchhalten, sondern durch Offenheit — durch das innere „Ich will verstehen“ statt „Ich will weg“. Neugier wandelt Unsicherheit in eine Art Forschungsreise. Sie hilft uns, Emotionen zu regulieren, Mut zu fassen und neue Perspektiven einzunehmen.
Wenn wir neugierig bleiben…
- erweitern wir unser Denken, statt uns einzuengen
- schaffen wir Zugang zu angenehmen Emotionen
- fördern wir kognitive Flexibilität und Anpassungsfähigkeit
- stärken wir soziale Bindungen
- entwickeln wir ein Gefühl von Kompetenz und Selbstwirksamkeit
Kurz gesagt: Neugier ist die Kraft, die uns in Bewegung hält, besonders dann, wenn das Leben uns eigentlich zum Stillstand zwingen möchte.
Was ist die Charakterstärke Neugier?
Neugier gehört zu den 24 universellen Charakterstärken der Positiven Psychologie (Peterson & Seligman, 2004). Sie beschreibt nicht nur das oberflächliche „Interesse an etwas Neuem“, sondern eine tiefe innere Bewegung: das Bedürfnis, die Welt zu erkunden, zu verstehen, zu hinterfragen und sich auf Unbekanntes einzulassen.
Wenn wir neugierig sind, öffnen wir uns – mental, emotional und körperlich. Unser Gehirn schaltet in einen explorativen Modus, der Dopamin ausschüttet, unsere Aufmerksamkeit fokussiert und uns empfänglicher für Lernen macht. Neugier bringt uns in Kontakt mit der Welt und mit uns selbst. Sie ist der Funke, der Erkenntnisse entzündet.
Im Folgenden schauen wir uns an, weshalb diese Charakterstärke nicht ein bloßes Persönlichkeitsmerkmal ist, sondern ein dynamischer Zustand: Sie kann geweckt, gedämpft und kultiviert werden. Und sie zeigt sich auf verschiedene Arten.
Die fünf Dimensionen der Neugier
Der bereits erwähnte Psychologe Todd Kashdan zählt zu den führenden Forschern von Neugier. In einem Kapitel dazu im Buch „The Upside of Your Darkside“ gemeinsam mit Robert Biswas-Diener beschreibt er Neugier nicht als einzelne Fähigkeit. Sondern als eine Komposition aus fünf Facetten, die im Zusammenspiel ergeben, wie wir Neuem begegnen (T. Kashdan & Biswas-Diener, 2014):
- Joyous Exploration (Freudige Entdeckerlust)
- Deprivation Sensitivity (Empfindlichkeit für Wissenslücken)
- Stress Tolerance (Unsicherheitstoleranz)
- Social Curiosity (Soziale Neugier)
- Thrill Seeking (Abenteuerlust)
Joyous Exploration – Die freudige Entdeckungslust
Das ist die klassische Form von Neugier: Staunen, Begeisterung, Lust am Lernen.
Menschen mit hoher Joyous Exploration spüren eine innere Lebendigkeit, wenn sie auf Neues treffen (T. B. Kashdan & Steger, 2007). Diese Facette hängt eng mit angenehmen Emotionen generell und höherem Wohlbefinden zusammen.
Deprivation Sensitivity – Die Neugier aus Unvollständigkeit
Diese Facette wird aktiv, wenn wir etwas nicht wissen – und das Gefühl haben, dass diese Wissenslücke ein „mentales Jucken“ erzeugt. Sie ist nicht immer angenehm, aber hoch wirksam: Sie treibt Problemlösung, tiefes Denken und intellektuelles Lernen an.
Denn die Motivationspsychologie zeigt, dass unser Gehirn unvollständige Informationen schwer „aushalten“ kann. Genau hier knüpft der Zeigarnik-Effekt an: Er beschreibt das Phänomen, dass wir uns an unterbrochene, ungelöste oder unvollständige Aufgaben deutlich besser erinnern als an abgeschlossene (Zeigarnik, 1927).
Social Curiosity – Die soziale Neugier
Soziale Neugier zeigt sich im aufrichtigen Interesse am Innenleben anderer Menschen – in Fragen wie: „Warum denkt sie so?“ oder „Was hat ihn geprägt?“. Wer so fragt, sammelt keine Informationen, um zu bewerten, sondern um zu verstehen. Sie fördert Empathie, weil sie uns einlädt, die Welt mit den Augen des Gegenübers zu betrachten, und sie stärkt Vertrauen, weil echtes Interesse Nähe signalisiert.
