VUCA war gestern?! – Wie alte und neue Weltmodelle unsere Resilienz beeinflussen

Wer sich mit Resilienz beschäftigt, wird insbesondere im Kontext Arbeit den Begriff VUCA kennen oder kennen lernen. Dieses Kürzel hat über Jahre hinweg unseren Blick auf eine Welt geprägt, die sich in rasender Geschwindigkeit verändert. Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit galten lange als treffende Beschreibung für die Herausforderungen, denen sich Unternehmen, Führungskräfte und Individuen stellen müssen. Später ergänzte das BANI-Modell diese Perspektive um Aspekte wie Zerbrechlichkeit und emotionale Überforderung. Doch was, wenn diese Begriffe heute nicht mehr ausreichen, um die Dynamik unserer Zeit wirklich zu erfassen?

Resilienz Akademie | VUCA war gestern?! – Wie alte und neue Weltmodelle unsere Resilienz beeinflussenTatsächlich ist in den letzten Jahren eine Weiterentwicklung von Denkmodellen entstanden: RUPT und TUNA beispielsweise. Zudem möchten wir ein neues Denkmodell einführen: RIDER. Sie gehen über die bisherigen Beschreibungen hinaus – und eröffnen differenziertere, systemischere und oft überraschend hilfreiche Perspektiven auf den Wandel. Dieser Artikel nimmt Sie mit auf eine Reise durch diese anderen Weltmodelle und zeigt, wie sie nicht nur die Realität beschreiben, sondern auch neue Wege zur Stärkung von Resilienz, Führung und Zukunftskompetenz eröffnen.

Warum brauchen wir Modelle über VUCA und BANI hinaus?

Kaum jemand zweifelt heute noch daran, dass wir in einer Welt leben, die von Umbrüchen, Unsicherheit und hoher Dynamik geprägt ist. Krisen überlagern sich, technologische Innovationen und KI durchbrechen gewohnte Muster, globale Vernetzungen erzeugen lokale Auswirkungen – oft in Echtzeit. Viele Menschen erleben diese Entwicklungen nicht nur als komplex, sondern zunehmend auch als widersprüchlich, verworren oder schlicht nicht mehr verstehbar. Genau hier beginnt das Dilemma: Wenn die Welt immer schwerer greifbar wird, reichen einfache Erklärungsmodelle nicht mehr aus.

Modelle wie VUCA oder später BANI haben über viele Jahre hinweg gute Dienste geleistet, um diese Turbulenzen zu beschreiben. Sie schufen ein gemeinsames Vokabular für Wandel, Unsicherheit und Überforderung. Doch inzwischen stoßen sie an ihre Grenzen. Die Komplexität unserer Gegenwart ist nicht nur eine Frage der Geschwindigkeit oder Fragilität – sie ist systemischer, vernetzter und oft paradox. Man kann sich zurecht die Frage stellen, ob es andere Modelle braucht, um diese Realität nicht nur zu beschreiben, sondern auch resilient und handlungsfähig darin bestehen zu können.

VUCA und BANI – und ihre Grenzen

Lange Zeit galten die Modelle VUCA und später BANI als maßgebliche Deutungsrahmen für die Welt im Wandel. Sie halfen uns, das diffuse Gefühl ständiger Veränderung zu benennen und erste Orientierungen zu finden. Doch mittlerweile zeigt sich: So wertvoll diese Modelle auch waren – sie greifen zu kurz, wenn es darum geht, die vielschichtigen, oft paradoxen Dynamiken unserer Zeit vollständig zu erfassen. Ein Blick auf ihre Ursprünge und Grenzen macht deutlich, warum wir heute differenziertere Perspektiven brauchen.

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VUCA – nützlich, aber begrenzt

Das Akronym VUCA steht für:

Volatility (Volatilität)
Uncertainty (Unsicherheit)
Complexity (Komplexität)
Ambiguity (Mehrdeutigkeit)

Es wurde Ende der 1980er-Jahre vom U.S. Army War College eingeführt, um die strategischen Herausforderungen der Nach-Kalter-Krieg-Ära zu beschreiben (Bennis & Nanus, 1985). In den 2000er-Jahren fand das Modell zunehmend Eingang in Managementliteratur und Führungstheorien – insbesondere, um die Anforderungen einer sich beschleunigenden globalisierten Wirtschaft zu adressieren.

