Bevölkerungsschutz und Resilienz

„Wir müssen unsere Widerstandsfähigkeit gegen ein breites Krisenspektrum stärken; Resilienz gegenüber Katastrophen stärkt dabei auch unsere Resilienz gegenüber militärischen und hybriden Bedrohungen“ (N. Faeser, Bundesinnenministerin)

Warum uns das Thema Bevölkerungsschutz beschäftigt

Angelehnt an das Sendai Rahmenwerk für Katastrophenvorsorge (2015– 2030) der Vereinten Nationen und weiteren internationalen Agenden, zeigt Deutschland jetzt Bemühungen für ein integriertes Katastrophenrisikomanagement. Das neue Programm zum Bevölkerungsschutz von Nancy Faeser, dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe und der Bundesanstalt Technisches Hilfswerk, umfasst diverse Maßnahmen, die dem Ziel dienen sollen, Bürger:innen und Systeme im Land besser auf Krisen vorzubereiten.

(Der Bevölkerungsschutz umfasst „alle nichtpolizeilichen und nichtmilitärischen Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung und ihrer Lebensgrundlagen vor Katastrophen und anderen schweren Notlagen sowie vor den Auswirkungen von Kriegen und bewaffneten Konflikten.(…)“ – BBK 2019)

Unter anderem sieht das Programm die Unterstützung von Hilfsorganisationen mit besonderem Augenmerk auf ehrenamtliche Mitarbeiter:innen, den Ausbau von Frühwarnsystemen und einen Bevölkerungschutztag zur Aufklärung vor, mit dem Ziel, mehr Wissen zum Thema Katastrophenschutz zu vermitteln. Dieser soll 2023 das erste Mal stattfinden.

Darüber hinaus beinhaltet das Paket eine Resilienzstrategie, die die Widerstands- und Anpassungsfähigkeit des Individuums und Gemeinwesens in Krisen stärken und alle Ebenen des Risiko- und Krisenmanagements mit einschließen soll. Auf diese möchten wir hier gerne aufmerksam machen und uns kurz näher ansehen.

Was beinhaltet die neue Resilienzstrategie des Bundes?

„Allein in den vergangenen zwei Jahren hat die COVID-19-Pandemie die Bewältigungsstrategien jedes einzelnen Menschen und der globalen Gemeinschaft auf den Prüfstand gestellt und das gesellschaftliche Leben immer wieder stark eingeschränkt.“ (N. Faeser, Bundesinnenministerin)

Nun, wir richten den Blick auf die Bemühung einer neuen, bundesweiten Strategie zur Stärkung der Resilienz und verzichten an dieser Stelle auf politische Kommentare. Schließlich ist das Lernen aus vergangenen Krisen ein wichtiger Faktor, der zur Weiterentwicklung von Konzepten beiträgt. Seitens des Bundes wurden rückblickend Versäumnisse im Umgang mit Krisen und Katastrophen eingeräumt. Jetzt soll also das Risiko- und Krisenmanagement verbessert werden, besonders mit Blick auf den bevorstehenden Winter, aktuellen Gaspreiserhöhungen, Extremwetterereignisse und Kriegsgeschehen.

Resilienzstrategie_Bund22

Im Juli 2022 beschloss die Bundesregierung die erste Resilienzstrategie in Deutschland. Kernanliegen des Programmes sei „…ein integriertes und inklusives Katastrophenrisikomanagement zu fördern und es in unserem nationalen und internationalen Handeln zu verankern“. Es richtet sich an Ministerien, Behörden, Institutionen – genau so wie an Privatpersonen, Vertretungen der Länder, Kommunen, Wissenschaft etc. Resilienz wird hier also auf ein Individuum, eine Gemeinschaft oder ein System bezogen. Dabei unterliegt das Konzept folgenden übergeordneten Leitlinien:

  • „Fokus auf den Schutz von Menschen und ihren Existenzgrundlagen
  • Eine gesamtgesellschaftliche Perspektive
  • Verantwortung aller Akteure im Rahmen ihrer Kompetenzen und Kapazitäten
  • Ein All-Gefahren-Ansatz
  • Aufbau auf bestehenden Prozessen, Kapazitäten und Prinzipien
  • Generierung von Synergien und Kohärenz zwischen bestehenden Bemühungen
  • Kontinuierliches Lernen während und aus der Umsetzung der Resilienzstrategie“

Wie soll die Resilienzstrategie umgesetzt werden?

