Was sind für Sie Erinnerungen? Viele verbinden damit Nostalgie und lang vergangene, abgespeicherte Gegebenheiten, die wir uns wie bei einem alten Diaprojektor vor unser inneres Auge zurückrufen können. Im Film „Alles steht Kopf“ von Disney-Pixar wird diese Vorstellung sehr schön bildlich umgesetzt. Dabei sind Erinnerungen so viel mehr. Sie sind die Ressource, mit der wir unsere inneren Prozesse effizienter gestalten können und damit nicht nur persönliches Wachstum, sondern auch Resilienz möglich machen.
Wie entsteht mentale Stärke in einer Welt, die von Reizüberflutung, ständiger Bewertung und emotionaler Unordnung geprägt ist? Diese Frage stellen nicht nur wir uns, in unserer Beschäftigung mit dem Themenfeld der angewandten Resilienz. Sie bewegte auch den Psychologen und Wirtschaftsphilosophen Prof. Dr. Dr. Oliver Hoffmann. In seinem Buch „Die Ökonomie der Erinnerung – Innere Austauschprozesse als Weg zu mentaler Effizienz“ entwirft er als Antwort darauf ein faszinierendes Modell: Unser Denken und Erinnern funktioniert wie ein wirtschaftliches System – mit Ressourcen, Tauschprozessen, Investitionen und vor allem: mit Grenzen.
Die Metapher: Der Geist als Marktplatz
Hoffmanns Grundgedanke ist radikal einfach und gleichzeitig extrem produktiv: Unsere Gedanken, Gefühle, Erinnerungen und Überzeugungen sind nicht nur passive Inhalte unseres Geistes – sie handeln miteinander. Der Autor nennt das eine mentale Ökonomie, in der wir entscheiden (oder verlernen zu entscheiden), welchen Erinnerungen wir Aufmerksamkeit schenken, welche Gedanken wir verstärken und welche inneren Erzählungen wir weiter „finanzieren“.
Dieser Gedanke hat weitreichende Übertragungsmöglichkeiten für die Resilienzstärkung: Wer seine inneren Ressourcen nicht kennt oder sie ineffizient nutzt, kann leicht in mentale Engpässe geraten – z. B. Grübelschleifen, Stressspitzen oder emotionale Erschöpfung. Wer hingegen sein mentales „Portfolio“ reflektiert, kann Spielräume schaffen, neue Perspektiven gewinnen und sich emotional stabilisieren.
Im Buch etabliert Hoffmann für eine aktive Mitgestaltung drei operative innerpsychische Prozesse und erklärt ihre therapeutische Bedeutung:
- Narration
- Geschichten, wie wir uns und unser Leben deuten, formen die Allokation unserer mentalen Energie.
- Imagination
- Inneres Vorstellen neuer Perspektiven ermöglicht Umstrukturierung emotionaler Muster.
- (Holistische) Suggestion
- Bewusste, einfache Impulse (z. B. Affirmationen), um unbewusste Gedankenschleifen zu beeinflussen.
Diese Techniken dienen dazu, unser „mentales Kapitalportfolio“ aktiv zu managen: Wir entscheiden, welche Gedanken wir „investieren“, welche wir „liquidieren“ oder „restrukturieren“.
Eine interdisziplinäre Perspektive
Der Autor verbindet Erkenntnisse aus Wirtschaftspsychologie, Neurowissenschaft, Verhaltenstheorie und Philosophie zu einem gut lesbaren, wenngleich theoretisch anspruchsvollem Gesamtbild. Die umfangreiche Verknüpfung der Disziplinen kann dabei beim ersten Lesen recht komplex wirken oder eventuell sogar überfordern. Hoffmann zeigt auf, dass Erinnerungen nicht einfach gespeichert, sondern laufend neu bewertet und umgewertet werden – je nach innerem „Marktgeschehen“. Die Metapher hilft beim Verständnis, warum bestimmte Gedanken in Stresssituationen überproportional präsent sind, während andere Ressourcen schlicht „verdrängt“ werden. Ein Gefühl, das Sie sicher selbst schon mindestens einmal erlebt haben.