VUCA liefert damit ein hilfreiches Raster zur Diagnose volatiler Systeme. Es sensibilisiert für die Notwendigkeit klarer Kommunikation, agiler Strategien und adaptiver Führung. Doch seine Perspektive bleibt technokratisch und eher „von außen“ gedacht: Es betrachtet die Umwelt als instabil und fordert von Entscheidungsträgern, darauf besser vorbereitet zu sein. Was VUCA allerdings kaum berücksichtigt, sind die innerpsychischen und systemischen Reaktionen auf diese Unsicherheiten – etwa emotionale Belastungen, kollektive Überforderungsgefühle oder die Notwendigkeit kultureller Anpassungen.

Zudem suggeriert VUCA oft, dass die Herausforderungen beherrschbar bleiben – mit den richtigen Tools, Daten oder Strategien. In einer Zeit, in der komplexe Probleme oft keine klaren Lösungen mehr bieten (sogenannte „wicked problems“), stößt dieses Denkmodell zunehmend an seine Grenzen.

BANI – emotionales Echo des Wandels

Das Modell BANI wurde 2020 vom Zukunftsforscher Jamais Cascio als Reaktion auf die zunehmenden Defizite von VUCA vorgeschlagen (Cascio, 2020). Es steht für:

Brittle (zerbrechlich)
Anxious (ängstlich)
Nonlinear (nicht-linear)
Incomprehensible (unbegreiflich)

BANI erkennt an, dass moderne Herausforderungen nicht nur technisch schwer greifbar, sondern auch emotional belastend und psychologisch destabilisierend sind.

Im Unterschied zu VUCA legt BANI den Fokus stärker auf die Erfahrung des Wandels. Es macht sichtbar, dass viele Systeme nur scheinbar stabil sind (Brittle), dass Angst zunehmend zur kollektiven Grundemotion wird (Anxious), dass Ursachen und Wirkungen sich entkoppeln (Nonlinear) und dass sich viele Entwicklungen kognitiv kaum mehr erschließen lassen (Incomprehensible). In dieser Perspektive wird Unsicherheit zur existenziellen Belastung – ein Zustand, den viele Menschen während der COVID-19-Pandemie, der Klimakrise oder im digitalen Dauerwandel spüren konnten und noch immer können.

BANI bringt damit eine dringend notwendige Tiefenschärfe in die Betrachtung der Gegenwart. Gleichzeitig bleibt es in seiner Wirkung oft lähmend: Es benennt den emotionalen Schmerz, bietet aber kaum Bewältigungsstrategien. In dieser Lücke zeigt sich die Relevanz neuer Modelle, die nicht nur beschreiben, was ist, sondern auch wie wir darauf reagieren können – etwa durch systemische Resilienz, Innovationsfreude oder Diversitätskompetenz.

Was sind andere Welt-Modelle? RUPT, TUNA und RIDER

Resilienz Akademie | VUCA war gestern?! – Wie alte und neue Weltmodelle unsere Resilienz beeinflussenWenn klassische Modelle wie VUCA und BANI nicht mehr ausreichen, um die heutige Komplexität wirklich zu greifen, stellt sich die Frage: Welche anderen Denkansätze helfen uns weiter? In den letzten Jahren sind alternative Beschreibungsmodelle entstanden – zum Teil aus der Zukunftsforschung, zum Teil aus systemischen oder innovationsgetriebenen Kontexten. Sie heißen RUPT, TUNA und ein Vorschlag von uns: RIDER – und sie rücken Aspekte in den Fokus, die bisher oft übersehen wurden: Paradoxien, radikale Neuartigkeit, hypervernetzte Vielfalt.

Dabei gilt es nüchtern zu bleiben: Auch diese Modelle sind in erster Linie beschreibend. Sie bieten keine direkten Lösungen und keine fertigen Handlungspläne. Aber sie verschieben die Perspektive – weg von reiner Problemfokussierung, hin zu neuen Deutungsräumen. Denn indem sie andere Qualitäten des Wandels betonen, laden sie ein zu einem tiefergehenden Nachdenken über mögliche Antworten. Vor allem in Verbindung mit Resilienzansätzen eröffnen sie so indirekt neue Spielräume – nicht durch Rezepte, sondern durch ein verändertes Framing von Realität.

Mit anderen Worten: Braucht es dringend noch mehr Akronyme, um die Welt zu beschreiben? Nein! Und trotzdem können sie helfen, sich in der aktuell wahrgenommenen Welt besser zu navigieren für mehr Resilienz im Alltag.