Umgesetzt werden soll das Konzept an Hand von fünf zentralen Handlungsfeldern, die der rechtzeitigen Auseinandersetzung und Anpassungsfähigkeit mit möglichen Gefahren dienen sollen.

  1. „Das Katastrophenrisiko verstehen
  2. Die Institutionen stärken, um das Katastrophenrisiko zu steuern
  3. In die Katastrophenvorsorge investieren, um die Resilienz zu stärken
  4. Die Vorbereitung auf den Katastrophenfall verbessern und einen besseren Wiederaufbau ermöglichen
  5. Internationale Zusammenarbeit“

Handlungsfelder, Resilienzstrategie_Bund22

„Ein ganzheitlicher Ansatz von Resilienz muss alle Gefahren in den Blick nehmen und als eine politische Daueraufgabe verstanden werden, die sich stets neu stellt und in die gesamtstaatliche Sicherheitsarchitektur eingebettet ist.“ (N. Faeser, Bundesinnenministerin)

In der Strategie wird von einem ganzheitlichen Ansatz gesprochen, da Schnittstellen miteinander verknüpft werden, verschiedene Akteure miteinander zusammenarbeiten und Prozesse ineinander übergehen. Zentral sei hier auch die Kohärenz „als Zusammenwirken aller relevanter Politikbereiche“. Um eine gesamtgesellschaftliche Resilienz zu stärken bedarf es unseres Erachtens unbedingt der Stärkung des Individuums. Hier setzt die Bundesregierung darauf, die Menschen in ihrer Existenzgrundlage besser zu schützen und durch Fortbildungen und Aufklärung auf Krisen vorzubereiten.

Jeder Mensch ist resilient – die Frage ist nur, wie die individuellen Schutzfaktoren erkannt, wertgeschätzt und gestärkt werden. Was können Sie also tun, um ihre Schutzfaktoren zu füllen und damit ihre persönliche Vorsorgestrategie zu entwickeln?

Unsere Tipps für die persönliche Reflexion:

  • Wahrnehmung: Wie geht es mir gerade? Wenn ich mich mit der Emotion verbinde – wo spüre ich sie in meinem Körper? Fühle ich Angst oder Unsicherheit? Was brauche ich um mein Bedürfnis nach Sicherheit zu stärken?
  • Reflexion: Angenommen, in Zukunft tritt ein Notfall ein – wie kann ich heute für morgen vorsorgen? (Was tut meinem Körper gut? Was meiner mentalen Gesundheit? Wo finde ich vielleicht geistliche Hilfe? Wie kann ich meine Seele in dieser Zeit schützen?) Welche individuellen und systemischen Risikofaktoren (Stressoren) erkenne ich aktuell in meinem Leben? Wie kann ich mein Energiefass füllen?
  • Handlung: Gibt es eine Sache, die ich heute konkret tun kann, um mein Gefühl von Sicherheit zu stärken? Was liegt in meiner Hand? Was kann ich abgeben? Wofür bin ich dankbar? Wen kontaktiere ich bei Ängsten oder Fragen? Was kann ich zu meiner finanziellen oder auch medizinischen Absicherung tun? Wie kann ich anderen (meiner Familie, meinen Nachbarn etc.) helfen? Was braucht die Gesellschaft? Was kann ich für die Gesellschaft tun?

Wozu brauchen wir eine Resilienzstrategie?