Die Forschung zeigt, dass soziale Neugier mit höherer Beziehungszufriedenheit, größerer sozialer Selbstwirksamkeit und mehr emotionaler Verbundenheit einhergeht (Kashdan & Roberts, 2004).
Stress Tolerance – Die Fähigkeit, Unsicherheit auszuhalten
Neugier bedeutet immer auch Risiko: Ich weiß nicht, was kommt. Menschen mit hoher Stress Tolerance können diese Unsicherheit besser regulieren – eine entscheidende Komponente von Resilienz. Wer wenig davon besitzt, vermeidet Neues eher, selbst wenn Interesse da wäre (Grupe & Nitschke, 2013).
Thrill Seeking – Die Suche nach intensiven Erlebnissen
Dies ist die am stärksten körperorientierte Facette: das Bedürfnis nach Abwechslung, Aufregung, Abenteuer. In Maßen kann sie Energie geben – in Extremen kann sie aber auch riskant werden (Zuckerman, 2007).
Wichtig ist: Sie ist nicht das Gleiche wie die Charakterstärke Neugier – sie ist nur ein möglicher Ausdruck des Explorationsverhaltens.
Was passiert im Gehirn, wenn wir neugierig sind?
Neugier ist nicht nur ein wertvoller mentaler Zustand und eine Charakterstärke – sondern ein neurobiologisches Aktivierungsprogramm, das unser Gehirn in einen hochsensiblen Lern- und Entdeckungsmodus schaltet. Sobald wir etwas Interessantes wahrnehmen, verändert sich die Aktivität in mehreren Bereichen, die gemeinsam bestimmen, wie wach, motiviert und aufnahmefähig wir sind.
Dopamin und das Belohnungsnetzwerk
Wenn Neugier geweckt wird, steigt die Aktivität im dopaminergen Belohnungssystem – insbesondere im Nucleus accumbens und im ventralen tegmentalen Areal (VTA).
Diese Aktivierung führt zu dem Gefühl von energetischer Aufmerksamkeit, Vorfreude und innerem Antrieb. Es ist derselbe Mechanismus, der auch bei Belohnungserwartung wirksam wird.
Neugier verstärkt die Ausschüttung von Dopamin – und Dopamin moduliert direkt, wie gut wir neue Informationen aufnehmen können (Kang et al., 2009). Und je stärker unsere Neugier, desto größer ist auch die Aktivierung in den Belohnungsnetzwerken unseres Gehirns. Das bedeutet für uns, neugierig zu sein ist eine starke intrinsische Motivation für das Lernen – ohne dass wir überhaupt wissen, ob uns das Neue nützen wird.
Hippocampus und Gedächtnisbildung
Der Hippocampus ist das Zentrum unseres deklarativen Gedächtnisses. Wenn wir neugierig sind, wird er besonders empfänglich.
- Er kodiert neue Informationen schneller.
- Er speichert sie nachhaltiger ab.
- Er reagiert sogar stärker auf neutrale Informationen, wenn sie in einem neugierigen Zustand aufgenommen wurden.
Eine Studie aus dem Jahr 2014 zeigte zu letztem Punkt ein erstaunliches Ergebnis: Nicht nur, das Neugier die Aktivierung des Hippocampus steigert, sondern die Gedächtnisleistung verbessert sich sogar auch für Inhalte, die mit dem neugierig machenden Stimulus gar nichts zu tun hatten (Gruber, Gelman & Ranganath, 2014). Daraus können wir für den Alltag ableiten, dass Neugier wie ein neurobiologisches „Sogfeld“ erschafft, dass unser Erlebtes und Gelerntes leichter und tiefer ins Gedächtnis zieht.
Präfrontaler Cortex und Problemlösung
Neugier aktiviert außerdem Regionen im dorsolateralen und ventromedialen präfrontalen Cortex (dlPFC/vmPFC), die zuständig sind für:
- fokussierte Aufmerksamkeit
- Entscheidungsfindung
- Problemlösung
- flexible Anpassung
Diese Aktivierung erklärt, warum neugierige Menschen länger an schwierigen Aufgaben dranbleiben, kreativer denken und auch weniger durch Ablenkungen beeinträchtigt sind. Der präfrontale Cortex arbeitet enger mit dem Belohnungssystem zusammen, wenn wir neugierig sind — ein neurobiologisches Zusammenspiel, das Motivation und Ausdauer steigert (FitzGibbon et al., 2020).