RUPT – Wenn die Welt verheddert ist

Das Modell RUPT steht für:

Rapid (schnell)
Unpredictable (unvorhersehbar)
Paradoxical (paradox)
Tangled (verstrickt)

Es wurde vom Center for Creative Leadership (CCL) als moderne Alternative zum VUCA-Modell vorgestellt – mit dem Ziel, die zunehmend widersprüchliche und verwobene Realität unserer Zeit treffender zu beschreiben (CCL, 2019). Der Kerngedanke: Unsere Welt verändert sich nicht nur schneller, sondern auch tiefgreifender und komplexer. Systeme reagieren nicht mehr linear, sondern interaktiv und teils paradox – klassische Steuerungslogiken stoßen an ihre Grenzen.

1. Rapid – Die Geschwindigkeit überfordert unser Denken

Veränderungen geschehen in immer kürzeren Intervallen. Neue Technologien, gesellschaftliche Entwicklungen oder ökologische Krisen entfalten sich oft gleichzeitig – und überschneiden sich dabei. Diese Geschwindigkeit überfordert nicht nur Organisationen, sondern auch das menschliche Gehirn, das evolutionär auf langsamere Veränderungsprozesse ausgelegt ist. In der RUPT-Welt geht es daher nicht mehr um „Schritt halten“, sondern um kluges Reagieren im Moment.

2. Unpredictable – Vorhersagen verlieren ihre Gültigkeit

In RUPT ist nicht nur die Zukunft unklar – auch die Gegenwart lässt sich kaum noch vollständig erfassen. Die Ereignisse folgen keiner logischen Abfolge mehr, kausale Zusammenhänge sind schwer identifizierbar. Überraschungen werden zur Norm, und langfristige Planung verliert an Bedeutung. Statt auf Kontrolle zu setzen, braucht es neue Wege der Orientierung – etwa durch Szenarien, heuristische Denkmodelle oder adaptive Strategien.

3. Paradoxical – Gegensätze müssen gleichzeitig gelten dürfen

Ein zentrales Merkmal der RUPT-Welt ist ihre Paradoxie. Phänomene wie „mehr Freiheit bei mehr Kontrolle“, „Digital Detox im Zeitalter der Hypervernetzung“ oder „Wachstum durch Verzicht“ sind nicht Fehler im System – sie sind das System. Führung und Selbstorganisation in dieser Welt erfordern die Fähigkeit, mit widersprüchlichen Wahrheiten umzugehen und Komplexität nicht vorschnell zu glätten. Vielmehr eine resiliente Haltung von „Sowohl-als-auch“ zu praktizieren.

4. Tangled – Verflechtung statt Vereinfachung

Die Welt ist kein Set von isolierten Problemen mehr, sondern ein engmaschiges Netz von Zusammenhängen. Wirtschaft, Gesellschaft, Umwelt und Technologie sind so stark miteinander verflochten, dass Interventionen an einer Stelle oft unerwartete Effekte an ganz anderer Stelle erzeugen. Dieses „Verheddertsein“ ist typisch für RUPT – und fordert systemisches Denken sowie eine hohe Sensibilität für Wechselwirkungen.

RUPT und Resilienz – Navigieren im verstrickten Wandel

Was bedeutet RUPT für Resilienz? Zunächst einmal: Klassische Stressbewältigung reicht hier nicht aus. Die Herausforderung liegt nicht im Umgang mit einem isolierten Stressor, sondern in der Fähigkeit, sich in einem widersprüchlichen und dynamischen Gesamtsystem sinnvoll zu orientieren. RUPT erfordert daher besonders systemische, soziale und kognitive Resilienzfähigkeiten – etwa die Bereitschaft, eingefahrene Denkpfade zu verlassen, mit Nichtwissen umzugehen oder kreative Lösungen in vernetzten Zusammenhängen zu entwickeln.

Besonders relevant ist hier der Resilienzfaktor der regulatorischen Flexibilität – die Fähigkeit, flexibel zwischen unterschiedlichen Denk- und Handlungsmustern zu wechseln, anstatt starr an einer Strategie festzuhalten (vgl. Kalisch, Müller, & Tüscher, 2015). In der Praxis geht es darum, eine bewusste Haltung der Offenheit zu kultivieren, systemische Tools (z. B. Hypothesenarbeit, Reframing) anzuwenden und gleichzeitig die emotionale Balance zu bewahren.