In der Deutschen Strategie zur Stärkung der Resilienz gegenüber Katastrophen werden drei Ziele bis 2030 festgehalten:

  1. „Integration: Bestehende Strukturen und Systeme sind durch neue oder verbesserte Maßnahmen im Katastrophenrisikomanagement ergänzt und verknüpft.
  2. Kooperation: Staatliche wie nichtstaaliche Akteure arbeiten enger im Katastrophenrisikomanagement zusammen.
  3. Koordination: Informationen, Erkenntnisse und Ergebnisse im Katastrophenrisikomanagement sind verstärkt verbreitet und miteinander verknüpft.“

Unseres Erachtens zeigt das Konzept zum Katastrophenrisikomanagement eine Bemühung hin zu einer präventiven und gesamtgesellschaftlichen Resilienz Förderung. Und es ist gleichzeitig nun abzuwarten, wie die Umsetzung erfolgt.

Zu lange wurden zu viele Gelder insbesondere für Präventionsarbeit in der Krisenintervention und im Bildungssystem radikal gekürzt. Der Sozial- und Gesundheitssektor bekam dies drastisch zu spüren. Die Folgen zeigen sich beispielsweise in geschlossenen Bildungseinrichtungen, Burnout der Mitarbeitenden und hohe Fluktuation, in den Krisen- und Problembewältigungsstrategien Einzelner, steigenden Kriminalitätszahlen und psychischen Erkrankungen. In Deutschland galt unserer Erfahrung nach bisher das Prinzip Intervention statt Prävention – der stetige Versuch, zu agieren, wenn die Krise bereits da ist. Resilienz lässt sich aber nicht mit einem „An-und Ausschalter“ bedienen – es bedarf langfristigen Maßnahmen und einer Haltung, die den einzelnen Bürger in seiner Not und in dem Bedürfnis nach Sicherheit in Krisen erkennt.

Prosilienz

 Prosilienz ist deshalb für uns so zentral, um nicht nur aus Krisen zu lernen, sondern konkret zu schauen, was kann ich jetzt für zukünftige Krisen tun – diese durchzuspielen und sich mental, körperlich und seelisch darauf vorzubereiten.

Eine bundesweite Resilienzstrategie können wir deshalb natürlich nur befürworten, die den Blick auf die Prävention richtet, Hilfsorganisationen unterstützt, Personal in der Krisenbegleitung Wertschätzung zukommen lässt und Mittel für Fortbildungen und Aufklärungsarbeit bereitstellt.

Bund_Resilienz Akademie

Besonders wichtig ist in diesem Zusammenhang unser Grundbedürfnis nach Sicherheit und sozialem Zusammenhalt ernst zu nehmen und hier für Sorge zu tragen. Die Erfahrung aus Krisen und Katastrophenzeiten zeigen, dass gerade dann ein besonderes Band des Zusammenhalts entstehen kann. Das „zusammen Durchstehen“, Sorgen und Ängste teilen und einander aushelfen, führt zur Stärkung des Gemeinschaftsgefühls, was zu einer großen Kraftquelle unserer Krisenfestigkeit werden kann. Gesamtgesellschaftlich tun wir uns also Gutes daran, gerade jetzt den Blick auf unseren Nächsten zu richten – und von der organisationalen Ebene über den Einzelnen hin zur Gemeinschaft und einem unserer stärksten Resilienz Schutzfaktoren der Verbundenheit zu kommen.

 

Quelle: Deutsche Strategie zur Stärkung der Resilienz gegenüber Katastrophen. Umsetzung des Sendai Rahmenwerks für Katastrophenvorsorge (2015–2030) – Bundesministerium des Innern und für Heimat (BMI), Online abrufbar unter: BMI22017-resilienz-katastrophen.pdf

 

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Sebastian Mauritz

Sebastian Mauritz, M.A. Systemische Beratung, ist einer der führenden Resilienzexperten Deutschlands. Er ist 5-facher Fachbuchautor, Keynote-Speaker, Resilienz-Lehrtrainer, Systemischer Coach, war und ist Vorstand in vielen Coach- und Trainer-Verbänden und Unternehmer. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich individuelle Resilienz und Prosilienz®, resilienter Führung und Teamresilienz. Er ist Initiator des jährlichen Resilienz-Online-Kongresses, in dessen Rahmen er sich bereits mit über 150 weiteren Resilienzexpert:innen aus verschiedenen Disziplinen ausgetauscht hat (www.Resilienz-Kongress.de).

 

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