Ein zentrales Element in Hoffmanns Modell ist die „mentale Bilanz“ – also die bewusste Auseinandersetzung mit den eigenen Denk-, Fühl- und Bewertungsmustern. Wer hier bewusst interveniert, kann sich nicht nur von alten Mustern lösen, sondern ganz konkret seine mentale Effizienz steigern. Das macht das Buch nicht nur zu einem umfassenden theoretischen Werk, sondern auch zu einem praktischen Leitfaden zur Selbstoptimierung und Resilienzstärkung.
Von der Theorie zur Praxis: Übungen für den Alltag
Dieser Charakter des Buchs wird noch weiter unterstrichen durch den Praxisteil, der die Grundzüge einer ökonomischen Erkenntnistherapie skizziert. Hier zeigt sich Hoffmanns Stärke als methodischer Pragmatiker: Im Praxisteil beschreibt der Autor konkrete therapeutische bzw. coachingspezifische Tools und erläutert deren Wirkweisen und Nutzen. Z.B. Reflexionsfragen, narrative Imaginationen oder auch Suggestionstechniken. Alle Methoden sind so aufgebaut, dass sie in Coaching, Therapie oder Selbstarbeit direkt in den Alltag integriert werden können.
Was hier allerdings zu kurz kommt, ist eine direkte Übertragung in den Alltag, durch Fallbeispiele oder persönliche Erzählungen. So bleibt das theoretische Konstrukt manches Mal sehr abstrakt, besonders wenn Sie in Ihrer Praxis ganzheitlich oder körperorientiert arbeiten.
Fazit
Die Ökonomie der Erinnerung ist kein klassisches Ratgeberbuch. Es ist ein kluges, interdisziplinär fundiertes Werk, das uns dazu einlädt, unsere mentale Landschaft nicht nur zu betrachten – sondern bewusst zu gestalten. Für Trainer:innen, Coaches und Menschen, die sich intensiv mit Resilienz, Selbstführung und mentaler Klarheit beschäftigen, ist dieses Buch eine echte Bereicherung.
Über den Autor
Prof. Dr. Dr. Oliver Hoffmann ist promovierter Psychologe und Wirtschaftsphilosoph mit einem besonderen Fokus auf mentale Effizienz, Selbstführung und symbolische Erkenntnisprozesse. In seiner Arbeit verbindet er wissenschaftliche Tiefe mit praktischer Anwendbarkeit – oft an den Schnittstellen von Psychologie, Ökonomie, Neurowissenschaft und Philosophie. Als Autor, Dozent und Impulsgeber hat er sich einen Namen gemacht, wenn es darum geht, komplexe Denkmodelle in klar strukturierte Selbstreflexionsprozesse zu übersetzen. Mit Die Ökonomie der Erinnerung legt Hoffmann ein weiteres Werk vor, das nicht nur theoretisch fundiert ist, sondern vor allem auf persönliche Transformation und nachhaltige mentale Ordnung zielt.
Hoffmann, O. (2024). Die Ökonomie der Erinnerung. Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG.
Bildquellen: www.depositphotos.com: Infographic Elements , Brain concept@ratch0013, Nomos (www.nomos-shop.de/die-oekonomie-der-erinnerung/)
Rebecca van der Linde, M.A. Germanistik und Kulturanthropologie, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Resilienz Akademie. Als Resilienz-Trainerin und Resilienz-Coach betreut sie den Blog der Resilienz Akademie und unterstützt in der konzeptionellen Entwicklung. Zudem agiert als SEO-Managerin für die Website. Ihr Schwerpunkt liegt auf der digitalen Präsenz der Themen rund um individuelle und organisationale Resilienz.

Sebastian Mauritz, M.A. Systemische Beratung, ist einer der führenden Experten für angewandte Resilienz in Deutschland. Er ist 5-facher Fachbuchautor, Keynote-Speaker, Resilienz-Lehrtrainer, Systemischer Coach, war und ist Vorstand in vielen Coach- und Trainer-Verbänden und Unternehmer. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich individuelle Resilienz und Prosilienz®, resilienter Führung und Teamresilienz. Er ist Initiator des jährlichen Resilienz-Online-Kongresses, in dessen Rahmen er sich bereits mit über 240 weiteren Resilienzexpert:innen aus verschiedenen Disziplinen ausgetauscht hat (www.Resilienz-Kongress.de) sowie des Resilienz-Podcasts Rethinking Resilience (www.Rethinking-Resilience.com).