TUNA – Wenn Innovation auf Dauerpräsenz trifft

Das Modell TUNA steht für:

Turbulent (turbulent)
Uncertain (unsicher)
Novel (neuartig)
Ambiguous (mehrdeutig)

TUNA wurde erstmals im Rahmen eines Executive Education-Programms der Universität Oxford eingesetzt und diente dort als Alternative zum bekannteren VUCA-Modell (Gov, 2017). Es betont nicht nur die Dynamik und Unsicherheit von Veränderungsprozessen, sondern vor allem die strukturelle Neuartigkeit des Wandels sowie die Notwendigkeit, sich in einer mehrdeutigen Realität zurechtzufinden.

1. Turbulent – Dauerhafte Unruhe als Normalzustand

TUNA beschreibt eine Welt, in der Turbulenzen zur Norm geworden sind – vergleichbar mit einem Flug, der permanent durch Luftlöcher geführt wird. Die Stabilität, die einst als Grundlage galt, ist nicht mehr selbstverständlich und fordert dauerhafte Resilienz.

2. Uncertain – Ungewissheit als Grundlage des Handelns

Der Begriff „Uncertain“ erinnert an VUCA, betont hier jedoch stärker die Akzeptanz von Ungewissheit. Das bedeutet: Planung wird weniger starr und statischer, sondern offen und adaptiv – Entscheidungen entstehen im Prozess, nicht im vorauseilenden Kalkül.

3. Novel – Neuartigkeit als Grundprinzip

Während VUCA noch auf bekannte Einflussgrößen setzt, steckt in „Novel“ von TUNA ein grundlegender Perspektivwechsel: Es geht um Situationen, die strukturell erhöht kompliziert und ideell neu sind – etwa Technologie, soziale Dynamiken oder globale Krisen, die bislang unbekannte Formen des Handelns verlangen.

4. Ambiguous – Mehrdeutigkeit als Handlungsfeld

TUNA erfasst Ambiguität nicht nur als kognitives Phänomen, sondern als Bühne des Denkens: Unterschiedliche Deutungen sind nicht Fehler, sondern produktive Signale. Genau diese offene Haltung zum Interpretationsspiel – es gibt nicht „die eine Wahrheit“, sondern viele – schafft Raum für Innovation und ko-kreative Prozesse.

TUNA und Resilienz – Mehr als nur Anpassung

Auch wenn TUNA gern als „Antwort auf VUCA“ bezeichnet wird, ist es inhaltlich keine revolutionäre Neuerfindung. Vielmehr handelt es sich um eine Neugewichtung bekannter Dynamiken: Turbulenz, Unsicherheit, Neuartigkeit und Mehrdeutigkeit waren schon zuvor in Führungskonzepten und Zukunftsanalysen präsent – teils unter anderen Begriffen, teils in ähnlicher Konstellation. TUNA ersetzt also nicht VUCA, sondern ergänzt es um eine stärker lernorientierte und zukunftsoffene Perspektive.

Im Resilienzkontext verlangt TUNA eine Haltung, die weit über klassische Stressbewältigung hinausgeht. Es geht um Neugier, Exploration, und Unlearning – also das bewusste Verlassen bewährter Pfade. Diese innere Haltung stärkt sowohl kognitive Resilienz als auch emotionale Flexibilität, weil sie die Realität nicht reduzieren will, sondern verstehen und gestalten.

RIDER – Ein Vorschlag für ein resilienzbasiertes Weltmodell

An dieser Stelle möchten wir ein neues Denkmodell in die Diskussion einführen: RIDER. Es ist – das sei direkt offen gesagt – kein wissenschaftlich publiziertes oder empirisch validiertes Modell. Vielmehr handelt es sich um einen reflexiven Vorschlag, der aus systemischen Beobachtungen, Resilienztheorie und aktuellen Diskursen rund um Diversität, Digitalisierung und Zukunftsfähigkeit entstanden ist.

RIDER steht für:

Rapid (schnelllebig)
Interconnected (vernetzt)
Diverse (vielfältig)
Emerging (entstehend)
Resilient (resilient)

Oder auch:

R – Rasante Dynamiken
I – Intensive Vernetzung
D – Diverse Perspektiven
E – Entstehende Zukunft
R – Resiliente Gestaltungskraft

Das Modell will die Perspektive verschieben: Weg von einer problemzentrierten Beschreibung der Welt (wie sie in VUCA oder BANI dominiert), hin zu einem ressourcenorientierten Blick auf die Kräfte, die Wandel nicht nur ermöglichen, sondern aktiv gestalten können. RIDER benennt keine Gefahren, sondern Dynamiken – und deutet dabei immer auch an, wo Entwicklungspotenziale liegen.