Wir können zusammenfassend sagen, dass Neugier das Gehirn in einen hochplastischen Modus versetzt. Die Charakterstärke ist wie ein mentaler Dünger: Das Gehirn lernt schneller, denkt flexibler, prägt sich Inhalte nachhaltiger ein und integriert Erfahrungen auf einer tieferen Ebene.

Wie können wir Neugier leben und fördern?
Neugier ist kein Talent, das man „entweder hat oder nicht“. Das erkennt man direkt, wenn man sich Kinder anschaut. Viele Menschen verlieren jedoch im Laufe ihres Lebens den natürlichen Zugang zur Entdeckerfreude, weil Sicherheit, Routine und Funktionalität in den Vordergrund rücken. Doch Neugier lässt sich jederzeit reaktivieren. Sie ist ein dynamischer Prozess, der durch bewusstes Handeln gestärkt werden kann — ähnlich einem Muskel, der durch Training wächst.
Die folgenden Impulse zeigen, wie Sie die Facetten der Neugier im Alltag stärken können — ohne großen Aufwand, aber mit spürbarer Wirkung.
Mikro-Experimente: Kleine Schritte ins Neue
Aus der wissenschaftlichen Forschung wissen wir, dass selbst minimale Abweichungen von Routinen die neuronale Flexibilität erhöhen und Neugier aktivieren können (Barrett, 2017). Mikro-Experimente sind winzige Handlungen, die uns bewusst aus unserem Autopilot holen.
Beispiele für Mikro-Experimente:
- einen neuen Weg zur Arbeit gehen
- ein unbekanntes Getränk bestellen
- fünf Minuten etwas recherchieren, das Sie schon immer interessiert hat
- beim Spaziergang eine Sache bewusst anders machen (Tempo, Blickrichtung, Fokus)
Der Punkt ist nicht die Größe der Veränderung, sondern das bewusste Erkunden. Jede kleine Abweichung sendet Ihrem Gehirn das Signal: „Ich bin bereit für Neues.“
„Beginner’s Mind“ – Die Kunst des absichtslosen Wahrnehmens
In der Achtsamkeitsforschung wird häufig vom „Anfängergeist“ gesprochen — der Fähigkeit, etwas Vertrautes so zu betrachten, als würden Sie es zum ersten Mal sehen. Aber warum hilft das? Weil Neugier oft nicht daran scheitert, dass etwas nicht interessant ist, sondern daran, dass wir denken, wir wüssten schon alles.
Kleine Übung:
Wählen Sie einen alltäglichen Gegenstand — z. B. eine Tasse.
Betrachten Sie sie 60 Sekunden lang bewusst und fragen Sie sich:
- Was fällt mir auf, das ich sonst übersehe?
- Welche Form, Farbe, Textur entdecke ich?
- Welche Geschichte steckt vielleicht in diesem Gegenstand?
Diese Übung stärkt die Joyous Exploration, die freudige Entdeckungslust, und wurde bereits in mehreren Achtsamkeitsstudien als förderlich für emotionale Flexibilität beschrieben (Kabat-Zinn, 2005).
Cold-Spot-Training: Neugier auf das Unangenehme
Manchmal ist es nicht das Neue, das uns hemmt, sondern das Unbehagen, das mit Neuem einhergeht. Kashdan beschreibt es als sogenannten „Cold Spot“: jene Stellen im Leben, die wir lieber meiden — Gespräche, Aufgaben, Grenzen. Doch auch einen resilienten Umgang damit können wir trainieren.
Die Übung besteht darin:
- Einen dieser Cold Spots zu identifizieren.
- Ihn für 2–5 Minuten bewusst zu erforschen.
- Sich zu fragen: „Was genau macht diesen Moment unangenehm – und was könnte ich hier entdecken?“
Wenn Menschen lernen, neugierig auf das Unangenehme zu werden, reduziert sich Angst, und die Stress Tolerance steigt (T. B. Kashdan, Barrios, Forsyth, & Steger, 2006).
Wozu führt gelebte Neugier?