1. Rapid – Die Welt ist schnell, aber nicht planlos

Wir erleben eine Realität, in der Veränderungen schneller geschehen, als wir oft reagieren können. Technologischer Fortschritt, soziale Bewegungen oder globale Umbrüche verlaufen nicht mehr linear, sondern sprunghaft. Doch statt uns dieser Geschwindigkeit ausgeliefert zu fühlen, lädt RIDER dazu ein, sie als Fluss zu verstehen, in dem Navigation wichtiger ist als Kontrolle. Resilienz bedeutet hier: nicht gegen die Wellen kämpfen, sondern lernen, darin zu schwimmen.

2. Interconnected – Alles hängt mit allem zusammen

Unsere Welt ist tief vernetzt – ökologisch, ökonomisch, digital, kulturell. Entscheidungen an einem Ort haben Auswirkungen an ganz anderen Stellen. In dieser Hypervernetzung liegt nicht nur Komplexität, sondern auch Möglichkeit zur Mitgestaltung. Wer Systeme versteht, kann in ihnen sinnvoll handeln. Resilienz bedeutet in diesem Kontext: Verbindungen sehen, nutzen und bewusst gestalten.

3. Diverse – Vielfalt ist Realität und Ressource

Unterschiedlichkeit ist nicht mehr die Ausnahme, sondern die neue Norm. Gesellschaften sind plural, Teams interkulturell, Kommunikationsstile vielgestaltig. Statt nach Vereinheitlichung zu streben, setzt RIDER auf Diversität als Quelle von Innovation und sozialer Intelligenz. Resilienz zeigt sich hier in der Fähigkeit, mit Differenz produktiv umzugehen, statt sie als Störung zu erleben.

4. Emerging – Zukunft entsteht aus dem Jetzt

Zukunft lässt sich heute weniger vorhersagen als erleben, beobachten und mitformen. Neue Strukturen, Praktiken und Lösungen entstehen oft spontan – aus der Interaktion, nicht aus dem Masterplan. RIDER betont diesen emergenten Charakter von Wandel. Wer resilienzorientiert denkt, fördert deshalb nicht nur Effizienz, sondern Exploration, Feedbackkultur und iterative Prozesse.

5. Resilient – Die Welt ist nicht nur fragil, sie ist auch lernfähig

Während viele Modelle betonen, wie brüchig oder überfordernd moderne Systeme seien, wählt RIDER einen anderen Fokus: die Resilienz, die Menschen, Organisationen und Gesellschaften bereits in sich tragen. Menschen haben über Jahrhunderte hinweg gelernt, mit Unsicherheit zu leben, sich anzupassen, Sinn zu konstruieren und Krisen in Entwicklung zu verwandeln. RIDER lädt dazu ein, diese stille Stärke sichtbar zu machen – und als Grundlage für Zukunftsgestaltung zu nutzen.

Fazit: Ein Denkrahmen, keine Theorie

RIDER ist kein Modell, das die Welt final erklärt. In dem Punkte kann es sich nur den anderen Modellen anschließen. Aber es eröffnet einen anderen Blick auf sie. Einen, der Komplexität nicht reduziert, sondern ermutigend strukturiert. Einen, der nicht vor den Herausforderungen zurückschreckt, sondern die Ressourcen benennt, mit denen wir ihnen begegnen können. Und vielleicht ist genau das der Schritt, den wir jetzt brauchen: Nicht weniger Wandel, sondern mehr Vertrauen in unsere Fähigkeit, mit ihm umzugehen.

Wie können wir die Weltbilder für mehr Resilienz nutzen?

Obwohl VUCA, BANI, RUPT, TUNA und auch RIDER primär beschreibende Modelle der Welt sind, können wir sie doch nutzen, um lösungsorientiert mehr Orientierung und auch Handlungsfähigkeit in unser Leben zu bringen. Wenn wir verstehen, was wir konkret brauchen, können wir sowohl die individuelle als auch die organisationale Resilienz gezielt stärken.

Die Weltmodelle und ihre Schlüsselkompetenzen

Resilienz Akademie | VUCA war gestern?! – Wie alte und neue Weltmodelle unsere Resilienz beeinflussenNicht jede Herausforderung lässt sich gleich beschreiben – und nicht jede Organisation erlebt Wandel auf dieselbe Weise. Deshalb ist es hilfreich, zunächst herauszufinden, welches Weltmodell die Realität Ihres Unternehmens, Teams oder Projekts aktuell am besten beschreibt. Ist es eher die diffuse Unsicherheit von VUCA, die emotionale Überforderung aus BANI, das Paradoxien-Spiel von RUPT, die Neuartigkeitserfahrung aus TUNA oder die Vielfalt und Vernetzung der RIDER-Welt?

Im Folgenden finden Sie typische Merkmale, an denen Sie die dominierende „Weltansicht“ in Ihrer konkreten Situation erkennen können. Dazu erhalten Sie Hinweise auf die Schlüsselkompetenzen, die in genau dieser Denk- und Erlebniswelt besonders gefragt sind, um resilient, lernfähig und handlungsfähig zu bleiben. Damit werden die vorgestellten Modelle zur Diagnose-Hilfe für eine Resilienzstärkung.

VUCA – Klar denken trotz Unsicherheit

Typische Anzeichen:

• Führungskräfte klagen über „ständige Veränderungen ohne Richtung“.
• Strategien verlieren schnell ihre Gültigkeit.
• Mitarbeitende sind erschöpft vom „Dauerwandel“.
• Pläne werden ständig überarbeitet – nichts scheint stabil.

Schlüsselkompetenzen:

In einer VUCA-Welt ist vieles unvorhersehbar, mehrdeutig und im ständigen Wandel. Um in solch instabilen Kontexten Orientierung zu behalten, braucht es mentale Klarheit und Denkflexibilität. Kompetenzen wie Reframing – also die bewusste Neubewertung von Situationen – sowie ein positiver Bewertungsstil helfen, trotz Unsicherheit zuversichtlich zu bleiben. Ebenso wichtig ist die Fähigkeit, innere Klarheit und Werteorientierung als Anker zu nutzen, wenn äußere Strukturen brüchig werden.

BANI – Emotionen regulieren und Vertrauen stärken

Typische Anzeichen:

• Hohe emotionale Belastung und Erschöpfung im Team.
• Angst vor Kontrollverlust, innere Anspannung, Rückzug.
• Krisen erzeugen nicht nur Stress, sondern tiefe Unsicherheit.
• Kommunikation wirkt fahrig oder resigniert.

Schlüsselkompetenzen:

BANI bringt eine neue Dimension ins Spiel: Emotionale Überforderung, Angst und Nicht-Verstehen. In solchen Kontexten sind Fähigkeiten gefragt, die uns emotional stabilisieren – wie Emotionsregulation, Selbstmitgefühl oder das Stärken eines Kohärenzgefühls. Wer lernt, auch in stressigen oder chaotischen Momenten mitfühlend mit sich selbst umzugehen, entwickelt eine innere Ruhe, die dem äußeren Lärm standhalten kann.

RUPT – Mit Widersprüchen leben lernen

Typische Anzeichen:

• Widersprüchliche Anforderungen aus unterschiedlichen Bereichen.
• Entscheidungen führen zu unerwarteten Nebenwirkungen.
• Projekte scheitern nicht an Inkompetenz, sondern an Komplexität.
• Teams sind orientierungslos trotz guter Qualifikation.

Schlüsselkompetenzen:

Die Welt nach dem RUPT-Modell ist paradox, verstrickt, oft widersprüchlich. Hier sind Ambiguitätstoleranz und Kontextsensibilität entscheidend – also die Fähigkeit, mit Gegensätzen umzugehen, ohne vorschnelle Schlüsse zu ziehen. Menschen, die in solchen Umfeldern bestehen, können scheinbare Widersprüche aushalten, zwischen Perspektiven wechseln und flexibel auf neue Muster reagieren. Strategische Anpassungsfähigkeit wird hier zur Kernkompetenz.

TUNA – Lernen, wo es keine Vorlage gibt

Typische Anzeichen:

• Neue Technologien, Geschäftsmodelle oder Märkte brechen auf.
• Mitarbeitende fühlen sich nicht vorbereitet auf das, was kommt.
• Alte Routinen greifen nicht mehr, neue sind noch nicht etabliert.
• Hoher Innovationsdruck trifft auf Unsicherheit.