Neugier ist nicht nur ein angenehmer Gemütszustand oder ein intellektuelles Hobby. Sie ist eine Zukunftskraft. Wenn wir neugierig leben, verändert sich nicht nur unser Denken. Es verändert sich unser Handeln, unsere Beziehungen und unser Umgang mit Herausforderungen. Neugier schafft innere Bewegung, wo zuvor Starre war. Sie verbindet uns mit anderen, wo zuvor Distanz herrschte. Und sie öffnet Wege, wo zuvor nur Wände standen. Sie ist nicht nur eine Charaktereigenschaft, sondern ein zentraler Teil eines resilienten Lebens.
Gelebte Neugier führt zu:
- Mehr Resilienz: Neugier stärkt emotionale Flexibilität und hilft, Herausforderungen als Chancen statt als Bedrohungen zu sehen.
- Tiefere Beziehungen: Interesse am Gegenüber fördert Nähe, Verständnis und Konfliktfähigkeit.
- Höhere Kreativität: Neugier öffnet neue Perspektiven und unterstützt innovative Problemlösungen.
- Stärkere Team- und Unternehmenskulturen: Neugier begünstigt Lernbereitschaft, psychologische Sicherheit und eine konstruktive Fehlerkultur.
Stärkere Resilienz
Gelebte Neugier erweitert unser psychisches Repertoire und macht uns innerlich beweglicher. Wenn wir uns mit offenem Blick dem Unbekannten nähern, verwandelt sich Bedrohung in Anziehung. Statt in Grübelschleifen zu geraten, gehen wir mit der Haltung heran: „Ich will verstehen.“ Diese Offenheit ermöglicht es, Stressoren neu zu bewerten und trägt wesentlich zur mentalen Resilienz bei. Studien zeigen, dass neugierige Menschen weniger dazu neigen, sich in negativen Gedankenspiralen zu verlieren, weil sie eher nach Möglichkeiten fragen als nach Problemen und dadurch flexibler bleiben (Kashdan & Steger, 2007).
Zugleich stärkt Neugier das Gefühl von Selbstwirksamkeit. Jedes Mal, wenn wir etwas Neues ausprobieren, senden wir uns selbst die Botschaft: „Ich kann das.“ Dieses Erleben fördert das Vertrauen in die eigene Fähigkeit, auch komplexe Situationen zu meistern — ein wichtiger Schutzfaktor gegen Stress und Überforderung. Menschen, die ihre Neugier leben, empfinden Veränderungen weniger als Bedrohung, sondern als natürlichen Bestandteil des Lebens. Das reduziert Vermeidungstendenzen und öffnet Raum für Mut und Wachstum. Forschung belegt, dass Personen mit höherer Neugier deutlich weniger Angst vor Ungewissheit zeigen und neue Situationen konstruktiver bewältigen (Kashdan, Barrios, Forsyth & Steger, 2006).
Motor für Kreativität und Problemlösung
Kreativität ist kein Zufall, sondern das Ergebnis eines Geistes, der neugierig bleibt und Fragen stellt, bevor er Antworten sucht. Diese Haltung stärkt unsere Resilienz, weil sie uns befähigt, Herausforderungen nicht starr zu begegnen, sondern flexibel und lösungsorientiert darauf zu reagieren. Neugier öffnet neue Blickwinkel, verbindet scheinbar Unverbundenes und macht es leichter, ungewohnte Wege zu gehen — ein Effekt, der nachweislich mit höherer Kreativität und geringerer mentaler Verengung verbunden ist (Silvia, 2008).
Wer neugierig bleibt, hält seinen Geist beweglich: starre Denkmuster lösen sich, kognitive Flexibilität steigt und Lernen wird zu einer Ressource statt zu einer Belastung. Diese Haltung fördert nicht nur geistige Vitalität, sondern schafft neue Entwicklungspfade und unterstützt uns dabei, auch komplexe oder neuartige Situationen mit Offenheit und Zuversicht zu meistern.
Kulturelle Ressource für Teams und Organisationen
Neugier wirkt nicht nur auf persönlicher Ebene, sondern prägt auch die Kultur von Teams und Organisationen. Unternehmen, die Neugier fördern, profitieren von höherer Innovationskraft, offenem Wissensaustausch und einer verbesserten Problemlösefähigkeit. In einer neugierfreundlichen Umgebung gelten Fehler nicht als Scheitern, sondern als wertvolle Datenpunkte für den Lernprozess – eine Haltung, die Veränderungen erleichtert und kreatives Denken stärkt.