Schlüsselkompetenzen:

TUNA verweist auf eine Welt, die neuartig, turbulent und voller unbekannter Herausforderungen ist. Was hier zählt, ist die Fähigkeit zu lernen – aus Erfahrung, im Prozess, ohne Sicherheit. Kompetenzen wie Explorationsverhalten, Lernfreude und Metakognition (das Nachdenken über das eigene Denken) helfen, sich auch ohne klare Wege voranzutasten. Wer experimentierfreudig bleibt und Fehler als Lernimpulse begreift, kann in einer TUNA-Welt nicht nur überleben, sondern wachsen. Für Teams bietet sich hier beispielsweise ein Planspiel Resilienz & Prosilienz® an, um Krisen und unerwartete Situationen in sicherer Umgebung zu trainieren.

RIDER – In Beziehung, Vielfalt und Sinn investieren

Typische Anzeichen:

• Diversität wird gelebt – aber auch als Herausforderung erlebt.
• Projekte scheitern an Schnittstellen, nicht an Inhalten.
• Kommunikation ist vielschichtig – und manchmal konflikthaft.
• Teams arbeiten dezentral, agil, interdisziplinär – aber reibungsanfällig.

Schlüsselkompetenzen:

RIDER beschreibt eine hypervernetzte, diverse und emergente Welt. In solch einem Umfeld sind Kompetenzen gefragt, die soziale Verbundenheit und kulturelle Offenheit stärken. Dazu gehören Perspektivenwechsel, also die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen und bewusst mit Unterschiedlichkeit umzugehen, sowie Diversitätskompetenz – das konstruktive Arbeiten mit Unterschiedlichkeit. Wer Beziehungen pflegen, Spannungen aushalten und gemeinsame Lösungen fördern kann, wird in der RIDER-Welt zu einem echten Resilienzfaktor.

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Zur Wissenschaftlichkeit der Modelle

Die hier vorgestellten (externen) Weltmodelle – VUCA, BANI, RUPT und TUNA – unterscheiden sich deutlich in ihrem wissenschaftlichen Fundament. VUCA ist das am besten erforschte Modell: Es wird seit den 1990er-Jahren breit in Studien zu Führung, Agilität und Organisationsentwicklung verwendet und ist empirisch gut dokumentiert. Auch TUNA findet zunehmend Anwendung in der strategischen Vorausschau und Szenarioplanung – insbesondere in Kontexten wie der Europäischen Kommission oder der Oxford School of Foresight. BANI hingegen ist ein vergleichsweise junges Konzept. Es existieren erste qualitative und explorative Studien, die emotionale Belastung, Nichtlinearität oder subjektive Überforderung in BANI-Welten untersuchen, aber eine breitere empirische Fundierung steht noch aus.

RUPT bewegt sich aktuell im Übergang zwischen Praxisrahmen und Theorieentwicklung. Das Modell wurde vom Center for Creative Leadership als Reaktion auf die begrenzte Aussagekraft von VUCA eingeführt und findet inzwischen Anwendung in Führungstrainings und Systementwicklungen. Wissenschaftlich betrachtet gibt es bisher jedoch nur wenige fundierte Studien, die RUPT explizit untersuchen. Insofern sind diese Modelle – mit Ausnahme von VUCA – bislang eher als konzeptionelle Orientierungsrahmen zu verstehen, nicht als empirisch validierte Theorien. Ihre Stärke liegt darin, komplexe Herausforderungen zu benennen und Reflexionsräume zu eröffnen – eine wichtige Voraussetzung für resilientes Denken und Handeln.

Wozu ist es sinnvoll, sich mit diesen Weltmodellen zu beschäftigen?

In Zeiten, in denen Unsicherheit, Komplexität und Veränderung zur Normalität geworden sind, reicht es nicht mehr aus, nur zu „funktionieren“. Organisationen und Menschen brauchen ein Verständnis davon, wie die Welt sich verändert – und wie sie selbst sich dazu verhalten. Die Auseinandersetzung mit Weltmodellen wie VUCA, BANI, RUPT, TUNA oder RIDER hilft, genau das zu ermöglichen: Struktur im Ungewissen, Sprache für das Unklare und Fokus für die eigene Entwicklung.

Der Nutzen auf einen Blick:

Besseres Selbstverständnis: Die Modelle helfen, aktuelle Herausforderungen präziser einzuordnen.
Gezielte Kompetenzentwicklung: Je nach Modell lassen sich passgenaue Resilienz- und Zukunftskompetenzen trainieren.
Förderung von Dialog & Reflexion: Gemeinsames Modellverständnis erleichtert Teamkommunikation.
Reduktion von Überforderung: Komplexität wird greifbarer, weil sie sprachlich gefasst werden kann.
Handlungsorientierung statt Hilflosigkeit: Die Modelle liefern keine Rezepte, aber Denk- und Handlungsräume.

Mehr als nur Theorie

Weltmodelle wie VUCA, BANI, RUPT, TUNA und RIDER geben unseren komplexen Erfahrungen einen Rahmen, ohne sie zu vereinfachen. Sie helfen, zu erkennen: Ich bin nicht allein mit meiner Wahrnehmung von Chaos, Unsicherheit oder Überforderung. Gerade in Führung, Change-Prozessen oder im Coaching können diese Begriffe als Türöffner für tiefere Reflexionen dienen – und damit einen emotionalen wie kognitiven Zugang zu Resilienz ermöglichen.

Darüber hinaus unterstützen die Modelle eine gezielte Entwicklung von Kompetenzen, die in einer bestimmten Realität besonders relevant sind. Anstatt „irgendetwas“ zu trainieren, kann durch die Weltbild-Zuordnung klarer gefasst werden, welche Fähigkeiten jetzt wirklich gebraucht werden – z. B. Emotionsregulation im BANI-Kontext oder Perspektivenwechsel in der RIDER-Welt. So wird Resilienz nicht nur theoretisch verstanden, sondern konkret lebbar gemacht.

Fazit: Ist VUCA veraltet?

VUCA ist nicht falsch – aber es ist auch nicht mehr das ganze Bild. Das Modell hat uns über Jahre hinweg geholfen, Unsicherheit und Wandel zu benennen. Es war ein erster, wichtiger Schritt, um Komplexität greifbar zu machen. Doch die Welt hat sich weitergedreht – und unsere Deutungsrahmen dürfen das auch.

BANI, RUPT, TUNA und RIDER erweitern den Blick. Sie bringen neue Dimensionen ins Spiel: Emotionen, Paradoxien, Emergenz, Vielfalt. Damit bieten sie differenziertere Landkarten für eine zunehmend vielschichtige Realität. Anstatt VUCA zu ersetzen, ergänzen sie es – und ermöglichen dadurch eine präzisere Passung zwischen Problemstruktur und Entwicklungsimpuls.

Wer Resilienz stärken will – individuell wie organisatorisch – profitiert davon, mehr als ein Weltmodell zur Verfügung zu haben. Denn wie so oft in komplexen Systemen gilt auch hier: Nicht entweder-oder, sondern sowohl-als-auch.

Quellen

Bennis, W., & Nanus, B. (1985). The strategies for taking charge. Leaders, New York: Harper. Row, 41.
Cascio, J. (2020). Facing the age of chaos. medium. com/@ cascio/Apr, 29.
Gov, U. (2017). The Futures Toolkit: Tools for Futures Thinking and Foresight Across UK Government. Government Office for Science.
Kalisch, R., Müller, M. B., & Tüscher, O. (2015). A conceptual framework for the neurobiological study of resilience. Behavioral and brain sciences, 38, e92.

Bildquelle: www.depositphotos.com: VUCA vs BANI@joebite, Volatility Uncertainty Complexity Ambiguity@MaksLab, Ladders@dr911, Man looking up@SIphotography

Resilienz Akademie | VUCA war gestern?! – Wie alte und neue Weltmodelle unsere Resilienz beeinflussenRebecca van der Linde, M.A. Germanistik und Kulturanthropologie, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Resilienz Akademie. Als Resilienz-Trainerin und Resilienz-Coach betreut sie den Blog der Resilienz Akademie und unterstützt in der konzeptionellen Entwicklung. Zudem agiert als SEO-Managerin für die Website. Ihr Schwerpunkt liegt auf der digitalen Präsenz der Themen rund um individuelle und organisationale Resilienz.

 


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Sebastian Mauritz, M.A. Systemische Beratung, ist einer der führenden Experten für angewandte Resilienz in Deutschland. Er ist 5-facher Fachbuchautor, Keynote-Speaker, Resilienz-Lehrtrainer, Systemischer Coach, war und ist Vorstand in vielen Coach- und Trainer-Verbänden und Unternehmer. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich individuelle Resilienz und Prosilienz®, resilienter Führung und Teamresilienz. Er ist Initiator des jährlichen Resilienz-Online-Kongresses, in dessen Rahmen er sich bereits mit über 240 weiteren Resilienzexpert:innen aus verschiedenen Disziplinen ausgetauscht hat (www.Resilienz-Kongress.de) sowie des Resilienz-Podcasts Rethinking Resilience (www.Rethinking-Resilience.com).

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