Ein zentraler Faktor hierfür ist die psychologische Sicherheit, ein Konzept, das Amy Edmondson umfassend erforscht hat. Teams, die psychologische Sicherheit erleben, stellen häufiger Fragen, äußern schneller Unsicherheiten und entwickeln konstruktivere Lösungen (Edmondson, 1999). Neugier ist eines der emotionalen Motore dieser Sicherheit, denn wer neugierig ist, bewertet weniger vorschnell und erkundet mehr. Auf diese Weise unterstützt Neugier die Anpassungsfähigkeit von Organisationen und macht sie widerstandsfähiger gegenüber Komplexität und schnellem Wandel.
Bessere Beziehungen
Über das Team hinaus wirkt Neugier in all unseren Beziehungen positiv. Sie zeigt sich im Hinsehen, Zuhören und Nachfragen – in der Bereitschaft, das Gegenüber immer wieder neu zu entdecken. Wenn wir echtes Interesse zeigen, entsteht Nähe: Social Curiosity, also die zwischenmenschliche Facette der Neugier, fördert Mitgefühl, Perspektivwechsel und Vertrauen. Menschen fühlen sich gesehen und verstanden, wenn ihr Innenleben wirklich erkundet wird – ein zentraler Faktor für emotionale Bindung und Beziehungssicherheit.
Auch in Konflikten wirkt Neugier wie ein emotionaler Deeskalator. Statt vorschnell recht haben zu wollen, eröffnet die Frage „Wie kommt es, dass du das so siehst?“ einen Raum für Verständnis und Entspannung. Diese Haltung reduziert Abwehrmechanismen und schafft Klarheit, wo zuvor Spannung herrschte. Darüber hinaus bringt Neugier Lebendigkeit in den Alltag: Sie schützt vor Routine, verhindert Annahmen und hält Verbindungen frisch, weil sie uns immer wieder einlädt, den anderen neu zu betrachten. So wird Neugier zu einer Quelle von Nähe, Vitalität und authentischem Miteinander.
Fazit
Neugier ist die stille Kraft, die unsere Welt größer macht. Sie hält uns wach, beweglich und offen für das, was das Leben uns zeigen will. Wenn wir ihr folgen, wachsen wir über uns hinaus — Schritt für Schritt, Frage für Frage.
Oder, wie Walt Disney es einmal gesagt hat:
„Wir gehen immer weiter, öffnen neue Türen und probieren neue Dinge aus, weil wir neugierig sind – und die Neugier führt uns immer wieder auf neue Wege.“
Quellen
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Barrett, L. F. (2017). How emotions are made: The secret life of the brain: Pan Macmillan.
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Fredrickson, B. L. (2001). The role of positive emotions in positive psychology: The broaden-and-build theory of positive emotions. American psychologist, 56(3), 218.
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Kashdan, T. B., & Steger, M. F. (2007). Curiosity and pathways to well-being and meaning in life: Traits, states, and everyday behaviors. Motivation and Emotion, 31(3), 159-173.
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Bildquelle: www.depositphotos.com: Cropped view of woman@AntonMatyukha, Doubtful blond little boy looking up@Gelpi, Girlfriends drinking coffee in a cafe@aallm, Awaiting for new day@SergeyNivens, Curiosity – learn, study and inspect it@NiceIdeas, Light bulb idea@ilixe48, Grafik: Dylan Sara
Rebecca van der Linde, M.A. Germanistik und Kulturanthropologie, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Resilienz Akademie. Als Resilienz-Trainerin und Resilienz-Coach betreut sie den Blog der Resilienz Akademie und unterstützt in der konzeptionellen Entwicklung. Zudem agiert als SEO-Managerin für die Website. Ihr Schwerpunkt liegt auf der digitalen Präsenz der Themen rund um individuelle und organisationale Resilienz.
Sebastian Mauritz, M.A. Systemische Beratung, ist einer der führenden Experten für angewandte Resilienz in Deutschland. Er ist 5-facher Fachbuchautor, Keynote-Speaker, Resilienz-Lehrtrainer, Systemischer Coach, war und ist Vorstand in vielen Coach- und Trainer-Verbänden und Unternehmer. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich individuelle Resilienz und Prosilienz®, resilienter Führung und Teamresilienz. Er ist Initiator des jährlichen Resilienz-Online-Kongresses, in dessen Rahmen er sich bereits mit über 240 weiteren Resilienzexpert:innen aus verschiedenen Disziplinen ausgetauscht hat (www.Resilienz-Kongress.de) sowie des Resilienz-Podcasts Rethinking Resilience (www.Rethinking-Resilience.com).